Vorwort
Manchmal fußt bahnbrechender Erfolg auf ebenso simplen wie grandiosen Ideen: Mit über 100 Million verkauften Spielen [1] ist die spassige Lebenssimulation „Die Sims“ sicher auch dank gefühlten 30 Nachfolgern, Ablegern und Addons das meistverkaufte Spiel aller Zeiten. Nicht die ultimative technische Revolution und auch kein riesiger inhaltlicher Schritt sorgen für die bis heute anhaltende, sich in einer riesigen Community niederschlagende Beliebtheit der Serie, sondern der zugleich zurückhaltende wie irgendwie pathetische Wunsch, „das Leben“ als solches in all seinen Facetten im positivsten Sinne zu steuern und digital zu erleben.
Mit Blick auf diesen Anspruch verwundert es nicht, dass die Macher aus dem Hause Maxis neben der Mitbegründung des mittlerweile so wichtigen „Casual“-Segments mit einer großen, eigentlich ungewollten Tradition brachen und aus dem ehemals männlich dominierten Videospiele-Bereich eine auch für Mädchen und Frauen ansprechende Beschäftigung machten – eine digitale Gender-Revolution, wenn man so will.
Umso ausgeprägter war nun die Spannung auf den lange entwickelten, lange angekündigten und noch länger erwarteten dritten Teil der Simulation. Ob der Zauber der vorangegangenen Veröffentlichungen auch in der Neuauflage anhält, soll in diesem Test geklärt werden.
Die Sims 3 auf einen Blick
Die wohl größte Neuerung in „Die Sims 3“ findet man gleich zu Beginn: Entsprechend der dahingehend starken Anregungen aus der Community liefern Maxis und EA ein Spiel ab, bei dem der eigene Charakter bis ins kleinste Detail nach individuellen Vorstellungen konzipiert werden kann (siehe Bilderreihe unten). Von der Gesichtsform über die Haare, den Körperbau, die Länge der Wimpern und die Form des Mundes bis hin zum Kleidungsstil für unterschiedliche Anlässe sind der Fantasie dabei keine Grenzen gesetzt. Bemerkenswert ist hierbei, dass neben der grundlegenden Form der Körpermerkmale in einem zweiten Modus immer detailliert nachgebessert werden kann. Und auch für die grundlegenden Ausprägungen der Charaktereigenschaften kann bereits vorab gesorgt werden: Je nachdem, welche Attribute man seiner Person zuschreibt, wird man im Laufe des Spiels auf unterschiedliche Zusatzfunktionen zurückgreifen können. So verfügt ein humorvolle Charakter von vornherein über die Möglichkeit, seine Mit-Sims vorzüglich zu unterhalten – eine wichtige Eigenschaft, denn der soziale Kontakt ist nach wie vor von hoher Wichtigkeit.










Abseits der interaktiven Zusatzfunktionen ergeben sich aus den grundlegenden Eigenschaften aber auch Vorgaben für die Auswahl des Lebensziels. Ein künstlerisch begabter Sim wird eher Rockstar oder Buchautoren werden, während Worcaholics eine Karriere in einem großen Konzern anstreben und Naturliebhaber sich über einen besonders schönen, aufwändigen Garten freuen. Die Erfüllung dieser Lebensziele ist allerdings nicht zwingend Pflicht, doch erhält man hierfür einen satten Batzen Punkte, mit denen man Lebenszeitbelohnungen erlangen kann. Bei letzteren handelt es sich um nach Punkten gestaffelte, positive Charakterzusätze, mit denen beispielsweise eine Party immer zum vollen Erfolg wird, der Sim seltener aufs Klo muss oder aber öfter mal bei der Arbeit fehlen darf. Kleinere Summen dieser nützlichen Punkte erhält man auch dann, wenn man seinem Sim Wünsche erfüllt. Diese sind wiederum an die vorab gewählten Charaktereigenschaften gebunden: Ein Worcaholic wünscht sich, auch mal zuhause am PC zu arbeiten, während die Künstlerin gerne nachts Gitarre übt oder zum Pinsel greift. Doch auch nicht an die Eigenschaften gebundene Wünsche, wie solche nach einem Techtelmechtel mit der Nachbarin oder dem Kauf einer Stereoanlage können erfüllt werden.
Bevor an derlei große Investitionen überhaupt ansatzweise gedacht werden kann, müssen wie gewohnt zunächst die großen Anfangswirren überstanden werden. Denn wie im wahren Leben ist der Einzug in eine neue Stadt auch in „Die Sims 3“ ein kleines Abenteuer. In dieser Hinsicht orientieren sich die Macher also felsenfest am bisher bekannten Spielprinzip, was jedoch aufgrund des nach wie vor runden und sinnvollen Konzepts kein Problem darstellt. Nach Erstellung des Charakters gilt es deswegen auch gewohntermaßen, in der zumindest vorerst einzigen Stadt Sunset Valley nach einem geeigneten Häuschen Ausschau zu halten, wobei das Budget mit 20.000 Simoleons ziemlich schmal ausfällt und weniger individuelle Spieler wieder auf möblierte Objekte zurückgreifen können. Ambitionierte Spieler – bei „Die Sims“ wohl das Gros – erwerben das Objekt der Begierde dagegen leerstehend. Sodann geht es gleich ans Einrichten der neuen Behausung, was freilich dem Verpulvern der restlichen Ersparnisse gleich kommt. Auffällig ist hierbei, dass, abgesehen von den weitgehenden hässlichen Teppichen, die Anzahl der Einrichtungselemente in manchen Rubriken etwas kleiner ausfällt, als man es erwarten könnte; gut möglich, dass die Community, aber auch EA hier zeitnah weitere Inhalte liefern werden (letzteres allerdings gegen Bares).
Dennoch lässt sich die neue Bleibe alles in allem ordentlich einrichten, wobei spätestens jetzt das altbekannte „Sims“-Gefühl aufkommt, was ein Festhalten am gewohnten Spielprinzip abermals befürworten lässt. Und auch mit Blick auf den nächsten Schritt bietet die dritte Auflage Altbewährtes: Nach der Charaktererstellung und dem Einzug muss ein Job gefunden werden. Hierzu bietet es sich an, eine dem gewählten Lebenswunsch entsprechende Anstellung zu wählen. Wer ein großer Künstler werden will, sollte sich also bei der Kunstakademie bewerben, während Sportler im lokalen Stadion, zukünftige Buchautoren bei der Zeitung und Astronauten beim Militär Unterschlupf finden.
Die Sims 3 auf einen Blick (Fortsetzung)
In Sachen Jobvielfalt hat sich also durchaus etwas getan. Um in seinem jeweiligen Metier erfolgreich zu sein, müssen unterschiedliche Fähigkeiten trainiert werden. Wer beispielsweise zum Politikstar avancieren will, wird häufiger vor dem Spiegel stehen um Reden zu üben, während der zukünftige Rockstar dagegen zuhause oder im Park an seiner geliebten Gitarre herumzupfen wird. Über die abermals hervorragend gelungene Menü-Führung lässt sich stets einsehen, welche Merkmale mit welcher aktuellen Ausprägung gefördert werden sollten, um in der Karriere voranzukommen. Prinzipiell lässt sich sagen, dass der Aufstieg in der Karriereleiter – als Mitarbeiter im Gastronomie-Bereich buchstäblich vom Tellerwäscher zum Millionär – leider viel zu einfach und zu schnell von statten geht. Dies wird allerdings unter anderem dadurch kompensiert, dass das Spiel auch nach Erreichen des Ziels keinesfalls endet, da über die Lebenszeitbelohnungen auch ein neues gewählt werden kann.




Doch auch abseits dieser Ziele gibt es genug zu tun, denn schließlich soll der mit viel Muße erschaffene Sim nicht nur im Job, sondern auch in der Liebe erfolgreich sein. Dazu bietet es sich an, zunächst einen großen, stabilen Freundeskreis aufzubauen, was dem eigenen Charakter nicht nur soziale Zufriedenheit, sondern unter Umständen auch Vorteile im Job und bei der Erreichung von neuen Fähigkeitsstufen beschert. Hierzu können wahllos Personen angesprochen oder im Stadtpark zu einer Runde Schach oder einem Picknick eingeladen werden. Steht der Freundeskreis erstmal, lässt sich über das glücklicherweise verfügbare Handy innerhalb weniger Minuten eine Party organisieren, bei der es wie im wahren Single-Leben heißt: Auf die Jagd! Doch ebenfalls wie im wahren Leben will auch hier der ideale Partner ersteinmal gefunden werden. Und selbst wenn dies gelungen ist, bedarf es einiger Zeit, um die zwei Liebenden zueinander zu bringen, denn neben dem – übrigens völlig harmlosen – Geknuddel will auch der Alltag mit so nervigen Aufgaben wie Arbeiten, Aufräumen (zum Glück gibt's wieder den Putzdienst) und Lernen gemeistert werden. In derlei Momenten ist „Die Sims 3“ trotz der vielen spassigen, mit einem Augenzwinkern zu verstehenden Momente genau das: Eine Lebenssimulation.
Hat man es dann endlich geschafft und das Zusammenziehen ist gemeistert, wird es Zeit für Nachwuchs. Spätestens ab dem zweiten Kind wird „Die Sims 3“ dann in gewohnter Manier zum wirklich fordernden Drahtseilakt. Während die Erwachsenen nach Möglichkeit ihrer Karriere nachgehen, darf auch die Förderung der Kinder nicht zu kurz kommen. Diese müssen Freunde finden und eigene Fähigkeiten entwickeln, was natürlich maßgeblich über das Lernen geschieht. Hier wächst also eine neue Generation heran, die ihrerseits über Wünsche und Ziele verfügt und den Spieler in zweiter, dritter oder gar vierter Generation dazu einlädt, andere Facetten und Möglichkeiten eines „Sims“-Lebens kennenzulernen – Langzeitmotivation ist also durchaus gegeben. Gerade in ersten Generation bietet es sich dabei an, die Alterung der Sims auszuschalten, um sich ersteinmal mit den zahlreichen Möglichkeiten vertraut zu machen.
Die Gründung einer Familie bringt natürlich auch andere Implikationen mit sich: Die Junggesellen-Bude reicht dann längst nicht mehr aus. Spätestens jetzt wird der abermals übersichtlich und gut strukturierte Baumodus benötigt, um aus dem kleinen aber feinen Häuschen ein stattliches Familiendomizil zu machen, wobei es sich hervorragend ausnimmt, wenn der Sim in der Karriereleiter die oberen Sprossen erreicht hat, da andernfalls schnell monetäre Engpässe auftreten können. Auch hier bietet „Die Sims 3“ ähnlich wie im Kaufmodus abermals viele Anreize, um sich stundenlang mit dem Spiel zu beschäftigen.
Grafik & Performance
Auch wenn der Punkt „Grafik & Performance“ für ein Spiel wie „Die Sims 3“ eher von nebensächlicher Bedeutung ist, soll in diesem Test nach einer Auflistung der verwendeten bzw. empfohlenen Hardware natürlich auch kurz auf die technische Umsetzung eingegangen werden.
Testsystem für „Die Sims 3“
- Windows Vista Ultimate (32 Bit)
- Intel Core 2 Duo E6700 @ 2,66 GHz
- Gigabyte GA-965P-DQ6
- ATI Radeon HD 4870 (Catalyst 9.5, 512 MB)
- 3 GByte DDR2 RAM
Herstellerempfehlung für „Die Sims 3“ (PC)
- Betriebssystem: Windows XP (SP 3) oder Vista (SP 1)
- Prozessor: 2 GHz P4-Prozessor oder gleichwertig
- Arbeitsspeicher: 1 GB (XP), 1,5 GB (Vista)
- Grafikkarte: Grafikkarte mit 128 MB und Pixel Shader 2.0 Unterstützung
- Festplatte: rund 8 GB Festplattenspeicher
- Soundkarte: DX-9-kompatibel
- DVD-ROM-Laufwerk
- Tastatur, Maus
Wer sich von „Die Sims 3“ eine technische Revolution der Reihe erhofft, wird enttäuscht. Statt einer grandiosen neuen Optik kommt das Spiel in zwar überarbeiteter, aber nicht top-aktueller Tracht daher, was sich allerdings zu keiner Zeit auch nur ansatzweise auf den Spielspaß auswirkt. Ärgerlich ist dagegen, dass die vielen Gebäude in der Stadt – vom Bücher- und Lebensmittelladen über das Rathaus bis hin zum Krankenhaus, nicht eingesehen werden können. Stattdessen wird man mit einem unansehnlichen Fenster abgespeist, in dem man beispielsweise seine Einkäufe anwählen und ins Inventar schieben kann. Schade auch, dass dies bedeutet, dass man seinem Charakter auch nicht bei der Arbeit zusehen kann.
Abgesehen davon gibt es an der technischen Umsetzung allerdings nicht viel zu meckern. „Die Sims 3“ lief im Rahmen unseres Tests äußerst stabil ohne einen einzigen Absturz. Zudem lieferte das Testsystem bei maximalen Qualitätseinstellungen solide Bilderraten, die sich je nach Umgebung und Ansicht zwischen 50 und 100 FPS bewegten.
Fazit
Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Die Verantwortlichen Entwickler von Maxis machen mit „Die Sims 3“ alles richtig. Dabei stellt die Fortsetzung zu einer derart altehrwürdigen und zugleich beliebten Reihe ein besonders sensibles Unterfangen dar, da stets der Drahtseilakt zwischen notwendigen neuen Inhalten und dem Erhalt des grundlegenden Spielprinzips geleistet werden muss. Umso lobenswerter also, dass dies über weite Strecken so hervorragend gelingt. Mit einer deutlichen Verbesserung des Editors und der Integration vieler kleiner, neuer Möglichkeiten sowie einer leichten visuellen Überarbeitung liefert das Spiel zunächst genügend Anreize, um sich überhaupt darauf einzulassen. Zudem läuft es äußerst stabil, was in Zeiten wie diesen längst nicht selbstverständlich ist.
Auf der anderen Seite hat sich an der grundlegenden Konzeption nichts verändert – und das ist auch gut so. Ein „Die Sims“, in der nicht mehr das Leben gemanaged werden muss, wäre kein „Die Sims“ mehr. Letzten Endes lebt die komplette Reihe eben von der Möglichkeit, einen fiktiven aber dem Spieler doch irgendwie nahestehenden Charakter durch die verschiedenen Stadien des Lebens zu begleiten. „Die Sims“ ist somit quasi die digitale Fortsetzung vom „Wir spielen Familie oder Feuerwehrmann“ im Kindergarten, den unterschiedlichen Abwägungen zur Frage „Was mache ich im Leben eigentlich?“ und zu den gesetzteren Themen des vorangeschrittenen Alters, zu denen beispielsweise die Familie, die Karriere oder aber die Erfüllung großer Wünsche – Lebenswünsche – gehört. In dieser Hinsicht kann man sogar etwas fast schon Philosophisches in einer eigentlich banalen Sache wie einem Videospiel finden, wobei besonders findige, ethisch korrekte Zeitgenossen nicht ganz zu unrecht die Frage stellen dürfen, ob es nicht eigentlich unmoralisch ist, abseits des wahren Lebens eine bestimmte Palette von Möglichkeiten ein Dasein betreffend auszutesten.
Ganz gleich, wie die Antwort auf eine solche Frage ausfällt: Fest steht, dass der Reiz, viele unterschiedliche Lebenswege und -arten auszuprobieren, abseits von richtig oder falsch – muss man wirklich jeden Spaß hinterfragen? – auch im dritten Teil der Reihe nicht an Geltung verloren hat. Zu diesem Zwecke stellt „Die Sims 3“ als überarbeitete, spaßige und vielfältige Miniaturisierung des Lebens die perfekte Freizeitbeschäftigung dar.




