Vorwort
Vor bald drei Jahren sorgte „BioShock“ für einen fulminanten Überraschungserfolg, der auf durchweg guten Kritiken und einer äußerst zufriedenen Käuferschaft fußte. Vor diesem Hintergrund verwunderte es nicht, dass die Verantwortlichen bei 2K Games und dem übergeordneten Publisher Take 2 bald die Chance witterten, eine ganz große Marke ins Leben zu rufen und diese weiter ausbauen zu können. Dies äußerte sich beispielsweise in der Feststellung [1], dass „BioShock“ das Potential habe, zu einer Premium-Marke à la „Star Wars“ zu avancieren.
Hand in Hand mit diesen vollmundigen Prognosen ging das Versprechen, das potente Erstlingswerk nicht zu einer Cashcow zu machen, die von Fortsetzung zu Fortsetzung bei vollem Preis immer weniger Qualität bietet. Stattdessen solle eine schonende, auf Qualität abzielende Veröffentlichungspolitik für eine langsame aber stetige Entwicklung der Franchise sorgen.
Mit genau diesem Versprechen muss sich „BioShock 2“ nun messen lassen. Dies stellt keine leichte Aufgabe dar, schließlich ist der Grat zwischen sinnvoller und übertriebener Erweiterung der Spielerfahrung erfahrungsgemäß äußerst schmal, wobei eine frappierende Fehlbalance die lange wartende Fangemeinde verärgern könnte. Im Folgenden soll geklärt werden, ob dieser Drahtseilakt gemeistert wird und ob „BioShock 2“ (BS 2) grundsätzlich zu überzeugen weiß.
Inhaltliches
Plot
„BioShock 2“ setzt nur bedingt direkt an der Erzählung aus dem ersten Teil an. Stattdessen sind seit dem Bürgerkrieg in der Unterwasser-Utopie Rapture gut zehn Jahre vergangen, in denen sich das einst ambitionierte Out-Of-World-Projekt durch eine Mischung aus ultimativen Machtansprüchen und Wahnsinn selbst zerstört hat. Dabei werden Veteranen des ersten Teils schnell feststellen, dass sich an der stilitischen Aufmachung sinnvollerweise nicht viel verändert hat. So glänzt auch BS 2 weiterhin im zum Setting passenden Art-Déco der 30er-Jahre, wobei die entsprechende Grammophon-Musik einen fast schon absurden Gegenpol zur eigentlich bedrückenden Atmosphäre bildet.
Dennoch spielt die grundlegende Handlung natürlich auch im zweiten Teil eine Rolle, schließlich haben sich die Rahmenbedingungen nicht gänzlich verändert. Und so streift der Spieler abermals durch strukturell neue, aber stiltechnisch kaum veränderte Gefilde der mittlerweile komplett zerfallenen Welt von Rapture – dieses Mal in der Rolle von Delta, einem Prototyp-Big-Daddy, dessen Sein oder Nichtsein auf fatale Weise an eine Little Sister namens Eleonora gebunden ist.
Damit wären gleich zwei wichtige Bausteine benannt, die die „BioShock“-Serie ausmachen und deren Beschreibung deutlich macht, dass man es hier nach wie vor mit einem eher unkonventionellen Videospiel zu tun hat: Little Sisters sind kleine Mädchen, die mit einer überdimensionalen Spritze und entsprechenden Sinneswahrnehmungen in Leichen eine Substanz namens ADAM aufspüren können, die zwar als Grundstoff für einige fantastische Genmodifikationen dient, zugleich aber auch hochgradig abhängig macht – im wahrsten Sinne des Wortes der Stoff also, an dem Rapture zugrunde ging. Big Daddys werden jene über Drogen und Psychologie dressierte Menschen genannt, die ihr Leben als in einem Taucheranzug steckende Kampfmaschine komplett in den Dienst der Little Sisters stellen.
Wie schon im ersten Teil ist die Symbiose von Little Sister und Big Daddy auch in „BioShock 2“ zentrales Handlungselement. Dies wird anhand der Verbindung des Hauptcharakters und der mysteriösen Little Sister Eleonora, aber auch am Verhältnis zu den anderen Little Sisters von Rapture deutlich. Denn auch der Spieler ist auf das besagte ADAM angewiesen, was begründet, dass auch dieses Mal wieder Kontakt mit den armen Geschöpfen aufgenommen werden muss. Dabei hat der Spieler abermals regelmäßig die hoch moralische Entscheidung zu treffen, die Little Sister tödlich auszubeuten und maximales ADAM zu erlangen, oder sie zu retten und dafür nur mit der halben Menge vorlieb zu nehmen. Genau wie im Vorgänger gilt auch hier, dass das Verhalten des Spielers sich auf den Ausgang der Handlung auswirkt.
Zusammenfassend kann man mit Blick auf den Plot somit feststellen, dass abseits der neuen und gut erzählten Geschichte keine nennenswerten Änderungen am „Prinzip Rapture“ vorgenommen worden sind, was allerdings in Ordnung geht.
Missiondesign
Auch am Missionsdesign wurde nicht allzu viel geschraubt. Wieder gilt es im Rahmen eines weitgehend flüssigen Ablaufs, diverse neue Abschnitte von Rapture zu durchkämmen – dieses Mal – wie erwähnt – auf der Suche nach einer Little Sister namens Eleonora. Wie schon im ersten Teil wird die jeweilige Aufgabenstellung stets von weiteren, zum Teil bereits bekannten Charakteren via Funk vermittelt, wobei in der Regel unklar ist, ob die jeweilige Person Delta tatsächlich freundlich gegenüber steht.
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die jeweiligen Abschnitte gerade groß genug sind, um das ziemlich lineare BS 2 solide beherbergen zu können. Dies bedeutet, dass man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hat, sich in einer Konserve zu befinden, was der Spielatmosphäre selbstredend wenig zuträglich wäre. Trotzdem gilt nach wie vor, dass Rapture keinesfalls auch nur annähernd Open-World ist; wer größte Lust auf ausgedehnte Streifzüge oder vielfältige Optionen bei der Abhandlung der Aufgaben empfindet, wird deswegen schnell an die sicher nicht unberechtigten Grenzen stoßen, schließlich ist Rapture nun einmal eine kleine Untersee-Exklave und kein „Oblivion“-Wald.
Die einzelnen Aufgaben variieren dabei ausreichend und sind inhaltlich sinnvoll gesetzt: Während zu Beginn mit Blick auf Neueinsteiger vor allem bedienungsrelevante Dinge erfüllt werden müssen und so der Umgang mit allen Facetten der Steuerung nahe gebracht wird, legt der Schwierigkeitsgrad und damit verbundenen Missionen parallel zur Spielzeit deutlich zu, was in teils sehr ansprechenden Boss-Kämpfen mündet. Bedauerlich ist dabei, dass insgesamt nur eine Handvoll neuer Gegner eingeführt wird, was dem nach wie vor nicht besonders vielfältigen Kreaturen-Mix sicher gut getan hätte. Dafür können die Spezialkräfte erstmals parallel zum konventionellen, leicht überarbeiteten Waffen-Repertoire verwendet werden, was interessante und sehr effektive Kombinationen ermöglicht.
Technisches
Grafik
Nach der Betrachtung von Plot und Missionsdesign wollen wir uns nun aus der technischen Perspektive „BioShock 2“ widmen.
Testsystem für „BioShock 2“
- Windows Vista Ultimate (32 Bit)
- Intel Core 2 Duo E6700 @ 2,66 GHz
- Gigabyte GA-965P-DQ6
- ATI Radeon HD 4870 (512 MB)
- 3 GByte DDR2 RAM
Herstellerempfehlung für „BioShock 2“
- Betriebssystem: Windows Vista / 7
- Prozessor: Athlon 64 X2 5200+ 2,6 GHz / Intel Core 2 Duo E6420 530 2,1 GHz
- Arbeitsspeicher: 3 GB
- Grafikkarte: Nvidia 8800 GT / ATI Radeon HD 4830 mit 512 MB oder besser
- Festplattenspeicher: 11 GB
- Soundkarte: DirectX 9 kompatibel
- Tastatur und Maus
Die grafische Ausgestaltung hat etwas gemein mit der inhaltlichen: Riesige Sprünge sollten auch hier nicht erwartet werden. Dies liegt auch daran, dass mit der Unreal Engine 2.5 eine etwas betagte Grundlage verwendet wird. Trotzdem macht der Titel über weite Strecken dank DirectX-10-Features visuell eine sehr ordentliche Figur, wobei insbesondere die ansehnlichen Beleuchtungsverhältnisse und die realistisch gestalteten Wasserflächen zu gefallen wissen. Kantenglättung muss übrigens auch hier wieder über den Umweg DX 9 bzw. bei GeForce-Grafikkarten über das entsprechende Nhancer-Profil aktiviert werden.



BioShock 2 ist also alles andere als ein Grafikwunder, weiß im Rahmen einer ordentlichen Präsentation aber ohne nennenswerte Abstriche zu überzeugen. Positiver Nebeneffekt dieses Umstandes ist im Übrigen wie so oft auch hier eine systemverträgliche Performance: Auf unserem praxisnahen Testsystem lief der Titel bei maximalen Details auf 1680 x 1050 mit stabilen Werten im Bereich der 50 Bilder pro Sekunde.
KI
Die künstliche Intelligenz macht in BioShock 2 über weite Strecken eine gute Figur. Dies liegt vor allem daran, dass die Standard-Gegner mit zunehmender Spielzeit immer cleverer und beweglicher werden, was sich wiederum darin äußert, dass sie nicht mehr stets den direkten Weg nehmen, sondern sich von allen möglichen Seiten anpirschen. Und auch die neuen, äußerst agilen und starken Big Sisters sorgen dank ausgefeilter Bewegungsmuster und einer ungeheuren Schnelligkeit für Spannung. Hier findet sich ein Aspekt, der nicht nur für den recht hohen Schwierigkeitsgrad, sondern auch für die bedrückend-grausige Atmosphäre sorgt. Damit ist BS 2 ein hervorragendes Beispiel dafür, wie wichtig die Ausprägung der KI für den Spielspaß ist.
Multiplayer
Völlig neu ist die Implementierung eines vollwertigen Mehrspieler-Parts. Dieser präsentiert sich von der Aufmachung her ungewöhnlich: Ausgangspunkt ist eine Unterwasser-Wohnung, in welcher der Spieler seine Ausrüstung modifizieren kann. Ist alles den Wünschen entsprechend eingestellt, geht es über einen Aufzug ins Multiplayer-Gefecht. Diese finden wenig überraschend in typischen BS-2-Umgebungen statt, laufen trotz mancher Modifikation allerdings genauso ab wie konventionelle Pendants. Will heißen: In leicht abgewandelten Standard-Modi wird im Rahmen von Team Deathmatch oder Capture the Flag gegen- bzw. miteinander vorgegangen.
Zwar wäre hier sicher mehr möglich gewesen; in Anbetracht der Tatsache, dass viele Spieleschmieden den Mehrspielermodus völlig vernachlässigen und „BioShock“ hierfür ein gutes Beispiel war, darf man sich über den Multiplayer in „BioShock 2“ durchaus freuen. Aufgrund der besonderen Aufmachung und nicht zuletzt wegen der auch hier möglichen Kombination von konventionellen und auf speziellen Fähigkeiten basierenden Attacken sind jedenfalls einige launige Stunden nach dem Ende der Kampagne garantiert.
Kopierschutz
Kopierschutztechnisch kommt bei BioShock 2 die komplette Palette zum Einsatz. Bei der Installation wird SecuROM mitinstalliert, zur Aktivierung des Spiels ist eine aktivierte Internetanbindung notwendig und um Spielstände abspeichern, Updates installieren und Erfolge verdienen zu können ist die Anmeldung bei Windows LIVE erforderlich. Während des Spiels muss schlussendlich die DVD im Laufwerk befindlich sein.
Fazit
Die großen Innovationssprünge darf man von „BioShock 2“ nicht erwarten. Statt vieler bahnbrechenden Neuerungen bleibt das Spiel den Prinzipien aus dem ersten Teil weitgehend treu, sodass viele Änderungen mit der Lupe gesucht werden müssen. Wer also schon an „BioShock“ viel auszusetzen hatte, wird mit der Fortsetzung somit nur bedingt seine Freude haben. Unser Fazit zu „BioShock 2“ fällt dennoch grundlegend positiv aus.
Dies ist vor allem der einmal mehr vorzüglichen cineastischen Leistung der Macher geschuldet. Die große Stärke von „BioShock“, das nicht unbedingt gruselige, aber extrem bedrückende Moment, ist auch im Nachfolger deutlich zu spüren. Verstärkt wird dieser Umstand durch einen neuen, sauber und spannend erzählten Handlungsstrang, der wunderbar in die nach wie vor absolut überzeugende düstere Welt von Rapture passt, die in ihrer Trost- und Erbarmungslosigkeit an die Substanz geht.
Auch aus einer anderen Perspektive betrachtet liefert 2K Marin einen ordentlichen Titel ab: Neben einer einwandfreien technischen Umsetzung darf man sich auch über einen grundsoliden, wenn auch nicht bahnbrechenden Mehrspieler-Modus freuen. Dieser sorgt in Verbindung mit den unterschiedlichen Storyausgängen für einen hohen spielerischen Wert, was ein Argument gegen die etwas unfaire Behauptung ist, bei BioShock 2 handele es sich in Wahrheit um BioShock 1.5. Zu einer solchen Feststellung lässt sich nur kommen, wenn man selbst bei einwandfrei funktionierenden Titeln zwangsweise immer neue, herausragende Features erwartet.
Diese Erwartung lag unserem Test allerdings nicht zugrunde, sondern wurde vom Wunsch auf eine weitere packende Geschichte im altbekannten Setting ersetzt. Da diese zugegeben etwas konservative Hoffnung durch ein ziemlich konservatives Vorgehen der Entwickler erfüllt wird, bleibt abschließend nur noch zu sagen: Wem das Erwachsenen-Setting von „BioShock 2“ nicht zu grausig ist, sollte dem zweiten Abenteuer in Rapture unbedingt eine Chance geben.






