Offener Brief : Wenig Barrierefreiheit bei aktuellen Smartphones

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mit der Einführung von Smartphones, die auf einen berührungsempfindlichen Bildschirm setzen, haben Sie nicht nur den Alltag von gesunden Menschen um ein Vielfaches vereinfacht, sondern auch das Leben von vielen Personen mit körperlichen Einschränkungen angenehmer gemacht. Woher ich das weiß? Ich bin selbst betroffen.

Ich bin nicht nur seit 24 Jahren auf einen Rollstuhl, sondern aufgrund meines Muskelschwundes auch darauf angewiesen, Mobiltelefone zur Bedienung vor mir abzulegen. Ich erinnere mich somit gut an schreckliche Zeiten, als schwer zu bedienende Tasten die Vorherrschaft innehatten. Sie waren klein, hatten einen schlechten Druckpunkt und – am allerschlimmsten – eine rutschige Oberfläche. Ich weiß vorwurfsfrei, dass man sich über die damit einhergehenden Probleme als gesunder Mensch keine Gedanken macht – bei einem Unternehmen wie Sie es sind, muss dies jedoch zur täglichen Aufgabe gehören.

Dabei hat sich mit der Einführung von Smartphones vieles zum Besseren gewendet. Es gibt viele Programme („Apps“), die mir bei der Suche nach einem Behindertenparkplatz oder bei der Recherche nach zugänglichen Kinos, Kneipen und Restaurants behilflich sind. Aber auch abseits von Drittanbieter-Apps haben sich Unternehmen Gedanken gemacht. Als positives Beispiel unter vielen kann hier die iOS-Funktion „VoiceOver“ genannt werden, die es Menschen ohne Sehkraft ermöglicht, ein Smartphone trotzdem mit all seinen Funktionen und Apps nutzen zu können. Auch Android bietet seit der Version 4.0 Ice Cream Sandwich respektive 4.1 Jelly Bean ein hohes Maß an Barrierefreiheit „ab Werk“.

Abseits der positiven Entwicklung bei der Softwareumsetzung beobachte ich bei der Hardware allerdings seit Jahren eine Entwicklung in die falsche Richtung. Den größten Fehltritt begehen Sie mit dem Verzicht auf einen Homebutton zum Aktiveren des Gerätes. Personen, für die an der Seite angebrachte Tasten nicht in Frage kommen, weil sie sie nicht erreichen können oder das Smartphone bei deren Betätigung verrutscht, stehen chancenlos vor einem schwarzen Bildschirm. Dabei ist das Hauptproblem nicht, dass der Homebutton verschwindet, sondern dass es keine – für Menschen mit Einschränkung – adäquate Alternative gibt.

Dabei gab es einen Lösungsansatz bereits bei einem vor zwei Jahren vorgestellten Smartphone: Nokias N9. Hier tippe ich doppelt auf den Touchscreen und streiche von einer zu anderen Seite des Geräts. Eine ähnliche Funktion bietet das vor Kurzem präsentierte BlackBerry Z10, bei dem ich nur vom unteren Ende des Bildschirms nach oben wischen muss, worauf sich das Display aktiviert und das Gerät entsperrt wird. Beide Funktionen lassen sich im Alltag besser bedienen als der Homebutton, den sie ersetzen. Warum nicht bei jedem Smartphone? Können Sie mir das sagen? Zu hoher Stromverbrauch, weil dann die Sensorik nicht abgestellt werden kann? Dann sollte sich diese Funktion doch zumindest über jedes Betriebssystem bei Bedarf aktivieren lassen, oder nicht?

Ich gebe Ihnen noch ein zweites Beispiel dafür, wie eine kleine Veränderung, die von der Masse durchaus positiv bewertet werden kann, bewusst oder unbewusst Personen mit Einschränkung vor große Probleme stellt: Das iPhone 4(S) mit Glasrückseite. Das Handy sieht edel aus, hilft Menschen wie mir, die das Smartphone regelmäßig auf dem Oberschenkel ablegen, aber reichlich wenig. Denn es rutscht. Einen Rat haben Mobilfunkprovider schnell parat: Hülle drum! Ich möchte mein Smartphone aber nicht mit einer Hülle „verschönern“. Ich möchte ein schlankes, optisch wohl ausbalanciertes Smartphone ab Werk.

Natürlich kann und will ich nicht für die gesamte Nutzergemeinschaft sprechen und beispielsweise einen generellen Einsatz von Kunststoffgehäusen fordern. Zumal auch ich mir nicht anmaße dabei alle Probleme, die anderen Nutzergruppen durch meine Wünsche entstehen, antizipieren und vermeiden zu können. Und, ja, mir gefällt Glas.

Allerdings halte ich es auch in ihrem Interesse für erstrebenswert, Fortschritte auf der Softwareseite nicht über die Hardware zu konterkarieren. Sei es durch individuelle Anpassungen, alternative Kleinserien oder massenkompatible Kompromisse. Schon ein erster Schritt wäre die Erkenntnis, dass Software nur eines der zwei Standbeine für ein perfekt integriertes, barrierefreies Smartphone ist.

Beziehen Sie doch einige betroffene Personen in die Entwicklung ihrer Geräte mit ein! Lassen Sie uns gemeinsam den Weg, den sie softwareseitig begonnen haben, weiter führen. Wir stehen Ihnen gerne mit unseren Erfahrungen beiseite. Denn das würde Ihnen bei einer immer älter werdenden Bevölkerung auch beim Absatz ihrer Geräte helfen – was Sie zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht als wichtig ansehen, Ihnen aber in zwanzig Jahren ganz nützlich sein wird.

Mit freundlichen Grüßen,

Ein betroffener und zugleich enttäuschter Kunde

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