Kommentar : Der PC wird untergehen, Konsolen aber auch!

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Jirko Alex

Es ist ein altes Lied, bei dem sich wohl kaum einer noch daran erinnert, wer es eigentlich wann angestimmt hat: Der PC stirbt als Spieleplattform, weil die Hersteller sich lieber auf die Konsole verlegen, die mehr Spieler anzusprechen scheint und weitaus höhere Umsätze generiert. Statistisch gesehen scheint alles dafür zu sprechen, dass dem auch so ist. Immer wieder sollen aktuelle Verkaufszahlen als Beleg für den unvermeidlichen Untergang herhalten.

Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung ist nicht leicht auszumachen. In regelmäßigem Abstand wird die angeblich hohe Quote von Raubkopien auf dem PC genannt, die die Hersteller davor zurückschrecken lässt, eine kostenintensive Exklusiventwicklung oder auch nur Portierung für den PC vorzusehen. Früher konnten sich PC-Spieler über schlechte Konsolen-Portierungen ärgern. Heute können sie froh sein, wenn sie überhaupt noch Blockbuster, die für die Konsole erscheinen, mit Maus und Tastatur spielen dürfen.

Aber das allein ist es nicht. Spätestens seit des durchschlagenden Erfolgs der Nintendo Wii – immerhin die meistverkaufte stationäre Konsole der aktuellen Generation – sind es vor allem die Konsolen, die neue Zielgruppen erschließen. Die „Casual Gamer“ kamen – und sie siegten. Keine Konsole der großen drei Hersteller – Nintendo, Microsoft und Sony – kommt mehr ohne Bewegungssteuerung aus. Bei Microsoft und Sony sorgten „Kinect“ und „Move“ für einen zweiten Konsolenfrühling. Kinect soll bald auch für den PC erscheinen, dabei hat der seine ganz eigenen Casual Gamer.

Trotz aller Hardware-Power, die als ach so großer Vorteil des PCs gegenüber einer Konsole beschworen wird, wird dieser nämlich von immer mehr Spielern für Browser-Games „missbraucht“. Facebook ist nicht nur das größte soziale Netzwerk der Welt, es ist auch eine der größten Spieleplattformen. Eigentlich sollte man meinen, dass das Anlegen von Bauernhöfen oder Austragen von virtuellen Mafiakriegen auch auf der Konsole als veritables Spielekonzept funktionieren sollte. Browser-Games, insbesondere solche, die an soziale Netzwerke gebunden sind, bieten aber noch ganz andere Vorteile: Sie erlauben es auch, das schier endlose Mitteilungsbedürfnis des Menschen zu befriedigen. Dafür ist eine Tastatur eben doch noch am besten.

Der klassische Hardcore-Gamer schaut dabei natürlich in die Röhre. Wobei die „Röhre“ dann doch eher ein 120-Hz-27"-TFT mit 3D-Fähigkeiten ist, der von der neuesten Technik unterm Schreibtisch befeuert wird, nur um Skyrim mit sämtlichen verfügbaren Grafikmods in annäherndem Fotorealismus spielen zu können. „Das geht halt nur mit einem PC“ erzählen sie dann jedem Konsolenspieler der es hören oder nicht hören will. Dabei übersehen sie, dass auch sie – die Hardcore-PC-Spieler – mittlerweile von der Konsole abhängen. Nur, weil es eine Xbox 360 oder PlayStation 3 gibt, lohnen sich einige moderne Blockbuster überhaupt noch. Es gibt kaum ein Genre, das früher als PC-typisch galt und heute nicht auf der Konsole zu finden ist. Das beste Beispiel für den Wandel sind vermutlich aktuelle Ego-Shooter. „Am besten spielt man das immer noch mit Maus und Tastatur!“ Ja, vermutlich. Aber gäbe es ein Battlefield 3 oder CoD: Modern Warfare 3 überhaupt ohne die riesigen Umsätze auf den Konsolen?

Natürlich sollte man auch das nicht vergessen: Einige Spiele(-genres) für „echte“ Spieler gibt es nur auf dem PC. MMORPGs ziehen auf dem Computer immer noch riesige Spielerzahlen in ihren Bann; erst jüngst konnte „Star Wars: The Old Republic“ erfolgreich starten. World of Warcraft gilt ohnehin als Gelddruckmaschine für Blizzard und auch in anderen klassischen Genres gibt es immer wieder feste Größen. Was auf der Konsole auch geht, bekommen PC-Spieler aber immer öfter nur deswegen, weil man sie (noch) nicht ignorieren kann. Eine Spiele-Portierung ist nicht selbstverständlich und nach den Möglichkeiten des PCs richten sich die Hersteller schon gar nicht. Der PC lebt als Spieleplattform davon, dass es die Konsole gibt. Damit wandelt sie sich vom ehemaligen Totengräber zur Herz-Lungen-Maschine. Vorerst.

Next-Gen als letzte Generation?

Was aber passiert, wenn die Konsole selbst vom Aussterben bedroht ist? Trotz aller Gerüchte um gleich drei neue Konsolen in diesem Jahr oder der nahen Zukunft: Der Stern der Konsolen geht vermutlich noch schneller unter als der des PCs.

Das liegt zum einen an den Steigerungsmöglichkeiten, die der Stand-alone-Spieleplattform noch bleiben. „Next-Gen-Xbox bietet Grafik wie Avatar“ hieß eine unserer News auf ComputerBase in der Vergangenheit. Wie schön für die Konsole! Oder nicht? Was kommt dann? Wer braucht Grafik jenseits des Fotorealismus, wer mehr als kristallklaren Surroundsound? Braucht man überhaupt selbst das? Wenn in den letzten Jahren eines klar wurde, dann, dass die erfolgreichste Spielekonsole nicht diejenige mit der besten Technik ist. Einige Menschen mögen interaktive Benchmarks. Viele Menschen jedoch lieben spaßige Spiele. Spaß – so unterschiedlich der Begriff auch definiert werden mag – hängt aber seit Jahrzehnten (bezogen auf elektronische Spiele) nicht von der Technik ab.

Zum anderen sind die Konsolen schon lange nicht mehr das nächste große Ding. Die Hersteller mögen sich heute noch über die x-fach höheren Umsätze auf der Konsole gegenüber dem PC freuen. Eigentlich aber müssen sie sich schon jetzt auf andere Plattformen verlegen. Wer jetzt an portable Konsolen denkt, blickt zu kurz. Selbst die neuesten Auflagen in Form der Nintendo 3DS oder PlayStation Vita sind kaum der Rede wert. Wirklich relevant ist der Markt der Smartphones und demnächst auch der Tablets. Beide Geräteklassen bieten nicht nur den Vorteil eines geschlossenen Ökosystems, wie er früher exklusiv von der Spielekonsole eingenommen wurde. Sie sind zudem transportabel, die Nutzerbasis ist riesig (im Gegensatz zur Konsole kauft man ein Smartphone oder Tablet ja nicht nur dann, wenn man spielen will) und der Kauf von Apps ist kinderleicht.

Natürlich wirkt die Behauptung, ein Smartphone vom Schlage eines iPhones würde einer PlayStation 3 gefährlich werden können, auf den ersten Blick etwas kühn. Wenn man genau hinsieht, erkennt man aber bereits in Nintendos „Wii U“ die Zeichen, die auf den Untergang der Konsole hindeuten. Der Wii-Nachfolger setzt auf einen Controller, der eher an ein Tablet oder Smartphone erinnert. Gespielt werden kann am Fernseher oder nur auf dem Controller. Das mag innovativ seitens Nintendo wirken, tatsächlich ist es aber ein Spiegel für das, was sich ganz grob im Home-Entertainment-Bereich herausschält: Fernseher werden Smart und sind bald selbst schicke Computer. Man denke nur an Apples angeblich kommenden Fernseher mit iOS-Integration, an sprachgesteuerte Fernsehgeräte oder solche mit integrierter Bewegungssteuerung.

Der Fernseher bleibt. Was er kann und wie er es macht – ob also eine Konsole dran hängt, die Technik bereits integriert ist oder alles vom Smartphone/Tablet oder vielleicht doch wieder einem PC „gestreamt“ wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Fakt ist: Die Konsole wird ihr Alleinstellungsmerkmal als Spiele-Hoheit im Wohnzimmer verlieren. Die nächste Konsolengeneration könnte die letzte sein. Vielleicht sind ja auch schon die aktuellen Plattformen die letzten ihrer Art. PC, Konsole, portable Konsole, Smartphone, Tablet – das sind also Plattformen, die man heute noch sieht. Dabei wird es bald nur noch „einen“ geben. Der Eine ist aber noch gar nicht darunter.

Was kommt danach?

Hardware in der heutigen Form wird zukünftig nicht mehr sein. Es wird bald nicht mehr interessieren, ob man eine Konsole, einen PC oder ein Tablet besitzt. Das mag komisch klingen, hieß es doch einen Absatz zuvor noch, dass eine Aufspreizung der möglichen Spieleplattformen auf fünf Geräteklassen zu beobachten ist. Irgendeine davon wird sich doch behaupten können, ja, behaupten müssen?

Die Antwort ist einfach: Es setzt sich keine Hardware-Plattform durch. Wie man zukünftig spielt, wird nicht davon abhängen, bei welchem Hersteller man eine Konsole, einen PC oder einen anderen Rechenknecht kauft. Bald wird man nur noch Geräte kaufen, deren Aufgabe grob mit „Wiedergabe und Steuerung“ bezeichnet werden kann. Es wird nicht mehr darum gehen, Inhalte direkt daheim im Wohnzimmer oder der Zockerecke vorzuhalten, berechnen und ausgeben zu lassen. Konsumiert wird nicht mehr das Spiel von einem Datenträger im Laufwerk oder Slot eines Spielegerätes. Es wird gespielt, was von der anderen Seite der Internetleitung live ins Wohnzimmer gestreamt wird. Im Zweifel direkt auf den Fernseher.

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Werbung für den Streaming-Dienst Onlive: Bald bei jedermann im Wohnzimmer? Inhalte werden nur noch gestreamt (Bild: OnLive)

„Cloud Computing“ – der Begriff, der passender Weise so diffus ist, wie man sich eine Wolke eben vorstellt, wird auch die Spiele und Spielweise der Zukunft beeinflussen. Noch stecken die Ansätze dazu in den Kinderschuhen und haben mit diversen Problemen zu kämpfen. Dass aber der Zeitpunkt kommen wird, der dafür sorgt, dass die Art und Güte des Endgerätes nicht mehr so entscheidend ist, scheint unausweichlich. Wenn aber sowohl leistungsschwache PCs als auch Tablets oder Smartphones zum Spielen geeignet wären, wer würde dann noch auf eine konkrete Plattform achten? Ist es nicht viel mehr denkbar, dass sich eine Software-Umgebung durchsetzt, unabhängig von der Hardware?

Microsoft tut vermutlich gut daran, an einem eigenen Spiele-Streaming-Service zu arbeiten. Vielleicht ja auch anstatt einer Xbox 720. Wer weiß schon, ob die Väter des Betriebssystems, das den PC als Spieleplattform groß gemacht hat, am Ende nicht für dessen Untergang und auch gleich noch dem der Konsole mitverantwortlich sein werden.

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