Xbox One zwischen intuitiver Bedienung und Marktforschung

Kritik an potentiellen „Spionage-Funktionen“ der Xbox One

Das neue Kinect zählt zu den markantesten Elementen der Xbox One. Microsoft beschreibt den Bewegungssensor als „Augen und Ohren“ der Konsole, deren Bedienkonzept auf einer Gesten- und Sprachsteuerung beruht. Klingt intuitiv, doch die Konsole befindet sich praktisch non-stop im Lauschmodus, was für Irritationen und Kritik sorgt.

Die verunsicherten Reaktionen begründen sich mit der Entscheidung von Microsoft, das erneuerte Kinect direkt in die Konsole zu integrieren. Mikrofon und Kamera sind nun fester Bestandteil, die Oberfläche der Xbox One lässt sich vollständig per Sprachsteuerung bedienen, aus dem Ruhezustand erwacht die Konsole mit dem Codewort „Xbox on“ – dafür ist die Spracherkennung aber jederzeit aktiv.

Eine Wanze im Wohnzimmer? Nein, sagt Microsoft, aber man sei sich der Problematik bewusst, die Privatsphäre der Nutzer habe eine hohe Priorität. „Das Gerät achtet auf die Wörter „Xbox on“ und schaltet sich dann an, aber wir übertragen in keiner Form irgendwelche persönlichen Daten, mit denen man euch identifizieren könnte, sofern ihr dem nicht explizit zustimmt“, erklärt der Microsoft-Manager Phil Harrison im Interview mit Eurogamer.

Der Funktionsumfang von Kinect ist abhängig vom Energiestatus, erklärt John Link, Hardware Program Manager bei Microsoft. Befindet sich die Konsole im Ruhezustand, sind die Mikrofone zwar aktiv, die Leistung ist aber limitiert, weswegen die Konsole auf diesem Level lediglich den „Xbox-on“-Befehl verarbeitet. Erst nach dem Start ist die Spracheingabe vollständig verfügbar. Eine Möglichkeit, die Lauschsensoren außen vor zu lassen, hat der Nutzer indes nicht. „Ohne Kinect kann man die Xbox One nicht aufdrehen", sagt Todd Holmdahl, verantwortlich für die Xbox-Hardware, gegenüber Futurezone. Regulierbar ist der Datenschutz und die Privatsphäre lediglich über verschiedene Modi im Menü, mit denen zumindest die Kamera deaktiviert werden kann. Nichtsdestotrotz bleibt ein fader Beigeschmack.

Angesichts der Privatsphäre-Problematik erweisen sich Microsofts Marketing-Phrasen als äußerst zwiespältig. Demnach können die Sensoren die Mimik und den Herzschlag eines Nutzers erkennen und damit auf dessen Stimmung schließen. Technisch wird das mit einer Kamera realisiert, die Bilder und Videos in Full-HD-Auflösung aufnehmen kann und über eine Nachtsichtfunktion verfügt. Mittels Infrarot sollen die Gesichter von bis zu sechs Personen in einem Raum präzise zugeordnet werden, während die vier verbauten Mikrofone in der Lage sein sollen, Personen aufgrund der Stimme zu unterscheiden. Deutlich wird, dass Microsoft nach den Querelen rund um die Xbox-360-Variante von Kinect unter Zugzwang steht, bei der Xbox One muss die Bewegungssteuerung vor allem in komplexen Spielen wesentlich präziser von der Hand gehen. Die Futurezone konstatiert allerdings, dass Microsoft nicht nur die Gestensteuerung verbessert, sondern ebenso „zeigt, was in Sachen Überwachungstechnik schon heute alles möglich ist“.

Mehr als eine Gesten- und Sprachsteuerung

Dass sich das neue Kinect nicht nur als Bedienkonzept für Spiele eignet, sondern prinzipiell hervorragend zur Erfassung von Nutzerdaten geeignet ist, sorgt für eine ordentliche Betriebstemperatur in den Gerüchteküchen. Zusätzlich angeheizt werden die Spekulationen durch die vage formulierten Statements von Microsoft und dem Plan, mit interaktiven Elementen im TV-Bereich Fuß zu fassen. Dem interaktiven Leitmotiv folgend, sollen die Zuschauer den kreativen Prozess beeinflussen können, erklärte Phil Spencer, Leiter von Microsofts Studios für Spielentwicklung, zu Spiegel Online: „Worauf reagieren die Zuschauer? Wen mögen Sie? Welche Handlungsstränge sollte man ausbauen?

Spencer spricht zwar von Live-Votings und aktiven Rückmeldungen der Zuschauer, theoretisch ist Microsoft durch Kinect der Xbox One aber nicht auf die Interaktion der Nutzer angewiesen. Die Kamera erlaubt, die Reaktion der Nutzer bei Spielen, Serien und Filmen präzise zu analysieren, weil nicht nur erfasst wird, wie viele Personen zum Beispiel eine Serie über welchen Zeitraum verfolgen. Ebenso lassen sich die Reaktionen der Nutzer Szene für Szene mit dem in Kinect integrierten „Stimmungsbarometer“ nachvollziehen; sei es in einem Film, einem Spiel oder einer TV-Sendung. Am interessantesten sind solche Nutzungsstatistiken jedoch für den Werbemarkt. Microsoft hat die Chance, das TV-Verhalten der Nutzer ähnlich präzise zu analysieren wie Google es beim Surf-Verhalten der Nutzer gelingt – und damit eine Nische besetzen, denn personalisierte TV-Werbung ist bislang noch nicht realisierbar.

Patentierter Lizenzdschungel

Dass solche Spekulationen nicht komplett aus der Luft gegriffen sind, verdeutlicht ein Patentantrag von Microsoft, der im Dezember 2012 veröffentlicht wurde. Geschützt werden soll eine Technologie, mit der Rechteinhaber die Nutzungslizenzen ihre Inhalte auf einem bestimmten Gerät regulieren können. So lässt sich etwa limitieren, wie hoch die Anzahl der Zuschauer sein darf oder wie oft der Inhalt für einen Einzelnen abrufbar ist. Für die Rechteinhaber ist das System flexibel, die Nutzungslizenz kann etwa auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt werden oder mit der Identität eines Nutzers verknüpft werden. Dabei soll die Nutzung der lizenzierten Inhalte überwacht werden, um die Übertragung abzubrechen, sofern die lizenzierte genehmigte Nutzeranzahl überschritten wird.

Microsoft-Patent für Nutzerfassung aus Lizenzgründen
Microsoft-Patent für Nutzerfassung aus Lizenzgründen (Bild: extremetech.com)

Noch ist völlig unklar, ob eine entsprechende Technologie jeweils auf den Markt gelangt. In der Praxis dürfte es aber ohnehin nicht viel mehr als ein flexibles Preismodell für Rechteinhaber darstellen, bei einer Serie etwa abhängig davon, wie viele Personen sich vor dem Fernseher versammeln oder wie oft ein Einzelner eine bestimmte Folge anschauen will. Ende letzten Jahres wirkte das System noch reichlich grotesk, mit dem neuen Kinect wäre die Umsetzung aber denkbar. Mit der Kamera lässt sich die Anzahl der Personen vor dem Bildschirm erfassen, während die Identität eines Nutzers etwa mit einem Xbox-Live-Konto nachvollziehbar ist. Der Patentantrag beschränkt sich indes nicht allein auf die Konsole, sondern umfasst auch Smartphones und Computer.

Kinect und der Datenschutz in Europa

Bei all dem handelt es sich aber noch um Mutmaßungen, basierend auf den vagen Äußerungen von Microsoft-Mitarbeitern und den potentiellen Möglichkeiten der überarbeiteten Kinect-Technologie. Einige Informationen will Microsoft noch im Verlauf der nächsten Monate nennen, konkrete Details wird es aber vermutlich erst mit dem Start der Xbox One geben – also „later this year“. Einige Tendenzen zeichnen sich bereits ab, denn mit dem Fokus auf interaktives TV richtet sich die Konsole vor allem an den US-Markt, auch wenn für Europa bereits Kooperationen mit Canal+ und Sky verkündet wurden.

In Europa droht derweil zusätzlicher Ärger. Trotz diverser Statements, in denen Microsoft potentiellen Käufern den Schutz der Privatsphäre zusichert und versucht, die Bedenken zu beschwichtigen: Mit der grundsätzlichen „Always-On“-Pflicht, den allzeit aktiven Mikrofonen und biometrischer Videotechnik wird man bei den europäischen Datenschützern einen schweren Stand haben. In den kommenden Monaten dürfte es also noch spannend werden.