2/3 Call of Juarez: Gunslinger im Test : Pfiffige, ironische Westernballerei

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Gunslinger auf einen Blick

Ein alter Mann betritt in der Zeit, in der die Menschen selbst im wilden Westen langsam aber sicher vom Pferd auf das Auto umsteigen, eine Bar, die in früheren Zeiten als Saloon durchgegangen wäre. Dort trifft er auf ein kleines Publikum, das an seinen Geschichten von früher äußerst interessiert ist – und schon ist die inhaltliche Ausgangslage von „Gunslinger“ in minimal bewegten, gekonnt gezeichneten Bildern konstruiert.

Call of Juarez: Gunslinger im Test
Call of Juarez: Gunslinger im Test

Beim besagten Mann handelt es sich um den fiktiven Kopfgeldjäger Silas Greaves, Held und Erzähler von „Call of Juarez: Gunslinger“, der als Durchreisender mit brennender Kehle die besagte Bar betritt und in der Folge seine Geschichten aus alten Tagen zum Besten gibt. Wie er mit Billy the Kid ritt. Wie es den legendären Sheriff Pat Garrett im Duell zu schlagen galt. Wie er sich die Schrotflinte von Billys Bewacher Bob Olinger unter den Nagel riss. Wie er einen verrückten alten Mann mit einer Gatlingkanone sowie den gefürchteten Outlaw Curly Bill zur Strecke brachte. Und, und, und.

„Gunslinger“ handelt also von den Erlebnissen dieses Silas Greaves, der von Rache und Geldgier getrieben wurde, was ihn, quasi über Nacht, zu einem der bekanntesten „Bounty Hunter“ des späten wilden Westens machte.

Sympathisch macht diesen nicht sonderlich einfallsreichen Rahmen, dass die Storyschreiber ihn an allen Ecken und Enden mit viel Ironie und Augenzwinkern versehen. Natürlich handelt es sich bei den Geschichten um Fiktion, bei der geschickt und detailreich tatsächliche Geschehnisse der Zeit mit den Aufschneider-Übertreibungen eines abgehalfterten Ex-Cowboys verbunden werden. Kenner der realen Begebenheiten werden deswegen wahrscheinlich häufiger Schmunzeln, doch auch für jene, bei denen das Wild-West-Wissen bei Winnetou und Lucky Luke endet, ist dank griffiger (englischer) Dialoge der ein oder andere Lacher garantiert.

Call of Juarez: Gunslinger im Test
Call of Juarez: Gunslinger im Test

Etwas gewöhnungsbedürftig aber nicht per se schlecht ist dabei, dass die Erzählung von Greaves omnipräsent ist. Parallel zum Vorgehen des Spielers erzählt der Revolverheld nämlich, was sich ereignete, wobei es durchaus vorkommen kann, dass eine Passage teilweise zurückgespult wird, weil ein Zuhörer per Zwischenruf auf die Unmöglichkeit des Erzählten hinweist und Greaves sich unter Preisgabe von hanebüchenen Ausreden korrigieren muss.

Dass sich der Plot von „Gunslinger“ selbst nicht so ernst nimmt, ist schließlich naheliegend, denn eine große Rolle spielt er nicht. Vielmehr hat man es hier mit dem bröckeligen Kitt zu tun, der die einzelnen Schlauchlevel der Kampagne zusammenhält, die immer auf eines hinauslaufen: Der Spieler muss in persona von Greaves entweder angreifen oder sich verteidigen – klar, dass dabei zahlreiche Gegner mit den gängigen Schießprügeln der Zeit um die Ecke gebracht werden wollen.

Die so drohende Monotonie wird durch ein solides Leveldesign neutralisiert, das zwar überwiegend Outdoor-Areale bietet, dabei aber zwischen Canyons, kleinen Dörfern und Schauplätzen wie einer Sägemühle, einer Goldmine und einem entgleisten Zug wechselt. Für weitere Abwechslung sorgt ein bestens bekannter Konzentrationsmodus, in dem Greaves kurzzeitig ungestört markierte Gegner anvisieren kann. Hinzu kommen gescriptete Sequenzen, in denen man schön im Takt auf die im Spiel angezeigten WASD-Tasten hacken darf, um so Stück für Stück alle Gegner in einem Areal auszuschalten. Zu dem extrem arcadigen Flair passt auch ein großzügiges Treffersystem und die Möglichkeit, per Fifty-Fifty-Chance einem potentiell tödlichen Schuss nach links oder rechts auszuweichen.

Call of Juarez: Gunslinger im Test
Call of Juarez: Gunslinger im Test

Für weiteren Pepp sorgen die großzügig verteilten und auch aus den Vorgängern bekannten Duelle, bei denen eine gute Hand-Augen-Koordination gefragt ist: Während man mit der Maus möglichst eng an seinem Gegenüber bleiben muss, will die eigene Hand per A- und D-Taste zugleich eng am eigenen Colt geführt werden – um im entscheidenden Moment möglichst schnell ziehen und präzise schießen zu können.

Ebenfalls wie die Faust aufs Auge passt das Charaktersystem, bei dem automatisch erspielte Erfahrungspunkte in Nahkampf-, Fernkampf- und Revolverheld-Vorteile investiert werden können. Auch die KI passt sich dem Moorhuhn-Stil der Spielmechanik an, sodass man keine allzu cleveren Gegner erwarten sollte. Auf dem schwereren von zunächst zwei Schwierigkeitsgraden können die Heerscharen der feindlichen Pistoleros einem aber dank des umfassenden Einsatzes von Dynamit, wegen ihrer schieren Masse und aufgrund ihrer Kompetenzen im Einkreisen durchaus zusetzen, sodass die eigentliche und einzige Kernkompetenz von „Gunslinger“ – der Faktor „Action“ – ohne Abstriche überzeugen kann.

Technisch darf man keine allzu großen Sprünge erwarten, enttäuschend fällt das Gebotene aber auch nicht aus. Auf Basis der hauseigenen Chrome Engine 5 liefert Techland eine passable Grafik ab, die mit ihrem Comicstil in manchen Momenten an „Borderlands 2“ erinnert. Gravierende Bugs sucht man abseits von Details wie manchmal ausgefransten Schatten und ab und an matschigen Texturen vergebens, sodass man sich nicht mit fehlerhaft auslösenden Triggern oder ähnlichem herumschlagen muss.

Call of Juarez: Gunslinger im Test
Call of Juarez: Gunslinger im Test

Die vergleichsweise moderaten Systemanforderungen scheinen berechtigt zu sein: Auf unserem Testsystem lief „Gunslinger“ bei aktiviertem VSync, maximalen Details und in einer Auflösung von 1.920 × 1.080 nahezu konstant bei 60 Bildern pro Sekunde. Das ist auch gut so, denn die Möglichkeiten zur Ingame-Justierung sind nur sehr gering. Irritierend ist auch, dass die besagte Bilderrate teils selbst in scheinbar nicht besonders fordernden Momenten auf 30 einbrach – diesbezüglich herrscht noch Optimierungsbedarf.

Auch die Sound- und Sprachumsetzung geht in Ordnung: Ein exzellenter, deutsch untertitelter Originalsprecher trifft auf eine stets passende, wenn auch nicht sonderliche auffällige, dynamische Musikuntermalung.

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