Einleitung
Mit der im Jahr 2006 veröffentlichten Wii-Spielekonsole feierte Nintendo einen durchschlagenden Erfolg, der so kaum zu erwarten war. Verantwortlich dafür zeichnete sich keine aktuelle Multimedia-Ausstattung, keine superrealistische Spielegrafik oder Hardwarebestückung, keine hitverdächtige Preisgestaltung, sondern an vorderster Front ein bis dato neuartiges Bedien- und Spielkonzept, bestimmt durch die Bewegungssensorik der Wii-Remote-Controller, das speziell in Sport- und Geschicklichkeitsumsetzungen vollkommen neue Möglichkeiten eröffnete. Nach wie vor hat sich an der Beliebtheit der Wii und ihres Konzeptes kaum etwas geändert. Grund genug für einige Hersteller, sich der Idee der 3D-Bedienung anzunehmen und systemübergreifend bewegungssensible Steuergeräte zu entwickeln und anzubieten.
Im heutigen Bericht wollen wir mit der Air Mouse Go Plus der Firma Gyration [1] einen Bedienhybriden beleuchten, der sowohl als herkömmliche Computermaus fungieren, als auch als 3D-Remote in der Luft eingesetzt werden kann und damit frischen Wind in den PC-Alltag bringen möchte.
Lieferumfang
Der Lieferkarton der Gyration-Entwicklung beinhaltet neben der Air Mouse eine Ladestation, einen USB-Empfänger im Stick-Format sowie eine Anleitung in deutscher Sprache. Abgerundet werden die Beigaben durch die Software-CD, auf welcher sich die spezifischen Treiber und Zusatzprogramme, die sogenannten GyroTools für Windows 98, Me, XP, Vista und Windows 7, befinden.
Technische Eckpunkte
- Duales Maussystem mit 3D-Bewegungssensor
- Beidhändig nutzbarer Mauskörper
- Sechs Tasten plus Mausrad
- MotionSense Bewegungsmessung in fünf Freiheitsgraden
- Zwei Rotationsachsen, drei lineare Beschleunigungen
- 360° Rollausgleich
- Dynamische Driftkorrektur
- 2,4-GHz-Funkübertragung mit USB-RF-Empfänger
- Reichweite ohne Sichteinschränkung: etwa 30 Meter
- Herstellerhomepage [2]
- Preisempfehlung des Herstellers: 99 Euro
Maus im Detail
Die Gyration Air Mouse Go Plus kann einerseits als Fernbedienung im Lufteinsatz, andererseits als konventioneller Schreibtischnager eingesetzt werden. Da für beide Verwendungsarten grundsätzlich verschiedene Handhaltungen von Nöten sind, besitzt die Maus ein eher ungewöhnliches Design. Der Mauskörper ist sehr schmal und länglich gehalten, lediglich im vorderen Bereich der Haupttasten vertraut der Hersteller auf einen etwas breiteren Auslauf. Aufgrund ihrer symmetrischen Gestaltung setzt die Air Maus dabei keine Vorgaben für Rechts- oder Linkshänder. Im herkömmlichen Mausbetrieb bei flach aufgelegter Hand wirkt vor allem der hohe Heckbereich der Gyration-Entwicklung störend und auf Dauer sehr ermüdend. Ferner besteht durch die schmale Form der Auflage in hektischen Situationen leichte Kippelgefahr. Ansonsten finden alle Finger an den ausladenden Seitenpartien des Nagers ausreichend Verweilmöglichkeiten, während aufgrund der leichten Taillierung und der dezenten Rundungen des Mauskörpers für gute Griffigkeit gesorgt wurde. Im 3D-Modus überzeugt das längliche Zapfendesign, vermittelt es doch, von der gesamten Hand umgriffen, einen sehr guten Halt. In dieser Betriebsart avanciert der Daumen zur Hauptfigur, denn als freier Finger liegen die beiden Haupttasten, das Mausrad und, mit leichten Komfortabstrichen, die drei Zusatztasten in seinem Arbeitsbereich. Ferner wurde an der Zeigefingerstellung ein weiteres Bedienelement ideal positioniert.




Insgesamt wartet die Air-Maus mit sechs Tasten plus 2-Wege-Mausrad als mittlere Haupttaste auf. Dabei können im Maus-Modus maximal fünf, komfortabel allerdings lediglich zwei Knöpfe plus Mausrad, im 3D-Betrieb alle sechs Tasten plus Mausrad effektiv verwendet werden. Dass die Gyration-Entwicklung auf den Air-Betrieb hin optimiert wurde, spürt man an den Haupttasten. Diese besitzen ihre Aufhängung ungewöhnlicherweise an der Mausvorderseite, wodurch sie besser vom Daumen betätigt werden können.
Der sehr lasche Druckpunkt und die leicht klapprige Klickmechanik hinterlassen bei einem Produkt dieser Preisklasse allerdings einen unangenehmeren Eindruck, der sich beim Mausrad leider fortsetzt. Zwar verfügt dieses als Mitteltaste über einen definierteren Druck, das schwammige Raster und das rumpelige Scrollgeräusch erwecken jedoch keine große Freude. Auch die drei Zusatztasten hinter den Hauptelementen könnten stimmiger wirken. Sie besitzen nahezu keinen Anschlagweg, dafür allerdings einen sehr kräftigen Auslösewiderstand begleitet von einem knackenden Betätigungsgeräusch. Einzig die unter der Maus platzierte Zeigefingertaste vermag ein adäquates Gefühl zu vermitteln.
Abseits der genannten Auffälligkeiten bezüglich der Tastenausstattung ist die qualitative Abstimmung bestenfalls durchschnittlich. Die Materialübergänge, speziell im Rückenbereich des abnehmbaren Akkus, werden von sehr großen Spaltmaßen begleitet. Überdies vermittelt das kühle Hartplastik der Oberschale haptisch keine echten Erlebnisse. Einzig die leicht gummierte Unterschalenbeschaffenheit erzeugt ein handschmeichelndes, sehr angenehmes und wertiges Gefühl.
Im herkömmlichen Mausbetrieb ist die Gyration-Entwicklung bestenfalls als Büro- oder Ergänzungsnager zu verwenden. Schnelles, präzises Arbeiten oder gar Spielen wird bereits durch die leichten, spürbaren Übertragungsverzögerungen und die überaus schlechten Gleiteigenschaften vereitelt. Mit ihren vier winzigen Gleitpads kratzt die Air-Maus behäbig über raue und textile Unterlagen und vermittelt dabei keinerlei Bedienfreude. Da hilft es auch nur wenig, dass die Bewegungen der Maus mit Hilfe des verbauten optischen Sensors einigermaßen genau digitalisiert werden.




Neben der Maus sind zwei weitere Bauteile essentiell. Zunächst gehört dazu der 2,4-GHz-Funkempfänger im Stile eines USB-Sticks. Leider besitzt dieses etwa 6,5 x 2,9 x 0,9 cm große Bauteil (ohne USB-Connector) enorme Abmessungen für ein Produkt dieser Tage, sodass benachbarte USB-Anschlüsse gar verdeckt werden können. Deutlich besser gefällt derweil die schwungvoll geformte Ladestation aus Kunststoff, auf welcher die Air Mouse ungenutzt verweilen und ihren Spezial-Akku aufladen kann. Das mitgelieferte Stromkabel besitzt eine Länger von 150 cm.
Softwarebesprechung
Mit den GyroTools legt Hersteller Gyration der Air Mouse Go Plus eine umfangreiche, mit gut sechs Megabyte verbrauchtem Speicherplatzvolumen allerdings angenehm kompakte Begleitsoftware bei. Auf Basis einer zweigeteilten Reiterübersicht werden dem Anwender verschiedene individualisierende Einstellungsmöglichkeiten, speziell für den Luftbetrieb, in lediglich englischer Sprache ans Herz gelegt.
Das obere Reitermenü beschäftigt sich mit grundlegenden Mauseinstellungen wie den Tastenbelegungen, dem Eventmanagement für verschiedene Luftbewegungen und Führungsrichtungen (Reiter: Swipes) oder Bildschirm-positionsbezogenen Ereignissen (Reiter: Hotspots). Denn die große Besonderheit der Air Mouse Go Plus liegt in der intensiven Gestensteuerung. So lassen sich etwa beim Schütteln der Maus oder Ziehen des Zeigers in eine definierte Richtung gewisse Events aufrufen. Mit Hilfe der Timer-Funktion lassen sich darüber hinaus bestimmte Events tageszeiten- oder mit der Keystroke-Funktion tastendruckspezifisch zuweisen. Dies kann insbesondere nützlich sein, wenn die Maus in verschiedenen Einsatzbereichen verwendet werden soll.




Welche Events wie aufgerufen werden, kann der Anwender über das untere Reitermenü bestimmen. Hier sind diverse Optionen nach verschiedenen anwendungsbezogenen Themen geordnet. Per Drag-&-Drop werden diese als Icon dargestellten Möglichkeiten in die entsprechenden Eventfelder gezogen und stehen fortan bereit. Beispielsweise kann die komplette Media-Player-Steuerung, Windows-Dokumentensteuerung, Powerpoint-Navigation oder Präsentations-Navigation durch diese Gestensteuerung übernommen werden. Die Möglichkeiten sind dabei enorm vielfältig und nützlich gewählt und reichem vom Textmarker über den Laserpointer bis hin zur Uhreneinblendung.
Alltagserfahrungen
Um die Vorzüge des Gyration-Machwerkes als duales Peripheriesystem sinnvoll nutzen zu können und schätzen zu lernen, ist eine intensive Einarbeitungszeit von Nöten. Dies gilt natürlich vornehmlich für die 3D-Verwendung, wobei die Air Mouse Go Plus unserer Meinung nach aufgrund der genannten Schwächen ohnehin als konventionelle Maus bestenfalls Office- oder Ergänzungscharakter besitzt. Im Luftbetrieb kann sie sich derweil gut ins Szene setzen und den Arbeitsalltag bereichern, nachdem man die verschiedenen Bewegungsfunktionen mit Hilfe der GyroTools vergeben hat.
Die Navigation im Luftbetrieb, der sich durch Doppelklick auf eine der Funktionstasten dauerhaft respektive durch Gedrückthalten einer Zusatztaste kurzzeitig aufrufen lässt, geht zunächst etwas holperig von der Hand. Anders als erwartet reagiert die Sensorik nahezu ausschließlich auf Kipp- respektive Rotationsbewegungen des Mauskörpers um die eigene Achse in die verschiedenen Richtungen. Lineare Bewegungen werden dagegen nur sehr gering umgesetzt. Nach einigen Tagen funktioniert das System allerdings ordentlich und kann in präsentativen Anwendungen durchaus punkten. Auch die störungsfreie Empfangsreichweite wirft nicht einmal bei zu durchdringender Wand Probleme auf.




Dagegen könnte die Akkulaufzeit der Air Mouse besser sein. Selbst bei recht geringem Betrieb hält eine Ladung nur wenige Tage, bei strammer Nutzung kann die Kraft bereits nach einem Tag ausgehen. Natürlich kann man den Nager bei Nichtnutzung permanent auf der Ladestation platzieren. Ist man allerdings häufiger unterwegs, kann die knappe Laufzeit bisweilen störend sein. Hinzu kommt, dass die Air Mouse über keinen Aus-Schalter verfügt, sodass man einer vorzeitigen Entladung lediglich durch den weniger komfortablen Akku-Ausbau vorbeugen kann. Ein voller Akku-Ladezyklus dauert etwa acht Stunden.
Fazit
Mit der Air Mouse Go Plus bereichert Gyration den Peripheriemarkt um eine interessante Produktidee, die auf dem Papier durchaus potente Züge aufweist. Mit Hilfe einer bewegungssensiblen Gestensteuerung den Anwendungshorizont zu erweitern bzw. den Komfort von Präsentationen, multimedialen Steuerungen oder Programmabläufen zu erhöhen gelingt im Luftbetrieb nach einiger Einarbeitszeit durchaus. Dafür legt die gut umgesetzte Software mit ihren vielen Event-Optionen den Grundstein, der von der sicheren und entfernungsstabilen Funkübertragung erweitert wird.
Abseits dieser positven Gesichtspunkte liegt bei einem Produkt dieser Preisklasse (die unverbindliche Empfehlung liegt bei etwa 100 Euro) einiges im Argen. Neben der weniger optimalen Formgestaltung, der allgemeinen Geschwindigkeit sowie den Reibungseigenschaften für den herkömmlichen Mausbetrieb, die im Hinblick auf den Fokus auf den 3D-Einsatz noch zu verkraften wären, missfällt speziell die qualitative Umsetzung. Tastenanschläge, Spaltmaße und das allgemeine haptische Empfinden sind unserer Auffassung nach deutlich verbesserungswürdig. Angesichts dieser Tatsachen wird es die Gyration Air Mouse Go Plus sehr schwer haben, sich gegen Konkurrenten wie die etablierte Logitech MX Air [3], die im Laufe ihrer langen Marktpräsenz einen erschwinglichen Preis erreicht hat, durchzusetzen.




