3/5 Kindle Fire HDX (8.9) im Test : Gute Hardware mit halbem Android

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Performance & Oberfläche

Neben den Displays gibt sich Amazon auch bei der restlichen Hardware keine Blöße. In beiden Geräten schlägt ein Snapdragon 800 von Qualcomm, welcher von der GPU-Einheit Adreno 330 unterstützt wird. Durch die Taktfrequenz von 2,2 Gigahertz in Kombination mit dem zwei Gigabyte großen Arbeitsspeicher lassen sich beide Geräte geschmeidig bedienen, uns fielen keine Ruckler auf. Der interne Speicher bemisst sich bei unseren Testgeräten auf jeweils 16 Gigabyte, von welchem dem Nutzer jedoch nur knapp elf Gigabyte zur Verfügung stehen. Die Erweiterung des Speichers ist nicht möglich, daher sollte vor dem Kauf überlegt werden, wofür das Gerät hauptsächlich verwendet werden soll und ob der vorhandene Speicher dafür ausreicht. Ein größerer Speicher von 32 beziehungsweise 64 Gigabyte schlägt mit jeweils 40 Euro beim HDX und 50 Euro beim HDX 8.9 zu Buche.

Die gute Hardware-Ausstattung spiegelt sich in den Benchmarks wider, bei denen beide Geräte in den oberen Rängen mitspielen. Aber auch ohne Messwerte können wir den neuen Sprösslingen eine sehr gute Performance bescheinigen. Applikationen starten schnell und auch Seitenwechsel gehen schnell und ruckelfrei von der Hand. Der Touchscreen fällt durch präzise Erkennung der Eingaben auf. Bei aufwendigen 3D-Spielen machen beide Tablets dank der starken GPU eine gute Figur, keines der von uns getesteten Spiele fiel negativ auf.

Fire OS statt Android

Ein wenig anders sieht es beim Betriebssystem aus: Amazon verwendet für die aktuellen Kindle-Fire-Tablets Fire OS 3.0 „Mojito“, bei welchem es sich um ein auf der Version 4.2.2 basierendes Android-Derivat handelt. Da Amazon sich gegen die Google-Play-Lizenz entschieden hat, befinden sich auf dem Gerät keinerlei Google-Apps. Einige der Applikationen können zwar über den Amazon App-Shop oder per APK-Datei manuell aufgespielt werden, doch das nachträgliche Installieren des Play Store ist nicht möglich.

Ist Android bekannt, werden an vielen Stellen Unterschiede deutlich, mit denen sich versierte Benutzer erst einmal anfreunden müssen. So offeriert der Lockscreen dem Benutzer zunächst eine als „Spezialangebot“ betitelte Werbung, welche auf Wunsch für 15 Euro deaktiviert werden kann. Auf dem Homescreen angekommen, erblickt der Nutzer zuoberst eine Leiste mit Zugang zu verschiedenen Bereichen wie Apps, Bücher, Musik, Videos und einigen mehr. Die üblichen Android-Softbuttons gibt es nicht, zurück oder auf den Homescreen kommen Nutzer über eine seitliche Leiste, welche sich bei den meisten Applikationen jedoch verbirgt und erst aufgezogen werden muss. Gegenüber der herkömmlichen Lösung ist dies etwas umständlicher.

Kindle Fire OS 3.0 Homescreen
Kindle Fire OS 3.0 Homescreen

Im Hauptbereich des Homescreens werden dem Nutzer die zuletzt verwendeten Applikationen und Inhalte in einem Karussell angezeigt, was Amazon schlicht als eine „inhaltsorientierte Startseite“ bezeichnet. Befinden sich hierunter auch im Shop gekaufte Inhalte, werden dem Nutzer bei Verwendung des Tablets im Hochkantformat unter dem jeweiligen Icon zusätzliche Kaufvorschläge unterbreitet. Unter dem Karussell finden sich schließlich die Standard-Applikationen, zu denen unter anderem der Fire-OS-eigene Silk-Browser, der Kalender oder die E-Mail-App gehören. Wird in dem Bereich mit dem Finger nach oben gewischt, erscheint die Fire-OS-Version des App-Drawers.

Android-Nutzer dürften bereits jetzt die gewohnten Möglichkeiten zur Anpassung vermissen, denn weder Widgets noch ein Homescreen im klassischen Sinne sind vorhanden. Alternative Launcher werden in Amazons App-Shop nicht angeboten. Auch die Möglichkeit, voneinander unabhängige Benutzerkonten anzulegen, ist nicht vorhanden.

Trotzdem kann auch Fire OS mit interessanten Funktionen aufwarten, wie zum Beispiel der neuen Schnellarchiv-Option: Wird der Speicherplatz einmal knapp, erkennt das System automatisch in letzter Zeit nicht verwendete Inhalte und bietet für diese eine Cloud-Speicherung an. Bei einer späteren Verwendung können diese Inhalte wieder auf das Tablet geladen werden.

Für Eltern bietet das neue System von Amazon viele Möglichkeiten, den Tablet-Konsum ihrer Kinder kontrollieren zu können. Hierbei können verschiedene Bereiche wie zum Beispiel die Videowiedergabe, der App-Shop, Bücher oder Applikationen mit einem Passwort geschützt und diese somit Kinderaugen unzugänglich gemacht werden. Für eines der nächsten System-Updates hat Amazon bereits die Funktion „FreeTime“ angekündigt, mit welcher sich für jedes Kind ein eigenes Profil anlegen lässt und der Zugriff auf Bücher, Apps und Spiele genauestens festgelegt werden kann. Die Systemgestaltung innerhalb dieser Profile ist mit bestimmten Hintergründen und größeren Schriftarten kinderfreundlicher gehalten. Zudem lassen sich für bestimmte Bereiche oder das gesamte Tablet Zeitkontingente festlegen, über deren Gebrauch die Kinder frei verfügen.

Digitales Einkaufszentrum

Am Aufbau des Systems wird deutlich, was Amazon mit seinen eigenen Tablets fokussiert: Inhalte verkaufen. Jeder Bereich ist mit dem eigenen Shop, Diensten oder der Cloud verbunden. Amazon hat zudem großes Augenmerk darauf gelegt, dass Kunden auch mit Bereichen des Händlers in Berührung kommen, die diese vorher vielleicht noch nicht kannten. Vorschläge aufgrund der Kaufgewohnheiten stellen andere Shops zwar auch aus, Amazon geht über den Browser jedoch noch einen Schritt weiter und präsentiert dem Konsumenten App-Vorschläge aufgrund des Browser-Verlaufs. Das Sammeln von Daten für den App-Shop lässt sich zwar in den Einstellungen abstellen, offen bleibt aber, welche Daten das Unternehmen darüber hinaus erhebt.

An einigen Stellen wird die Vernetzung jedoch nicht konsequent zu Ende geführt: So kann bei Amazon selbst zwar ohne Bankkonto- oder Kreditkartenangaben rein über Gutscheine eingekauft werden, für Dienste wie den Videoverleih Lovefilm oder das Hörbuch-Portal Audible, beides Amazon-Unternehmen, sind diese Daten jedoch zwingend erforderlich. Angenehmer für den Kunden wäre es, neben einem Zugang zu allen Diensten auch die Einkäufe zentral zu begleichen.

Die fehlende Google-Lizenz und der dadurch fehlende Play Store schlagen sich im App-Angebot nieder: Von den zehn Top-Applikation im Play Store fanden sich lediglich vier im App-Shop wieder, wobei es sich bei diesen bis auf eine Ausnahme nur um Spiele handelte. Kostenpflichtige Applikationen, welche bereits im Play Store gekauft wurden, müssen auf der Amazon-Plattform noch einmal erstanden werden. Wurde also bei Google bereits eine umfangreiche App-Sammlung angelegt, gilt dies beim Wechsel zu Fire OS zu beachten.

Kindle Fire OS 3.0 Werbung
Kindle Fire OS 3.0 Werbung

Festzuhalten ist, dass es sich bei Fire OS eher um eine Entertainment-Plattform als eine Umgebung zum produktiven Arbeiten handelt. Natürlich gibt es auch im Amazon App-Shop zahlreiche Applikationen für diverse Aufgaben, des Weiteren kommen auch E-Mail und andere Kommunikationswege nicht zu kurz. Zudem bietet Amazon in Kürze per Software-Update eine Kerberos-Authentifizierung und Unterstützung für MDM-Lösungen an, um die Kindle-Serie besser in Unternehmen einbinden zu können. Trotzdem bleibt die Plattform deutlich hinter den Möglichkeiten eines reinen Android-Systems zurück, was zu großen Teilen an der geringen Anpassbarkeit und vor allem dem im Vergleich zum Play Store deutlich weniger umfangreichen App-Shop liegt.

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