F1 2015 im Test: Der McLaren-Honda im Rennspielgenre

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Max Doll
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Solides Fundament

Vor allem unter der Haube macht F1 2015 einiges her. Die neue Version der EGO-Engine bringt dank neuem, dynamischem Beleuchtungssystem sowie fein detaillierten Boliden schicke Bilder auf den Monitor. Im Nassen sehen Strecken und Fahrzeuge hervorragend aus, ohne dass die Leistung großartig darunter leiden würde. Während alte Traditionspisten wie Monaco und Monza auch optische Highlights setzen können, werden andere Strecken jedoch vergleichsweise steril und leblos in Szene gesetzt.

Im Einklang mit der zeitgemäßen Optik bringen Änderungen auch im nicht sichtbaren Bereich deutliche Verbesserungen hervor. Fahrerisch gibt sich F1 nun einen etwas realistischeren Einschlag; unterschiedliche Abriebniveaus, Asphalt-Beschaffenheit und Charakteristika der Boliden diverser Teams erfordern einen jeweils eigenen Ansatz und treten vor allem deutlich hervor. Das Ergebnis hat insofern ein wenig mehr Anspruch als zuletzt, selbst wenn F1 2015 von einer echten Simulation ein Stück entfernt bleibt. Wer allerdings wissen möchte, wie sich ein Fernando Alonso im McLaren Honda und mit rund 100 fehlenden PS fühlt, kann das nun im Detail erfahren: ziemlich hilflos, vor allem auf der Geraden.

Über zahlreiche Fahrhilfen kann das Anspruchsniveau wie gewohnt feinjustiert werden, wenngleich unter anderem die Auswirkung der „Boxenhilfe“ mangels Erklärungen im Dunkeln bleibt. Die Abstimmung jedenfalls gelingt Codemasters einwandfrei: Selbst mit allen Hilfestellungen bleiben die Charakteristika der aktuellen Monoposto-Generation spürbar. Insbesondere das früh einsetzende, massive Drehmoment zwingt auch bei der mittleren Einstellung der Traktionskontrolle zu sanftem Gasfuß oder frühem Reifenwechsel und wilden Drehern.

Kollisionen werden nun feiner bestraft
Kollisionen werden nun feiner bestraft

Über das Management von Reifen und, via Motoreinstellungen, dem Benzinverbrauch gibt es außerdem Möglichkeiten für Variationen der Vollgas-Strategie, die sich schon bei verkürzter Renndistanz deutlich auswirken. Ab einer Rennlänge von 25 Prozent, die in der Regel freizeitkompatible rund 20 bis 25 Minuten pro Fahrt bedeutet, entsteht damit bereits eine echte taktische Komponente. Dies führt dazu, dass man mitunter kurz vor einem Boxenstopp im Spritsparmodus auf ruinierten Reifen um den Kurs rutscht und hofft, den zwangsweise vorverlegten Bremspunkt richtig gewählt zu haben, während die Konkurrenz mit Extra-PS und Restgummi im Nacken drückt. Je nach Strecke und Motor im Heck empfiehlt es sich schon einmal, am Ende eine Geraden frühzeitig vom Gas zu gehen um wertvolle Tropfen des Antriebsstoffes zu sparen und die rettende Ziellinie doch noch zu erreichen.

Nötige Neuerungen

Über den Benzinverbrauch und andere Parameter informiert dynamisch die eigene Box, mit der sich auch selbst in Kontakt treten lässt. Auf dem PC bleibt die Menünavigation per Spracheingabe aber ohne Funktion. Gegenüber Grid Autosport ist das Element deutlich umfangreicher, vor allem aber nützlicher geworden, schließlich fehlen wie „in echt“ Statistik-Overlays mit Fahrzeuginformationen: Wie allgemein bekannt, erhöhen Ungenauigkeiten den Unterhaltungswert von Rennen ganz ungemein. Dass der Renningenieur sich je nach Art der Sitzung auch einmal mit Tipps zur Abstimmung und Linienwahl meldet, bringt eine feine Rennatmosphäre hervor.

In der Reihe überfälliger Verbesserungen findet sich ebenfalls das Strafensystem, das nun entspannter zu Werke geht und nicht länger nur den Spieler berücksichtigt. Bei illegalen Überholmanövern durch großzügige Interpretation befahrbarer Bereiche lassen die virtuellen Regelhüter neuerdings die Möglichkeit, den gewonnenen Platz zurückzugeben, wobei der neue Maßnahmenkatalog endlich auch Startplatz- und Zeitstrafen kennt. Härtere Rad-an-Rad-Duelle werden durch die computergesteuerten Fahrer flankiert: Die Konkurrenten lassen sich nun – auch das war überfällig – nicht mehr allzu leicht ins Bockshorn jagen und bestehen öfter auf ihrer Linie. Auf Geraden im Zickzackkurs zu blockieren, ist daher nicht länger die erste Defensivstrategie.

Positionskämpfe, hier in Monza, machen nun deutlich mehr Spaß
Positionskämpfe, hier in Monza, machen nun deutlich mehr Spaß

Nach wie vor weichen die Pappkameraden vor Kurven aber aus, was gewisse Manöver trivial einfach macht, und fahren zu oft in einer hübsch aufgereihten Kolonne, jedenfalls dann, wenn man sich in der Nähe seiner vorgegebenen Zielposition befindet. Empfehlenswert sind daher die beiden oberen Schwierigkeitsstufen, die deutlich mehr Duelle und Positionskämpfe hervorbringen. Der aggressivere Ansatz macht sich insofern bereits bezahlt und zwingt, die Rückspiegel zu nutzen sowie dem Gegner ab und an Platz zu lassen.

Kommt es doch einmal zur Kollision, hat das immerhin feinere Auswirkungen auf das Fahrverhalten, visuell allerdings nur minimale. Auch das ist ein Fortschritt, aber noch nicht auf angemessenem Niveau, zumal die Unfälle teils seltsame Auswirkungen auf die Fahrzeuge haben. Nicht gänzlich abschütteln kann F1 2015 den Eindruck, dass die KI auf der Geraden das eine oder andere Extra-PS spendiert bekommt, in Kurven aber viel zu stark den Schongang einlegt. Die Balance zwischen Unterhaltung und völliger Kapitulation finden andere Titel nach wie vor besser.