News : Big Brother Award 2014 geht an Bundeskanzleramt

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Wegen des geringen Engagements bei der Aufklärung des NSA-Skandals hat das Bundeskanzleramt den Big Brother Award 2014 in der Kategorie Politik erhalten. Erwartungsgemäß spielten die NSA-Enthüllungen eine zentrale Rolle bei der diesjährigen Vergabe der „Oscars an Datenkraken“ durch den Verein Digitalcourage.

Die Wahl fiel auf das Bundeskanzleramt, weil es als oberste Fachaufsicht für die Aktivitäten der deutschen Geheimdienste sowie den Kooperationen mit ausländischen Diensten verantwortlich ist. So sind etwa BND und Verfassungsschutz an Überwachungsinstrumenten, Spähprogrammen und Infrastrukturen der NSA beteiligt. „Alte wie neue Bundesregierung haben mit Massenausforschung und Digitalspionage verbundene Straftaten und Bürgerrechtsverstöße nicht abgewehrt: Sie haben es sträflich unterlassen, die Bundesbürger und von Wirtschaftsspionage betroffene Betriebe vor weiteren feindlichen Attacken zu schützen“, heißt es in der Laudatio für den Award.

In der Kategorie Wirtschaft wurde die IT-Beratungsfirma CSC prämiert. Obwohl der Mutterkonzern im Dunstkreis von US-Geheimdiensten wie NSA und CIA aktiv ist, arbeitet die deutsche Niederlassung im Auftrag von zehn Bundesministerien an sicherheitsrelevanten Projekten. Zu diesen zählen unter anderem der elektronische Personalausweis, die De-Mail und das bundesweite Waffenregister.

Big Brother Awards 2014
Big Brother Awards 2014 (Bild: digitalcourage.de)

LG hat den Big Brother Award in der Kategorie Verbraucherschutz erhalten. Im November des letzten Jahres wurde bekannt, dass Smart-TVs des Konzerns zahlreiche Informationen über Sehgewohnheiten der Nutzer an die Firmenzentrale übermittelt. Zu diesen zählen nicht nur der aktuelle Sender, sondern auch „welche DVD eingelegt ist, oder welche Filme oder Musikstücke auf einer angeschlossenen Festplatte oder einem USB-Stick so gespeichert sind“, heißt die Begründung in der Laudatio.

Der Technik-Award wird für „Spione im Auto“ verliehen, um auf bedenklichen Tendenzen hinzuweisen: Technologien in Fahrzeugen zielen verstärkt darauf ab, Daten über Verkehrsteilnehmer sowie deren Fahrverhalten zu sammeln und auszuwerten. Ein konkretes Unternehmen wird allerdings nicht ausgezeichnet. Autohersteller verweisen auf gesetzliche Vorgaben und auf Drittanbieter, die Ortungs- oder Navigationsdienstleistungen im Auftrag des Fahrers erbringen. Dazu zählen die Hersteller von Bordcomputern, die oftmals auf Googles Android basieren – und somit erhält auch Google Informationen über die Fahrgewohnheiten der Nutzer.

Big Brother Awards 2014
Kategorie Gewinner Begründung
Politik Bundeskanzleramt Fehlende Aufklärung und Verstrickung in NSA-Skandal
Verkehr MeinFernbus GmbH Ausweispflicht für Fernreisen
Technik „Spione im Auto“ Datensammlung in PKWs
Wirtschaft IT-Sicherheitsfirma CSC IT-Sicherheitsberater der Bundesregierung, trotz Nähe zu US-Geheimdiensten
Verbraucherschutz LG Datenauslese bei Smart-TVs
Arbeitswelt RWE Vertriebs AG Heimliche Überwachung von Call-Center-Mitarbeitern
Neusprech Metadaten Technokratischer Begriff verschleiert Aussagekraft
Positivpreis Edward Snowden Enthüllung von NSA-Überwachungsaktivitäten

Etwas aus der Reihe fällt der Neusprech-Award für den Begriff „Metadaten“. Begründet wird die Wahl dem „Versuch, flächendeckende Überwachung sprachlich zu verheimlichen“, erklären die Neusprech-Blogger Kai Biermann und Martin Haase in der Laudatio. Metadaten bezeichneten sie als „jene Daten, die benötigt werden, um Informationen zu übermitteln. Wer schickt was und wie viel wie oft wohin, wo befindet er sich dabei, welche Geräte benutzt er dazu, wie lange dauert das alles“. Wenn Geheimdienste wie die NSA diese Daten annähernd vollständig sammeln und über Jahre hinweg speichern, lassen sich damit soziale Vernetzungen aufdecken, Standorte von Menschen ermitteln und Bewegungsprofile erstellen.

Mit dem Julia-and-Winston-Award wurde in diesem Jahr erstmals ein Positiv-Award verliehen. Benannt nach den Hauptprotagonisten aus George Orwells Roman 1984 soll der Award Personen auszeichnen, die sich „in besonderem Maße gegen Überwachung und Datensammelwut eingesetzt haben“. Wenig überraschend fiel die Wahl auf NSA-Whistleblower Edward Snowden.