Welche Grafikkarte kaufen?

Ein Kommentar zum Modellchaos
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Wenn die Wahl zur Qual wird

Früher war vielleicht nicht alles besser, aber definitiv alles einfacher. Zumindest beim Kauf einer Grafikkarte. Als Kunde hatte man pro Grafikkarten-Generation eine Handvoll Produkte, die sich klar voneinander unterschieden haben. Folgte die nächste Generation, dauerte es nicht lange, bis die alten Modelle verschwunden waren. Damit war in der Regel schnell geklärt, welche Grafikkarte man kaufen sollte.

Bei fünf Modellen sind wir heutzutage schon lange nicht mehr. Auch nicht bei zehn. Im Einzelhandel knabbert Nvidia an der Marke von fünfzehn – alleine wenn man die GeForce-600- und die neue GeForce-700-Serie bedenkt. Dass es auch noch einige GeForce-500-Modelle im Handel gibt, lassen wir an dieser Stelle außen vor. AMD kommt auf mindestens fünfzehn weitere Karten.

Dabei wäre die schiere Anzahl selbst noch kein Problem, wenn sich die Grafikkarten spür- und erkennbar unterscheiden würden. Durch Leistung, Lautstärke, Stromverbrauch oder Fähigkeiten. Ja gar durch den Preis. Gerade im unteren und mittleren Preissegment ist dies aber nicht mehr der Fall. Wie viele Varianten der Kunde zwischen 200 und 300 Euro kaufen kann? Ich weiß es nicht. Es sind ja nicht nur AMD und Nvidia mit ihren Basismodellen. Die Boardpartner als Multiplikator bringen ein durch übertaktete oder anderweitig modifizierte Karten Vielfaches der Anzahl der technischen Plattformen auf den Markt.

Welche Grafikkarte kaufen?
Welche Grafikkarte kaufen?

Ich erlaube mir zu behaupten, dass die meisten Kunden in diesen Preissegmenten den Durchblick verloren haben. Warum? Ich selbst habe mittlerweile mit dem Überblick zu kämpfen. Und dabei habe ich gut zehn Jahre Erfahrung aus erster Hand sammeln können. Erst vorgestern beim Schreiben des Fazits zum Test der GeForce GTX 760 wurde mir das Chaos am Markt erneut bewusst – die neue Karte hat es schließlich sogar noch erhöht.

Drei Karten kämpfen im engen Segment um 200 bis 260 Euro um die Gunst des Kunden: Die GeForce GTX 760, die GeForce GTX 660 Ti und die GeForce GTX 670. Alle basieren auf derselben GPU, klare Linien zur Unterscheidung gibt es nicht. Die schnellste Karte ist rund 15 Prozent zügiger unterwegs als die langsamste – das sind keine Welten. Noch undurchsichtiger wird es, wenn man sich die Partnerkarten anschaut.

Da kann es dann plötzlich passieren, dass eine übertaktete GeForce GTX 660 Ti schneller als eine normale GeForce GTX 760 ist. Und das für dasselbe oder gar weniger Geld! Toll, oder? Warum also noch eine GeForce GTX 760 kaufen? Nunja, übertakten lässt sich die GeForce GTX 760 auch. Und dann ist die GeForce GTX 760 plötzlich so schnell wie die GeForce GTX 670. Und das für dasselbe oder gar weniger Geld! Toll, oder? Warum also noch eine GeForce GTX 670 kaufen? Das Spielchen lässt sich natürlich abermals mit der GeForce GTX 670 treiben, die dann fast so schnell wie die GeForce GTX 680 ist. Für kaum mehr Geld! Und wer eine GeForce GTX 680 kaufen möchte, sollte lieber zur GeForce GTX 770 greifen. Denn die kostet dasselbe. Und ist schneller. Verstanden?

In der Vergangenheit stellte sich wenigsten die Frage nach dem Griff zu welcher Generation in der Regel nicht. Nehmen wir zum Beispiel den Sprung der GeForce GTX 500 auf die GeForce GTX 600. Neue Architektur, neue Features, spürbar mehr Leistung, mehr Zukunftssicherheit. Perfekt! Da musste – außer aus preislichen Beweggründen – nicht lange überlegt werden. Mit der neuen GeForce-GTX-700-Serie fällt diese klare Linie weg. Nvidia selbst legitimiert die neue Bezeichnung über ein spürbar besseres Preis-Leistungs-Verhältnis. Bei der GeForce GTX 760 müssen diesen Worten erst noch Taten folgen. Und die Lösung sollte nicht in der Einstellung der GeForce GTX 660 Ti liegen.

Auch wenn diese Zeilen vielleicht den Eindruck erwecken, ich hätte lieber eine Grafikkarte im Handel anstatt einer Auswahl: Dem ist nicht so. Ich habe nichts gegen Vielfalt – ganz im Gegenteil. Aber ich sollte sie einem Dritten in wenigen Worten klar gliedern können. Das kann ich aktuell nicht.

Liebe Hersteller, sorgt dafür, dass eure Kunden euer Angebot wieder besser verstehen können – in jedem Preissegment. Ein Kunde, der am Ende nur deshalb eure Karte gewählt hat, weil er keine Lust mehr hatte, sich noch weiter zu informieren, ist kein langfristiger Kunde. Den gewinnt man, indem man ihm das eigene Produktsortiment erklärt. Nachvollziehbar und glaubhaft.

Hinweis: Der Inhalt dieses Kommentars gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.

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