Joyn : Vodafone im Interview zum SMS-Nachfolger

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Joyn: Vodafone im Interview zum SMS-Nachfolger

Seit mittlerweile 20 Jahren steht mit der SMS eine bequeme, meist aber auch mit Kosten verbundene Möglichkeit zur Verfügung, Textnachrichten via Handy versenden und empfangen zu können. Dem Mythos nach ein „Abfallsprodukt“ – tatsächlich aber bewusst seit 1984 entwickelt, erfreute sich der Short Message Service lange Zeit steigender Attraktivität und Nutzung, nicht zuletzt auch durch die später folgenden Erweiterungen EMS und MMS. Mit zunehmender Bedeutung der Smartphones verlor die klassische Kurznachricht jedoch an Bedeutung.

Denn die vielseitig verwendbaren Mobilfunkgeräte wurden und werden oftmals mit Datentarifen genutzt, der Versand einer E-Mail anstelle einer SMS war deshalb naheliegend, da oftmals günstiger. Einen Haken hat dies jedoch: Nicht immer konnte man davon ausgehen, dass der Empfänger seine „elektronische Post“ via Handy empfangen und lesen konnte, zudem sorgen bei einigen Anbietern starre Abrufintervalle für eine eher zeitverzögerte Kommunikation via E-Mail. Aber auch der Charme eines „Chats“, den eine Unterhaltung per SMS innehatte, fehlt(e) die Alternative.

Vodafone startet SMS-Nachfolger Joyn

Vier Jahre nach dem Start der Entwicklung ist in den vergangenen Wochen der potentielle SMS-Nachfolger Joyn – technisch korrekt RCS-e (Rich Communication Services enhanced) – gestartet, unter anderem bei der Deutschen Telekom sowie bei Vodafone. Da dem neuen Standard in Zukunft eine große Bedeutung zukommen wird und sich Dienste wie WhatsApp einer großen Beliebtheit erfreuen, aber neuerdings vor allem durch Sicherheitslücken in die Schlagzeilen kommen, haben wir mit Dirk Ellenbeck, Unternehmenssprecher bei Vodafone, über die neue Technik gesprochen.

ComputerBase: Herr Ellenbeck, mit welchem Ziel hat man die Entwicklung von RCS-e respektive Joyn begonnen und was hat Vodafone dazu motiviert, den neuen Standard zu unterstützten? Soll er die SMS ablösen oder diese ergänzen?

Dirk Ellenbeck: Joyn wurde von der GSMA, dem weltweiten Verband der Netzbetreiber, entwickelt und kann viel mehr, als die herkömmliche SMS. Der Service meldet Sie automatisch beim ersten Start über Ihre Mobilfunknummer an, und Sie können mit einer oder auch gleichzeitig mit mehreren Personen chatten, Dateien beliebiger Formate senden und empfangen, Fotos und Grafiken während eines Telefonates austauschen und sogar ein Live-Videobild während eines Sprachanrufs hinzufügen. Damit können wir unseren Kunden einen echten Mehrwert für die Kommunikation bieten. Und mit LTE Smartphones können bei Vodafone über Joyn zusätzlich komplette Sprach- und Videotelefonate über IP geführt werden.

ComputerBase: Wird das neue Angebot Ihrer Meinung nach die beiden alten Dienste SMS und MMS verdrängen oder werden diese sich zumindest kurz- und mittelfristig behaupten können?

Dirk Ellenbeck: Vom Start an unterstützen zahlreiche Smartphones mit Android den neuen Dienst Joyn. Die Joyn-Applikation steht zum Download bei Google Play zur Verfügung und zudem wird der Dienst auf zahlreichen neuen Smartphones zukünftig schon vorinstalliert sein. Im Herbst wird Joyn auch für iOS zur Verfügung stehen und auch für Windows Phone 8 wird es Joyn geben. Nach Vodafone werden in Deutschland auch Telekom und o2 ihren Kunden die Nutzung von Joyn ermöglichen, so dass immer mehr Kunden den neuen Dienst nutzen können. SMS und MMS werden aber sicher noch längere Zeit parallel weiter genutzt werden.

ComputerBase: Eine oft gestellte Frage ist: Warum hat man einen neuen Standard geschaffen, obwohl es schon 2008 Alternativen gab? Mit Skype, ICQ und WhatsApp sind mittlerweile mehrere etablierte Dienste vorhanden. Oder bietet Joyn diesen gegenüber einen deutlichen Mehrwert?

Dirk Ellenbeck: Joyn bietet gegenüber anderen Apps mehrere Vorteile in puncto Sicherheit und Funktionalität. Denn mit Joyn können Smartphone Nutzer über eine verschlüsselte und damit sichere Verbindung so einfach wie nie zuvor Nachrichten versenden und empfangen und Dateien wie beispielsweise Dokumente, Fotos und Videos untereinander austauschen. Zudem lassen sich Sprachnotizen aufnehmen und verschicken und gespeicherte Kontakte als digitale Visitenkarten teilen. Ihren eigenen Standort können Nutzer von joyn als Positionsmeldung verschicken. Der Empfänger sieht diesen auf einer Karte und kann sich dann mit seinem Smartphone sogar dorthin navigieren lassen. Alle Funktionen von joyn werden bequem direkt über die gespeicherten Kontakte im Adressbuch gestartet. Kunden profitieren von ganz neuen Möglichkeiten bei der Kommunikation, denn joyn ist ein von Netzbetreibern weltweit unterstützter Dienst. So wird beispielsweise die Netzwerkgeschwindigkeit von Sender und Empfänger automatisch festgestellt, damit Videotelefonate oder Fotos und Videos in der jeweils bestmöglichen Qualität auf dem schnellsten Weg sicher übertragen werden. Selbst bei laufenden Sprachtelefonaten lassen sich dank Joyn parallel zum Telefonat Bilder und Videos verschicken und mit LTE lassen sich Sprach- und Videotelefonate über das Mobilfunknetz der 4. Generation vollständig über die schnelle Datenverbindung führen.

ComputerBase: Ein häufiger Vorwurf lautet, dass die Provider an Joyn verdienen wollen. Spielt der finanzielle Aspekt – zumindest bei Vodafone – eine Rolle?

Dirk Ellenbeck: Wir bieten unseren Kunden mit Joyn einen Mehrwert, der bereits in den Tarifen mit Internet-Flatrate enthalten ist. Das gilt übrigens auch für die SMS, da die meisten Tarife auch eine SMS-Flatrate beinhalten.

ComputerBase: Welche Plattformen sollen in naher Zukunft bedient werden?

Dirk Ellenbeck: Vom Start an unterstützen zahlreiche Smartphones mit Android den neuen Dienst Joyn. Die Joyn-Applikation steht zum Download bei Google Play zur Verfügung und zudem wird der Dienst auf zahlreichen neuen Smartphones zukünftig schon vorinstalliert sein. Im Herbst wird Joyn auch für iOS zur Verfügung stehen und auch für Windows Phone 8 wird es Joyn geben.

Joyn
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Abzuwarten bleibt, ob sich die Vorstellungen der Provider tatsächlich so umsetzen lassen. Denn klar ist: Mit WhatsApp, iMessage, ChatOn und Co. stehen kostenlose Alternativen bereit, die auf eine gewachsene Nutzerschaft verweisen können. Gründe, diese Plattformen zu verlassen, gibt es kaum. Einzig das Komfortversprechen, viele Funktionen gebündelt in einem Programm anzubieten, könnte Nutzer locken. Dagegen sprechen aber mehrere Punkte, beispielsweise die Verbreitung von Joyn, solange es nicht fest in die Betriebssysteme integriert ist. Eine klare Aussage, ab wann Android, iOS und Windows Phone ab Werk den neuen Dienst unterstützen, gibt es nicht – auch nicht seitens Vodafone.

Joyn
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Aber auch das Geld dürfte eine Rolle spielen. Zwar hat der Düsseldorfer Provider angekündigt, dass bei Verträgen mit Internet-Flatrate keine zusätzlichen Kosten durch Joyn entstehen, bei der Konkurrenz soll dies vorerst aber nur in der Anfangsphase der Fall sein. So könnte der prinzipiell durchaus interessante Dienst eine Nischenlösung bleiben, statt ein neuer Standard zu werden.

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