Sozialinformatik ist ein Fachbereich der Sozialen Arbeit der sich etwa seit Mitte der 1990er Jahre herausgebildet hat. Einige Akteure der Sozialinformatik wollen diese zudem im Sozialmanagement verorten, andere streben eine völlig andere Ausrichtung an. Eine einheitliche Besetzung des Begriffs liegt damit nicht vor. Mit dem Begriff der Sozialinformatik sind inzwischen mehrere unterschiedliche Orientierungen verbunden:
Betrachtet man die momentane (Stand: 3/2007) inhaltliche Besetzung des Begriffs „Sozialinformatik“, so hat diese im Grunde sehr wenig zu tun mit dem eingeführten Begriff der Informatik; es handelt sich keineswegs um eine echte angewandte Informatik, auch wenn einige Akteure aus diesem Feld diesen Eindruck vermitteln möchten. Eines der Merkmale einer angewandten Informatik besteht in ihrer jeweiligen Gestaltungsaufgabe, die die Sozialinformatik aber nicht erfüllen kann, da sie völlig andere Schwerpunkte setzt und insbesondere auf die Erstellung eigener fachspezifischer Anwendungen verzichtet. Aus diesem Grund wird der Sozialinformatik von einigen Autoren der Status einer angewandten Informatik abgesprochen, oder sie wird lediglich als Arbeitsteilung zwischen Softwareindustrie und sozialen Organisationen bezeichnet. Es geht hier auch vordergründig nicht um „Soziales“ im allgemein üblichen Sprachgebrauch, sondern vielmehr um den „Sozialmarkt“, auf dem es Hard- und Software zu kaufen und zu verkaufen gilt. Der bezeichnet einen von Steuergeldern und privaten sowie öffentlichen Subventionen unterschiedlicher Herkunft (Privatspender, Stiftungen, Kommunen, Länder, Bund, EU) finanzierten und nicht unerheblich großen und lukrativen, dabei altertümlich hierarchisch und monopolistisch strukturierten Zielsektor des allgemeinen Softwaremarktes. Es geht um Software, die man auf diesem Markt möglichst konkurrenzlos feilbieten kann und um einen schlichten Dialog zwischen monopolistisch orientierten Verkäufern sowie traditionell ebenso monopolistisch strukturierten Käufern.
Infolgedessen buhlen etliche - vor allem Großunternehmen - um eine Monopolstellung auf diesem Markt. „Sozialinformatik“ ist dabei eine von Sozialpädagogen kreierte Wortschöpfung, welche das Primat der Sozialpädagogik im Monopolisierungsprozeß hervorzuheben und profundes Fachwissen außen vor zu halten versucht. Da der Bereich des „Sozialmarktes“ (Caritas und Diakonie gelten als umsatzstärkste Konzerne noch vor allen Industrieunternehmen in Deutschland) sich unter anderem dadurch auszeichnet, daß Anpassungsprozesse der sogenannten „freien Wirtschaft“ der letzten zwanzig Jahre nicht mitvollzogen wurden (z.B. keine Planstellen für Informatiker), gelten die Kunden des sogenannten „Sozialmarktes“ den teilnehmenden Unternehmen gewissermaßen als „leichte Beute“, wo es nur die lästige Konkurrenz auszuschalten gilt.
Infolgedessen machen fast ausschließlich „große Fische“ in Kodependenz mit den institutionalisierten Vertretern der „Sozialinformatik“ den Zukunftsmarkt präemptiv unter sich aus, ohne daß es bislang adäquate und dem vielschichtigen Anforderungsspektrum gerecht werdende Branchenlösungen oder auch nur Konzepte hierzu gäbe. Zufriedenstellende Ergebnisse gibt es bislang jedenfalls ebenso wenig wie einen ausreichend eindeutigen Anforderungskatalog, welcher hierfür Voraussetzung wäre.
Solange dies Faktum ist, ist „Sozialinformatik“ trotz aller überbordenden Publikationen zum Thema kaum mehr als eine Worthülse mit zudem irreführendem Charakter, was sich vorrangig auf die Ansätze der Hauptakteure der Sozialinformatik bezieht. Aus fachlicher Sicht der Sozialen Arbeit jedoch ist wichtiger (und relativ irritierend), dass der Klient - der ja immerhin „Gegenstand“ der Sozialen Arbeit in Prävention, aktueller Intervention und Rehabilitation ist - weder direkt noch indirekt vorkommt, will sich eine solche Sozialinformatik doch vorrangig auf die „Managementebene“ und eher betriebswirtschaftliche Aspekte beziehen (dies bezieht sich jedoch nicht auf die zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema „EDV / Computer in der Sozialen Arbeit“, sondern auf explizit sozialinformatische Beiträge). Es gibt jedoch darüber hinausgehende Ansätze (z.B. bei Jurgovsky, Peterander, Janatzek) bei denen es durchaus um konkrete Anwendungserstellung und informatische Theorie- und Modellentwicklung geht und die eher unter dem Begriff der Sozioinformatik (der jedoch teilweise als Synonym zur Sozialinformatik benutzt wird) subsumiert werden können. Insbesondere Janatzek versucht, die wissenschaftlichen Grundlagen der Informatik mit denen der sich noch im Bildungsprozeß befindlichen Sozialarbeitswissenschaft zu verschränken um hierdurch eine echte angewandte Informatik zu kreieren, die jedoch nicht als Synthese zweier Wissenschaften, sondern als eigenständige (Sub-)Disziplin der Sozialen Arbeit verstanden werden soll. Zudem liegt der Schwerpunkt dieses Ansatzes auf einer sozialarbeitswissenschaftlichen Grundlage und damit auf einer Klientenzentrierung. Hierzu ist weiter anzumerken, dass in früheren Zeiten die Anwendungserstellung oder Anpassung von Software für Zwecke der Sozialen Arbeit durch Sozialarbeiter / Sozialpädagogen (auch für den Einsatz direkt mit dem Klienten) keineswegs unüblich war (vgl. z.B. Verleysdonk / Vogel 1990). Erst seit dem massiven Aufkommen grafischer Benutzeroberflächen wurde diese Auffassung zunehmend zurückgedrängt. Anzumerken bleibt, daß der Begriff „Sozialinformatik“ nicht einfach gleichgesetzt werden kann mit den angelsächsischen „social informatics“. Letzteres bezeichnet eine Gesellschaftswissenschaft, die u.a. die Frage der gesellschaftlich-technischen Zusammenhänge verfolgt, was in Deutschland eher der (Technik-)Soziologie zuzuordnen wäre. Eine Sozialinformatik unter dem Primat einer Sozialarbeitswissenschaft wäre aber (obwohl darüber noch keineswegs Einigkeit herrscht) eher als Subdisziplin einer Handlungswissenschaft zu verstehen, die gesellschaftswissenschaftliche Bezüge aufweist.