„Mafialeaks“ als neuer Antagonist zur Omertà

Maximilian Schlafer
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Italienische Informatiker wollen mit einer neuen Plattform die organisierte Kriminalität in ihrem Lande an einer strategischen Schwachstelle treffen und so den althergebrachten und stets mit radikalen Mitteln durchgesetzten Schweigekodex „Omertà“ aushebeln.

Zu diesem Zwecke haben sie das Portal mafialeaks.org ins Leben gerufen, welches die anonyme Bereitstellung von Informationen und Beweismaterial gegen mafiöse Umtriebe zum Ziel hat. So soll es ab 14 Uhr des heutigen Tages möglich sein, Audio- und Videodateien ebenso wie Bilder oder Dokumente hochzuladen, mit denen beispielsweise – in Teilen Italiens nicht unübliche – Erpressungen belegt werden können. Dieses Angebot zielt einerseits auf Verbrechensopfer, andererseits aber auch auf Informanten aus den Mafia-Clans ab. Daneben besteht die Möglichkeit, bestimmte Beobachtungen, die Bürger gemacht haben, weiterzuleiten, auch wenn dafür keine Beweise vorgelegt werden können.

Die dahinterstehenden Personen wollen mit der Plattform, die sie laut eigenen Angaben gegenüber der Zeitung „La Republica“ in ihrer Freizeit und mit eigenen Mitteln betreiben, eine Brückenfunktion zwischen Opfern und mitteilungswilligen Insidern einerseits und Strafverfolgungsbehörden sowie Presse andererseits einnehmen. Unter anderen durch die Nutzung des TOR-Netzwerks oder auch des https-Protokolls soll die Sicherheit und Anonymität der Whistleblower – auch gegenüber der Seite selbst – gewahrt werden.

Dass die Sicherheit der Informanten der neuralgische Punkt des Konzepts ist, ist naheliegend, denn die organisierte Kriminalität in Italien hat sich, wie bereits eingangs angeschnitten, noch nie erkennbarer Zimperlichkeit hingegeben, wenn es um das Sanktionieren von Brüchen des Schweigegebotes ging. Da die mafiösen Gruppen sich zudem auch gegen solche Akte des zivilen Widerstandes 'wehren' – sei es mit der Androhung oder der Durchführung von Gewalt –, ziehen es die Schöpfer von mafialeaks.org vor, im Dunkeln zu verbleiben, zumal sie Familien haben.

In einer ersten Reaktion der italienischen Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft wurde die Einrichtung der Seite zwar mit Hinblick auf das Missbrauchspotenzial durch falsche Beschuldigungen nicht gerade überschwänglich begrüßt, jedoch kann man sich dort vorstellen, dass daraus ein gutes Instrument zur Durchbrechung der Omertà werden kann.

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  • Maximilian Schlafer E-Mail
    … ist die erste Anlaufstelle für alles, was Recht ist auf ComputerBase. Paragraphen haben es ihm angetan.
Quelle: Diverse

Ergänzungen aus der Community

  • 2LOST 05.11.2013 15:34
    Hmm, solange auf der Platform gelogt wird halte ich das ganze für sehr Riskant. Es benötigt nur 2 Leute um das ganze System zu umgehen. Einen der Admins, welcher Zugriff auf die Logs hätte und ein Polizist der eine IP-Anfrage beim ISP stellt. "Cool Master, post: 14772110
    So siehts aus. In meinen Augen ein sehr heroisches Vorhaben, wobei ich aber leider viele Opfer voraussehen kann.
    Im Gegensatz zu einer Regierung oder einer regierungsnahen Organisation, hat die Mafia kein Problem damit sich die Hände dreckig zu machen. Sie muss auch nicht ihre Taten geheimhalten, ganz im Gegenteil Abschreckung ist die beste Mafia-Methode.
    Dazu kommt, dass in Italien einige von der Mafia finanzierte Polizisten ihren Dienst tun.

    Fall sie es dennoch schaffen sollten, sind sie wahre Helden.
  • Ycon 05.11.2013 17:07
    Irgendwie scheinen die Leute mit dieser (durchaus noblen) Idee nicht ganz die Tragweite des Mafianetzes begriffen zu haben.
    Wenn eine Information X publik wird, dann ist auch definitiv klar, welche Personen Y "gesungen" haben, da die Information X nur den Personen Y zugänglich war.
    Und die Betreiber von Mafialeaks wollen "in ihrer Freizeit" die Familien, den Freundes- und Bekanntenkreis der whistleblower schützen, wenn nicht mal die Regierung das kann?

    Die Mafia bekämpft man nicht mit Internetseiten, sondern indem sich die Regierung um ihr Land und Volk kümmert. Die Regierung hat allerdings große Teile Italiens schon längst aufgegeben.

    So dumm es klingen mag, besagte Regionen Italiens sind der Mafia gar nicht mal so sehr abgeneigt. Die Mafia baut dort Schulen, Straßen, Krankenhäuser und engagieren sich in sehr vielen Projekten. Natürlich zum reinen Selbstzweck, aber wenn sich die Leute aus Versehen einen Finger abschneiden, haben die ein durch Drogengeld finanziertes Krankenhaus lieber als gar keines.