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Bericht: Sony PlayStation Vita

von Sasan Abdi

Vorwort

Wenn es für Hersteller von Produkten aus dem Bereich Consumer Electronics eine Gewissheit gibt, dann die, dass sich Märkte schneller denn je verändern. Was sich heute gut verkauft, kann sich deswegen schon morgen als Regalhüter entpuppen. Vor diesem Hintergrund erscheint es durchaus gewagt, dass Sony mit der PlayStation Vita (PS Vita) in einem nicht unkomplizierten Markt gut sieben Jahre nach der PlayStation Portable eine neue portable Spielekonsole lanciert.

„Gewagt“ deswegen, weil sich die Hardware-Ausstattung und der Einsatz zur Markteinführung sehen lassen können, das Produkt als solches aber auf ein Segment abzielt, das mancher Analyst bereits abgeschrieben hat.

PlayStation Vita
PlayStation Vita

Die Argumentation, die hinter solchen Sichtweisen steckt, ist so verkehrt nicht: In Zeiten, in denen immer mehr Menschen immer potentere Smartphones und Tablets benutzen, geraten klassische Spielekonsolen, zumal tragbare, immer stärker unter Druck. Wenn man ohnehin jederzeit und überall Spielen kann, so die Quintessenz, wozu dann noch ein separates Gerät von Sony oder Nintendo erwerben?

Ob Sony diesem Argument mit der ab heute auch hierzulande verfügbaren PlayStation Vita effektiv etwas entgegenzusetzen hat, wird im Folgenden so nicht zu beantworten sein. Stattdessen sollen im Vorfeld zu einem umfassenderen Test ein auf dem Launch-Event im Berliner Sony-Center gewonnener erster Eindruck sowie einige Informationen zum Deutschlandstart von dem Gerät präsentiert werden.

Spezifikationen & Lieferumfang

PlayStation Vita (PCH-1000-Serie)
Typ: Portable Spielekonsole
OS: Vita OS
Display:
(Auflösung)
5", OLED (zweites Display auf Rückseite)
960 x 544 Pixel
Display-Art: Touchscreen, kapazitiv
CPU / Chip: ARM Cortex-A9 (4-Kern-CPU)
GPU: SGX543MP4+
Arbeitsspeicher: 512 MByte (VRAM: 128 MByte)
Speicher: je nach Memory Card, zwischen 4 und 32 GByte
Standards / Besonderheiten: HSPA (bis zu 5,76 Mbit/s Up-, bis zu 14,4 Mbit/s Download, nur in der 3G-Variante), GPS (nur in der 3G-Variante), WLAN 802.11 b/g/n, Bluetooth 2.1
Kamera: Frontkamera und Rückseitenkamera (jeweils VGA)
Akku (mAh): 2.200, fest verbaut
Abmessung: 182,0 x 18,6 x 83,5 mm
Gewicht: 260 (Wifi) bzw. 279 (3G) Gramm
Sensoren: Sechs-Achsen-Sensorensystem (je dreiachsiger Kreisel, Beschleunigungssensor, elektronischer Kompass)
Sensoren: Stereo-Lautsprecher, Mikrofon
Lieferumfang: USB-Kabel, Ladegerät, Dokumentationen

PlayStation Vita

Erster Eindruck

Geht es rein nach dem Äußeren, so kann die Vita nur bedingt als Quantensprung bezeichnet werden: Die Anleihen, die die Produktdesigner beim Vorgänger machen, sind kaum zu übersehen. Dennoch handelt es sich bei dem Gerät keineswegs um einen plumpen Klon, da einige durchaus sinnvolle Neuerung Einzug gehalten haben.

Naturgemäß wird die Front auch dieses Mal vom Display dominiert, das in diesem Fall 5 Zoll groß ist. Neben der Berührung des OLED-Displays stellen auch wieder die gängigen, rechts und links vom Display platzierten Knöpfe ein zentrales Merkmal in der Bedienung dar. Entscheidende Neuerungen bedeuten dagegen die auf den ersten Blick etwas antiquiert wirkenden, ebenfalls rechts und links vom Bildschirm platzierten Analog-Sticks sowie das rückwärtige, gespiegelt zum Display platzierte Touchpad.

Einige Eindrücke vom Launch-Event (21.2.2012, Sony Center Berlin)

Erstere können als Zuspruch für Freunde von Egoshootern und ähnlichen Spielen gewertet werden, da die Steuerung dadurch genauso komfortabel von der Hand geht, wie auf Stand-Konsolen oder bei auf Gamepad-Steuerung getrimmten PC-Spielen. Das Touchpad ist dagegen zentrales Element, um allerlei Casual-Game-Funktionen umsetzen und die Bedienung dynamischer gestalten zu können – in dieser Hinsicht macht sich vielleicht am deutlichsten bemerkbar, dass Sony den Spagat zwischen „Core“- und „Casual“-Spielerschaft nicht nur nicht scheut, sondern sogar explizit sucht.

Löblich ist, dass beide Aspekte schon beim wilden Anspielen von diversen Titeln sofort effektiv ins Gewicht fallen. Durch die Analog-Sticks und die daraus resultierenden parallelen zur PS-3-Steuerung ist es beispielsweise möglich, Spiele wie „Uncharted Golden Abyss“ ohne eine nennenswerte Lernphase sofort flüssig zu spielen. Titel wie „Little Deviants“ profitieren dagegen ab der ersten Minute merklich vom rückwärtigen Touchpad, das in Kombination mit der Touch-Eingabe beispielsweise erlaubt, den eigenen Charakter in die Luft zu katapultieren.

Kombiniert werden beide Arten dank Lage- und Bewegungssensoren je nach Spiel und Situation auch mit der Bedienung über das Drehen und Neigen der Vita und bei Bedarf auch über die auf der Front sowie rückwärtig positionierten VGA-Kameras, die unter anderem die Einbeziehung von Augmented-Reality–Elementen ermöglichen – eine Vielfalt, die unserem ersten Eindruck nach durchaus ihre Daseinsberechtigung hat, da sie sich schon nach wenigen Minuten spielerisch bemerkbar macht.

Einige Eindrücke von der PlayStation Vita

Hinzu kommt, dass die Knöpfe, das Touchpad und die Display-Oberfläche – genauso wie die übrige Verarbeitung – einen qualitativ sehr ordentlichen Eindruck machen. Wer sich vor knarzenden Buttons, groben Spaltmaßen und einer mäßigen Haptik scheut, muss die Vita also keinesfalls fürchten; im Gegenteil, die Verarbeitung ist exzellent.

Als einzige Einschränkung muss geltend gemacht werden, dass die Kritik an der Größe der Knöpfe und insbesondere an den Analog-Sticks und ihrer Positionierung nicht unberechtigt ist: Große Finger bzw. Hände werden ein wenig Zeit brauchen, um mit der Vita richtig warm zu werden – ein erwähnenswerter aber verzeihbarer Umstand, wenn man bedenkt, dass man es hier mit einer tragbaren Konsole zu tun hat.

Positiv sticht schließlich auch das Display hervor, dessen Größe einen soliden Kompromiss zwischen Nutzungskomfort und Portabilität darstellt und Maße von 182,0 x 18,6 x 83,5 mm ermöglicht. In Kombination mit einem moderaten Gewicht von circa 260 Gramm liegt das Gerät sehr gut in der Hand.

Doch auch die Darstellung als solche überzeugt auf den ersten Blick bei einer Auflösung von 960 x 544 in hohem Maße, wobei insbesondere die geringe Anfälligkeit für schlechte Blickwinkel und Fingerabdrücke auffällt. Sie ist aber ohnehin erwähnenswert, denn: Wer gute Grafik mag, wird die Vita lieben. Gleiches gilt für die Faktoren „Arbeitsgeschwindigkeit“ und „Navigation“. Erstere fällt absolut ruckelfrei aus, letztere geht dank selbsterklärender Pfade sehr intuitiv von der Hand, was ebenfalls maßgeblich zu dem sehr positiven Bild beiträgt, dass wir von der Vita bisher gewinnen konnten.

Lineup, Bundles und Zubehör

Flankiert wird die Konsole zum Deutschland-Start von einem mittlerweile umfassenden Aufgebot an Spielen (siehe Vita-Website [1] für eine komplette Übersicht). Das Start-Lineup fällt mit über 40 Titeln auch deshalb so umfassenden aus, weil die Vita außerhalb von Japan mit gut zweimonatiger Verspätung startet. Neben Geschicklichkeitsspielen wie „Little Big Planet“ (siehe Video unten) und dem erwähnten „Little Deviants“ sowie Sportspielen à la „EA SPORTS FIFA Football “, „F1 2011“ und „Virtua Tennis 4: World Tour Edition“ wird dabei auch die bereits erwähnte „Hardcore“-Fraktion, also die im weitestens Sinne „ernsthaften Spieler“, mit Titeln wie „Army Corps of Hell“, „Uncharted Golden Abyss“ und „Shinobido 2: Revenge of Zen“ von Beginn an umfassenden bedacht, sodass schon jetzt zahlreiche Geschmäcker bedient werden.

Video „Playstation Vita: Little Big Planet

„Little Big Planet“ für die PS Vita im Herstellervideo.

Für die ordentliche Ausstattung und das umfassende Lineup an Spielen lässt sich Sony allerdings auch vergleichsweise fürstlich entlohnen. So fallen für die Wifi-Variante zum Start wie angekündigt Preise von rund 250 Euro an [2] an; die 3G-Version ist ohne Spiele zum Preis von von rund 300 Euro an [1] erhältlich. Der Lieferumfang fällt in beiden Fällen eher spartanisch aus, sodass man neben der Konsole nur die gängigen Kabel und Dokumentationen vorfindet – der 3G-Variante liegt außerdem eine nicht-aktivierte Vodafone-SIM-Karte bei, die bei Bedarf mit einem Vertrag oder Prepaid genutzt werden kann; prinzipiell kann aber auch jede andere SIM-Karte von anderen Providern verwendet werden.

Der übersichtliche Lieferumfang irritiert auch deswegen, weil nicht mal die kleinste Variante der in 4, 8 und 16 Gigabyte erhältlichen Speicherkarten beiliegt und man so von Werk weg aufgrund ohne weitere Investitionen de facto aufgeschmissen ist. Hinzu kommt, dass die offiziellen Vita-Speicherkarten mit circa 20 Euro (4 GByte), 35 Euro (8 GByte) bzw. 50 Euro (16 GByte) verhältnismäßig teuer ausfallen, sodass zusätzlich zum Preis für die Konsole schon für den Normalbetrieb weitere nennenswerte Kosten eingeplant werden müssen, da wegen des angepassten Formats keine dritten Speicherkarten eingesetzt werden können. Aufgrund von teils happigen Download-Größen deutlich jenseits der Gigabyte-Grenze verwundert zudem, dass die in Japan erhältliche 32-GB-Speicherkarte bisher in Deutschland nirgends zu finden ist.

Liebäugelt man mit dem Kauf einer Bundleversion, muss man auf die genannten Preis je 50 Euro aufschlagen. Konkreter kursieren im Web entsprechende Angebote, die neben der Konsole beispielsweise eine 16 GByte Speicherkarte oder ein erstes Spiel (beispielsweise „Little Deviants“) beinhalten.

Die Preise für separate neue Spiele variieren zwischen 30 und 50 Euro und bewegen sich damit in keinem sehr günstigen, aber einem durchaus akzeptablen Rahmen. Darüber hinaus kann man die Software-Ausstattung über das PlayStation Network (PSN) erweitern. Nettes Gimmick: Über PSN heruntergeladene PSP-Titel können – aufgrund des fehlenden UMD-Laufwerks anders als die physischen Pendants – zum Teil ebenfalls auf der Vita gespielt werden; eine Liste mit kompatiblen Titeln gibt es über den PlayStation-Blog [3].

Wer die eher spartanische Grundausstattung über einzelne Komponente (siehe Vita-Webseite [4] für eine Übersicht) hinaus vor allem in puncto Zubehör aufwerten möchte, kann in unterschiedliche Pakete investieren. Das „PS Vita Zubehör-Starter Kit“ enthält zum Preis von 25 Euro beispielsweise eine Soft- und Hartschalen-Tasche, ein Reinigungstuch, eine Trageschlaufe, ein Etui für Spiele und eine Schutzfolie. Das „PS Vita Travel Kit“ kostet dagegen knapp 30 Euro und beinhaltet dafür zusätzlich zu den genannten Gegenständen eine Reisetasche und einen KFZ-Adapter, wobei auf die Soft- und Hartschalen-Taschen verzichtet werden muss.

Verkaufszahlen (Japan)

Trotz der auf den ersten Blick vorhandenen Güte und des mittlerweile umfassenden Lineups ist auch mit Blick auf das Preisgefüge noch nicht absehbar, inwieweit die Vita – hierzulande und weltweit – erfolgreich sein wird. Die bisher verfügbaren Verkaufszahlen für das Konsolen-Land Japan lassen den Schluss zu, dass das Gerät dort passabel, aber keinesfalls euphorisch aufgenommen wird.

Die Vita ist auf dem japanischen Markt bereits seit Mitte Dezember erhältlich. Nach einem ordentlichen Start sackten die wöchentlichen Verkaufszahlen allerdings schon zum Jahresende merklich ab und pendelten sich in den letzten Wochen bei etwas enttäuschenden Stückzahlen von 15.000 bis 20.000 ein – kein Wunder also, dass Sony nicht nur in den nun startenden Regionen, sondern auch in Japan in den kommenden Monaten ein immenses Marketingbudget aufbieten will, um die Installationsbasis der Vita anzukurbeln.

PS Vita, PS Portable, 3DS: Absatzzahlen in Japan im Vergleich (Quelle: VGChartz [5])

Und auch in der Makro-Übersicht zeigt sich, dass die Vita in Japan zwar ordentlich angenommen wurde, allerdings nicht wie mancherorts prophezeit wie eine Bombe eingeschlagen ist. So wurden laut Statistik von VGChartz bisher knapp 600.000 Geräte verkauft – Nintendo erreichte diese Marke in Japan innerhalb der ersten zwei bis drei Wochen.

Auch wenn Japan als Sony-Heimatland und Konsolen-affiner Markt ein wichtiges Umfeld darstellt, können die Turbulenzen bei den dortigen Absatzzahlen allerdings nur schwerlich zur fundierten Prognose für die nun erfolgte Markteinführung in Europa und den USA dienen, sodass erst die nächsten Monate zeigen werden, inwiefern Sonys neueste Konsole angenommen werden wird.

Fazit

Betrachtet man allein die Vita und das Drumherum, so lässt sich sagen: Das Gebotene überzeugt auf den ersten Blick in hohem Maße. Das Gerät als solches macht konzeptionell und hardwaretechnisch einiges her, sodass wir uns schon jetzt versucht fühlen, Sonys Vita als gegenwärtig mit Abstand attraktivste tragbare Konsole zu bezeichnen.

Hinzu kommt ein umfassendes Lineup, das passend zur grundsätzlichen Konzeption ein breites Spektrum bedient, sodass sich sowohl „Hardcore“- als auch „Casual“-Spieler angesprochen fühlen dürften.

Einige Eindrücke zum Vita-Verkaufsstart im Berliner Sony Center

Etwas eingetrübt wird der sehr gute erste Eindruck nur durch einen vergleichsweise hohen Preis und den mäßigen Lieferumfang, der in Kombination mit recht happigen Preisen für zusätzliche, teils zwingend notwendigem Zubehör – Stichwort: Speicherkarten – nennenswerte zusätzliche Investitionen bedeutet.

Sieht man davon ab, liegt der Schluss nahe, dass Sony mit der Vita der große Wurf gelungen ist. Dies setzt allerdings voraus, dass auf dem engen Markt vor dem Hintergrund einer weiten Verbreitung von potenten Smartphones und Tablets grundsätzlich noch Platz für tragbare Spielekonsolen ist. Sollte dem so sein: Das Potential, so unser erster Eindruck, ist in jedem Fall vorhanden – eine detaillierte Betrachtung werden wir nachreichen, sobald uns das Testgerät vorliegt.

URL-Liste:

  1. http://de.playstation.com/psvita/games/
  2. http://www.computerbase.de/preisvergleich/a649269.html
  3. http://blog.us.playstation.com/2012/02/09/how-to-download-psp-titles-to-ps-vita/
  4. http://de.playstation.com/psvita/peripherals/
  5. http://www.vgchartz.com/
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