Einleitung
Jedem, der sich auch nur ein kleines bisschen für den Bereich PC-Gehäuse interessiert, ist Lian Li ein Begriff – der Hersteller gehört zu den großen Nummern im Geschäft und hat speziell im Highend-Bereich einen anhaltend guten Ruf. Dieser hat sich über Jahre hinweg vor allem über die Produktpalette von hochwertigen und dementsprechend meist auch nicht ganz billigen Aluminiumgehäusen gebildet, die mit ihrer exklusiven Materialwahl, ihrem Platzangebot und vor allem mit dem meistens sehr minimalistischen Design geprägt von gebürsteten Aluminiumoberflächen lange einzigartig waren. Obwohl Lian Li die Produktpalette schon lange weit über diesen Horizont hinaus erweitert hat, gehört das A77F eher zur alten Garde und versucht vor allem über die genannten Merkmale seine Käuferschicht anzusprechen.
Lieferumfang und Daten
Das PC-A77F gibt es in drei verschiedenen Farbvarianten – neben der getesteten schwarzen und der silbernen Variante gibt es das Gehäuse auch rot eloxiert. Die rote Variante ist die einzige, bei der auch der Innenraum entsprechend gefärbt ist – das ist bei der schwarzen Version, entgegen einem gewissen Trend bei anderen Herstellern, leider nicht der Fall.
Die technischen Daten des Gehäuses im kompakten Überblick:
- Material: Aluminium
- Abmessungen: ca. 595 x 220 x 590 mm (H x B x T, Breite für Standard und Window: 207 mm)
- Gewicht: etwa 9,2 kg
- zwölf 5,25"-Front-Laufwerkschächte
- drei Adapter mit je drei Einbauplätzen für 3,5"-Festplatten (belegen je drei 5,25"-Schächte)
- drei 120-mm-Lüfter in der Front (1.200 U/min, blau beleuchtet)
- zwei 140-mm-Lüfter im Deckel (1.000 U/min, blau beleuchtet)
- ein 120-mm-Lüfter im Heck (1.500 U/min)
- Mainboard-Formfaktoren: ATX, Micro-ATX, Extended-ATX, CEB
- vier USB-3.0-, ein eSATA- und zwei Audioanschlüsse im Deckel
- Ein-Kanal-Lüftersteuerung mit drei Stufen (7, 9 und 11 Volt)
Neben dem, was der sehr große Innenraum so mit sich bringt – zwölf Laufwerksschächte und E-ATX-Fähigkeit – verfügt das PC-A77F als Besonderheiten über vier USB-3.0-Frontanschlüsse und eine simple Lüftersteuerung, die allerdings im Gehäuse sehr gut verborgen und in der Anleitung nicht dokumentiert ist. Im Lieferumfang befinden sich ansonsten alle Teile, die man zur Inbetriebnahme des Gehäuses braucht. Für Schrauben, Abstandshalter und andere Kleinteile liegt eine kleine transparente Kunststoffbox mit mehreren Fächern bei, wodurch das ansonsten übliche Hantieren mit mehreren kleinen Plastiktüten für die Schrauben entfällt. Sehr praktisch!
Ausstattung außen
Die äußere Erscheinung ist für den Hersteller typisch simpel und schlicht gehalten, die Beschreibung bedarf daher nur weniger Worte: Das Gehäuse ist komplett aus gebürstetem und in unserem Falle schwarz eloxiertem Aluminium gestaltet, lediglich die Rückwand aus blankem Alu bildet hier eine Ausnahme. Die Front besteht aus ganzen zwölf 5,25“-Einschüben, die mit Lochblechblenden abgedeckt und von Aluminiumprofilen eingerahmt sind. Als weiteres Designelement befindet sich pro Seite neben den zwölf Blenden noch ein etwas erhabenes Stück Aluminium, welches sich über die ganze Front zieht und offenbar der optischen Trennung der Laufwerke vom Rest der Front dient. Die Profile der vorderen Gehäusekanten gehen nach je zwei 45°-Winkeln direkt in die Seitenwände über. Erwähnenswerte Elemente sind nur das Logo vorne unten, die zwei Lüfteröffnungen und die Bedienelemente im Deckel – wobei die Anschlüsse elegant von einer kleinen Klappe verdeckt werden – sowie die ausgeschaltet fast nicht sichtbaren Leuchtdioden oben rechts in der Front. Die Füße sind, wie man das von Lian Li kennt, im Design von Hifi-Turm-Geräten gehalten, was sich mit dem Rest des Gehäuses sehr gut zusammenfügt.








Ausstattung innen
Auch im Innenraum erkennt man sofort, aus welcher Schmiede das Testobjekt stammt. Nahezu alle Teile und Detaillösungen hat man schon in anderen Gehäusen des Herstellers gesehen, und auch der Gesamteindruck des Innenraums mit viel blankem Aluminium lässt das sofort erkennen.
Auffällig ist vor allem die senkrecht vor dem Innenraum verlaufende Strebe mit sieben kleinen Öffnungen, die für die zusätzliche Befestigung der Erweiterungssteckkarten vorgesehen ist. Vor allem bei langen Grafikkarten mit schweren Kühllösungen soll hier ein Durchhängen oder gar ein Transportschaden verhindert werden, allerdings kann man die ganze Strebe auch demontieren und erhält dann einen wesentlich einfacher zugänglichen Innenraum. Durch mehrere Gewindepositionen im Gehäuse kann die Position der Strebe nach vorne oder hinten variiert werden, um den Längen unterschiedlicher Grafikkarten Rechnung zu tragen.
Die gesamte Front des Gehäuses wird von dem durchgehenden 5,25"-Käfig belegt, der satte zwölf Einbauplätze bietet. Die unteren neun davon sind standardmäßig von drei Einschüben belegt, die ihrerseits jeweils drei 3,5"-Schächte zur Verfügung stellen und einen Lüfter tragen. Im Laufwerksschacht sind mit einem Abstand von je drei Einbauplätzen herausnehmbare Zwischenböden montiert, um den Einbau der Festplatteneinschübe zu erleichtern. Die obersten drei Slots sind dabei mit werkzeuglosen Verriegelungen versehen, alle anderen Laufwerke müssen verschraubt werden.
Abgesehen von den Laufwerksverriegelungen bietet der Innenraum alles, was man sich von einem hochwertigen Bigtower erwartet – in erster Linie viel Platz für alle Komponenten vom Mainboard bis zum Netzteil am Gehäuseboden sowie auch die Möglichkeit, dank einiger Zentimeter Luft im Gehäusedeckel auch einen Wasserkühlungsradiator unterzubringen. Die Möglichkeit, Steckkarten und das Netzteil ohne Werkzeug zu befestigen, runden das Paket ab. Als Sahnehäubchen hätten wir uns allerdings noch einen herausnehmbaren Mainboardtray gewünscht, wie man ihn bei einigen Konkurrenzprodukten dieser Preis- und Größenklasse findet.









Erfahrungen
Beim Zusammenbau eines Systems mit dem PC-A77F fällt eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der hervorragenden Materialqualität und Verarbeitung einerseits und den teils halbherzigen Detaillösungen andererseits auf. Konkret sind uns drei Details aufgefallen, die man besser hätte lösen können: die Lüftersteuerung, die Strebe zur Unterstützung langer Steckkarten sowie das Lüftergitter am hinteren 120-mm-Ventilator. Letzteres ist ein Exemplar aus gestanztem Blech und nicht wie üblich aus verchromten Stahlröhrchen, was vom Aussehen her eher zu den beige lackierten Stahlgehäusen der 90er Jahre passt als zu einem modernen hochpreisigen High-End-Tower und sich mit seinen scharfen Kanten auch im Luftzug nicht positiv bemerkbar macht.
Die etwas wackelige Lösung an der Strebe für die Steckkarten, die pro Steckkarte ein kleines Plastikteil und eine Rändelschraube für die Einstellung beinhaltet, wird sicher auch den einen oder anderen Käufer dazu bewegen, lieber ganz auf diese Strebe zu verzichten. Als letztes die Lüftersteuerung - die Idee, sie hinter der mit einem Handgriff abnehmbaren Frontblende zu verbergen, gefällt zwar, allerdings ist ein einziger Kanal mit drei Regelstufen von 7, 9 und 11 Volt viel zu kurz gegriffen für ein Gehäuse mit sechs Lüftern, die auch noch drei verschiedene Drehzahlprofile aufweisen. Auch dies ist wieder einmal Grund zur Kritik: Während es sinnvoll ist, die großen 140-mm-Lüfter etwas langsamer drehen zu lassen als die 120-mm-Ventilatoren in der Front, erscheinen uns die 1.500 U/min des Hecklüfters zu hoch. An dieser Stelle schafft nur eine Mehrkanal-Lüftersteuerung wirklich abhilfe. Zusätzlich hätten wir uns gewünscht, die Beleuchtung der Lüfter abschalten zu können – grelle blaue Beleuchtung harmoniert nicht in jedem Umfeld mit dem ansonsten edlen Erscheinungsbild des Towers.
Genug der Kritik, denn sie findet auf hohem Niveau statt. Positiv hervorzuheben ist auf jeden Fall die sehr gute Verarbeitung des Gehäuses. Alle Teile sind sehr passgenau verarbeitet, was an Details wie den Festplatteneinschüben oder den 5,25"-Blenden auffällt, unsauber gearbeitete Stellen findet man an diesem Gehäuse vergeblich. Auch die Qualität der Lüfter ist, sofern man das nach kurzem Test sagen kann, gut – hier sind keine Nebengeräusche wie Lagerschleifen oder ähnliches zu hören, was bei dem Preis des Probanden allerdings auch selbstverständlich ist.












Testsystem
Das Testsystem im Detail:
- AMD Phenom X4 9850 Black Edition
- EKL Alpenföhn Brocken mit Scythe S-Flex 120 mm (1.200 U/Min)
- Gigabyte GA-MA790GP-DS4H (AMD 790GX)
- 2x 1024 MB DDR2-1066 Speicher
- Asus Radeon HD 4850
- 2 x 80 GB Hitachi Deskstar 7K250 SATA
- Scythe Kamariki 4 Plug-In 550 Watt
Die Temperaturen wurden gemessen, während das System den 3DMark Vantage [1] (Download [2]) als Dauerschleife und parallel Prime95 [3] ausführte. Die Lautstärkemessungen wurden mit einem „Voltcraft Digitales Schallpegelmessgerät 320“ durchgeführt, das Schallpegel im Bereich von 30 bis 120 Dezibel misst. Die Grundlautstärke des Messraumes lag bei subjektiv empfundener Stille unterhalb des Messbereiches, also bei weniger als 30 Dezibel.
Aufgrund der eingeschränkten Tauglichkeit der integrierten Lüftersteuerung haben wir bei diesem Gehäuse weiterhin eine Scythe Kaze Master 5,25" benutzt, die einen Regelbereich von etwa 3,7 bis 12 Volt aufweist.
Messungen
Mit dem Einsatz einer Lüftersteuerung und durch Herunterregeln vor allem des Hecklüfters ist es durchaus möglich, mit dem PC-A77F ein sehr leises System aufzubauen. In der Praxis steht dem allerdings die wie bereits erwähnt nur rudimentäre integrierte Lüftersteuerung im Weg, sodass hier ein höherer Lärmpegel in Kauf genommen oder auf eigene Lösungen gesetzt werden muss. Hier bietet sich eine zusätzliche Hardware-Steuerung oder aber die Regelungsfunktionen moderner Mainboards an.
Ohne getrennte Regelung des Hecklüfters ist dieser allerdings immer deutlich zu hören, der Betrieb mit 12 Volt ist hier nicht zu empfehlen. Dadurch reiht sich das Gehäuse bei der Lautstärke im Mittelfeld ein.
Lautstärke
Angaben in Dezibel
|
Durch die bei voller Spannung recht schnell drehenden und zahlreichen Lüfter belegt das PC-A77F sowohl normal als auch heruntergeregelt durchgehend Spitzenplätze bei dem Systemtemperaturen. Deutlich geschlagen geben muss es sich nur der wassergekühlten Konkurrenz, mit Luftkühlung geht es kaum besser.
Systemtemperaturen
Angaben in °C
|
Fazit
Mit dem PC-A77F hat Lian Li ein Gehäuse am Markt, das selbst umfangreichsten High-End-Konfigurationen genügend Platz und Kühlleistung zur Verfügung stellt und diese schick verpackt. Die Verarbeitung ist so vorbildlich wie man es bei einem Preis von nicht ganz 300 Euro erwartet. Für leise High-End-Systeme ist dieser Tower also genau der richtige. Allerdings ist auch dieses Gehäuse nicht perfekt. Die halbherzige Lüftersteuerung sowie die Unterstützungsstrebe für die Steckkarten trüben den Eindruck ein wenig. Auch die blaue Beleuchtung der Lüfter kann etwas unpassend erscheinen und dürfte nicht den Geschmack eines jeden Interessenten treffen.
Wer mit diesen Punkten leben kann, erhält mit dem PC-A77F für sehr viel Geld eine entsprechend sehr hochwertige Basis, mit der ganz sicher keine Probleme hinsichtlich Platzangebot oder Kühlleistung auftreten werden.
Tagesaktuelle Preise und Verfügbarkeiten:
- Lian Li PC-A77F [4]
Das Testexemplar für diesen Artikel wurde uns freundlicherweise vom Berliner Online-Händler Caseking.de [5] zur Verfügung gestellt.




