ComputerBase

Test: Unreal Tournament 3

von Sasan Abdi

Vorwort

Lange war die einstige Multiplayer-Großmacht Unreal Tournament in der Versenkung verschwunden – und das wohl auch mit gutem Grund. Unreal Tournament 2003 und 2004 wurden in der Community schnell zu Unreal Tournament 2 zusammengefasst, da die 2004er-Variante höchstens einer grafischen Überarbeitung des Vorgängers gleich kam. Diesem Aufbegehren der Spieler haben sich die Verantwortlichen bei Epic und Midway, die sich selbstredend auch dieses Mal wieder für die Entwicklung verantwortlich zeichneten, gebeugt. So heißt das potentielle Unreal Tournament 4 beziehungsweise ehemalige Unreal Tournament 2007 [1], wie seit Anfang des Jahres bekannt ist, nun Unreal Tournament 3, was als eine Art spätes Schuldeingeständnis zu interpretieren ist.

Unreal Tournament 3 – Startscreen
Startscreen von Unreal Tournament 3

ComputerBase hat einen Blick auf die Neuauflage geworfen und klärt, ob die ehemals so potente Serie zu alter Allmacht zurückfinden kann.

Kampagne

Mit Blick auf eine echte Kampagne hat sich Unreal Tournament 3 (UT 3) – so wird schnell klar – im Vergleich zu seinen Vorgängern kaum verändert. So gibt es erneut die Möglichkeit, den stark Multiplayer-fokussierten Egoshooter auch mit soetwas wie einer Hintergrundhandlung lokal oder aber via LAN oder Internet im Koop-Modus mit zwei weiteren Spielern zu spielen.

Diese Variante stellt aber de facto wie auch schon bei den Vorgängern eine eher lieblose Angelegenheit dar. So handelt es sich bei der „Kampagne“ von UT 3 wie gewohnt um eine bloße Aneinanderreihung von Bot-Matches, die über ein recht gelungenes Intro, gute Cutscenes und ebenso konventionelle Charaktere wie durchschnittliche Geschichte (Menschen vs. Aliens) aufgewertet werden soll. Dies vermag die Monotonie des „Bot-Bachings“ aber nicht zu überstrahlen, so dass man schnell von den diversen Gefechten mit der KI absieht und sich dem eigentlich Herz der Serie, dem Multiplayer-Modus zuwendet.

Unreal Tournament 3 – Kampagne
Cutscene aus der UT 3 Kampagne

Unreal Tournament 3 – Kampagne Unreal Tournament 3 – Kampagne Unreal Tournament 3 – Kampagne Unreal Tournament 3 – Kampagne

Für all jene, denen die bisherigen Titel aus der UT-Serie nicht geläufig sind, sei deshalb an dieser Stelle explizit erwähnt, dass Unreal Tournament 3 genauso wie seine Vorgänger kein Einzelspieler-Titel ist. Nur wer zünftige Online- / LAN-Ballerei gegen echte Gegner ansprechend findet, wird hier also auf seine Kosten kommen. Diese enorme und noch immer recht ungewöhnliche Fokussierung auf den Mehrspielerpart ist aber nicht etwa zu verurteilen, sondern begründete erst den Erfolg und den bis heute nachklingenden, bedeutsamen Namen der Serie für das Shooter-Segment.

Multiplayer

Für Einzelspieler-Freunde, die Wert auf eine ebenso epische wie actionreiche Kampagne legen, ist Unreal Tournament 3 also definitiv nicht zu empfehlen. In seiner Kernkompetenz, dem Multiplayer, weiß der Titel aber zu überzeugen. So bietet UT 3 insgesamt 42 Karten, auf denen sich bis zu 32 Spieler miteinander messen können. Dies kann in sechs verschiedenen Spielmodi erfolgen. Dazu gehören die Varianten Team-Deathmatch, Deathmatch, Capture the Flag (CTF), Vehicle-CTF, ein Duell-Modus sowie das große neue Herzstück des Multiplayers namens „Kriegsführung“.

Eingefleischten UT-Spielern dürfte auffallen, dass in dieser Aufzählung einige bekannte Spiel-Varianten fehlen. So fallen bei UT 3 die Modi Bombing Run, Double Domination, Assault und Onslaught heraus, wobei für Skeptiker durchaus fraglich sein dürfte, ob diese durch den Modus „Kriegsführung“ ersetzt werden können. Im Folgenden zeigt sich, dass dem in jedem Fall so ist.

Unreal Tournament 3 – Multiplayer
UT 3 Server-Interface

Bei „Kriegsführung“ handelt es sich im Prinzip um Onslaught gepaart mit gewissen Elementen aus dem Assault-Modus. Primär geht es den zwei Teams darum, einzelne Energie-Knotenpunkte auf riesigen Karten zu erobern und zu verteidigen. Mit jedem eroberten Knoten gelangt man immer näher an den gegnerischen Reaktor, der als letztes zerstört werden muss (siehe Bild unten). Dabei können die Punkte dem Gegner je nach Gemüt des Spielers entweder durch den massiven Einsatz von Schusswaffen oder aber mittels neuer Energiekugeln, von welchen je eine pro Team zur Verfügung steht, entrissen werden. Erstere Variante dauert wesentlich länger, da nach dem Kollaps des gegnerischen Knotens mittels der Link-Gun zunächst ein eigener errichtet werden muss. Bei letzterer Option wird der strategische Punkt zwar sofort übernommen, doch muss der die Kugel tragende Spieler auch einige Gefahren auf sich nehmen: So ist er für alle Gegner auf dem Radar zu sehen und kann keinerlei Fahrzeuge benutzen. Einmal fallengelassen, zerstört sich die Kugel nach einer gewissen Zeit von selbst und gelangt wieder zurück in die Basis. Ferner steht es den Gegnern frei, die Kugel sofort zu zerstören. Dazu muss ein Spieler über diese laufen, opfert dabei aber sein Leben.

UT 3 – Kollabierender Reaktor
Kollabierender Reaktor im Kriegsführung-Modus

Aufgrund des Spielprinzips gestaltet sich der Modus somit als eine echte Alternative zum drögen (Team-)Deathmatch, bei dem es primär auf das Zielen ankommt. Bei „Unreal Warfare“, wie der Modus im Original heißt, kommt es sogar explizit auf Teamplay an. Das Team, das gemeinsam vorgeht, gewinnt. Während sich die Angreifer beim letzten Knotenpunkt in Verteidiger und Angreifer aufteilen müssen, gilt das gleiche auch für die den Reaktor verteidigenden Spieler; nur wer Punkt A hält hat sodann auch die Chance auf Punkt B. Vor diesem Hintergrund verspricht der Modus gerade mit versierten Mitspielern lange ebenso actionreiche wie strategielastige Gefechte. Abgerundet wird der Modus von der Möglichkeit, den recht umfassenden Fuhrpark von Unreal Tournament 3 zu benutzen (siehe dazu den Abschnitt „Waffen & Fahrzeuge“).

Insgesamt bietet der Multiplayer-Part von UT 3 eine gesunde Mischung, die zwar nicht mit zahlreichen, dafür aber gut gelungenen Neuerungen zu überzeugen weiß. Der neue Kriegsführung-Modus macht die fehlenden Modi aufgrund der guten Umsetzung und der Integration bekannter Elemente entgegen der formulierten Bedenken mancher Skeptiker vergessen und sorgt dafür, dass Unreal Tournament 3 seiner Kernkompetenz hervorragend gerecht wird.

Technisches

Bisher konnte Unreal Tournament 3 überzeugen. Die traditionell fehlende Kampagne ist somit schnell verziehen. Im folgenden soll nun ein Blick auf einige technische Aspekte des Spiels geworfen werden. Zunächst aber seien die Hardware-Anforderungen sowie der Ist-Zustand für diesen Test erwähnt.

Testsystem für Unreal Tournament 3

Herstellerempfehlung Unreal Tournament 3

Grafik

Unreal Tournament 3 holt noch mehr aus der Unreal 3 Engine heraus, als es Bioshock unlängst tat. Alles andere hätte wohl auch verwundert, schließlich waren hier die Väter der Engine am Werk. Doch kommt die visuelle Umsetzung nicht nur rein Engine-technisch auf ein hohes Niveau – auch die generelle Detailverliebtheit, die bei der Schaffung der Karten ganz offenbar walten durfte, sorgt dafür, dass sich das Auge an Unreal Tournament 3 kaum satt sehen kann.

Dabei gestaltet sich UT 3 gerade mit Blick auf andere Neuerscheinungen als erstaunlich Hardware-schonend. Auf unserem Testsystem lief das Spiel auf vornehmlich hohen Details und 1280*1024 (2xAA) annehmbar mit stabilen 30 Bildern pro Sekunde. Für das optimale Erzielen von Erfolgen müsste hier aber auf weniger Details und höhere FPS-Werte gesetzt werden, so dass besagte Einstellungen sicher als relativ bewertet werden können.

Unreal Tournament 3 – Grafik
Unreal Tournament 3 – Gelungene visuelle Umsetzung

Unreal Tournament 3 – Grafik Unreal Tournament 3 – Grafik Unreal Tournament 3 – Grafik Unreal Tournament 3 – Grafik

Dennoch lässt sich wohl sagen, dass Unreal Tournament 3 auch auf weniger starken Computern sehr ansehnlich laufen wird. Wer heute bereits ein HighEnd-System sein Eigen nennt, wird sich über die vielen Möglichkeiten des Ausreizens der Engine und dem damit einhergehenden Augenschmaus sicherlich freuen, so dass die grafische Umsetzung von UT 3 den Ansprüchen in nichts nachsteht.

Sound- & Sprachumsetzung

Mit Blick auf die Sound- & Sprachumsetzung entpuppt sich Unreal Tournament 3 wie seine Vorgänger als zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite glänzt eine hervorragende Audio-Umsetzung, die nichts zu wünschen übrig lässt. Auf der anderen Seite aber prangt einmal mehr das Manko einer schauerlichen deutschen Synchronisation.

Unreal Tournament 3
Schlampige Lokalisierung: „Entriegeln“

Abgesehen von einem gewöhnungsbedürftigen Sprachduktus beschränken sich die teils völlig fehlgeleiteten Übersetzungen leider nicht nur auf den Audiobereich, sondern setzen sich in der textlichen Übersetzung fort. Auch bei UT 3 kommt der Spieler also weiter in den Genuss, den „Entriegeln“-Knopf wählen zu müssen, um die Verbindung zu einem Server zu beenden (siehe Bild oben).

Steuerung

Die Steuerung von UT 3 ist gewohnt gut gelungen. Über die konventionellen, aus allen möglichen Shootern bekannten Tasten lässt sich das Spiel trotz seiner hohen Geschwindigkeit und der brutalen Fraglastigkeit hervorragend punktgenau steuern.

Diverses

Abgesehen von einer unterirdischen Lokalisierung kann man an Unreal Tournament 3 auch technisch wenig kritisieren. Bevor nun zum Fazit geschritten werden kann, soll im Folgenden noch auf einige weitere nennenswerte Aspekte eingegangen werden.

Waffen & Fahrzeuge

Das Waffenarsenal von Unreal Tournament 3 ist gewohnt umfangreich, bietet allerdings keine Überraschungen. So kann der geneigte Spieler erneut auf alle aus den Vorgängern bekannte Schusseisen verschiedenster Couleur zurückgreifen: Neben dem obligatorischen Raketenwerfer kommen alle alten Bekannten wie die wenig nützliche Bio-Gun, die effektive Flak-Gun und die durchschlagfreudige Shock-Rifle zum Einsatz. Auch der allmächtige Redeemer darf in UT 3 nicht fehlen und findet sich an ausgewählten Plätzen einer jeden Karte.

Unreal Tournamen 3 – Hoverboard
Hoverboard in Aktion

Unreal Tournament 3 – Fuhrpark Unreal Tournament 3 – Fuhrpark Unreal Tournament 3

Auch der Fuhrpark von Unreal Tournament 3 ist großzügig bestückt. Insgesamt stehen Rasse-übergreifend immerhin neun verschiedene Vehikel zur Verfügung, wobei die Fahrzeuge der Necris in Sachen Fahrspaß und Aussehen traditionell atemberaubender daherkommen, als die der Axon (Menschen). Ein großes persönliches Highlight ist der Scavenger, der sich auf einer Art Tentakeln fortbewegt, aber auch zu einer tödlichen Kugel mutiert werden kann, die durch die Reihen der Gegner fegt. Weiterhin erwähnenswert sind die gut gelungenen Hoverboards, die einem jeden Spieler zur Verfügung stehen und eine schnelle Fortbewegung über die Karten erlauben (siehe Bild oben). Dabei ist es jedoch nicht möglich, eine Waffe abzufeuern.

Insgesamt gestalten sich sowohl das Waffenarsenal als auch der Fuhrpark von Unreal Tournament 3 als detailverliebt und umfassend und lassen eigentlich keine Wünsche offen.

Altersfreigabe

Unreal Tournament 3 ist in Deutschland nach einer obligatorischen Prüfung durch die USK ab 16 Jahren freigegeben worden. Einher ging diese niedrige Altershürde mit einigen Einschnitten [2]. Aus diesem Grund fließt in UT 3 vergleichsweise wenig Blut und auch in manch anderer Hinsicht unterscheidet sich die deutsche von der internationalen Variante. So verschwinden getötete Gegner nach kurzer Zeit ohne Spuren zu hinterlassen und auch ein Kopfschuss wird weniger blutig dargestellt.

KI

Wie von den Vorgängern gewohnt, ist die Künstliche Intelligenz der Bots auch bei Unreal Tournament 3 wieder außergewöhnlich gut gelungen, so dass das Spiel auch bei kleinen LAN-Sessions und auf kleinen Internet-Servern für lang anhaltenden Spielspaß sorgt.

Fazit

Unreal Tournament 3 hat in diesem Test positiv überrascht. Trotz der guten Vorberichterstattung war doch vor dem Hintergrund der „UT 2003 / 2004 Problematik“ so manches Bedenken angebracht. Würden es Epic und Midway tatsächlich schaffen, einen herausragenden Ego-Shooter zu erschaffen, der dem altehrwürdigen Unreal Tournament im Vergleich zu dessen Wirkungszeit in wenig nachsteht? Die Antwort lautet: Ja.

Wer es extrem genau nehmen will, könnte den Machern sicherlich einmal mehr ein Defizit in Sachen Innovation vorwerfen. Es gibt durchaus Indizien, die diese Argumentation bestärken. Der Einzelspieler ist gewohnt lahm und auch beim Multiplayer hat sich streng genommen nicht allzu viel getan: Einige Modi sind weggefallen und wurden durch einen großen, aber sehr gelungenen ersetzt. Und das ein Ego-Shooter mit guter Grafik glänzen muss, ist ohnehin Pflicht und somit nicht unbedingt lobenswert.

Auf der anderen Seite muss aber auch gefragt werden, wie genau die unter Umständen geforderte Innovation hätte aussehen können. Unreal Tournament lebt als Serie von dem Spielprinzip, dass im Kern auch in der dritten – oder vierten, wie man eben will – Ausgabe erhalten geblieben ist. Insofern ist es unter Umständen sogar gut, dass an dem Prinzip festgehalten wurde. Oder anders: Lieber ein ausgereiftes Multiplayer-Spiel, dass mit wohldosierten Neuerungen überzeugt, als ein fahriger Ego-Shooter, der weder im Einzel- noch Mehrspieler so richtig taugt.

Video abspielen

Weiter gesponnen kann dieser Gedankengang bedeuten, dass die Verantwortlichen mit dem Warfare-Modus das Maximum an Innovation herausgeholt haben. Hinzu kommt, dass sich besagter Modus wirklich hervorragend spielt. Abgerundet wird der somit gelungene Multiplayer-Part von einer Grafik, die im Segment mitunter neue Maßstäbe setzt, dabei hochgradig performant ist und deshalb auch auf schwächeren Systemen noch ansehnlich laufen wird, sowie vom ansehnlichen Fuhrpark, der für eine nette Abwechslung sorgt.

Somit sei abschließend gesagt: Unreal Tournament 3 ist unter den vielen ähnlichen Titeln, die gerade in diesem Jahr vermehrt veröffentlicht wurden und ebenfalls zu überzeugen wussten, ein Diamant, an dem nicht nur alte UT-Veteranen ihren Spaß haben werden.

URL-Liste:

  1. http://www.computerbase.de/news/software/spiele/actionspiele/2007/januar/neues_unreal_tournament_3/
  2. http://www.computerbase.de/news/software/spiele/actionspiele/2007/november/deutsches_unreal_tournament_3/
Copyright © 1999–2012 ComputerBase GmbH