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Test: Egoshooter TimeShift

von Sasan Abdi

Vorwort

Bis dato ist das Medium „Zeit“ für den Menschen nicht greifbar. Da sie nach unserer heutigen Vorstellung stetig verläuft und nicht gestoppt, geschweige denn zurück gespult werden kann, weist sie uns als unkontrollierbarer Faktor tagtäglich Grenzen auf. Zeit, ein Phänomen, das zahlreiche Beiträge in TV, Kino und Büchern als Quelle der einen oder anderen (Science-Fiction-)Geschichte hergenommen haben.

„Wir messen also nicht nur die Bewegung durch die Zeit, sondern auch die Zeit durch die Bewegung, weil sie einander begrenzen und bestimmen. So bestimmt also die Zeit die Bewegung selbst als Zahl und genauso die Bewegung die Zeit“, wusste schon Aristoteles die Zeit menschengerecht zu definieren. Mit eben jener Definition räumt das Spiel, das wir heute auf ComputerBase betrachten wollen, in Anlehnung an einige Fernsehformate auf: TimeShift.

TimeShift – Start-Screen
TimeShift – Start-Screen


Dass die Zeit für TimeShift auch in der Entwicklung eine entscheidende Rolle gespielt hat, zeigt sich an den zahlreichen Richtungswechseln, die im Laufe der Jahre vorgenommen wurden. Nach zahlreichen Änderungen wandelte sich das Spielkonzept nach dem Publisher-Wechsel von Atari zu Vivendi Universal Games nochmals schlagartig, womit auch der ursprünglich angedachte Releasetermin (Anfang / Mitte 2007) erneut verschoben werden musste.

Seit dem 2. November 2007 ist TimeShift nun erhältlich. Allerhöchste Zeit, sich den Titel näher anzuschauen.

Testsystem für TimeShift

Minimale Herstellerempfehlung für TimeShift

TimeShift auf einen Blick

Die Grundidee hinter TimeShift ist keinesfalls neu: Da ist eine Organisation, die zum großen Glück der Menschheit über die Technologie verfügt, einen Elitesoldaten als so genannten „Chronauten“ in eine beliebige Zeit in der Vergangenheit zu schicken. Eine Vielzahl von Fernsehserien-Staffeln lassen sich schon allein damit füllen, dass eben diese Person dann Geschehnisse, die in der Gegenwart zu Katastrophen führten, in der Vergangenheit zum Wohle aller Menschen korrigieren muss.

In gewisser Weise gilt dieser Handlungshintergrund auch für TimeShift, auch wenn sich hier zu Beginn zeigt, dass der stets im Zusammenhang mit Zeitreisen ausgesprochene Hinweis „Verändere nichts!“ zutreffend ist. So veränderte der TimeShift-Held im Jahre 1900 die Weltgeschichte eines Paralleluniversums offenbar derart, dass nur drei Dekaden später ein grausamer Herrscher namens Dr. Krone (überraschenderweise ein Physik-Profi, der mit der Figur des Spielers etwas zu tun zu haben scheint) die Bevölkerung mit seinem faschistischen Regime unterdrückt und all jene, die ihm nicht Folgen wollen, brutal unterdrückt – die Anlehnung an Nazi-Deutschland ist augenscheinlich.

Um die Vorgänge wieder ins Lot zu rücken, gerät der Spieler mir nichts, dir nichts in genau diese Zeit, in der es an der Seite wackerer Freiheitskämpfer gilt, dem Tyrannen und seinem Heer – bestehend aus Elitesoldaten und allerlei mechanischen Fieslingen – den Gar auszumachen. Im Laufe der Einzelspieler-Kampagne wird dann nach und nach auch ersichtlich, was genau schiefgegangen ist und inwiefern es die Möglichkeit zur Korrektur gibt.

Als schlagkräftige Argumente verfügt der Spieler neben einem recht konventionellen Waffenarsenal über einen hervorragenden Chronauten-Anzug, der es ihm erlaubt, auch im aktuellen Hier und Jetzt kleine Manipulationen am Voranschreiten der Zeit vorzunehmen. Sie lässt sich beispielsweise anhalten; aber auch ein Zurückspulen oder Verlangsamen ist möglich.

Neben der für das Genre üblichen Ballerei eröffnen sich dadurch unzählige neue Anforderungen an den geneigten Spieler. So gilt es ab und an das Zeit-Feature, so wollen wir es hier nennen, einzusetzen, um im Spiel voranzukommen. Nehmen wir beispielsweise einen Durchgang, der immer dann geschlossen wird, wenn der Spieler sich durch ihn hindurch bewegen will. Das Anhalten der Zeit verschafft hier Abhilfe, sodass der TimeShift-Held seelenruhig zur anderen Seite des Korridors laufen kann. Ein nahezu leeres Maschinengewehr lässt indes vorzüglich gegen Gegner einsetzen, die durch das Verlangsamen der Zeit kaum mehr Möglichkeit zur Gegenwehr haben. Auch die Rückspul-Funktion hat ihre Daseinsberechtigung: An einer Stelle rast beispielsweise ein Zug auf den Spieler zu. Einmal kurz die Zeit manipuliert und man kann dem Ungetüm aus Stahl gefahrlos hinterher laufen. Dabei versteht sich von selbst, dass diese Hilfe nicht unbegrenzt zur Verfügung steht, sondern einem Energiebalken unterliegt, sodass man das Zeit-Feature nur von Zeit zu Zeit verwenden kann.

TimeShift – Explodierender Korridor
TimeShift – Explodierender Korridor

Das Zeit-Feature bedeutet auf den ersten Blick eine nette Abwechslung zum Genre-Alltag. Es stellt sich jedoch die Frage, wie diese Innovation sich in das Alltagsgeschäft im Shooter-Genre einordnen kann. Auch der Plot, wenn auch schon häufiger in anderen Mediengattung bemüht, verspricht tendenziell ein interessantes Spiel. Auf den nächsten Seiten soll ein Blick in einige weitere Kernbereiche geworfen werden, um zu sehen, was TimeShift im Detail sonst noch zu bieten hat.

Waffen

Das Waffenarsenal von TimeShift fällt, wie im Überblick bereits erwähnt, relativ konventionell aus. Unter den neun verschiedenen Arten von „Schusswaffen“ fallen das Bolzenschussgerät sowie der Flammenwerfer neben der Standardausrüstung an Maschinengewehren und Schrotflinten am meisten auf. Die Gesundheit des Spielers wird übrigens wie so häufig über eine Schildfunktion geregelt: Wer sich lange gegnerischem Feuer ausgesetzt sah, muss einige Zeit in Deckung bleiben und warten, bis die Energie des Schildes sich wieder aufgeladen hat. Das lästige Suchen nach Healthpacks gehört also auch bei TimeShift der Vergangenheit an.

KI

Die KI weiß in TimeShift durchaus zu überzeugen. Zwar zeigen die Gegner des Chronauten keinerlei Team-Verhalten, sondern erweisen sich mehr als Einzelkämpfer. Als solche taugen sie aber recht gut, fast schon zu gut. Neben einem relativ ausgewogenen Zielverhalten, das nicht nur Kopfschüsse, aber auch nicht nur Nieten verursacht, verstehen sich alle Non-Player-Character (also auch die verbündeten Freiheitskämpfer) vorzüglich darauf, Deckung zu nehmen und ihre jeweiligen Waffengattungen sinnvoll einzusetzen. Ein lobenswerter Zustand, der nicht nur zum Spielspaß sondern auch zu einer authentischeren Atmosphäre beiträgt. Insgesamt scheinen aber vor allem die Gegner – selbst im leichtesten Modus „normal“ – an so mancher Stelle etwas zu stark zu sein, was sich in einer inflationär häufigen Nutzung des Quickload-Buttons auf der Tastatur niederschlägt. Was für Genre-Anfänger sicher frustrierend sein dürfte, sollte erfahrenere Spieler aber nicht abschrecken, sondern vielleicht sogar eher fordern.

TimeShift – Gegner im Visier
TimeShift – Gegner im Visier

TimeShift – Verbündeter
TimeShift – Verbündeter
TimeShift – Gegner im Visier
TimeShift – Gegner im Visier
TimeShift – Verbündeter
TimeShift – Verbündeter

Grafik

Die visuelle Umsetzung von TimeShift verspricht mit Sicherheit keinen Genre-Thron oder gar die Schaffung neuer Realitäten. Aber sie muss sich auch nicht verstecken. Sehenswerte Licht-Schatten-Effekte, realistische Explosionen und gelungene Wettergeschehnisse sorgen für angemessene Authentizität, auch wenn man sich über die Plastizität der NPCs gerade im Gesichtsbereich sicher streiten könnte.

Auf unserem Testsystem lief TimeShift in einer Auflösung von 1280x1024 Pixel (4xAA, höchste Qualitätsstufe) mit stabilen Werten von 40- im unteren und 60 Bildern pro Sekunde im oberen Bereich.

TimeShift – Explosion
TimeShift – Explosion

TimeShift – Grafische Umsetzung
TimeShift – Grafische Umsetzung
TimeShift – Grafische Umsetzung
TimeShift – Grafische Umsetzung

TimeShift – Grafische Umsetzung
TimeShift – Grafische Umsetzung
TimeShift – Grafische Umsetzung
TimeShift – Grafische Umsetzung

Atmosphäre

Die Atmosphäre in TimeShift ist gut gelungen. Neben der annehmbaren KI und der angemessenen Grafik trägt hierzu prinzipiell auch das Zeit-Feature bei. Es legt nicht nur im Rahmen der allgemeinen Handlung, sondern auch im Geschehen selber den Fokus darauf, dass es sich beim TimeShift-Helden nicht um Shooter-Gott X-Y-Z handelt (auch wenn eine gewisse Parallele zu Gordon Freeman definitiv nicht zu leugnen ist), sondern um einen Chronauten, der den Verlauf der Zeit kontrollieren kann. Und genau dies geschieht realistisch: Fallender Regen und Geschosse bleiben in der Luft stehen oder spulen gegebenenfalls zurück; Sprache und andere Geräusche werden im Zeitlupenmodus entsprechend verzerrt und zerstörte Infrastruktur bildet sich zurück. Dadurch und durch eine Physik, die Einstürze, Abbrüche, Einschläge und Querschläger realistisch abbildet, wird eine hervorragende Atmosphäre geschaffen, die den Spielspass im Prinzip maßgeblich erhöht.

Multiplayer

Der Multiplayer von TimeShift bietet auf bisher vierzehn Karten nach der vollendeten Einzelspieler-Kampagne weitere Auseinandersetzungen. Es können bis zu 16 Spieler gegeneinander in den bekannten Modi antreten.

Da es in der ersten Verkaufsversion einige Verbindungsprobleme für Spieler hinter einem NAT-Router gibt, wurde bereits zur Veröffentlichung von TimeShift ein erster Patch bereitgestellt, der in der Version 1.2 genau diese Probleme beheben soll. Der Patch für die deutsche Version kann unter anderem über die offizielle Sierra-US-Seite bezogen werden [1]; auf der deutschen Variante der Seite ist er bisher noch nicht verfügbar (Stand: 4. November).

Konsequenterweise wurde in den Mehrspielermodus das aus dem Singleplayer bekannte Zeit-Feature übernommen, sodass in dem gewöhnlichen Geballere auch Raum für etwas Neues ist: Wer wohl dosiert vorgeht, kann sich im Multiplayer von TimeShift neben seinem Zielvermögen auch auf ein Erstarren der Gegner verlassen. Neben Deathmatch, Team-Deathmatch und Capture the Flag gehört das Ausnutzen der Zeit-Features zu den Kern-Kompetenzen in den Spielarten „König der Zeit“ und „Stopp die Maschine“. Dass das Feature vor allem in Hinblick auf das Spiel-Tempo aber auch seine Nachteile mit sich bringt, wird sich im folgenden Abschnitt zeigen.

Sonstiges

Das einzige nennenswerte Manko von TimeShift ist wohl in der Balance insgesamt zu suchen. Auf der einen Seite ist der Titel durchweg Egoshooter, mit einer Kampagne, die linearer nicht sein könnte. Dies impliziert prinzipiell, dass der Spieler sich eigentlich um nichts außer seinen Statusbalken und den Stand der Munition sowie um ein gutes Zielen sorgen muss. Genau dies macht traditioneller Weise eine klassische Umsetzung im Genre aus.

Auf der anderen Seite kommt als Innovation das bisher viel gepriesene Zeit-Feature zum Einsatz, das zwar tendenziell Abwechslung verspricht, in der Praxis den Egoshooter-Charakter aber de facto aufgeweicht, weil man im Fünfminutentakt eben plötzlich nicht mehr nur die oben genannten Kriterien erfüllen muss, sondern sich obendrein um kleinere Rätsel zu kümmern hat, da man an vielen Stellen ohne die Nutzung des Zeit-Features unweigerlich draufgeht.

Das Problem an diesem Umstand ist, dass der Vorgang immer mit mehreren Versuchen verbunden ist. So gelingt es so gut wie nie gleich beim ersten Anlauf, eine Situation, die nur durch Nutzung des Zeit-Features zu meistern ist, zu überwinden. In schwierigeren Momenten muss man gar mit mehreren Anläufen rechnen, bevor man in den alten Shoot-and-Run-Trott zurück verfallen kann.

TimeShift – Blurr-Effekt zu Beginn der Zeit-Feature-Verwendung
TimeShift – Blurr-Effekt zu Beginn der Zeit-Feature-Verwendung

Was unter Umständen gut gedacht war, führt gerade in Verbindung mit einer doch recht starken KI zu einer problematischen Indifferenz im Spieltempo, was auf Dauer (je nach Fehlerrate und Fähigkeiten des Spielers) zu einem echten Ärgernis werden kann. So stellt sich die Frage, ob solcherlei Features im Umkehrschluss per se aus First-Person-Shootern verbannt werden sollten, was letztlich ja zur Folge hätte, dass die vielerorts angeprangerte fehlende Innovation protegiert würde. An dieser Stelle sei hierzu nur gesagt, dass eine andere Ausbalancierung des Verhältnisses Schießen:Rätseln vielleicht gut getan hätte. Konkret bedeutete dies, dass die Zeit-Feature-Situationen insgesamt vielleicht etwas leichter zu lösen sein sollten, sodass das Spieltempo etwas einheitlicher bleibt.

Fazit

Insgesamt erweist sich TimeShift als durchaus gefälliges Egoshooter-Exemplar. Auf der einen Seite bleibt der Plot bis zum Ende hin vergleichsweise spannend, die Grafik ist dem Genrestandard entsprechend und auch atmosphärisch weiß der Titel zu glänzen, sodass die Singleplayer-Kampagne insgesamt durchaus Spaß macht. Ein ordentlicher Multiplayer-Modus verspricht überdies auch nach dem Ende des Kampfes gegen Dr. Krone weitere Kämpfe samt Manipulation des Faktors „Zeit“.

Auf der anderen Seite steht eine fast schon zu gute KI, die an mancher Stelle das Vorhandensein des fehlenden Schwierigkeitsgrads „leicht“ wünschenswert macht. Über dieses kleine Manko könnte man, stünde es für sich alleine, sicher noch gütlich hinwegsehen, sodass TimeShift als sehr guter Titel auszuweisen wäre. Die unter „Sonstiges“ beschriebene Problematik mit dem eigentlich innovativen Zeit-Feature, die sich durch dessen notwendigen Einsatz und den damit verbundenen, zahlreichen Anläufen an so mancher Stelle im Spiel auszeichnet, sorgt für eine an den Nerven zerrende Indifferenz im Spieltempo, die nicht zuletzt auch aufgrund der starken KI dazu führt, dass die Quickload-Option allzu oft verwendet werden muss.

Video abspielen

Dadurch verliert der Fortgang der Geschichte, aber auch der Spielfluss an sich in einzelnen Szenen massiv an Fahrt. Ein Umstand, der durch eine andere Dosierung der „Zeit-Feature-Szenen“ hätten vermieden werden können und der die Stärke der KI sodann relativiert hätte.

Insgesamt verschiebt sich das Bild, das in diesem Test von TimeShift gewonnen werden konnte, dadurch leider, sodass man von dem Titel wohl nur noch als Mitglied der oberen Mittelklasse im Genre sprechen kann. Da allerdings kaum zu verallgemeinern ist, wie die beschriebene Problematik auf jeden Einzelnen wirkt, so sei an dieser Stelle in jedem Fall ein Anspielen der Demo empfohlen [2].

URL-Liste:

  1. http://www.sierra.com/en/home/games/game_info.tab-downloaddetail.prod-L2NvbnRlbnQvc2llcnJhL2VuL3Byb2R1Y3RzL3RpbWVzaGlmdF8%3d.platform-global.download-Patches-55216.html
  2. http://www.sierra.com/en/home/games/game_info.tab-downloaddetail.prod-L2NvbnRlbnQvc2llcnJhL2VuL3Byb2R1Y3RzL3RpbWVzaGlmdF8%3d.platform-global.download-Demos-81999.html
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