Kommentar : Wir müssen uns im Internet besser schützen!

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Jirko Alex

Mehr als 1,2 Milliarden Menschen besaßen im letzten Jahr einen Zugang zum Internet – Tendenz steigend. Alle von ihnen sind virtuelle Freunde, glaubt man gängigen MySpace-Profilen. Alle sind aber auch potenzielle Terroristen, glaubt man der Polemik einiger Politiker, die etwaige Übeltäter gerne via Internet verwanzen wollen. Tatsächlich ist all dies jedoch womöglich ein kleines Übel verglichen mit dem, was jedem von uns die Zukunft versalzen kann, weil wir in der Vergangenheit nicht bedacht haben, was uns gegenwärtig schaden mag.

Jeder Internetnutzer ist sich in erster Linie selbst sein größter Feind, wenn er nicht weiß, welche Eigenschaften dieses weltweiten Netzes wem zum Vorteil gereichen und wessen Nachteil sie sind. Das Internet ist nämlich gnadenlos und in einer perfiden Weise perfekt, die zu verstehen vielen schwer fällt, weil es uns Menschen in diesem Punkt bei weitem überragt: Das Internet hat ein Gedächtnis, das lückenlos funktioniert und noch nach Jahren weiß, was so mancher über sich selbst schon nicht mehr wissen wollte.

So sind die Online-Communities, Videoportale und FaceSpaceVZs dieser Welt, neben ihrer vortrefflichen Eigenschaft als Kennenlern-Mitmach-Universum, auch eine Kloake für pikante Informationen, die jeder freie Internetnutzer selbst in blindem Unwissen preisgab. So drischt Max Mustermann in seiner Forensignatur einer Single-Börse eine politische Floskel und gibt, zur besseren Verständigung, im Forenprofil gleich sämtliche Kontaktdaten aller seiner fünf Instantmessenger mit an. In deren Profil wiederum lagert das Nutzerbild nebst E-Mail-Adresse, das den Abgleich mit bekannten Web-2.0-Communites erleichtert. Diese erweisen sich sogleich als Auffangbecken für Fotos des letzten Wacken-Festivals, des Geburtstags des besten Kumpels nebst Saufgelage und standesgemäßer Stripperin – es war der 18. – und der Inszenierung gähnender Langeweile auf dem Schulhof zu einer Zeit, in der eigentlich Unterrichtsstoff durchgenommen werden sollte. Zeitgleich pöbelt er gerne in Foren herum, schließlich ist man ja anonym hinter einer IP-Adresse versteckt.

Anonym ist hierbei jedoch nur, wer sich still und heimlich auf die Fährte begibt und abläuft, welch' offensichtlichen Trampelpfad mächtige Latschen in das unersättliche Bett des Internets drückten. Es sind die Kopfgeldjäger einer neuen Generation, ausgerüstet mit modernsten Waffen. Unantastbar, gut bezahlt – und dabei vermutlich gefährlicher als die alte Garde der langhaarigen Hunde, die man an ihren trostlosen Knopfaugen, die jeden aus dem narbenzerfurchtem Gesicht anstarren, erkennen konnte. Die neuen Bountyhunter arbeiten unter anderem für Firmen – Personalabteilung – ganz dezent und ohne, dass Betroffene sie im Nacken spüren würden. Sie nutzen die gleichen Mittel wie jeder andere Internetnutzer wohl auch: Suchmaschinen, Internetcommunities und Fotoalben im Netz. Sie tun auch das, was vermutlich viele tun (immerhin besitzen 40 Prozent der Jugendlichen im Internet ein Profil bei irgendeiner Netzgemeinschaft): sie suchen jemanden. Max Mustermann vielleicht.

Was den modernen Kopfgeldjäger jedoch von seinem historischen Pendant unterscheidet: Er will niemanden finden, der ein Verbrechen begangen hat. Er will ausmachen, wer unpassend sein könnte, der Firma schaden kann, oder wer womöglich den personell nötigen Rauswurf verdient hätte, weil er vor fünf Jahren und drei Monaten als Azubi auf einer Betriebsfeier volltrunken gegen das Auto des Chefs rempelte.

Ganz eigene Unternehmenssparten entstanden so und wuchsen mit dem Internet. Firmen sortieren Bewerber aufgrund von Fotos aus, die sie selbst – oder Freunde – vor Jahren online stellten und die so einfach nicht mehr wegzubekommen sind. Selbst Boulevardblätter haben sich dem Trend angepasst und nutzen als erste Anlaufstelle für Fotos, private Informationen oder Kontaktdaten zuerst die einschlägigen Internetplattformen – mit offensichtlich stets verwertbaren Treffern.

Warum zum Kuckuck gehen bei dieser Entwicklung dennoch so viele Internetnutzer achtlos mit ihrer Privatssphäre um? Das destruktive Verhalten von Privat 2.0 scheint kindlichem Übermut zu gleichen. Aktion und Reaktion entsprechen Mutproben und Trotzreaktionen des Grundschulhofes. Dennoch wird auf erschreckende Weise deutlich, dass es gerade Jugendliche und gar (junge) Erwachsene sind, die mit ihrem Online-Verhalten den Vogel abschießen. Während Kinder nämlich in ihrer Kreativität zumeist auf kindliches – wenn auch gemeines – Verhalten beschränkt sind, sind Jugendliche technisch versierter, im Internet etablierter und sie kennen vor allem neue Dimensionen der (Selbst-)Bloßstellung – sexuelle oder illegale Dimensionen etwa. Selbst unter den vermeintlich elitärsten Gemeinschaften im Netz finden sich tausende Gruppen zu Sex, Drogen und allen möglichen Begriffen, die man damit verbinden könnte. Eine Mindmap der Selbstdarstellung und -zerstörung quasi, und ein Fundbüro für alle selbsternannten Online-Detektive.

Pikant ist aber auch der Kreislauf, der sich in der vergangenen Zeit gebildet hat. Während in allerlei Medien nämlich die Selbstdarstellung vorgelebt und Mündigkeit mit dem Zwang, etwas sagen zu müssen, gleichgestellt wird, ist es gleichwohl klüger im Internet auch mal die Klappe zu halten. Dieser Widerspruch scheint aber bei vielen zu einem Aussetzer zu führen. Statt mit Sinn und Verstand zu handeln, unterliegt man dem Gruppenzwang und wählt den leichten Weg, will also dem öffentlich Vorgelebten entsprechen. Wie könnte man auch anders, stellen die geliebten Online-Communities wie MySpace und bald auch StudiVZ in eigenen Soaps doch klar, dass man nur wer ist, wenn man sich selbst darstellt. „Ich entscheide, wer reinkommt, Baby!“

Während man also versucht, gröhlend auf sich aufmerksam zu machen, haben die besten unter den Schreienden die Chance, dies öffentlich zu tun und legen damit die Latte noch ein Stückchen höher, was wiederum die Allgemeinheit anspornt.

„In Zeiten, in denen 16-jährige Mädchen in einer öffentlichen TV-Sendung Lieder mit pornografischem Inhalt singen, um mittels Provokation die nächste Runde in einem Popstar-Contest zu erreichen, darf es niemanden verwundern, dass im schwer kontrollierbaren Internet derartige Verhaltensweisen um ein Vielfaches verstärkt von Jugendlichen kopiert werden.“

Steffen Rühl, Geschäftsführer von yasni, Europas größter Personensuchmaschine

Wäre es doch nur so leicht, einmal Gesagtes wieder rückgängig zu machen. Beenden und neu Laden – wie im Computerspiel beispielsweise. Vielleicht glauben auch viele, dass es so einfach wäre. Ein Myspace-Profil kann man löschen, um die Löschung des Eintrags im Forum kann gebeten werden, doch wie verhält es sich mit Googles Cache, dem vielleicht größten Gedächtnis im Internet. Oder Posts, die andere über einen selbst verfasst haben? Allein der Mechanismus, der hinter dem Entfernen von Inhalten oder Fotos aus Googles Wissensspeicher steht, sollte zum Nachdenken anregen: Wenn selbst eine Suchmaschine nur träge davon zu überzeugen ist, Informationen zumindest nicht mehr öffentlich bekannt zu machen, wie sieht es dann gar mit den restlichen Zweigen im Netz aus? Kann man überhaupt sicher sein, sich selbst im Internet zu kennen? Heute schon nach Max Mustermann in Yasni gesucht?

Nicht umsonst, aber kostenlos, gibt es Dienste wie Claim-ID, Naymz oder die deutsche Version myON-ID. Mit diesen Reputations-Managern soll man an seinem digitalen Selbst feilen können; tilgen kann man vieles so aber nicht. Eine härtere Gangart schlagen da Dienste wie der ReputationDefender ein, die unliebsames Material auch versuchen löschen zu lassen – freilig nicht ohne monetäre Gegenleistung.

Muss es aber so weit kommen, vor allem, wenn vieles selbst verschuldet ist? Wer die Spirale aus jugendlichem Übermut, zweifelhafter Selbstdarstellung und handfester Rufschädigung – ohne Vergessen – einmal erkannt hat, ist vielleicht wieder auf einem guten Weg. Nicht nur einem Weg, der Zukunft hat, sondern auch einem, der weg führt von wenig glorreicher Selbstzerstümmelung. Das Internet ist ein Hort des Wissens, leider auch des unnötigen. Es sollte mit geistreicher Kost gefüttert werden, sonst frisst es mehr, als man ihm ursprünglich reichen wollte.

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