2/4 Mass Effect 2 im Test : Der große Paukenschlag bleibt aus

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Inhaltliches

Plot

Die Handlung von „Mass Effect 2“ knüpft ohne größere Lücken direkt an die des Vorgängers an. Nachdem der Spieler die Galaxie in der Rolle des Allianz-Soldaten Shepard vor der Bedrohung durch die Reaper bzw. deren Instrument, die Geth, bewahrt hat, gehen er und seine Crew auf der Normandy nun alltäglichen Fällen nach: So zum Beispiel dem Verschwinden einiger Schiffe. Als ursächlich hierfür entpuppt sich im Rahmen eines vorzüglichen Intros ein waffengewaltiger Flugkörper, der die Normandy binnen kürzester Zeit in ihre Einzelteile zerlegt, wobei auch Shepard ums Leben kommt.

ME 2 spendiert vor diesem Hintergrund jedoch nicht etwa einen neuen Hauptcharakter, sondern lässt Shepard dank der bahnbrechenden Möglichkeiten der aus dem ersten Teil bekannten, radikal pro-menschlichen Geheimorganisation Cerberus nach zweijährigem medizinischen Kampf als mit Nano-Implantaten bestückten Helden wiederauferstehen. Schnell stellt sich heraus, dass die Normandy Opfer der sogenannten Kollektoren geworden ist – eine insektenähnliche Spezies, die neuerdings besondere Freude daran hat, die Bewohner entfernter Allianz-Kolonien zu entführen. Ob hinter diesen Aktivitäten erneut die Reaper stecken?

Cerberus-Boss: Freund oder Feind?
Cerberus-Boss: Freund oder Feind?

Genau diese Frage gilt es, in den kommenden 40 Stunden Spielzeit zu klären. Dazu lässt sich grundsätzlich sagen, dass die Macher abermals eine insgesamt spannende, wendungsreiche Geschichte erzählen, die über weite Strecken dank einiger Höhepunkte und einer Stringenz, die kaum von unklaren Momenten gestört wird, zu überzeugen weiß. Genauso wie im Vorgänger hat man auch dieses Mal wieder die Möglichkeit, auf ein Team zurückzugreifen, sodass es stets im Verbund mit zwei weiteren Mitstreitern in den Kampf geht. Leider erhält man jedoch kaum die Möglichkeit, auf altbekannte Kollegen zurückzugreifen – diese spielen allerdings immerhin Nebenrollen, was der Atmosphäre ebenfalls zuträglich ist. Stattdessen gilt es, ein neues Team zu rekrutieren – ein Unterfangen, das abseits von einigen Scharmützeln mit den Kollektoren auch gleich die erste Spielzeit belegt.

Kollektor in einer Zwischenszene
Kollektor in einer Zwischenszene

An dieser Stelle zeigt sich einmal mehr, dass man bei BioWare ein echtes Händchen für die Konzeption glaubwürdiger Charaktere hat. Denn auch die neuen Protagonisten kommen mit einer ausgefeilten Biografie, einem ganz eigenen Schlag und dazu passenden, hervorragenden Dialogen daher, die obendrein auch noch bestens vertont wurden (auch auf deutsch!). Auch in dieser Hinsicht erhält ME 2 somit weiteren Tiefgang, was allerdings dadurch abgeschwächt wird, dass die Wahl der Mitglieder des Einsatzteams in der Regel keinen allzu großen Einfluss auf den Ausgang der Mission hat (siehe weiter unten).

Übrigens: Wie angekündigt ist es möglich, Spielstände aus dem ersten Teil zu übernehmen. Dies hat neben weniger wichtigen Aspekten wie einem größeren Startbudget den Vorteil, dass bestimmte Dialog-Optionen von vornherein freigeschaltet sind. Außerdem werden bestimmte Storywendungen und Entscheidungen, die individuell getroffen wurden, übernommen, wobei die Haupt-Handlung davon nicht beeinflusst wird. Wer noch über entsprechende Spielstände verfügt, sollte diese aber unbedingt über die Import-Funktion verwenden.

Rollenspiel oder Shooter?

BioWare-Titel zeichnen sich insbesondere in jüngerer Vergangenheit häufig durch eine gelungene Verquickung von Rollenspiel- und Shooter-Elementen aus. Mit kontrovers diskutierten Features wie einer vergleichsweise komplexen Charakterentwicklung, einem hakeligen Inventar und einer gut-böse-Orientierung des Hauptcharakters passte auch „Mass Effect“ gut zu einer solchen Entwicklungsphilosophie.

Mit ME 2 setzen die Verantwortlichen nun deutlich andere Akzente, die ebenfalls reichlich Stoff für Diskussionen bieten. Gleichgeblieben ist die von den Handlungen abhängige Einstufung als „Vorbild“ oder „Abtrünniger“, die sich dieses Mal sogar in Handlungsoptionen innerhalb von Dialogen niederschlägt. Ein besonders fieser Spieler erhält so beispielsweise die Möglichkeit, eine angeschlagene Wache ruhig zu stellen, bevor diese über Funk Verstärkung rufen kann, während man als Vorbild beispielsweise unnötige Gewalt verhindern kann. Der besagten „RPG-Shooter-Waage“ widersprechend ist ME 2 trotzdem relativ eindeutig dem Shooter-Segment zuzuschreiben, was sich am deutlichsten mit Blick auf die Charakterentwicklung belegen lässt: Diese bietet zwar noch immer die gewohnten Klassen, wurde im Vergleich zum Vorgänger was die Möglichkeiten und Spezialisierungen angeht aber deutlich beschnitten. Überdies spielt die Wahl der Klasse, der Ausbau der Fähigkeiten sowie die Gruppenzusammenstellung ohnehin keine allzu große Rolle: Da für die Mission zwingend notwendige Gruppenmitglieder ohnehin fest gebucht sind und sich die Aufgaben in jedem Fall auch ohne spezielle Fähigkeiten meistern lassen, verlieren die unterschiedlichen Klassen, Spezialisierungen und auch eine umsichtige Auswahl der jeweiligen Team-Mitglieder deutlich an Relevanz.

Dafür wurde das Kampfsystem überarbeitet, was dazu beiträgt, dass ME 2 in dieser Hinsicht etwas dynamischer wirkt. Beispielsweise können Attacken komfortabler kombiniert werden, was gerade bei stärkeren Gegnern ein wichtiger Punkt ist. Durch die Möglichkeit, Kämpfe zu pausieren und aufgrund der im Vergleich beschränkten Bewegungsdynamik gelingt es ME 2 allerdings trotzdem nicht, sich mit konventionellen Shootern auf Augenhöhe zu bewegen. Dies ist insofern wichtig, als dass der Ausgleich für die Beschneidung der RPG-Features somit nicht zur Gänze erfolgt – „Mass Effect 2“ ist also mehr, aber nicht vollständig, Shooter, dafür aber deutlich weniger Rollenspiel. Ein Verhältnis, dass vor allem für Shooter-Freunde in Ordnung gehen dürfte, allerdings durchaus kritisiert werden kann und dementsprechend im Fazit abermals aufgegriffen werden soll.

Missiondesign

Das Missionsdesign von ME 2 lässt sich mit den Verben „landen“, „erkunden“ und „eliminieren“ beschreiben. Entsprechend der Schwerpunktverschiebung zugunsten der Shooter-Anteile fällt die inhaltliche Vielfalt geringer aus, da dementsprechend Aufgaben, in denen es weniger auf den Schießprügel und dafür mehr aufs Köpfchen ankommt, rar sind. Ansonsten kann man an den Aufgaben nicht viel kritisieren: Im besagten Rahmen fallen sie durchaus abwechslungsreich aus, was nicht zuletzt auch von den hervorragend in Szene gesetzten Schauplätzen verstärkt wird. Hier gilt nach wie vor, dass „Mass Effect“ nicht Open World ist – es gibt also nicht viel zu erkunden. Stattdessen müssen schlauchförmige Level von A nach B durchquert werden, was eintönig klingt, durch gut gesetzte Zwischensequenzen und manche inhaltliche Wendung allerdings durchaus spannend von statten geht.

„Mass Effect 2“ – Sternenkarte
„Mass Effect 2“ – Sternenkarte

Dafür hat man in der Regel einige Freiheiten bei der Wahl der Reihenfolge, in der die Missionen abgearbeitet werden. Man kann also frei entscheiden, ob man zunächst eine der ausreichend aber nicht allzu üppig vorkommenden Nebenquest angeht oder sich gleich einem der Teile der Haupthandlung widmet. Und auch die Navigation durchs Weltall ist freier gestaltet, da man die Normandy über eine Übersichtskarte selber durch die Gegend manövrieren kann (siehe Bild oben). Das damit verbundene Auftanken des Schiffes und die Suche nach Ressourcen auf unerforschten Planeten stellen dabei ein nettes, aber nicht unbedingt notwendiges Feature dar.

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