Vorwort
Interessante Smartphones gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, das Segment ist umkämpfter denn je. Erstaunlich ist dabei, dass der Mobiltelefon-Primus Nokia an dieser Front überraschend schwer zu kämpfen hat. Dies hat zum einen mit einer nicht ganz so raschen Entwicklung der entsprechenden Modelle zu tun, liegt aber zum anderen auch an den äußerst aktiven Konkurrenten, die in der Entwicklung von an Mini-PCs erinnernden Geräten von Haus aus über hohe Kompetenz verfügen, die sich bei der Konzeption von Smartphones sinnvoll einbringen lässt.
Dies ist insofern von Bedeutung, weil ein modernes Smartphone heute funktionell je nach Tätigkeitsschwerpunkten längst zumindest temporär und in arbeitstechnischer Hinsicht einen waschechten PC ersetzen kann. Weg von Telefonen hin zu ultraportablen Rechenknechten, mit denen man zur Not auch mal ein paar Tage am Stück „Büro machen“ kann, lautet die Entwicklungsrichtung.
Mit dem N97 präsentierte Nokia unlängst den neuesten Spross im Smartphone-Portfolio, der dank einer umfassenden Ausstattung und entsprechend viel Funktionalität im heiß umworbenen Bereich überzeugen soll. Dabei handelt es sich abermals um ein eher großes Gerät, was aber nichts zu bedeuten hat. Erst kürzlich bewies einer der direkten Konkurrenten, das Touch Pro 2 [1] aus dem Hause HTC, dass selbst ausufernde Maße bei einem ansonsten stimmigen Gesamteindruck keinerlei Problem darstellen. Ob das N97 diesem und den weiteren Gegnern den Rang ablaufen kann, soll in diesem Test geklärt werden.
Spezifikationen
| Komponente | Ausstattung |
|---|---|
| Typ | Slider |
| Prozessor | 434 MHz (ARM 11) |
| Arbeitsspeicher | RAM: 128 MB |
| Betriebssystem | Symbian |
| Akku | Li-Ionen, 1.500 mAh |
| Speicherplatz | 32 GByte intern (nutzbar: rund 29 GByte, via microSD/microSDHC erweiterbar, max. 16 GByte) |
| Größe | 117 x 55 x 16 (L x B x H in mm) |
| Gewicht | 150 Gramm (inklusive Akku) |
| Display | 3,5 Zoll (Auflösung: 360 x 640), verstellbare Bildschirmneigung |
| Bedienung | Touch-Display, vollwertige Qwertz-Tastatur, Stylus |
| Kommunikation | Quadband GSM/GPRS/EDGE, UMTS (HSDPA), WLAN (IEEE 802.11 b/g), Bluetooth 2.0 EDR & A2DP, GPS |
| Kamera | 5 Megapixel mit Auto-Fokus, zwei LED-Blitzlichter |
| Audio-Unterstützung | AAC, AAC+, eAAC+, AMR-NB, AMR-WB, QCP, MP3, WMA, WAV, MIDI, M4A |
| Video-Unterstützung | WMV, ASF, MP4, 3GP, 3G2, M4V, AVI |
N97 im Überblick
Optik & Verarbeitung
Der Lieferumfang des N97 fällt etwas umfangreicher aus, als man es sonst gewohnt ist. Neben dem Gerät und dem Akku samt Ladegerät findet der neue Besitzer ein Micro-USB-Datenkabel, ein Reinigungstuch, einen Stift sowie eine DVD und die Bedienungsanleitung vor. Außerdem ist in dem kleinen schwarzen Karton ein Gutschein für 25 Titel aus dem Nokia Music Store sowie eine dreimonatige Lizenz für Nokia Maps enthalten.
Das N97 fällt auch was den internen Speicherplatz anbetrifft ein wenig aus der Rolle: Mit 32 GByte gehört das Gerät zur Spitze im Smartphone-Segment. Deshalb dürfte es für das Gros der Nutzer bei der Inbetriebnahme nicht notwendig sein, eine bis zu 16 GByte große SD-Karte nachzurüsten. Insofern ist der jüngste Nokia-Spross schnell einsatzbereit: Die etwas fummelige rückwärtige Schale entfernen, SIM-Karte und Akku einlegen, fertig.
Optisch wirkt das Gerät weniger klobig als beispielsweise das Touch Pro 2. Dies mag auch an den Maßen liegen, die mit 117 x 55 x 16 (L x B x H in mm) und einem Gewicht von rund 150 Gramm inklusive Akku für diesen Smartphone-Typ moderat und etwas zarter als beim HTC-Konkurrenten ausfallen. Auch die Verarbeitung weiß trotz der nahezu durchgängigen Verwendung von Plastik zu überzeugen, was sich beispielsweise in einem wunderbar leichtgängigen Aufschieben der Tastatur äußert; insgesamt wirkt das N97 stabil und verlässlich. Über das Design kann man dagegen wie so häufig streiten. Zumindest die weiße Variante wirkt durch den Wechsel mit silbernen Elementen subjektiv betrachtet nicht unbedingt elegant (die schwarze dagegen recht passabel, siehe Produktfoto oben), was aber durchaus unterschiedlich wahrgenommen werden kann.
Bedienung & Oberfläche
Beim N97 handelt es sich um ein Slider-Gerät, das sich genauso wie das Touch Pro 2 seitlich aufklappen lässt und bei dem die Anzeige je nach Lage zwischen Hoch- und Querformat wechselt. Die Bedienung erfolgt entweder über das 3,5 Zoll große, ordentlich darstellende Touchdisplay (Auflösung: 640 x 360 Pixel) oder über die heraus geschobene Tastatur, wobei natürlich auch eine kombinierte Bedienung zum Einsatz kommen kann. Weiter vereinfacht wird die Navigation durch einen sich links von der Tastatur befindenden flachen Cursor, mit dem nicht nur gescrollt, sondern auch bestätigt werden kann. Im Zusammenspiel mit den sonstigen Bedienelementen und dem bekannten Home-Button entsteht somit zumindest hardwareseitig eine solide Grundlage für die Bedienung, sodass der Einsatz vom Stylus eigentlich unnötig wird. Allerdings soll an dieser Stelle bemerkt werden, dass sich der Neigungswinkel des N97-Displays nicht händisch verstellen lässt.
Die vollwertige Qwertz-Tastatur fällt mit einer Abmessung von 3 x 8,5 cm ausreichend lang, allerdings nicht sehr hoch aus, was sich darin niederschlägt, dass die mit 5,8 x 6 mm nahezu quadratischen Tasten auf drei Reihen gequetscht sind. Sieht man jedoch von kleineren Mängeln wie der nicht vorhandenen separaten Punkt-Taste (ein Punkt wird derart häufig benötigt, dass der Umweg über eine Extra-Taste unnötig erscheint) und dem etwas komplizierten Markieren mit dem Cursor ab, so kann man den Verantwortlichen bescheinigen, dass das N97 trotz dieser Platznöte mit einem tauglichen Layout daher kommt. Dies lässt sich übrigens im direkten Vergleich zum Touch Pro 2 mit einem weniger schwammigen Druckpunkt belegen, was gerade Vielschreibern entgegen kommen dürfte.
Alles super also, in Sachen Bedienung? Nicht ganz, denn an dieser Stelle soll/muss eine – vielleicht gewagte – Kritik am Nokia-Betriebssystem Symbian (S60 Version 5.0) angebracht werden: Das OS scheint nach dem aktuellen Stand trotz einiger Anpassungsarbeiten nicht zu hundert Prozent auf die Bedienung via Touchdisplay ausgelegt zu sein. Wer tief einsteigen will in das System, der wird sich an mancher Stelle über eine nicht immer intuitive Steuerung und Menüführung ärgern, die in ihrer Ausgestaltung eher auf ein hochwertigeres klassisches Handy passt als auf ein modernes Smartphone.
Die grundlegenden Bedienelemente sind von Nokia bekannt: Während ein kurzes Drücken der Home-Taste den Nutzer in eine individuell anpassbare Übersicht bringt, kann durch längeres Drücken der Taskmanager aufgerufen werden. Auf der Home-Übersicht prangen übrigens die neuen Widgets wie zum Beispiel eine RSS-Feed-Anzeige oder eine Facebook-Applikation – maximal sechs können gleichzeitig angezeigt werden. Während einige dieser Anwendungen bereits vorinstalliert sind, können andere über den noch nicht so hervorragend bestückten Nokia-eigenen Ovi-Store bezogen werden.
In dieser Hinsicht präsentiert sich Symbian also mit einer sinnvollen Ergänzung, auch wenn die Oberfläche nahezu gänzlich ohne 3D-Effekte auskommt. Die Kritik an der grundlegenden Bedienung aber bleibt. Warum muss beispielsweise manchmal einmal, an anderer Stelle wiederum zweimal bestätigt werden? Zum Teil ist das Problem jedoch nicht bei Symbian sondern in der technischen Beschaffenheit des N97 zu suchen: Die Bedienung ist wegen der resistiven Touch-Technologie sehr druck- und weniger bewegungsorientiert, was einer intuitiven Navigation im Weg steht. Wo man bei Konkurrenzprodukten dank Multi-Touch und für derlei Zwecke angepasstem Betriebssystem einen Großteil der Navigation über Fingerbewegungen erwirken kann, erweist sich die Oberfläche des N97 auch wegen der fehlenden Multi-Touch-Unterstützung als ein ziemlich starres, vornehmlich auf ein Bestätigen per Fingerdruck ausgelegtes OS, das zumindest im Rahmen unseres Tests nicht immer einen idealen Eindruck machte. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass die Multi-Touch-Unterstützung in der Regel an der jeweiligen Software scheitert. Das Problem bleibt somit aber weiter hausgemacht.
Kommunikation
Bei der zur Kommunikation notwendigen Ausstattung lässt sich Nokia erwartungsgemäß nicht lumpen. Neben dem obligatorischen Quadband GSM/GPRS und EDGE bietet das Gerät UMTS, WLAN (802.11 b/g) und Bluetooth inklusive A2DP-Profil zur Übertragung von drahtlosen Stereosignalen, womit man auf alle Eventualitäten eingestellt ist. Einzig die HSDPA-Unterstützung weist mit Phase II (3,6 MBit/s) nicht das absolute Optimum aus, was aber zu verschmerzen ist.
Multimedia & Navigation
Gute Kopfhörer, ein solide darstellendes Display und ein 3,5-mm-Klinkenanschluss: das N97 weiß mit Blick auf die multimediatechnische Ausstattung zu gefallen. Mit rund 29 GByte nutzbarem Speicherplatz wird das Gerät schnell zu einem annehmbaren portablen Mediaplayer, dessen Nutzung einzig durch die Akkulaufzeiten limitiert wird. Auch die hinter einem etwas zu lockereren Plastikschieber verborgene 5 Megapixel Kamera (Auflösung: max. 2.584 x 1.938 Pixel) mit Optik von Carl Zeiss und mäßigem 4-fachem Digitalzoom weiß ohne Abstriche zu überzeugen und liefert dank doppeltem LED-Blitz auch bei suboptimaler Ausleuchtung hervorragende Fotos. Letztere lassen sich auch bei der Aufnahme von Videos (Auflösung: 640 x 360 Pixel) nutzen. Wer keine allzu hohen Ansprüche hat, kann als Besitzer eines N97 die kompakte Digitalkamera getrost zuhause lassen. Eine zweite, nach vorne gerichtete VGA-Kamera ermöglicht übrigens die Videotelefonie.



Auch die Navigation kommt nicht zu kurz: Neben dem obligatorischen GPS-Empfänger gönnt Nokia dem N97 eine Drei-Monate-Lizenz von Nokia Maps mit allen Funktionen.
Office & Browser
Office-Jünger werden mit dem N97 in der Grundvariante nicht ganz zufrieden sein, da das vorinstallierte QuickOffice zunächst nur die Visualisierung der einschlägigen Dokumenttypen erlaubt, was nur mit einem kostenpflichtigen Update geändert werden kann. Die sonstige Ausstattung mit Zip-Programm, PDF-Viewer, Währungsrechner und Wörterbuch sowie der Unterstützung der gängigen E-Mail-Systeme POP3, IMAP und SMTP geht aber in Ordnung.
Beim Browser setzt Nokia auf altbewährte Technologie, die in der Darstellung und dank Flash-Unterstützung über weite Strecken einen guten Job macht. Bei komplexeren Inhalten gelangt die Bedienung indes aufgrund der fehlenden Multi-Touch-Funktion immer wieder an ihre Grenzen und auch der Seitenaufbau könnte via UMTS (rund 25 Sekunden) ein klein wenig zügiger von statten gehen, was aber nur bedingt mit der Software zusammen zu hängen scheint, da der Aufbau via WLAN nur zügige 15 Sekunden dauert.
Zusammenfassend lässt sich an dieser Stelle sagen, dass Nokia solide Office- und Browsing-Funktionen bietet, ohne dabei nennenswert aus der Masse hervor zu stechen.
Synchronisation
Die Synchronisation von Daten verläuft mit dem N97 tadellos. Das Gerät wird per USB verbunden und als normaler Wechseldatenträger erkannt, was eine schnelle und komfortable Nutzung per Drag & Drop ermöglicht. Besonders zu überzeugen wusste die Übertragungsgeschwindigkeit: Eine 130 MByte große Musik-Sammlung wechselte in 45 Sekunden die Umgebung. Für aufwändigere Transfers – beispielsweise inklusive Konvertierung – steht die Nokia-PC-Suite bereit, die – von einer etwas aufgeblähten Oberfläche abgesehen – ordentlich funktioniert. Allerdings ist die Software nicht Mac kompatibel.
Laufzeiten
WLAN/UMTS, GPS und eine intensive Multimedia- und/oder Office-Nutzung zehren an den gängigen Akkus, weswegen Smartphones immer wieder mit den Laufzeiten zu kämpfen haben. Hier erweist sich das N97 einmal mehr als Schwimmer im mittleren Feld. Abseits der Herstellerangaben (siehe Graph unten) lässt sich sagen, dass das Gerät bei einer ausgewogenen Nutzung gerade so einen kompletten Arbeitstag durchhält. Poweruser müssen sich dagegen wohl darauf einstellen, dass der Nokia-Spross spätestens nach vier, fünf Stunden für rund 60 Minuten an die Steckdose muss.
Akku-Laufzeiten (Herstellerangaben)
| ||||||||||||||||||||||||||||||||
Fazit
Die schlechte Nachricht gleich vorweg: Der große Wurf ist Nokia mit dem N97 wider Erwarten nicht gelungen. Dazu hapert es zu sehr an essentiellen Dingen. Konkreter wussten vor allem die Bedienung und Oberfläche im Rahmen unseres rund zweiwöchigen Tests nicht ohne Abstriche zu überzeugen. Dies hat zwei Gründe. Zum einen setzen die Verantwortlichen auf die resistive Touch-Technologie, die wohl günstiger ist, sich aber in diesem Fall nicht mehr ganz auf Höhe der Zeit bewegt. Hier hat das iPhone mit seiner bewegungssensiblen Bedienung viel verändert und einen kaum mehr umkehrbaren Trend maßgeblich verstärkt. Hinzu kommt, dass das Display des N97 nicht Multi-Touch fähig ist, was sich besonders beim Surfen mit dem eigentlich guten Browser bemerkbar macht. Allerdings findet sich hier eine Problematik, die nicht unbedingt Nokia spezifisch ist.
Der zweite Punkt ist nach den in diesem Test gewonnenen Erkenntnissen beim verwendeten Betriebssystem Symbian zu suchen. Dieses verfügt zunächst wie alle Betriebssysteme über grundlegende Stärken und Schwächen. Allerdings macht sich bemerkbar, dass das OS nicht von vornherein für Touch-basierte Smartphones konzipiert, sondern im Nachhinein für eine derartige Verwendung angepasst wurde. Symbian-Enthusiasten werden diese Feststellung als Frevel empfinden und dementsprechend als Geschwätz abtun, weswegen an dieser Stelle festgehalten werden soll, dass es sich hierbei selbstredend um eine subjektive Wahrnehmung handelt.
Sieht man von diesen Problemen ab bzw. hält sie für individuell unzulänglich, so erhält man mit dem N97 ein passables Produkt. Dabei spielt das Gerät seine Stärken besonders im Multimedia-Bereich aus, wo es sich überraschend als recht solider PMP-Ersatz entpuppt. Und auch die Kamera rangiert mit einer hervorragender Bildqualität und zwei LED-Blitzlichtern auf den vorderen Rängen dessen, was das Segment aktuell zu bieten hat.
Die Wahl zwischen einem N97 und dem unlängst hier getesteten Touch Pro 2 [2] fällt somit ziemlich schwer aus, denn auch das HTC-Gerät hat aufgrund eines veralteten Windows Mobile 6.1 Pro mit einem nicht idealen Betriebssystem und zudem mit einer mäßigen Kamera sowie ziemlich ausladenden Abmessungen zu kämpfen. Doch macht dieser Tage die Qualität der Bedienung viel aus und hier wusste das Touch Pro 2 eher zu überzeugen. In Anbetracht dessen und mit Blick auf die nahezu identischen Preise fällt unsere Kaufentscheidung deswegen für das HTC-Produkt aus.
Verfügbarkeit & Preise
Das N97 ist bereits seit einigen Wochen in Deutschland erhältlich und kann bei den üblichen Providern im Rahmen von unterschiedlichen Tarifen zu dementsprechend variierenden Preisen erworben werden. In der freien Variante schlägt das Gerät zur Zeit mit Preisen ab circa 490 Euro zu buche (aktueller Preisvergleich [3]). Wie immer gilt, dass in jedem Fall auf einen soliden Datentarif / -option zurückgegriffen werden sollte, um die volle Funktionsfähigkeit in einem finanziell angemessenen Rahmen genießen zu können.




