4/5 Falsche Netzteil-Zertifikate : Diese Rechte hat der Käufer

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Stellungnahmen

Hersteller

Angesichts dieser rechtlichen Möglichkeiten gegenüber schwarzen Schafen in der Branche haben wir die namhaften Hersteller be quiet!, Cooler Master, Enermax und Sea Sonic nach ihrer Einschätzung befragt. Gehen die Markenhersteller aktiv gegen schwarze Schafe unter ihren Konkurrenten vor? Wie sehen sie die verbreitete Schummelei bei 80Plus-Zertifikaten?

Aaron Licht, PR-Consultant und -Manager bei be quiet! bestätigt, dass gefälschte 80Plus-Zertifikate bei den Wettbewerbern intern diskutiert werden. Für Kunden sei dies „natürlich ebenso wie für die ehrlichen Wettbewerber ärgerlich“, allerdings sehe be quiet! von einem Vorgehen auf dem Rechtsweg ab: „Wir gehen zum einen nicht davon aus, dass wir Schummel-Netzteile dauerhaft vom Markt fernhalten können, zum anderen möchten wir uns lieber auf die eigene Produktentwicklung konzentrieren“, so Licht. be quiet! setzt vielmehr auf die Sensibilisierung von Verbrauchern.

Eine ähnliche Position vertritt René Grau von Cooler Master. „Statt aufwändigen rechtlichen Auseinandersetzungen widme wir uns lieber den eigenen Produkten“, so Grau. Überzeugende Netzteile und lange Garantiezeiten sollen dafür sorgen, dass Kunden auch in Zukunft gerne bei Cooler Master einkaufen. Cooler Master kritisiert darüber hinaus die methodischen Schwächen des 80Plus-Programms: „Die Regularien erschweren preiswerte, effiziente Netzteile.“ Auch Cooler Master setzt am Ende auf die Bedeutung des Informationsstands der Käufer: Ein gesundes Grundwissen sowie gute Testberichte wären der beste Schutz vor mangelhafter Qualität. Aktiv gegen schwarze Schafe vorgehen will Cooler Master nicht.

Benjamin Schäfer von Enermax nennt den zeitlichen und finanziellen Aufwand von Gerichtsverfahren gegen schwarze Schafe der Branche als Hemmschwelle. Auch würde sich „das Branchenklima massiv verschärfen“. Enermax sieht viel mehr Ecova in der Pflicht, gegen Betrügereien vorzugehen. Die Kollegen in Taiwan hätten sich aufgrund der aufgedecken Fälle bereits bei Ecova beschwert, ohne Erfolg. Zudem sei nicht einmal auszuschließen, dass das Netzteil sogar weiterhin verkauft werde. Selbst den formalen Überprüfungsprozess für Geräte von Wettbewebern in Auftrag zu geben, plant Enermax nicht: „Selbst wenn so ein Schummler ertappt wird, gäbe es weder einen Rückruf der betroffenen Serie noch Vertragsstrafen“. Schlussendlich sei der Einfluss als Netzteilhersteller auf die Konkurrenz sehr begrenzt, ein gutes Beispiel sind Netzteile, die ihre Nennleistung nicht dauerhaft liefern können. Diese kundenfeindliche Praxis ist bis heute nicht ausgestorben. Auch Enermax setzt zu deshalb am Ende auf die Sensibilisierung des Marktes und nicht auf den Klageweg.

Auch für Nils Stallmach von Sea Sonic ist „Etikettenschwindel beim Wirkungsgrad ärgerlich“, von aktivem Vorgehen gegen Wettbewerber hält aber auch dieser Hersteller mit großem OEM-Geschäft Abstand. Zum einen „entspräche das nicht der Firmenphilosophie sowie den Branchengewohnheiten“ (auch bei Patentstreitigkeiten konnte man in der Vergangenheit gütliche Einigungen erreichen), andererseits sei Sea Sonic als großer Auftragsfertiger in einer besonderen Lage: Andere Netzteilmarken seien immer auch potentielle Kunden für die eigenen OEM-Aktivitäten. „Halten hochpreisige Produkte eines Wettbewerbers ihre Versprechungen nicht ein, können wir genau diese Netzteilmarke möglicherweise in der Zukunft als Kunden für die eigene Auftragsfertigung gewinnen“.

Ein rechtliches Vorgehen gegen Schummler ist also von keinem der vier befragten Markenhersteller zu erwarten.

80Plus (Ecova)

Ecova (die Organisation hinter 80Plus) ist sich der Problematik, dass im Handel angebotene Netzteile nicht notwendigerweise dem eingesandten und zertifizierten Produkt entsprechen, bewusst. Allerdings geht man bei Ecova davon aus, dass nur etwa 0,5 Prozent der erteilten Zertifikate erschummelt wurden. Ecova bemühe sich, zu Unrecht verwendete 80Plus-Zertifikate zu vermeiden. So kann jeder Wettbewerber die 80Plus-Zertifizierung von Konkurrenzmodellen anzweifeln, ein im Handel erworbenes Muster einsenden und testen lassen. Erfüllt das eingesandte Netzteil die Anforderungen, trägt der Einsender die Kosten der Überprüfung. Wird das benötigte Effizienzniveau verfehlt, müssen die Gebühren hingegen vom Netzteilhersteller getragen werden, dessen Produkt die versprochene Leistung nicht liefern kann. In diesem Fall darf das 80Plus-Siegel nicht geführt werden, bis das Produkt die versprochene Effizienz liefert und neu zertifiziert wurde. Wie unsere Rückfrage bei den vier Markenherstellern ergeben hat, macht von diesem „Anschwärzen“ allerdings kein Hersteller Gebrauch. Eine eigene, aktive Überprüfung der Zertifikate durch im Handel erworbene Modelle führt Ecova hingegen nicht durch. Und unternimmt auch sonst wenig.

So leiten wir unsere Messergebnisse samt Original-Testprotokolle bei problematischen Netzteilen routinemäßig weiter. Beim LC-Power Gold Series LC9450 konnten wir daraufhin beispielsweise aufklären, dass unsere Version und die zertifizierte Version nicht identisch sind. LC-Power wurde darauf hingewiesen, dass die Handels-Version neu zu zertifizieren ist. In der Praxis scheint diese Vorgehensweise aber wenig zu bringen: Das LC9450 ist immer noch samt 80Plus-Gold-Siegel, aber ohne neuen offiziellen Testreport, verfügbar. Auch bei den anderen Problemfällen können wir bisher keine Auswirkungen erkennen. Ecova versichert uns, dass der Sache nachgegangen wird, man andererseits aber „keine Kapazitäten habe, den Missbrauch von 80Plus-Siegeln weltweit zu unterbinden“. Hinweise der Presse auf problematische Ergebnisse seien ausdrücklich willkommen. Die Praxis lässt uns an diesem guten Willen zweifeln.

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