Call of Juarez: Gunslinger in der Vorschau

Arcadige Wild-West-Ballerei
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Vorwort

„Call of Juarez“, das war lange Zeit das Synonym für anspruchsvolle Western-Action im Videospielformat. Doch dann kam der dritte Teil – und alles änderte sich. Nun lässt Ubisoft die Reihe im Rahmen eines Arcade-Shooters neu auflegen. Wir haben den Titel angespielt und präsentieren einen ersten Eindruck zu „Call of Juarez: Gunslinger“.

Video „Call of Juarez: Gunslinger

Gunslinger in der Vorschau

Spoiler-Warnung: Da ein Spieletest nicht immer gänzlich ohne die Wiedergabe einzelner, wichtiger Handlungselemente der Geschichte möglich ist, bitten wir all jene, die vorab nichts über die Handlung des Spiels erfahren möchten, nur das Zusammenfassung zu lesen. Wir bemühen uns jedoch stets, die Wiedergabe auf absolut notwendige Erzählelemente zu beschränken.

Normalerweise sucht man auch in der weiten Welt der Spiele immer nach positiven Beispielen: Wie erschafft man langlebige Marken? Wie hält man eine immer anspruchsvollere Spielerschaft bei der Fahnenstange? Wie müssen im Jahr 2013 flüssige, spannende und innovative Spiel- und Erzählmechaniken aussehen, um bei ebendieser Spielerschaft zu punkten? So lauten einige der zentralen Fragen.

Call of Juarez: Gunslinger
Call of Juarez: Gunslinger

Call of Juarez: Gunslinger
Call of Juarez: Gunslinger
Call of Juarez: Gunslinger

„Call of Juarez“ konnte in diesem Kontext lange Zeit als gutes Beispiel für eine gelungene Western-Shooter-Marke herhalten. Passend dazu urteilten wir vor bald vier Jahren – und wohlgemerkt vor der Veröffentlichung von „Red Dead Redemption“ – im Fazit zum zweiten Teil, „dass Call of Juarez 2 aktuell das beste Spiel mit einem Western-Szenario darstellt“.

Dieses positive Bild dürften allerdings nur noch die wenigsten Spieler mit dem Namen „Call of Juarez“ verbinden, denn die Marke steht seit September 2011 nicht mehr für ein positives, sondern für ein negatives Paradebeispiel in der Spielebranche. In diesem Monat nämlich erschien der Nachfolger Call of Juarez: The Cartel, bei dem die Macher von Techland versuchten, den Plot in der Gegenwart anzusiedeln – und damit kläglich scheiterten.

Diese Demontage einer einst respektierten Marke schockte auch uns damals schwer, was nicht nur in einem vernichtenden Testfazit – „es gibt keinen Grund, sich diesen Titel näher anzuschauen“ – mündete, sondern auch zu einer gehörigen Portion grundsätzlicher Skepsis gegenüber dem Namen „Call of Juarez“ führte. Aus einer positiven war, sozusagen über Nacht, eine negative Konnotation geworden.

Video „Call of Juarez: Gunslinger Gameplay-Trailer

Mit diesem Trauma wurden wir unlängst wieder konfrontiert, als wir Anfang April bei Ubisoft einkehrten, um den neuesten, bereits im September 2012 angekündigten und auf den Namen „Call of Juarez: Gunslinger“ hörenden Teil der Reihe anzuspielen.

Der für die Betrachtung dieses Spiels wichtigste Aspekt war allerdings bereits vorher klar: „Call of Juarez“ kehrt mit „Gunslinger“, sicher auch getrieben vom missratenen „Cartel“-Ausflug, glücklicherweise wieder ins Western-Setting zurück. In diesem Kontext schlüpft man in die Haut eines lässig-gefährlichen Revolverhelden, der sein täglich' Brot mit der Jagd auf die ganz großen Schurken der Neuen Welt verdient.

Dementsprechend wird der Spieler auf so legendäre Banditen und Halsabschneider wie Billy the Kid, Pat Garrett und Jesse James losgelassen, wobei historische Fakten mit jeder Menge Fiktion zu einem explosiven, actiongeladenen Ganzen zusammengemixt werden sollen. Dieser Mix wird mit einer Erzählung unterlegt, die, beispielsweise an ein „Django Unchained“ erinnernd, eher mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist und dabei in keinem Fall Anspruch auf besondere Tiefgründigkeit hat.

Call of Juarez: Gunslinger
Call of Juarez: Gunslinger

Gleich zu Beginn der kurzen spielbaren Passage fanden wir uns in einem für die Reihe typischen Schlauchlevel wieder, das einen direkt aus den Tiefen eines Canyons hinauf zu einem über eine Schlucht gespannten Gleis und einem dort feststeckenden Zug lotste. Dieser wurde ganz offensichtlich von einer Horde Banditen per Sprengung zum Entgleisen gebracht, wobei die erste Aufgabe ganz einfach lautet, sich durch die Abteile zum Boss der Truppe zu ballern.

Unterlegt ist diese Passage immer wieder durch die aus dem Off tönende Erzählerstimme, die mit ihrem extremen Südstaaten-Einschlag blendend mit der Szenerie verschmilzt. Allerdings passt die im Original von Kultsprecher John Cygan gestiftete Protagonistenstimme in ihrer Lässigkeit auch deswegen gut, weil hier die ersten Koordinaten zum Setting erläutert werden: Der Spieler ist einer der härtesten Typen des Wilden Westens und hat schon verdammt vielen Bad Guys den Hintern versohlt, was die Grundlage für die Erzählung darstellt.

Call of Juarez: Gunslinger
Call of Juarez: Gunslinger

Genau das – Hintern versohlen – durfte man auch in der spielbaren Passage tun, wobei schnell das alte „Call of Juarez“-Feeling aufkam: Bewaffnet mit einem oder zwei Revolvern, einer Shotgun oder einem Gewehr, wird man mit diversen Gegnern konfrontiert, die mal in einem Verschlag hockend, mal frontal angreifend alles daran setzen, ihren Hascher auszuschalten. Großartig clever müssen die NPC dabei nicht sein, da von ihnen dank enger Areale nur ein kurzes, rythmisches und damit berechenbares In-Deckung-Gehen und der direkte Angriff auf den Spieler verlangt wird.

Mit dabei ist in dieser Auseinandersetzung natürlich auch wieder ein „Bullet Time“-Modus, bei dem man die gegnerischen Heerscharen in Super-Zeitlupe nach dem Auftreten einer Tür ins Visier nehmen und so einen hyper-effektiven „Multikill“ landen kann. Steckt man dennoch zu viele Treffer ein, räumt einem die Spielmechanik eine Fifty-Fifty-Lebenschance ein: Dem tödlichen Schuss des Gegners kann man nach links oder rechts ausweichen – entscheidet man sich falsch, wird der letzte Spielstand geladen.

Call of Juarez: Gunslinger
Call of Juarez: Gunslinger

Klar, dass man dabei wieder Erfahrungspunkte sammelt, die in ein dreisträngiges Fähigkeitensystem fließen, das es dem Spieler ermöglichen soll, den Protagonisten zum perfekt zum eigenen Spielstil passenden Revolverhelden zu entwickeln. Diese Funktion klingt nach einer netten Dreingabe, allerdings ließ sie sich nicht richtig testen, sodass abzuwarten bleibt, welcher Mehrwert sich in ihr verbirgt – höchstwahrscheinlich wird man es mit einem eher oberflächlichen System zutun haben, das beispielsweise die Magazingrößen oder das Handling von bestimmten Waffengattungen verbessern wird.

Während derlei Details anhand der finalen Version getestet werden müssen, fällt schon der erste Blick auf die grafische Umsetzung ernüchtern aus, wobei man fairerweise anmerken muss, dass wir die Konsolenversion getestet haben und die Inhalte noch Betastatus genossen. In diesem Kontext bot „Gunslinger“ teils grobe, sich wiederholende Texturen und eng begrenzte Schlauchlevel, die an manchen Stellen von unsichtbaren Grenzen eingerahmt waren. Auch Details wie ein fransiges, etwas übertriebenes Mündungsfeuer und kleine Clippingfehler machten die Sache nicht besser.

Immerhin: Soundtechnisch wusste das Gebotene zu gefallen. Die unterschiedlichen Schießeisen knallten ordentlich, die Sprecher überzeugten und auch die dynamisch-dramatische Musik passte gut.

Ersteindruck

Man muss sich klarmachen, was „Gunslinger“ unausgesprochenerweise ganz offensichtlich sein soll: Kein Reboot der Marke, keine glänzende Weiterentwicklung, kein Titel mit besonders tiefgründigem oder kontroversem Plot – sondern einfach ein arcadiger Spinoff, der nicht zu ernst genommen werden möchte.

Insofern soll hier vor allem eines stimmen, nämlich die Action. Die Story ist deswegen nicht ganz so wichtig, die Grafik muss auch nicht blenden und auch bei den Spielmechaniken bedarf es keiner Innovation; so offenbar die Rechnung, die in gewisser Weise an das ebenfalls von Ubisoft betrieben Projekt „Far Cry 3: Blood Dragon“ erinnert.

Diese Rechnung könnte durchaus aufgehen, wenn sich die potentielle Spielerschaft den Anspruch von „Gunslinger“ tatsächlich vorab vor Augen führt und keine allzu großen Erwartungen hegt. Für eine zünftige Ballerei am Rande dürften die wahnwitzigen Abenteuer im wilden Westen nämlich reichen, für mehr aber höchstwahrscheinlich nicht.

Dazu passt, dass „Call of Juarez: Gunslinger“ in den nächsten Wochen, genauer am 22. Mai 2013, nur als Download-Spiel und obendrein für einen fairen Preis – erste Händler führen den Titel für rund 15 Euro – für den PC, die Xbox 360 und die PlayStation 3 erscheinen soll.

Bis dahin gilt: Sollte sich diese Positionierung bewahrheiten, könnten Freunde von einfacher, schneller Action hier mit einem netten Shooter für Zwischendurch bedient werden.

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