4/5 7 × Musik-Streaming im Test : Apple Music gegen Deezer bis Spotify

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Neue Impulse

Der große Vorteil eines Flatrate-Angebotes ist das Ausprobieren von neuer Musik ohne zusätzliche Kosten. Das gilt für Streaming-Dienste genauso wie für das China-Restaurant um die Ecke. Über den Stand „Nutzer, die dieses gehört haben, haben auch jenes gehört“ ist zwar jeder Dienst schon längst hinaus, oftmals werden aber schon grundlegende Dinge wie unter anderem die Genre-Unterteilung recht stiefmütterlich behandelt. In dieser Hinsicht bieten fast alle angetretenen Dienste gewohnte Kost ohne besondere Akzente – bis auf Napster. Der bisher im Test viel kritisierte Dienst bietet eine breite Genrepalette mit zahlreichen Subgenres nebst meistgespielten Titeln und Alben.

Bis auf Qobuz verfügen alle Dienste über eine automatisierte Radiofunktion. Mit dieser können Musiktitel in Anlehnung an einen gewählten Interpreten wiedergegeben werden, einige Dienste unterstützen auch die Wiedergabe anhand von Genres oder einer bestimmten zeitlichen Periode. An die Qualität von dafür ausgelegten Diensten wie seinerzeit Last.FM oder aktuell Pandora kommt keine der Funktionen heran, jeder Proband zeigt hier Schwächen.

Napster bietet dem Nutzer mit der Einstellung der „Vielfalt“ zwar die Möglichkeit festzulegen, wie weit sich die Funktion an die Vorgaben des Anwenders halten soll, dies schließt jedoch nicht selten Titel fernab des gewünschten Bereichs mit ein. Bei Spotify besteht die Radiofunktion im Test vor allem aus Wiederholungen. Nach einiger Zeit ist der Nutzer mehr mit dem Überspringen von bereits gespielten Titeln als mit dem eigentlichen Hören beschäftigt. Dieser Umstand weckt das Gefühl, als würde Spotify für diese Funktion lediglich eine Handvoll Alben heranziehen. Apple Music und Tidal halten sich hingegen mit den gespielten Stücken größtenteils sehr nahe an die Vorgaben, Tidal verfügt dabei jedoch nur über ein künstlerabhängiges Radio, die Wahl eigener Suchbegriffe ist nicht möglich. Bis auf die Tidal unterstützen alle Dienste die Möglichkeit, gespielte Titel positiv oder negativ zu bewerten, um die Songauswahl immer mehr an die eigenen Wünsche anzupassen. Die Auswahl von mehreren Suchmerkmalen ist bei keinem Dienst möglich.

Streaming-Test 2015 Spotify

Daneben bieten die Dienste Musik zu bestimmten Tageszeiten, Anlässen oder Stimmungen. Dabei handelt es sich entweder ebenfalls um Radiofunktionen oder um kuratierte Playlisten, wie sie Play Music in Deutschland seit Ende August dieses Jahres ebenfalls führt. Darüber hinaus versehen einige Anbieter ihren Dienst mit betreuten Musikvorschlägen, Qobuz greift zusätzlich auf in der Presse gelobte Alben zurück. Bei Tidal sollen die Rubriken Tidal Rising und Tidal Discovery Hörer an noch unbekannte Musik heranführen, teilweise mit Künstlern, welche noch über keinen Plattenvertrag verfügen. Auch Deezer will es den eigenen Nutzern einfach machen, neue Musik zu entdecken. Dafür sorgen unter anderem über 50, teilweise aus bekannten Künstlern bestehende Deezer-Editoren, die den Hörer mit persönlichen Vorschlägen versorgen. „Flow“ dagegen setzt auf durch Algorithmen generierte Musikempfehlungen, welche sich aus den eigenen Favoriten zusammensetzen. Die Funktion greift dabei auf die eigenen Lieblingsstücke des Hörers zurück und wählt auf Basis derer neue Stücke aus. Jeder positiv bewertete Song wird den eigenen Lieblingsstücken hinzugefügt, negativ bewertete nicht mehr gespielt. Je mehr Favoriten vorhanden sind, desto gezielter und treffsicherer kann der Algorithmus neue Stücke auswählen. Leider lässt sich die Funktion nicht auf bestimmte Vorgaben wie Genre, Stimmung oder Künstler beschränken. Bei einer größeren Musiksammlung kann sich die Suche nach geeigneter Musik somit schwieriger gestalten. Zu guter Letzt bietet Deezer auch die Möglichkeit, über die zusätzlich installierbaren Applikationen neue Musik zu entdecken, aktuell jedoch nicht für Windows Phone.

Einen etwas anderen Weg geht Apple Music. Gleich zu Anfang soll der Nutzer seine favorisierten Genres auswählen, auf Basis derer Music ihm eine Auswahl von Interpreten unterbreitet. Diese kann jederzeit erweitert oder erneuert werden und dient als Basis für einige der im Bereich „Für Dich“ genannten Vorschläge. Dazu gehören eine Fülle an Video- und Audiovorschlägen sowie kuratierten Playlisten. Aufgrund des nur oberflächlich durch Genres unterteilten Katalogs ist jedoch lediglich eine grobe Beeinflussung der Vorschläge möglich. Hinzu kommt noch der eigene Radiosender „Beats 1“, der rund um die Uhr mit einem moderierten Live-Programm in Englisch aufwartet. Der Stundenplan ist allerdings sehr US-amerikanisch ausgelegt ist und richtet sich eher an die jüngere Generation.

Die Hörspielecken

Mittlerweile haben sowohl Anbieter als auch Verlage das Potenzial von Hörbüchern und Hörspielen auf Streaming-Plattformen erkannt. Wurde das Segment bisher recht stiefmütterlich behandelt, bauen Dienste diesen Bereich immer stärker aus. Ein eigenes Genre widmen dem Bereich lediglich Apple Music, Spotify und Napster, mit über 10.000 Hörspiel- und Hörbuch-Alben spielt Napster hier zudem einen kleinen Trumpf aus. Durch die zusätzliche Aufteilung in Subgenres kann sich der Nutzer bei Napster einen deutlich besseren Überblick als bei anderen Anbietern verschaffen.

Qobuz ermöglicht hingegen eine Genre-Auflistung und somit eine Übersicht über Hörbücher generell nur per Desktop, und Tidal hält wie auch WiMP im letzten Test in der Rubrik „Kinder“ einige, aber nicht alle Inhalte bereit. Spotify versteckt die insgesamt 3.000 Hörspiele und Hörbücher ein wenig, unterschiedliche Genres sind unter den Profilen beziehungsweise den Künstler-Playlisten zu finden. Für unbedarfte Nutzer könnten diese somit dennoch nicht leicht zu finden sein. Bei der Suche unterstützen könnte zudem unter Umständen die App „Spooks“ für Android und iOS, die Hörbuch-Inhalte nach verschiedenen Genres samt Charts auflistet. Auf Wunsch kann das jeweilige Hörbuch oder Hörspiel direkt in Spotify geöffnet werden.

Streaming-Test 2015 Tidal

Einen gänzlich anderen Weg geht Deezer: Über die im Juni dieses Jahres vorgestellte Hörbuch-Applikation innerhalb der Deezer-Software soll der Nutzer im ebenfalls insgesamt über 10.000 Alben umfassenden Hörbuch-Angebot einen besseren Überblick erhalten und dadurch schneller an die gewünschten Inhalte gelangen. Zu diesen gehören wie auch bei Napster zahlreiche ungekürzte Hörbücher aus dem Bastei-Lübbe-Verlag. Auch wenn Deezer im Testfeld die beste Möglichkeit für den Genuss von Hörspielen und Hörbüchern bietet, besteht dennoch auch hier Verbesserungspotenzial: So listet zum Beispiel die Serienübersicht jedes Hörspiel einzeln auf, anstatt diese der besseren Übersicht halber zunächst nur zu den jeweiligen Serien zusammenzufassen. Dies trifft aber auch auf andere Anbieter zu.

Dennoch herrscht besonders bei der Nutzerfreundlichkeit großer Nachholbedarf, einen einfachen und kompletten Überblick über die vorhandenen Inhalte erhält der Nutzer bisweilen bei keinem der Probanden. Dies birgt die Gefahr, dass nach wie vor viele Perlen nicht gefunden werden. Daher gilt wie im letzten Test: Der Katalog ist reich gefüllt, die Inhalte müssen nur gefunden werden.

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