Kommentar : Microsoft sind Spiele(r) noch immer fremd

, 239 Kommentare
Max Doll

Schon mit dem Verzicht auf die Unterstützung des Safedisc-Kopierschutzes unter Windows 10 hat sich Microsoft nicht mit Ruhm bekleckert. Die plötzliche Deaktivierung desselben Treibers für alle vorherigen Versionen des Betriebssystems führt nun noch einmal vor Augen, dass Microsoft Spiele(r) nicht verstanden hat.

Nein, es geht im Folgenden nicht um Forderungen nach ewigem Support von Safedisc, dessen Entfernung aus dem Autostart älterer Windows-Betriebssysteme ein richtiger Schritt gewesen ist. Sondern einmal mehr um die Art und Weise, wie mit ehrlichen Spielern und Spielen umgesprungen wird – und zwar nicht ausschließlich den technikaffinen, die zur Not schnell Abhilfe finden und anwenden können, sondern dem Nutzer, dessen Kenntnisse mit dem Klick einer Verknüpfung erschöpfen.

Oder schlicht alle ehrlichen Kunden, die alte Videospiele nicht, wie Microsoft Besitzern von Windows 10 wenig empathisch empfohlen hat, noch einmal kaufen möchten. Überraschend und ohne weitere Informationen nonchalant den Stecker zu ziehen, ist, behutsam ausgedrückt, nicht die feine englische Art und erschreckend wenig taktvoll. Man sollte meinen, dass der Konzern nach dem folgenreichen #Aufschrei um das kurzlebige Always-On-DRM der Xbox One die #dealwithit-Mentalität abgelegt hat. Dem ist offenkundig nicht so. Die wenig begeisterte Aufnahme des ersten Schrittes zur Safedisc-Abschaltung wurde entweder nicht registriert oder ignoriert. Spieler nimmt man in Redmond also nicht ernst, ein Betriebssystem für Spieler wird Windows (10) so nicht – oder zumindest nur für Spieler nach den begrenzten Vorstellungen von Microsoft, die vor nicht allzu langer Zeit spektakulär mit der Realität kollidiert sind.

Auch wenn nur eine kleinere Anzahl von Nutzern betroffen ist, die aus verschiedenen Gründen ab und an einen Klassiker spielen, verrät dieser zweite Schlag gegen Safedisc viel über die Ankündigung, Windows wieder stärker auf Spiele auszurichten. Gemeint ist: Offenkundig ist der PC-Spieler von Morgen ein Xbox-Spieler, für den Cross-Play und ein paar Konsolenportierungen die Erfüllung lang gehegter Träume bedeuten. Es mutet mittlerweile seltsam schizophren an, wenn Microsoft der Xbox One aufwendig Abwärtskompatibilität spendiert, diese auf dem PC aber ohne zu Zögern in einer Holzhammer-Aktion einschränkt.

Das ist schade, denn die Traditionspflege – in der Automobilbranche längst ein etabliertes Markenzeichen der „Premium-Hersteller“ – wäre billig zu haben: Ein erklärendes Statement, das gute Gründe für den Safedisc-Patch nennt, für Laien verständliche Erläuterungen und ein Update für die Spiele, die Microsoft als Publisher herausgegeben hat. In dieser Rolle legt der Konzern aber ebenso wie andere Größen der Branche die Hände in den Schoß, anstatt mit gutem Beispiel voranzugehen – und sei es nur für das gute Gefühl als Käufer eines Spiels, morgen oder übermorgen nicht im Regen stehen zu müssen. Kommunikation und „Konnektion“ mit der Zielgruppe, das will auch 2015 bei Microsoft nicht zusammengehen.

Stattdessen bleibt Windows ein Betriebssystem, das nur deshalb für Spieler „ist“, weil alle Spiele darauf laufen. Wenn Microsoft tönt, Steam noch erfolgreicher machen zu wollen, wirkt das Verhalten aus Redmond noch konfuser und kopfloser. Schließlich arbeitet Valve mit SteamOS an der Attraktivität von Linux als Betriebs- und Spielesystem als ausgewiesene Alternative zu den Produkten von Microsoft. So liefert das Unternehmen gleich in mehrfachem Sinn mit Windows ein weiteres Argument für Linux.

Wer nun behauptet, dass alte Software nun einmal nicht ewig laufen muss und es schließlich bessere Alternativen gebe, hat wie Microsoft etwas nicht verstanden: Dass ein Programm, für das es nach einigen Jahren meist dutzende verbesserte Versionen gibt, sich als utilitaristischer Gebrauchsgegenstand fundamental von einem Spiel unterscheidet. Spiele sind ein Kulturgut und als solches erhaltenswert. Microsoft hat, trotz aller gegenteiliger Beteuerungen, Spiele(r) – zumindest auf dem PC – auch weiterhin nicht im Mindesten verstanden.

Hinweis: Der Inhalt dieses Kommentars gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.