Gesche Joost : Programmieren soll in der Grundschule vermittelt werden

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Gesche Joost: Programmieren soll in der Grundschule vermittelt werden
Bild: Next Berlin (CC BY 2.0)

In einem Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung plädiert Gesche Joost, Internetbotschafterin der Bundesregierung, dafür, Kindern bereits im Grundschulalter Programmierkenntnisse zu vermitteln. Die geringen Berührungsängste gegenüber neuen Technologien müssten ausgenutzt werden.

Die Internetbotschafterin befürchtet, dass deutsche Schüler international ins Hintertreffen geraten könnten. Selbst bei sofortiger Anfertigung eines Konzeptes, „würde die Umsetzung noch Jahre dauern“. Die Professorin für Designforschung beklagt die zurückhaltende und abwartende Haltung der Bundesregierung – andere Länder seien in der Diskussion schon weiter, in Großbritannien etwa ist ab diesem Schuljahr Programmierunterricht für Grundschüler verpflichtend.

Gesche Joost
Gesche Joost (Bild: Next Berlin, CC BY 2.0)

Ich sehe auch keinen Zwang, dass man es als neues Schulfach einführt“, betont Gesche Joost. Es gehe darum, Kindern Möglichkeiten aufzuzeigen, die Neuen Medien mitzugestalten und nicht nur passiv zu konsumieren. Diese Kenntnis der Technologie sei inzwischen in fast jedem Beruf gefordert, einfache Programmiersprachen, „die wie Lego funktionieren“, würden es Jugendlichen ermöglichen, Apps an einem Wochenende zu entwickeln. Die Vermittlung dieser Kenntnisse, also neue Formen der Recherche, das Programmieren und die Mediengestaltung könnte auch in bestehenden Fächern vermittelt werden. „Irgendwann in der frühen Pubertät entstehen plötzlich Berührungsängste, gerade bei Mädchen“, so die Internetbotschafterin. Gerade die kindliche Neugier müsste man ausnutzen und positive Erfahrungen mit der Technologie ermöglichen.

Deutsche Schüler geraten bereits jetzt im internationalen Vergleich ins Hintertreffen. Während die „Digital Natives“ zwar mit dem Computer umgehen können, sind tiefere Fachkenntnisse selten, wie die „International Computer and Information Literacy Study“ ergibt. Fast jeder Lehrer erkenne den Einsatz von Computern für Bildungszwecke als sinnvoll an, genutzt wird dieser in deutschen Schulen allerdings viel zu selten – in Thailand und Chile kommen Computer häufiger zum Einsatz als in Deutschland.

Ilka Hoffmann der Lehrergewerkschaft GEW äußert sich skeptisch, „die sichere Beherrschung der Kulturtechnik“, also dem Lesen, Schreiben und Rechnen, stehe ebenso wie das soziale Lernen im Vordergrund. Die IT-Ausstattung der Schulen sei zudem häufig mangelhaft.

Das Bildungsministerium erhofft sich derweil aus den Mitteln der Qualitätsoffensive Lehrerbildung einen „Innovationsschub auch beim Einsatz digitaler Medien“, wie Staatssekretärin Quennet-Thielen anlässlich der Veröffentlichung der ICILS-Ergebnisse im November 2014 verlauten ließ.

110 Kommentare
Themen:
  • Silvio Werner E-Mail
    … widmet sich auf ComputerBase insbesondere den Themen Datenschutz, Netzpolitik und neuen Technologien.

Ergänzungen aus der Community

  • ChristophNRW 02.01.2015 15:49
    Als angehender männlicher Grundschullehrer ein sehr interessantes Thema, auch wenn ich wie viele andere das Programmieren in dieser Altersstufe zu früh finde.
    Selbst wenn es sich durchsetzen sollte, wird die Umsetzung wahrscheinlich mit ödem Lehrermaterial via Arbeitsblätter geschehen. Es bedarf einer Fortbildung einzelner Lehrkräfte, und ohne mich einem Klischee bedienen zu wollen, haben die meisten Lehrerinnen einfach kein Interesse daran, Computernutzung als Unterrichtsinhalt zu nehmen. Ältere Kolleginnen können es selbst nicht, bei neuen Lehranwärterinnen wird es wahrscheinlich in den nächsten Jahren anders aussehen, da ein Studium ohne Computer und Internet heutzutage viele Hürden aufbringen würde. Ich sehe mich schon, wie ich später als einziger Mann an einer Grundschule in die Fortbildung zur Vermittlung von Grundkenntnissen im Informatikbereich in der Grundschule gedrängt werde, weil meine Kolleginnen keine Lust dazu haben und weil ich halt ein Mann bin... Dasselbe gilt übrigens auch für den Sportunterricht, mit dem Posten des Schulleiters wird es nicht anders verlaufen.

    Die Ausstattung an Grundschulen wird wahrscheinlich auch problematisch sein. Ich kann über eine Schule in Wuppertal sprechen, in der pro Klasse immerhin zwei Computer stehen. Einen Beamer gibt es auch, allerdings steht der in einem Schrank im Flur. Es wird versucht, Medienkompetenz zu fördern, indem sich wöchentlich kleinere Gruppen mit Computer und Internet auseinandersetzen. Doch die Art und Weise, wie dies geschieht: selbstverständlich über Arbeitsblätter. Arbeitsblätter, die so schlecht sind, dass man den tatsächlichen Nutzen hinterfragen muss. Wo ist der Sinn darin, auf einem Arbeitsblatt Bildschirm, Tastatur, CD-ROM etc. zu beschriften?! Für die Kinder ist da überhaupt kein Unterschied zum herkömmlichen Unterricht zu erkennen, weshalb die Begeisterung, die die Kinder mitbringen "Hey, wir machen jetzt was am Computer!!" schnell verfliegen wird.

    Die Bildungspolitik ist auch nur mit jahrelanger Verspätung in der Lage, auf eine gesellschaftliche Entwicklung zu reagieren. Es muss erst zu großen Problemen kommen, bis überhaupt eine Maßnahme ergriffen wird. Smartphones und Whatsapp sind natürlich schon in der Grundschule angekommen, die Kinder führen diese teilweise auch schon in der 2. Klasse mit sich. Mit einem Verbot ist es nicht getan, was soll das bringen? Dann greifen die Kinder eben nach der Schule gewohnt zum Smartphone. Der Umgang sollte auch in der Schule thematisiert werden.
    Mobbing über Whatsapp ist ein Problem: In einem Fall wurde eine Gruppe erstellt, in der eine Schülerin, natürlich selbst auch Mitglied der Gruppe, übelst beleidigt wurde. Wir sprechen von der 4. Klasse.
    In diesem Semester wurde sogar an der Uni Wuppertal ein Kurs angeboten, der sich mit diesen und ähnlichen Problemen auseinandersetzt. Leider wurde im Nachhinein die Modulzuordnung geändert, sodass sich der Kurs nur noch an die Lehrämter für die Sek I und II richtete. Die Begründung war, dass die Inhalte sich nicht mit der Primarstufe decken würden. Eine heftige Ohrfeige...
    Wie lange die Politik braucht, um auf solche Veränderungen zu reagieren, lässt sich anhand von Deutsch als Zweitsprache (DaZ) belegen. Erst mit dem neuen Lehrerausbildungsgesetz 2009 (!) sind in NRW entsprechende universitäre Inhalte in diesem Bereich vorgesehen. Dass Migrationshintergrund in vielen Städten schon sehr viel früher an Bedeutung gewonnen hat, ist jedem klar.
  • dasnacht 02.01.2015 20:29
    Ich glaube ihr habt nicht verstanden worum es genau geht. Wenn die von Programmieren reden, geht es keinesfalls um die konventionellen Sprachen, an die man als erstes denkt. Die in der Grundschule beizubringen, wäre didaktisch nicht sehr sinnvoll, bzw. nur sehr oberflächlich möglich (auch wenn es bei weitem nicht unmöglich wäre). Es gibt speziell für Kinder Entwickelte Entwicklungsumgebungen, in denen die grundlegendsten Konzepte der Programmierung spielerisch erkundet werden können. Beispiele dafür sind etwa Scratch oder Lego Mindstorms. Der Hauptunterschied besteht darin, dass nicht etwa Code geschrieben wird, sondern einfache Blöcke in einem grafischen Editor zu Programmen zusammengesteckt werden (wie Lego), nur dass hinter diesen Blöcken eben Aktionen und Kontrollstrukturen stecken z.B. "bewege die Figur 5x nach rechts". Die Kinder sehen dort sofort ein Ergebnis am Bildschirm oder eben an ihrem Lego Roboter, wo sich dann bspw. ein Rad dreht. So werden Grundkonzepte, wie Schleifen oder Bedingungen, die viele "richtigen" Programmiersprachen besitzen, kennengelernt und analytisches und strukturiertes Vorgehen zur Lösung einer teils komplexen Aufgabe trainiert (z.B. lass den Roboter einer Linie folgen). Das nützt nicht nur in Mathe, sondern auch später im Leben. Wichtig ist auch, dass Kinder eben früh erkennen, dass die Technologie, die sie mittlerweile vollständig umgibt, eben keine Ansammlung von "Blackboxes" ist, sondern auch kreativ mit ihr umgehen können. Wer nicht glaubt, dass die Kleinen das packen kann ja mal hier schauen: http://www.raspberrypi.org/kids-and-their-raspberry-pis/
    Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell die Kleinen begreifen und wie kreativ sie sind. Manche können gut malen, andere schnell laufen und wieder andere singen gerne - warum nicht auch technische Sachen basteln und fördern? Den Bewerberzahlen und der Abbrecherquote in den MINT-Fächern würde das bestimmt gut tun.

    Natürlich soll nicht nur herumgecodet werden. Wir haben beispielsweise in der Grundschule im regulären Sachkunde Unterricht gelernt, wie man ein Programm unter damals noch Windows 98 installiert, ein Word-Dokument erstellt und Suchmaschinen, sowie einige Kinderportale zur Recherche im Internet benutzt. Kann auch dran liegen, dass meine Lehrerin damals engagiert war, aber im Endeffekt hat es Allen sehr genützt und Zeit gab es dafür auch - uns mal einen Projekttag mit Lego Mindstorms basteln zu lassen, hätte da auch locker gepasst. Das hat leider am Gymnasium für mich komplett aufgehört.

    Und nun schaut euch an, was die schaffen, wenn sie erstmal Jugendliche an weiterführenden Schulen sind - TROTZ meist ausbleibender Förderung in der Schule: http://jugendhackt.de

    Ich erachte das für sehr, sehr wichtig, dass in absehbarer Zeit jeder Schüler, der das Deutsche Schulsystem verlässt, mindestens ein Mal Code gesehen und selbst geschrieben hat. Sonst haben wir am Ende einen Haufen unmündiger Konsumenten, für die Technik einfach eine Gegebenheit ist, die von irgendwelchen Nerd-Superbrains erschaffen wurde und an der sie nichts ändern können, da einfach das Selbstvertrauen und Neugier zum einfach mal selber machen fehlen. Ich finde das persönlich beängstigender als diese diffuse Angst vorm Kampf um Arbeitsplätze in einer globalisierten Welt, die ständig irgendwo her beschworen wird.

    Und wer jetzt immer noch meint, dass Programmieren und kreativer, angstloser Umgang mit Technologie heute total unnötig ist, darf jetzt gerne seine 5000 Urlaubsfotos von Hand umbenennen gehen, wir sehen uns dann im 21. Jahrhundert.
  • dahum 02.01.2015 22:22
    Immer alles reinprügeln in die kleinen Köpfe. Wie bei den Asiaten, am besten schon im Mutterleib beginnen. Wir haben keine Zeit, wer mit fünf noch nicht den Grundstein seiner Karriere gelegt hat, ist eh raus. Mehr Kompetenzen braucht das Land. Und Kompetenzerlangungskompetenz. Kinder müssen Berufskompetenzen erlangen, Erwachsene wie Kleinkinder pädagogisiert werden. Schnell erwachsen werden, um ewig jung und dynamisch zu bleiben. Technokratische Analphabeten. Hat sie eigentlich einer dieser Ideengeber mal die Aufsätze angeguckt, die schon heute von Oberschülern zusammenfabuliert werden? Aber man braucht ja weder emotionale Intelligenz noch Ausdrucks- oder Urteilsvermögen, um beim Arbeitskraftverkauf erfolgreich zu sein. Andere sind uns schon weit voraus, wir verlieren den Anschluss, Nordkorea etwa, oder China. Der kleine, eifrige,konforme Hacker, das neue Bildungsideal.