Google tritt auf die Bremse

Produktpflege statt Neuheiten
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Der Nutzer im Mittelpunkt

Allein die Länge von drei Stunden versprach im Vorfeld viele Innovationen, doch am Ende sind viele Beobachter der Google-I/O-Keynote ein Stück weit enttäuscht. Denn statt neuer Hardware oder einer neuen Android-Version hat Google „nur“ zahlreiche Verbesserungen für bestehende Dienste vorgestellt.

Doch ist das falsch, hat sich Google in Details verloren, wie Spiegel Online es bezeichnet? Nein, der Internet-Riese hat endlich erkannt, dass es Zeit für einen kräftigen Tritt auf die Bremse ist. Statt wieder und wieder neue Produkte und Techniken vorzustellen, hat man sich darauf besonnen, die vorhandenen zu optimieren und dem Nutzer zugänglicher zu machen. Der abgedroschene Satz „Evolution statt Revolution“ trifft es sehr präzise und ist als klares Lob zu verstehen.

In der Vergangenheit zeichnete sich das Unternehmen zuletzt vor allem dadurch aus, dass man den Worten keine Taten folgen ließ. Google+ wurde vollmundig als Konkurrenz zu Facebook angekündigt, konnte dem Platzhirschen bislang aber nur wenig gefährlich werden, vor allem mangels Funktionen und intuitiver Bedienung. Google Maps wurde regelmäßig mit neuen Funktionen versehen, aber auch hier fällt es Neulingen mittlerweile eher schwer, sich zurechtzufinden. Und Google Music spielt zumindest außerhalb der USA keine wirklich Rolle, hier dominieren Apple und Amazon ganz klar den digitalen Musikmarkt.

Nun aber soll der Nutzer tatsächlich im Mittelpunkt der Weiterentwicklungen gestanden haben. So nutzt man in Google Maps endlich das Potential des vorhandenen Datenmaterials aus, um auch eher unbedarften Menschen schnell passende Ergebnisse präsentieren zu können – eine erleichterte Bedienung dürfte ihr übriges tun. Aber auch Google+ dürfte nun weiter in den Fokus der Verbraucher rücken. Nicht nur, dass man hier nun mehr Design-Freiheiten als beim großen Gegner Facebook bietet, auch sollen der Umgang mit der integrierten Suchfunktion erleichtert und der Umgang mit gespeicherten Fotos erweitert werden.

Aber auch an anderen Stellen wurde Vorhandenes ausgebaut, statt blind etwas vollkommen Neues auf den Markt zu werfen. Google Music erhält einen Streaming-Dienst All Access für all die Nutzer, die sich mit dem Kauf von Titeln oder Alben nicht anfreunden können, die zahlreichen verschiedenen Kommunikationsmöglichkeiten wurden endlich unter Hangouts zusammengefasst und mit den Play Game Services bietet man den Spielern unter den Android-Nutzern nun mehr Komfort.

Tatsächlich, so scheint es zumindest, nähert sich Google nun einem Punkt, an dem man in vielen Internet-Bereichen ebenbürtig mit der Konkurrenz ist. Ob diese nun Facebook, Spotify oder Skype heißt: Mit einem einzigen Account kann der Nutzer Dienste nutzen, die sein bereits beim Einloggen über Daten aus anderen Google-Produkten verfügen und diese möglichst sinnvoll aufbereiten. Ob dies angesichts der anhaltenden Diskussion rund um die Datensicherheit und -nutzung erfreulich oder unerfreulich ist, ist eine Frage der persönlichen Einstellung.

Nur in einem einzigen Punkt hätte das Unternehmen vielleicht doch eher das Gaspedal statt der Bremse wählen sollen: Android. Zwar verkündete man stolz, dass man die Marke von 900 Millionen aktivierten Endgeräten erreichen konnte und mittlerweile 48 Milliarden App-Installationen vorgenommen wurden, die Antwort auf die Frage nach schnelleren und vor allem flächendeckenden Software-Aktualisierungen blieb man aber – anders als erwartet – schuldig.

Nach wie vor dauert es Monate wenn nicht sogar länger als ein Jahr, bis die Hersteller frische – oder schon leicht angestaubte – Versionen für ihre Smartphones ausliefern. Dabei hatte Google erst vor zwei Jahren, ebenfalls auf einer I/O, eine Update-Garantie versprochen, die die zeitnahe Versorgung mit Updates über einen Zeitraum von 18 Monaten gewährleisten solle. Aus Verbrauchersicht ist es dabei egal, wer letztlich die Verantwortung für die verspäteten Auslieferungen trägt; oftmals wirkt es noch immer so, als ob für viele Hersteller das Thema Kundenbindung und -pflege ein Fremdwort wäre.

Immerhin hat Samsung – ausgerechnet möchte man meinen – den Wunsch der Kunden nach einem technisch aktuellen, aber in puncto Software unangetasteten Android-Smartphone erhört. Ob es sich dabei aber nur um einen geschickten Werbeschachzug handelt oder man das Galaxy S4 mit Stock-Android offensiv und weltweit in den Handel bringen wird, muss die Zeit zeigen. Dass es abseits des angepassten Samsung-Flaggschiffs keine neue Hardware gab, ist zu verschmerzen. Zumal der Wettbewerb nun in die Pflicht genommen wird – der Nutzer wird am Ende wieder profitieren.

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