Kommentar : Beim Modell-Chaos ist „Haswell“ Spitze

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Volker Rißka

Eine neue Prozessorgeneration bringt in der Regel viele neue Bezeichnungen für viele neue Eigenschaften mit sich – und bietet so viel Zündstoff für Verwirrungen. Dieses Jahr setzt Intel mit „TDP/SDP“, Kürzeln wie MX, MQ, HQ, U, Y, K, S und T sowie neun Bezeichnungen für die Grafiklösungen allerdings eine neue Bestmarke.

Nicht nur bei den Notebook-Modellen wird es somit langsam unübersichtlich. Neben der Kürzeldrehung (beispielsweise wird aus „QM“ bei „Ivy Bridge“ und „Sandy Bridge“ bei „Haswell“ einfach „MQ“) gibt es zusätzlich zu den bereits bekannten U- und Y-Prozessoren für Ultrabooks und Tablets und MX als Luxus-High-End-Variante (mobile Extreme Edition) noch die Neuauflage HQ. Laut Intel steht HQ für die schnellste verfügbare Grafikeinheit, also eine der neun neuen Ausprägungen bei Haswell – das stimmt allerdings nicht zu 100 Prozent. Und damit hört das Problem mit der Bezeichnung der Grafikeinheiten nicht auf. Viele Varianten, insbesondere bei der GT2-Ausprägung, liegen so eng beisammen, dass die Unterscheidung kaum möglich ist. Doch auch HD 5000 und HD 5100 als GT3-Lösungen sind kaum von einander zu trennen, ist letzteres doch das gleiche wie ersteres, nur eben bei einem Modell mit höherer TDP.

„Haswell“-Grafiklösungen
„Haswell“-Grafiklösungen

Einige der CPU-Kürzel wie beispielsweise das „K“ für die Desktop-Prozessoren mit frei bestimmbarem Multiplikator oder eben „S“ und „T“ für stromsparende Lösungen sowie weiterhin U/Y für Ultrabook- und Tablet-Prozessoren sind aus den letzten zwei, drei Jahren bereits geläufig. Neu ist das „R“ für eine BGA-Lösung im Desktop, hinter der sich eine Notebook-CPU versteckt, die zurück in den Desktop gebracht wurde – gemeinsam mit der Grafikvariante „Intel Iris Pro“, auf gut Deutsch HD 5200. Dahinter verbirgt sich die voll ausgebaute GT3-Lösung samt flinkem EDRAM, mit der Intel diskreten Grafiklösungen Feuer machen will. Die Grafiklösung gibt es offiziell nur im Notebook. Mit dem „R“-Prozessor aber auch im Desktop. Klar, oder?

Intel-Beschreibung der Notebook-Modelle mit vier Kernen
Intel-Beschreibung der Notebook-Modelle mit vier Kernen
HQ-Modelle für Notebooks mit HD 5200 (Stand 28. Mai)
HQ-Modelle für Notebooks mit HD 5200 (Stand 28. Mai)

Entgegen Intels eigenen Dokumenten, die alle HQ-Modelle aus dem Notebook mit HD-5200-Grafik in Verbindung bringen, gibt es von dieser offiziellen Regel auch Ausnahmen. Denn in Vorbereitung für unsere Artikel waren wir auf der Jagd nach eben diesen Topmodellen samt größter Grafiklösung und konnten ein Notebook mit Core i7-4700HQ ergattern. Laut Intel bietet dieser als HQ-Prozessor die maximale Grafik. Tut er aber nicht. Mehr als HD 4600 ist nicht drin.

Intel Core i7-4700HQ mit HD 4600
Intel Core i7-4700HQ mit HD 4600

Dieser markante Fehler hatte selbst den Hersteller des Notebooks irritiert, der uns in gutem Glauben mit eben einem dieser beworbenen HQ-Modelle samt Iris Pro aushelfen wollte. Ein von Intel abseits der Presse-Unterlagen unter anderem für den Handel gedachtes Dokument sorgte dann für Aufklärung: Ja, auch HQ-Modelle haben nicht immer die beste Grafikeinheit.

Dokument für den Handel (Stand April)
Dokument für den Handel (Stand April)

Da sich Beschwerden bei Intel über unfertige und fehlerhafte Dokumentationen von Seiten der Presse offenbar häuften, hat der Hersteller eine aktualisierte Fassung des nun 61 statt vorher 60 Seiten fassenden Dokuments zum Start der neuen Prozessoren herausgegeben. Dieses enthält nun auch die zusätzlichen HQ-Modelle, die keine HD 5200 bieten. Allerdings spricht Intel an anderer Stelle im selben Dokument immer noch davon, dass HQ genau diese Grafik bedeutet – hier wurde vermutlich vier Minuten vor dem NDA-Fall mit der zu heißen Nadel gestrickt.

Unsere Interpretation von HQ: Es handelt sich um fest verlötete BGA-Prozessoren mit vier Kernen. Damit ist der einzige Unterschied zu MQ, dass diese im wechselbaren PGA-Sockel zum Einsatz kommen können. 100-prozentig sicher ist das natürlich nicht, denn nur ein weiteres Modell von Intel in dieser Sparte und auch diese halbwegs nachvollziehbare Logik liegt wieder bei den Akten.

Auch über das spezielle HQ-Thema hinaus sind die potentiellen Fallstricke in der Bezeichnung vorprogrammiert: Kein Prozessor bietet wirklich alles, irgendwo gibt es immer Abstriche. Dies betrifft alle Desktop-Modelle, denen mal Cache, mal Takt, mal Zusatzinstruktionen – ganz zu schweigen von einer anderen Grafikeinheit – abhanden kommen, geht bei den klassischen Notebook-Prozessoren weiter und hört bei den Ultrabook-Varianten der U- und Y-Serie auf. Wie man jemandem, der einen 1.096 US-Dollar teuren Prozessor kauft, erklären soll, dass die integrierte Grafiklösung nur die 4.-„schnellste“ ist, bleibt letztlich allein Intels Geheimnis und muss nicht verstanden werden.

Richtig durchsehen bei Intels Prozessoren und deren Ausstattung kann am heutigen Tage letztlich kaum einer. Dabei hatte sich der Kunde an ein gewisses Chaos bei der Namensgebung in den letzten Jahren bereits gewöhnt. Aber die neuen Fallstricke machen das Bild noch diffuser, ohne dass alte Macken im Schema abgestellt wurden: der Core i5-4670T mit zwei Kernen und 2,3 GHz liegt auch bei Haswell „über“ dem Core i5-4430 mit vier Kernen 3,0 GHz – obwohl der 4430er markant schneller ist. Und die neue Grafiklösung macht alles noch ein Wenig schlimmer.

Wenn Intel es in vielen Veranstaltungen und mit vielen bereitgestellten Dokumenten vorab nicht einmal bei der gut informierten Presse schafft, die Modellpalette zu erklären, um dann wiederum gemeinsam den Kunden anzulernen, dann sind die Probleme im System auf dem Tisch. Und am kommenden Dienstag geht es mit einem ganzen Schwall von Dual-Core-Modellen und mit Sicherheit noch mehr Verwirrung weiter.

Der gesamte „Haswell“-Marktstart mag hinsichtlich des Portfolios der bisher größte von Intel gewesen sein, allerdings ist es auch der holprigste, den wir bisher miterlebt haben. Und wenn es auch nur daran liegt, dass im Wust der Prozessoren anhand der Bezeichnungen nicht mehr durchzusehen ist.

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