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Test: Crysis Warhead

von Sasan Abdi, Wolfgang Andermahr

Vorwort

In Zeiten, in denen monatlich zig neue Spiele für alle möglichen Plattformen veröffentlicht werden, fällt es den Publishern trotz massiver PR- und Marketing-Bemühungen zusehends schwerer, schon vorab eine für die Verkaufszahlen äußerst positive, sich bedingende Spirale aus jubelnder Fachpresse und wartender Spielerschaft zu erzeugen. Der Grund hierfür ist, ernährungstechnisch gesprochen, in der starken Sättigung der Käuferschaft mit halbgarer Kost zu finden. Aus diesem Grund kommt allen Titeln, die in irgendeiner Form aus dem großen Langeweile-Portfolio herausstechen, besondere Aufmerksamkeit zu Gute. Doch wie können die Verantwortlichen ein Produkt schaffen, das sich von der Konkurrenz absetzt, aber trotzdem „Mainstream“ genug ist, um auch ordentliche Absatzzahlen zu erreichen? Die Antwort auf diese Frage fällt denkbar leicht: Innovation muss her.

Weitaus schwieriger lässt sich aber ebendiese entwickeln und implementieren. Dies kann zum Einen über den Inhalt, zum Anderen über die technische – vornehmlich grafische – Umsetzung geschehen. Da, wie ein Blick in die aktuelle Spiele-Landschaft schnell bestätigt, die Errungenschaft in puncto Inhalt seit einer kleinen Ewigkeit erreicht scheinen, ist es wohl in den Augen vieler Publisher und Spieleschmieden nur gut und recht, dass aktuell wie auch in der Zukunft die meisten Quantensprünge in Sachen Innovation in technischer Hinsicht erfolgen werden. „Crysis“ aus dem Hause Crytek gestaltete sich im vergangenen Herbst als ein solcher Fall, der aufgrund der zu erwartenden technischen Ausgestaltung schon vorab mit Lorbeeren überschüttet wurde. Wie sich unter anderem auch in unserem Test zeigte [1], waren diese Lobpreisungen – die passende Hardware vorausgesetzt – auch gerechtfertigt, wenngleich sich der Shooter in Sachen Inhalt und Spielziel, erneut ernährungstechnisch gesprochen, als äußerst leichte Kost ausnahm.

„Crysis Warhead“ – Packshot
„Crysis Warhead“ – Packshot

Abgesehen davon entzündete sich an „Crysis“ eine bis heute schwelende Diskussion, die um die Frage kreist, ob es für ein Produkt ausreichend ist, für einen Bruchteil der Kunden die ultimative technische Referenz darzustellen, während sich die überwiegende Mehrheit hardwarebedingt mit einem gutaussehenden, aber nicht bahnbrechenden Titel inklusive schwacher Handlung zufrieden geben muss. Diese Diskussion hat zu einem gewissen Teil auch die Entwicklung des offiziellen Nachfolgers „Crysis Warhead“ beeinflusst, da die Verantwortlichen mit „Warhead“ neben einem selbstständigen „Crysis“-Spiel überdies eine bessere Performance – auch auf aktuell weniger starken „400 Euro Konfigurationen“ – versprechen. Aus diesem Grund wollen wir uns in diesem Test sogleich mit den technischen Aspekten von „Crysis Warhead“ beschäftigen.

Technisches

Im Folgenden findet sich zunächst die verwendete beziehungsweise vom Hersteller empfohlene Konfiguration.

Testsystem für „Crysis Warhead“

Herstellerempfehlung für „Crysis Warhead“

Grafik im Test

„Crysis“ sorgte im vergangenen Herbst in Sachen Performance nicht nur im Rahmen unseres Tests [2] für lange Gesichter, sondern entfachte in der gesamten Community eine nicht enden wollende Diskussion über die Ausgestaltung der Balance zwischen den Faktoren „Visualisierung“ und „Performance“. Dass der Fokus bei „Crysis“ klar auf ersterem Aspekt lag, kann als ausgemacht gelten. Abgesehen davon, dass dieser Umstand für einige – sehr berechtigte – Kritik gesorgt hat, kann den Verantwortlichen strategisch kein großer Vorwurf gemacht werden. Natürlich hätte man, damit „Crysis“ auch beim Gros der potentiellen Käuferschaft flüssig läuft, auf das Ausreizen der Engine verzichten können – doch hätte dies gleichermaßen den vorab entstandenen Trubel um die Veröffentlichung erzeugt? Wohl kaum. Umso interessanter ist, dass man bei Crytek für den Nachfolger „Warhead“ vorab, quasi als kleine Aussöhnung, versprach, dass das Spiel auch auf weniger aktuellen Systemen ordentlich laufen werde.

Auch „Warhead“ profitiert stark von der gelungenen visuellen Umsetzung
Warhead - Grafik

Warhead - Grafik
Warhead - Grafik

Warhead - Grafik
Warhead - Grafik

Dies hat sich auf unserem auch dieses Mal nicht topaktuellen Testsystem (siehe oben) bis zu einem gewissen Grad bewahrheitet. So war es zunächst möglich, „Warhead“ bei einer Auflösung von 1440x900 ohne AA mit sämtlichen Einstellungen auf der zweithöchsten Detailstufe „Gamer“ bei recht konstanten 35-40 FPS zu spielen. Spätestens zum großen Finale, das auf einem großen Flugplatz mit jeder Menge Lichtquellen und beweglichen Objekten steigt, waren diese Einstellungen mit Blick auf FPS-Werte im Bereich von unter 15 allerdings nicht mehr haltbar, sodass hier auf die weniger ansehnliche „Mainstream“-Detailstufe gewechselt werden musste.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Entwickler von Crytek mit „Warhead“ einmal mehr den Anspruch auf die grafiktechnische Genre-Krone unterstreichen. Der Dschungel wirkt fabelhaft echt, das Licht- und Schattenspiel in selbigem verdient ohne Weiteres das Siegel „authentisch“ und Explosionen sowie Mündungsfeuer können sich ebenfalls sehen lassen (siehe Bilder oben). Abgerundet wird die hervorragende Umsetzung durch die erneut professionell gestalteten Zwischensequenzen. Hier gewinnt das Spiel – ganz anders als in puncto Handlung (siehe übernächster Abschnitt) – sehr stark an Atmosphäre. Wer über die nötige Rechenkraft verfügt, wird auf der Stufe „Enthusiast“ sogar mit noch mehr Details beglückt. Obwohl „Warhead“ im Vergleich zum Vorgänger keinerlei Quantensprung in der visuellen Umsetzung darstellt, impliziert das Vorangegangene abgesehen vom völlig angebrachten Lob aber auch, dass Crytek erneut einen Titel zur Marktreife geführt hat, der im Optimum nur auf hoch aktuellen System flüssig laufen wird. Dies bedeutet für alle, die in keinem Fall auf das Maximum an Grafik verzichten wollen, dass auch ein entsprechend maximales System den häuslichen Schreibtisch hüten muss, da „Warhead“ andernfalls – spätestens auf dem koreanischen Sonderzug oder am Flughafen – zum Daumenkino verkommt.

Umso interessanter ist, wie genau sich die einzelnen Detailstufen voneinander unterscheiden. Da ein Vergleich sämtlicher Einstellungen den Rahmen dieses Tests sprengen würde, finden sich im Folgenden zwei hoffentlich aufschlussreiche Gegenüberstellungen. Was genau der Sprung von der Detailstufe „Mainstream“ zu „Enthusiast“ unter DirectX 9 bringt, zeigt der folgende Bildervergleich (zum Vergleichen muss mit dem Mauszeiger über das Bild gefahren werden).

Ein offensichtliches und auch zu erwartendes Ergebnis. Doch wie sieht es mit der Verwendung von D3D9 bzw. D3D10 aus? Dass hier ein Performance-Unterschied zu erwarten ist, dürfte einleuchten. Abgesehen davon interessiert aber natürlich auch, was die Wahl von DirectX 10 visuell mit sich bringt. Der folgende Bildervergleich verschafft über genau diese Frage Aufschluss.

Entgegen einiger Berichte ist durchaus ein – zugegeben nicht sehr frappierender – Unterschied auszumachen. Die oben links eingeblendeten FPS-Zahlen suggerieren dabei sogar eine nahezu identische Performance auf unserem Testsystem. In Bewegung und gegenüber zahlreichen Feinden brachen die Werte allerdings unter D3D10 stark ein und auch unter D3D9 entschieden wir uns mit Blick auf die Spielbarkeit wie erwähnt für die Detailstufe „Gamer“.

Weitere interessante Einzelheiten zur Performance von „Crysis Warhead“ liefern die Benchmarks im nächsten Abschnitt.

Sound- & Sprachumsetzung

An der Audio-Umsetzung haben die Verantwortlichen wie schon beim Vorgänger auch bei „Warhead“ nicht gespart. Diese ist erneut gut gelungen und beinhaltet neben authentischen Klängen und passender Musik eine ausgezeichnete deutsche Sprachumsetzung. Lobenswert ist, dass die in Teilen im Vorgänger auffällige Asynchronität zwischen Sprecher und animierten Lippen in „Warhead“ offensichtlich der Vergangenheit angehört. Alles in allem verschafft auch die Audio-Umsetzung dem Titel ein klares Mehr an Atmosphäre.

Kopierschutz

Wie schon bei vorangegangenen Titeln setzen die Verantwortlichen bei Publisher Electronic Arts auch bei „Warhead“ auf einen Online-Kopierschutz. Dies bedeutet zum Einen, dass neben einer lokalen Prüfung der DVD nach der Installation eine Internetverbindung verfügbar sein muss, über welche die DVD sodann authentifiziert wird. Zum Anderen obliegt dem Spieler dabei auch eine begrenzte Anzahl an Installationen, was je nach konkreter Ausgestaltung beispielsweise bei veränderter Konfiguration zu Problemen führen kann. Selbiges gilt übrigens auch für den separat beiliegenden Multiplayer-Modus „Crysis Wars“. Der einzige Vorteil bei einer solchen Sicherungspolitik ist, dass nach der Authentifizierung keine DVD mehr im Laufwerk liegen muss.

Benchmarks

Nachdem es in den letzten Wochen nur wenige „Grafikperlen“ auf dem PC gegeben hatte, scheint nun mit Stalker Clear Sky sowie dem neuen Crysis-Addon, Warhead, wieder frischer Wind in die Segel der Grafikfetischisten zu kommen. Auch wenn sich das Auge noch so sehr auf die beiden Spiele freuen kann, ist für die Hardware Schwerstarbeit angesagt – für viele Grafikkarten ist diese gar zu schwer. Grund genug, Crysis Warhead einem kleinen Benchmark-Test zu unterziehen.

Jene Messungen wurden auf dem Testsystem für Grafikkarten [3] sowie der Auslieferungsversion erstellt. Als Sequenz nutzen wir einen etwa 60 Sekunden währenden Rundgang (siehe Video), der kurz nach dem Beginn des Spieles anfängt. Für die High-End-Karten haben wir die Grafikqualität auf „Enthusiast“ (D3D10) gestellt.

Video abspielen

Bei den Performancekarten verzichten wir dagegen auf die höchste Detailstufe, da dazu die Geschwindigkeit nicht mehr ausreichend ist. Bei den Testkandidaten senken wir die Qualität auf „Gamer“ (D3D10) mit ansonsten maximalen Details. Den anisotropen Filter stellen wir im Spiel durchgehend aufs „8x“ ein, während die Kantenglättung ausgeschaltet bleibt. Als Treiber kommen der Catalyst 8.9 beziehungsweise der ForceWare 177.92 zum Einsatz.

1280x1024 1xAA/16xAF - High-End

1280x1024 1xAA/16xAF - High-End

 Maximal:
ATi Radeon HD 4870 X2
42,0
Nvidia GeForce 9800 GX2
38,0
Nvidia GeForce GTX 280
31,0
Nvidia GeForce GTX 260
27,0
ATi Radeon HD 4870
25,0
Nvidia GeForce 9800 GTX+
25,0
ATi Radeon HD 4850
21,0
 Durchschnitt:
ATi Radeon HD 4870 X2
35,2
Nvidia GeForce 9800 GX2
30,3
Nvidia GeForce GTX 280
26,2
Nvidia GeForce GTX 260
21,7
Nvidia GeForce 9800 GTX+
20,9
ATi Radeon HD 4870
20,1
ATi Radeon HD 4850
16,8
 Minimum:
ATi Radeon HD 4870 X2
26,0
Nvidia GeForce 9800 GX2
20,0
Nvidia GeForce GTX 280
19,0
Nvidia GeForce 9800 GTX+
15,0
Nvidia GeForce GTX 260
15,0
ATi Radeon HD 4870
14,0
ATi Radeon HD 4850
12,0

Auch dieses Mal findet man bei den High-End-Karten schnell einen Sieger: Gegen die Radeon HD 4870 X2 von ATi scheint auch in Crysis Warhead kein Kraut gewachsen zu sein, da die Grafikkarte selbst die Nvidia GeForce GTX 280 ohne Schwierigkeiten hinter sich lässt. Mit durchschnittlichen 35 Bildern pro Sekunde sowie mindestens 26 FPS ist die Dual-GPU-Karte zudem das einzige ATi-Produkt, das Crysis Warhead flüssig in der höchsten Detailstufe wiedergeben kann. Mikroruckler treten auf der Karte auf, halten sich aber noch im Rahmen des Erträglichen.

Die GeForce GTX 280 rendert ein gutes Stück langsamer, schnappt sich aber dennoch problemlos den zweiten Platz mit durchschnittlich 26 FPS. Auch mit dieser Karte lässt sich Crysis Warhead noch gut bei maximalen Details spielen. Eine GeForce 9800 GX2 rendert theoretisch schneller, jedoch fallen auf der Grafikkarte vermehrt Mikroruckler auf. Dennoch lässt sich das Spiel gut auf der Dual-GPU-Karte spielen.

Danach folgen die GeForce GTX 260 sowie nur knapp dahinter die GeForce 9800 GTX+, bei denen man schon nicht mehr so anspruchsvoll bezüglich der FPS-Werte sein sollte, die Spielbarkeit aber gerade noch gegeben ist. Dasselbe gilt für die Radeon HD 4870, wobei es der einzelne RV770-Kern äußerst schwer hat, mit der GeForce 9800 GTX+ mitzuhalten. Alle anderen Grafikkarten sind für die Enthusiasten-Einstellungen zu langsam.

1280x1024 1xAA/16xAF - Performance

1280x1024 1xAA/16xAF - Performance

 Maximal:
Nvidia GeForce 9800 GTX+
41,0
ATi Radeon HD 4850
32,0
Nvidia GeForce 8800 GTX
32,0
Nvidia GeForce 9800 GT
32,0
ATi Radeon HD 3870 X2
31,0
Hinweis: Extreme Mikroruckler
Nvidia GeForce 9600 GT
26,0
ATi Radeon HD 3870
22,0
ATi Radeon HD 4670
21,0
ATi Radeon HD 3850
16,0
 Durchschnitt:
Nvidia GeForce 9800 GTX+
33,7
Nvidia GeForce 9800 GT
26,2
Nvidia GeForce 8800 GTX
25,9
ATi Radeon HD 4850
25,5
ATi Radeon HD 3870 X2
23,9
Hinweis: Extreme Mikroruckler
Nvidia GeForce 9600 GT
20,3
ATi Radeon HD 4670
16,8
ATi Radeon HD 3870
16,5
ATi Radeon HD 3850
12,4
 Minimal:
Nvidia GeForce 9800 GTX+
22,0
Nvidia GeForce 9800 GT
18,0
ATi Radeon HD 4850
17,0
Nvidia GeForce 8800 GTX
17,0
ATi Radeon HD 3870 X2
16,0
Hinweis: Extreme Mikroruckler
Nvidia GeForce 9600 GT
13,0
ATi Radeon HD 3870
10,0
ATi Radeon HD 4670
9,0
ATi Radeon HD 3850
8,0

Schon bei der höchsten Qualitätseinstellung hinterlässt die GeForce 9800 GTX+ eine gute Figur, was sich auch bei der Option „Gamer“ nicht ändert. Die Nvidia-Karte läuft allen anderen Kontrahenten, auch der Radeon HD 4850, auf und davon. Generell scheint es die ATi-Garde in Crysis Warhead, zumindest mit aktuellen Treibern, schwer zu haben, mit den Nvidia-Pendants mitzuhalten. So befindet sich die Radeon HD 4850 nur auf dem Niveau einer GeForce 9800 GT, obwohl sie normalerweise gegen die GeForce 9800 GTX+ kämpft.

Mit einer GeForce 9600 GT ist Crysis Warhead unter den zweithöchsten Einstellungen noch einigermaßen spielbar, wogegen sämtliche Radeon-HD-3800-Karten teilweise nur noch extrem ins Stocken geraten. Die Radeon HD 3870 X2 erreicht zwar passable Werte, jedoch ist der 3D-Beschleuniger extrem von dem Problem der Mikroruckler betroffen – unspielbar. Erstaunlich rechenstark zeigt sich die Radeon HD 4670, die auf dem Niveau der Radeon HD 3870 agiert.

Inhaltliches

Plot

Mit „Crysis Warhead“ wagen die Entwickler von Crytek anstelle eines komplett neuen Settings die Eröffnung eines weiteren, parallel zu „Crysis“ stattfindenden Handlungsstranges. So wird nach Nomad nun Psycho, der zweite Überlebende der ursprünglichen Mission, begleitet, was storytechnisch sauber glückt – allerdings nur, wenn man den ersten Teil tatsächlich gespielt hat. Falls nicht, wird „Warhead“, am Ende der rund achtstündigen Kampagne angelangt, für alle Neulinge im Nano-Suit einige inhaltliche Fragen offenlassen.

Ob dieser Umstand in diesem Fall allzu schwer wiegt, darf aber bezweifelt werden. Denn „Warhead“ ist der aktuellste Beweis dafür, dass der Faktor „Action“ nicht etwa nur das Beiwerk zur sinnstiftenden Handlung ist, sondern das genau die umgekehrte Konstellation gegeben ist. So kommt es bei „Warhead“ wie schon beim Vorgänger schon nach ein paar Minuten Spielzeit überhaupt nicht mehr darauf an, wen man da gerade aus welchem Grund aus dem Weg räumt. Hauptsache, es kracht. Damit die ansehnliche Ballerei dann doch nicht in einer „Serious Sam“-mäßigen Orgie endet, hat man bei Crytek eine gewohnt simple aber in sich immerhin schlüssige Handlung integriert.

Nordkoreanischer Colonel: Bösewicht, wie er leibt und lebt
Nordkoreanischer Colonel: Bösewicht, wie er leibt und lebt

Und die geht so: Psycho wird ans andere Ende der Insel beordert und muss schnell feststellen, dass die Nord-Koreaner unter der Führung eines ebenso ausgefuchsten wie lässig-bösen Colonels einen teuflischen Plan ausgeheckt haben. Um den Lauf der Zeit zu verändern, planen die lupenreinen Antagonisten aus Pjöngjang nichts geringeres, als eines der eisigen Maschinen-Aliens in einem Container nach hause zu schaffen. Das ultimative Ziel von „Warhead“ ist damit von vornherein klar definiert, da natürlich genau dies verhindert werden muss. Bis zum großen Finale, bei dem man sowohl den garstigen Aliens als auch den nach Weltherrschaft strebenden Asiaten den Hintern versohlen muss, rennt Psycho dem blau-schimmernden Frachter hinterher, der mal auf Schienen und mal auf einem Luftkissenfahrzeug gen Nordkorea verfrachtet werden soll.

Mit Blick auf diese Simplizität, die auch im Spiel selbst durch keinerlei nennenswerte Wendung aufgebrochen wird, hinterlassen die vielen offenen Stellen, mit denen sich all jene eventuell konfrontiert sehen könnten, die „Crysis“ nicht gespielt haben, wahrscheinlich doch keinen faden Beigeschmack. Denn auf den Plot kommt es bei „Warhead“ nicht zwingend an. Ob dies für einen klassischen Shooter verwerflich ist, muss individuell beantwortet werden – immerhin ist auch dies eine der aktuell zentralen Fragen. Unterstellt man für sich jedoch, dass auch ein zünftiges Action-Spiel einen Hauch von spannendem, vielleicht sogar innovativem Inhalt bieten sollte, so muss an dieser Stelle die große Schwachstelle von „Warhead“ vermerkt werden, auch wenn sich die Handlung für „Crysis“-Veteranen immerhin etwas spannender ausnimmt, da das im ersten Teil gewonnene Bild vervollständigt wird.

Missionsdesign

In Sachen Missionsdesign hat sich bei „Warhead“ im Vergleich zum Vorgänger nichts getan, was aber auch völlig in Ordnung ist. Neben den ziemlich linearen aber sauber umgesetzten Hauptmissionen sorgen die dezent gestreuten, allerdings nicht sehr abwechslungsreichen optionalen Nebenmissionen dafür, dass der Spieler vordergründig ein kleines Stück mehr Freiheit gewinnt. De facto wird einem dies allerdings nur vorgegaukelt. Es besteht zwar in der Tat jederzeit die Möglichkeit, den konventionellen Weg zu verlassen und sich buchstäblich auf eigene Faust durch den wunderbar animierten Dschungel zu schlagen – doch gibt es hierfür nicht den Hauch einer Motivation. Da abseits der Hauptmission weder Ruhm, Reichtum noch viele Sehenswürdigkeiten locken, wird „Warhead“ von vornherein zu einem äußerst linearen, teils heftig gescripteten Spiel, wobei die Nebenmissionen lediglich für eine leichte Auflockerung sorgen.

Allerdings stellt diese Linearität kein großes Problem dar, da der Fokus bei „Warhead“, wie im Vorangegangenen beschrieben, klar auf der Action liegt. Deshalb wäre es wohl nicht sonderlich passend, eine Vielzahl von Vorgehensweisen anzubieten, da so aus einem Abschalt- ein strategisch etwas forderndes Spiel werden würde. Ob diese Logik tatsächlich sinnvoll ist, muss abermals individuell beantwortet werden.

Kämpferisches

KI

Die Künstliche Intelligenz der „Warhead“-NPCs gehört wie schon beim Vorgänger ohne Zweifel zu der Besten im Genre. Dies gilt vor allem für die Einheiten der Nordkoreaner, die weiterhin in Überzahl auf eine Einkreistaktik setzen, gezielt Deckung suchen und, sofern vorhanden, stets versuchen, stationäre Geschütze im Kampf gegen den Spieler besetzt zu halten. An einzelnen Aussetzern, die sich schon beim Vorgänger im in die Luft beziehungsweise gegen Felsen Starren der Soldaten äußerten, hat sich allerdings auch in „Warhead“ nichts geändert.

Im Würgegriff: Ein seltener Fall, in der sich die NPC-KI düpieren ließ
Im Würgegriff: Ein seltener Fall, in der sich die NPC-KI düpieren ließ

Ebenso unverändert scheint die Stärke der Gegner: So vertragen sowohl KVA-Truppen als auch Aliens jede Menge Blei, was allerdings in „Warhead“ aufgrund der dieses Mal üppig vorhandenen Munitionsvorräte weniger schwer wiegt als noch im ersten Teil.

Waffen & Fahrzeuge

Das aus „Crysis“ bekannte Waffenarsenal sowie der Fuhrpark wurden in „Warhead“ leicht überarbeitet. So kann nun neben obligatorischen Jeeps und Panzern auch auf einen stark gepanzerten Truppentransporter sowie ein Luftkissenfahrzeug zurückgegriffen werden. Leider ist die Steuerung eines ab und an vorkommenden Senkrechtstarters nicht vorgesehen. Bei den Waffen ist die Verfügbarkeit eines schweren Granatwerfers zu vermerken, mit dem sich vorzüglich Jagd auf die kleineren Ausgaben der Eis-Aliens machen lässt.

Nano-Suit & Steuerung

Mit Blick auf das Nano-Suit-Feature sowie die Steuerung hat sich bei „Warhead“ im Vergleich zu „Crysis“ [4] nichts verändert. Die Steuerung ist somit weiterhin als solide gelungen zu bezeichnen, was auch die Auswahl der einzelnen Optionen des Anzugs einschließt. Diese werden allerdings einem subjektiven Gefühl nach deutlich seltener gebraucht als im ersten Teil, was bedeutet, dass die von manch einem Spieler seltsamerweise als hakelig empfundene Bedienung des Suits nur an wenigen Stellen zwangsweise erfolgen muss.

Anzug-Steuerung: Auch mit einer Drei-Tasten-Maus möglich
Anzug-Steuerung: Auch mit einer Drei-Tasten-Maus möglich

Multiplayer

Entgegen durchaus angebrachter Vermutungen ist der Multiplayer-Modus zu „Crysis Warhead“ recht aufwändig überarbeitet worden. Die Mühe, die man sich dabei gemacht hat, soll wohl auch dadurch deutlich gemacht werden, dass „Crysis Wars“ auf einer separaten DVD daherkommt. Neben den typischen beziehungsweise bereits bekannten Modi „Death Match“ oder „Power Struggle“ bietet „Crysis Wars“ überdies einen neuen Team-Modus sowie insgesamt sieben neue Mehrspielerkarten und kann eine möglicherweise anstehende Kaufentscheidung für Freunde zünftiger Mehrspielerpartien erleichtern.

Fazit

Dieser Test brachte erwartungsgemäß häufig Formulierungen à la „im Vergleich zum Vorgänger“ hervor. Der Grund hierfür ist darin zu finden, dass „Crysis Warhead“ sich in jeder Hinsicht direkt mit „Crysis“ vergleichen lässt, da es wie angekündigt eher ein Zwischenspiel zu einem zweiten Teil der Reihe darstellt. Das bei „Crysis“ so dominante Spannungsfeld „Grafik – Performance“ ist aufgrund einer leicht überarbeiteten visuellen Umsetzung auch für die Fortsetzung der Reihe relevant. Auch mit Blick auf die anderen in diesem Test beleuchteten Aspekte offenbaren sich einige Parallelen. Dementsprechend gestaltet sich „Crysis Warhead“ als ein solide aufgebohrtes Standalone-Add-on, das mit einer neuen, gewohnt kurzweiligen und handlungstechnisch flachen Umsetzung aufwartet. In Sachen Technik haben die Macher von Crytek dagegen erneut alles richtig gemacht, denn wer nach einem „S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky“ [5] die Nase von Bugs und Ungereimtheiten gestrichen voll hat, wird sich über die runde technische Umsetzung von „Warhead“ sowie den verbesserten Mehrspieler-Modus erst recht freuen.

Abgesehen von diesen grundlegenden Dingen stellen sich somit abschließend wie schon bei „Crysis“ zwei höchst individuelle Fragen. Die eine betrifft den eigenen Anspruch an die Ausreizung der technischen Möglichkeiten. Denn wer „Warhead“ tatsächlich im absoluten Maximum genießen möchte, wird trotz einiger Optimierungen nicht umhin kommen, neben den zurecht moderaten Anschaffungskosten von rund 30 Euro für das Spiel auch in eine entsprechende Hardware-Ausrüstung zu investieren. Die zweite Frage bezieht sich dagegen auf die Ausgestaltung der Handlung: Es soll noch immer Spieler geben, die sich im Shooter-Genre mit einem lauen Plot abspeisen lassen – schließlich käme es ja nur auf die Action an. Dem soll an dieser Stelle von einem natürlich subjektiven Standpunkt aus deutlich widersprochen werden. Nach dem inhaltlich sehr konventionellen „Crysis“, dem allein die Grafikpracht reichte, um in die „Hall of Fame“ der Spiele einzuziehen, hätte es für „Warhead“ etwas mehr bedurft, um Selbiges erneut zu erreichen. Ein spannender, weniger typischer Plot hätte hierzu sehr hilfreich sein können. Das Fehlen jeglicher Innovation macht – man erinnere sich an das Vorwort zu diesem Test – in dieser Hinsicht jegliche Chance zunichte.

Und so bleibt „Crysis Warhead“ ein gutes aber keinesfalls herausragendes Spiel. Letzten Endes ist der Titel – wie schon der Vorgänger – eine höchst individuelle Sache. Wer tatsächlich nur auf Action Wert legt, wird bestens bedient, sollte aber aufhören, Innovation zu fordern. Da die aufkommenden inhaltlichen Unklarheiten in diesem Fall weitgehend irrelevant sind, gilt dies auch für all jene, die „Crysis“ nicht gespielt haben. Wer dagegen auch auf inhaltlichen Tiefgang hofft, wird mit „Warhead“ erneut schlecht bedient. Ob die gute technische Umsetzung dies in jedem Fall zu überspielen vermag, ist fraglich, aber nicht ausgeschlossen.

Umso besser, dass Crytek kürzlich die baldige Verfügbarkeit einer „Warhead“-Demo angekündigt hat.

Persönliches Fazit von Andreas Frischholz:

Allzu viele Erwartungen hatte ich nicht an „Crysis Warhead“. Spätestens nachdem bekannt wurde, dass die ungarische Zweigstelle von Crytek für den Titel verantwortlich ist und die Geschichte nicht weitergeführt, sondern lediglich aus der Sicht eines anderen Soldaten erzählt wird, rechnete ich mit einer äußerst lieblosen und trägen Fortsetzung. Zu meinem großen Erstaunen gefällt mir „Crysis Warhead“ recht gut, in vielen Teilen sogar wesentlich besser als das Ur-Crysis. Das liegt in erster Linie an dem deutlich charismatischeren Protagonisten sowie den aufwändiger inszenierten Gefechten gegen die Koreaner.

Während man in „Crysis“ noch einen recht spröde wirkenden Ja-Sager verkörperte, entspricht „Psycho“ eher dem Klischée eines US-amerikanischen Supersoldaten: Dicke Lippe, eigensinniges Handeln – auch über die Vorschriften und Befehle hinaus – und doch mit einer grundfesten Moral gegen das Böse ankämpfend. Das ist nun nicht unbedingt kreativer als das Bekannte aus dem ersten Teil, sorgt aber für mehr Atmosphäre, zumal auch ein größeres Augenmerk auf die Charaktere außerhalb der Spezialeinheit gelegt wird. Die Story an sich dreht sich in erster Linie um den Kampf gegen die Koreaner, was dem Spiel zu Gute kommt – die Kämpfe gegen menschliche NPCs gehen flotter von der Hand als jene gegen die Alien-Invasoren, zudem fallen die Passagen in schwerelosen Alien-Schiffen weg, die von Vielen als die schwächsten Abschnitte im ersten Crysis ausgemacht wurden.

Eine der größten Schwächen in „Crysis Warhead“ ist allerdings, dass es den Entwicklern nicht gelingt, die Geschehnisse von „Crysis“ transparent in die neue Geschichte zu übertragen. Wer „Crysis“ nicht kennt, wird mit diversen Story-Lücken konfrontiert, allein der Anfang wirkt bereits recht konfus und auch im weiteren Spielverlauf erfährt man nicht viel über den Kampf zwischen den Amerikanern, Koreanern und Alien. Außerdem handelt es sich wirklich um eine Parallel-Story, Überschneidungen mit dem ersten Teil – die für ein deutliches Atmosphäreplus sorgen könnten – fehlen jedoch fast vollständig. Wenn sie dann aber zu erkennen sind, wirken sie eher unausgegoren und zusammenhanglos. Außerdem fällt die Spielzeit des Single-Players noch kürzer aus als in „Crysis“ und mit Ausnahme von zwei neuen Waffen und Fahrzeugen sind auch keine Neuerungen in das Spiel integriert worden. Dafür hat Crytek den Multiplayer-Part aufgebohrt, der eine höhere Anzahl von Spielmodi bietet und als kleine Entschädigung für den kurzen Single-Player angesehen werden kann.

Dennoch lohnt sich der Kauf für all’ diejenigen, die bereits den ersten Teil mochten oder einfach auf der Suche nach einem flotten Action-Spiel sind, das im optischen Bereich immer noch Maßstäbe setzt. Spieler, die den Fokus in erster Linie auf eine ausgeprägte Story legen, sollten lieber erst die Demo anspielen.

URL-Liste:

  1. http://www.computerbase.de/artikel/software/2007/test_cryteks_crysis/
  2. http://www.computerbase.de/artikel/software/2007/test_cryteks_crysis/5/#abschnitt_grafik_im_test
  3. http://www.computerbase.de/artikel/hardware/grafikkarten/2008/test_ati_radeon_hd_4670/4/#abschnitt_testsystem
  4. http://www.computerbase.de/artikel/software/2007/test_cryteks_crysis/4/#abschnitt_nanosuit
  5. http://www.computerbase.de/artikel/software/2008/test_stalker_clear_sky/
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