Xbox One in der Kritik

Vier Probleme. Ein Kommentar.
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Lautstarke Proteste

Die Xbox One bringt neue Online-Zwänge und Gängelungen – zumindest ist es das, was die Mehrzahl der lautstark protestierenden Nutzer wahrnimmt. Um eine unwahre oder unzulässige Betrachtungsweise handelt es sich hierbei nicht. Dennoch deckt das Verhalten der am gegenwärtigen Netz-Aufruhr Beteiligten gleich mehrere Probleme auf.

1. Die Vertrauenskrise

Fundament der aktuellen Diskussion ist ein tiefes Misstrauen der Endverbraucher gegenüber Konzernen, das fast schon kulturpessimistische Züge angenommen hat: In aller Regel erwarten Spieler, dass ihre Brieftasche mit unseriösen Methoden geleert wird, damit in „den Konzernen“ die Kassen klingeln. Verstärkt wird diese Sichtweise durch immer neue Versuche, Einnahmen mit der Axt und ungeachtet möglicher Kollateralschäden zu maximieren, was wie Sprengstofffischen im Naturschutzgebiet wirkt. Nintendo etwa sicherte sich jüngst die Werbeeinnahmen von „Let's Play“-Videos auf YouTube.

Wie tief das Misstrauen mittlerweile verwurzelt ist, lässt sich ebenso trefflich am Indie-Boom mit Direktvertrieb ablesen wie an den Reaktionen auf den jüngsten EA-Kurswechsel. Mit jährlichen Aufgüssen der Sportserien, die zum vollen Preis kaum mehr als neue Texturen enthielten während gleichzeitig Vorgänger-Versionen dank zentralen Servern vom Netz gingen, Day-One- und Winzig-DLCs nebst Mikrotransaktionen sowie umstrittener Fortsetzungspolitik hat sich der Publisher in vielen Augen als schwärzestes Schaf etabliert und steht als Synonym für Gängelung und Geldgier wie kein Zweiter. Die Ankündigung, künftig auf Online-Pässe zu verzichten, in deren Rahmen unerwartet auch Vorbesteller-Boni kostenfrei zugänglich gemacht wurden, nahm folgerichtig kaum jemand Ernst.

Eine ausgestreckte Hand? Nach Wahrnehmung vieler Nutzer nur deshalb, um von der anderen abzulenken, die sich gerade in ihren Taschen bedient. Kurz: Man erwartete für die Zukunft keine bessere Firmenpolitik, sondern noch stärkere Gängelung hinter fadenscheinigen PR-Stunts. EAs Beteuerungen, auf jedweden Druck gegenüber Microsoft hinsichtlich Online-Zwang und Accountbindung verzichtet zu haben, stießen auf taube Ohren.

2. Kommunikation

Gleichzeitig beteuerte Microsoft nach der Bekanntgabe der restriktiv klingenden Xbox-One-Spezifikationen mit „Always On“ und Kinect sowie potentiell eingeschränktem Gebrauchtspielhandel auf Kunden zu hören. Genau dies hat in Redmond jedoch niemand gemacht. Stattdessen gossen PR-Verantwortliche fröhlich Öl ins Feuer, indem sie den Unzufriedenen vorschlugen, doch eine Xbox 360 zu kaufen. Diese, erklärte ein strahlender Unternehmensvertreter, würde schließlich auch offline funktionieren. Nicht zuletzt müsse man das System einfach erlebt haben, die Vorteile ließen sich schwer in Worte fassen.

Es trotzdem zu versuchen, kommt Microsoft aktuell nicht in den Sinn, konkrete Boni aus den „neuen Möglichkeiten“ mit Beispielen nannte bislang niemand. Wenn doch, dann nur in Andeutungen, während gleichzeitig erneut betont wurde, wie „alternativlos“ die rein digitale Zukunft (Gegenwärtige Übersetzung: Accountbindung, Online-Zwang, Überwachung) doch sei. Dabei ist der Begriff schon in der Politik ebenso geschmacklos wie wenig wahr.

Hat EA das eigene Image wieder für sich entdeckt, scheint Microsoft der grassierende „Shitstorm“ nicht zu stören. Der Konzern redet sich die Kritik mit Neuerungen schön, die immer und immer wieder auf Ablehnung stoßen. Das heißt ungefähr so viel wie: Fortschrittsfeindliche Neandertaler, die ewig Gestrigen, protestieren aus Angst oder Freude an Anarchie, der Rest schwenkt seine Microsoft-Fahnen. Das Fahnenmeer fällt allerdings klein aus, weil sich niemand herablässt, auf die Sorgen und Bedenken der künftigen Kunden tatsächlich einzugehen. Nur die Kritik der Spieler als solche wird an anderer Stelle dann doch als Ausdruck von Leidenschaft für ihr Hobby und hoher Intelligenz gelobt. Schizophren wird es auch an anderer Stelle, wenn der Konzern zu verstehen gibt, man habe die neuen Produkteigenschaften nicht gut genug erklärt. Konsequenzen aber ziehen die Verantwortlichen aus solchen Aussagen nicht.

Werden Spiele für die Xbox One irgendwann mit Ende der Server abgeschaltet sein? Das sei nicht Politik des Hauses, sagte ein Verantwortlicher. Vielleicht nicht jetzt, vielleicht später schon – wer weiß das schon? Wer das wissen will, ist hingegen klar: Die Käufer der Konsole. Um ein eindeutiges Statement, ein Leistungsversprechen windet Microsoft sich, nur um zu betonen, wie klar umrissen das neue System doch sei. Klar aber ist noch lange nichts, nichts von dem was Nutzer interessiert. Microsoft zeichnet währenddessen eine heile Welt und ignoriert Fragen, nur um kafkaesk die Nutzer wiederum für ihre Kritik zu loben. Marketing-Grundausbildung gegen Konzern-Konfusion scheint gegenwärtig das prägende Handlungsmuster zu sein.

„Nein“ heißt es, man werde das Konzept nicht um einen Mikromilliwinzigweichmeter ändern. Aber die Plattform an den Wünschen der Kunden entlang entwickeln und ausbauen. Was Microsoft genau mitteilen will, ist immer noch nebulös. Im besten Falle möchte man (noch) keine Partei verärgern und stellt vorsichtshalber allen alles in Aussicht und dient so doch Niemandem. Im Endeffekt haben derzeit selbst informierte Nutzer kaum einen Überblick über Fähigkeiten und Limitierungen der Xbox One, sie sind immer noch auf Vermutungen angewiesen. In Verbindung mit Punkt 1 ein toxisches Gemisch.

3. Kundenbild und Produktkonzept

Bei Microsoft, das wird derzeit gebetsmühlenartig wiederholt, stehe der Kunde an erster Stelle. Aber welcher? Es sind offenkundig nicht diejenigen, deren Bedenken nicht ausgeräumt werden können oder wollen. Vielleicht ist das Digitalkonzept der Xbox One ja kein schlechtes, ist es zu großen Teilen doch ein alter Bekannter. Steam bietet seit langem ähnliches, im Bereich digitaler Marktplätze und dem Verleihen von Spielen aber weit weniger. Endlich digitale Lizenzen zu handeln würden sich Spieler am PC nur zu gerne herbeiwünschen. Den nächsten Schritt der digitalen Evolution zu machen klingt daher plausibel, zum erwarteten, scheinbar unvermeidlichen (und tatsächlich möglichen) konsumentenfeindlichen Exzess muss es nicht zwingend kommen.

Wie viel Macht Käufer haben, wie stark sie mittelfristig als Regulativ wirken, weiß seit jüngstem EA. Der Publisher hat gelernt: Es geht nicht ohne ein Mindestmaß an Respekt und guten Willen, will das Unternehmen nachhaltig am Markt bestehen. Irgendwann hat auch der Laie den Eindruck gewonnen, über den Tisch gezogen zu werden. Ist erst einmal, frei nach Wilhelm Busch, „Ritzeratze! voller Tücke / In der Brücke eine Lücke“, dann steht das Wasser rasch bis zum Hals. Diese Bedenken trägt in der heilen Microsoft-Welt niemand Rechnung, um Vertrauen wird sich nicht bemüht. Aussagen unter dem Hashtag #dealwithit und der grandiose Xbox-360-Tipp riefen Unglauben hervor: Das hat Microsoft ernsthaft übermittelt? Ja, das hat der Konzern, dessen Wahrnehmung seiner Nutzer derzeit etwas gestört wirkt.

Da ist dann gut zu hören, dass die Zauberkonsole doch „von Spielern für Spieler“ erdacht wurde, während genau diese Zielgruppe munter von Microsoft befremdet wird. Dass nur „Casual-Gamer“ gemeint sind, hat der Konzern ausdrücklich verneint, wenngleich die „echten“ Fans von Videospielen damit leben müssen, nicht mehr alleiniges Lieblingskind der Publisher – Stichwort „Casualisierung“ – zu sein. Das führt zu einem weiteren Problemfeld.

Eigentlich wird es Zeit, dass die Karten komplett auf den Tisch kommen. Sowohl mit den definitiven Nachteilen, als auch dem definitiven Mehrwerten der Konsole. Letztere scheinen in Redmond aber noch nicht klar umrissen zu sein. Selbst der Verweis auf neue Spielerfahrungen wie die „Drivatar“-KI in „Forza 5“ schlägt nicht, denn wie alle anderen Startspiele könnte die Technik auch hier ohne Online-Check und auf freiwilliger Basis umgesetzt werden. Android-Besitzer kennen beispielsweise die Frage nach der Übermittlung von Daten aus zahlreichen Apps als Option. Das Killer-Spiel mit neuem Vernetzungs-Gameplay ist jedenfalls nicht in Sicht. Wie für Spiele, die digitale Vernetzung als Kernelement aufgreifen, gibt es schlicht für die Weiterentwicklung des Digitalhandels mit Leih- und Mietkonzepten noch keine klare Struktur. Irgendwie digital eben und am besten ohne Offline-Option, das ist schon richtig so. Willkommen in der Zukunft, die Vision dafür folgt demnächst.

Zu Recht mag sich darauf niemand einlassen, besteht doch schlicht kein Grund, eine Katze im Sack zu kaufen. Zumal ebenso die Möglichkeit besteht, dass schlicht keine für Endverbraucher plausible Begründung für die fehlende Offline-Option existiert. Bislang wurde nicht erklärt, warum nicht auch die Wahl zwischen einer Authentifizierung entweder über die permanent eingelegte DVD oder alternativ der Online-Version mit allen Vorteilen besteht. Wo auch immer die Wahrheit liegt, in beiden Fällen überzeugt weder Kommunikations- noch Produktstrategie im mindesten.

4. Digitale Zukunft

Sony kommuniziert hingegen entgegengesetzt. Die für Verbraucher keinesfalls positive Ankündigung mit der PlayStation 4, Mehrspieler-Modi mit dem „Plus“-Angebot zu verknüpfen und somit hinter einer Bezahlschranke zu verstecken, wurde erstens mit einer Entschuldigung (!) verbunden und zweitens mit den Vorteilen des Netzwerkes garniert: unter anderem regelmäßige, hochkarätige Gratis-Spiele für Mitglieder.

Wenn Microsoft in diesem Kontext darauf baut, dass auch das längst etablierte Steam zunächst als DRM-Horror galt und sich die Situation über Zeit als Sturm im Wasserglas entpuppt, dann übersieht der Konzern drei Dinge: Erstens, dass sich Steam massiv an den Wünschen der Nutzer und aktuellen Trends orientiert hat (Greenlight, Workshop, Big Picture Mode, Linux-Unterstützung). Zweitens, Steam den (nur einmalig nötigen) Online-DRM-Zwang „bezahlt“: Mit Freundeslisten, einfacher Vernetzung, Overlays in Spielen, automatischen Updates und mehr. Etwas weniger Freiheit resultiert in deutlich mehr Komfort. Und drittens wächst gerade im Konzert mit Projekten wie Prism, die offenbar auf willfährige Helfer der ohnehin Daten liebenden Softwareunternehmen zählen können, der Wunsch, die potentielle Überwachung nicht noch zu forcieren. Wissen ist Macht, Macht weckt unabdingbar Begehrlichkeiten. Gesetze sind hierbei, das hat die Vergangenheit spätestens mit Watergate bewiesen, nur bessere Absichtserklärungen.

Immer online, immer Kinect, kommuniziert als Zwang, nicht als Chance. Das kommt derzeit nicht gut an. Den Beteuerungen einer heilen Welt, in der Microsoft seinen Kunden schon nicht schaden wird, glaubt derzeit nur eine Minderheit. Zum Einen fühlen sich die potentiellen Käufer mit aktueller PR nicht angesprochen, zum Anderen traut kaum jemand Konzernen. Die Vorteile des Systems werden dabei kaum so offensiv betont, wie es unter diesen Umständen nötig wäre – noch immer wissen selbst gut informierte Nutzer nicht recht, wo die Vorteile liegen und was exakt die Xbox One nun kann, darf und soll, vor allem aber: Warum sie Microsoft abseits von Beteuerungen nicht doch entrechtet, wenn Steve Ballmer eines schönen Morgens der Sinn danach steht. Oder vielleicht nicht Ballmer sondern eine orwellsche Regierungsorganisation, die durch die Hintertür in Kinect schleicht, möglicherweise auch nur ein Konzern, der strikte Lizenzabkommen mit Kinect kontrolliert – nichts davon gehört in heimische Wohn- und Schlafzimmer.

Die Gestensteuerung ist aufgrund ihrer neuerdings großen Ohren ohnehin in die Kritik geraten. Vielmehr werden vor allem mögliche Restriktionen in Fußnoten versenkt und Nebelkerzen gezündet. Vertrauensbildende Maßnahmen fehlen, das Gespür für den Kunden auch. Er wird schon kaufen, heißen die Schlagwörter doch „Zukunft“, „digital“ und „flexibel“. Dabei ist die digitale Zukunft schon längst kein Heilsversprechen mehr. Das betrifft nicht nur die „Netzgemeinde“ selbst, deren Empörung Microsoft nach Kräften beschönigt, sondern durch den Einzug der Datenschutz-Debatte in die Feuilletons dieser Welt auch den Gelegenheitsnutzer und -spieler. Gerade diese Gruppe soll die Xbox One als All-in-One-Gerät in Scharen kaufen.

Zukunft ungewiss

Vielleicht wird die Xbox One trotz Allem tatsächlich ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer digitalen (Spiele-)Gesellschaft, vielleicht aber auch ein Meilenstein der maximierten Kommerzialisierung eines einst unschuldigen Hobbys mit Vollüberwachung in der Hinterhand. Solange hier keine Klarheit herrscht, wird die Konsole im gegenwärtigen Klima einen schweren Stand haben. Es wird daher endlich Zeit, dass Microsoft aus der Xbox One – wie angekündigt – einen für alle involvierten Parteien tragfähigen Kompromiss macht. Und sei es durch eine klare Informationspolitik, die nach offiziellen Aussagen längst umgesetzt wurde. Derzeit scheint der Konzern am Markt vorbeizusprechen. Angst vor der eigenen Courage oder einfach nur diffuse Zukunftsvisionen? Beides verschärft die Problematik weiter.

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