3/4 Fallout 4 im Test : Dank gelungenem Dreiklang das Spiel des Jahres?

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Es gibt viel zu tun

Vor diesem Hintergrund ziehen wir mit einem von insgesamt einem Dutzend unsterblichen Begleitern durch die Umgebungen. Auch hier ist Fallout 4 wieder wunderbar abwechslungsreich: Wir nehmen unter anderem einen Kampfhund mit, eine aufrechte Journalistin, einen Scharfschützen und einen kriegerischen Mutanten. Die Beziehung zu den Gruppenmitgliedern wird dabei durch die Entscheidungen bestimmt, die wir im Spiel treffen. Der Angriff auf neutrale Sicherheitskräfte wird zum Beispiel dazu führen, dass wir in der Gunst unseres rechtschaffenden Scharfschützen sinken. Fällt die Sympathie zu weit, wird der Sidekick die Unterstützung verweigern. Entspricht der Spielstil dagegen der moralischen Ausrichtung der Begleiter, sind echte Freundschaften und sogar Liebschaften möglich.

Weniger begeistert sind wir vom vorab vielgepriesenen Dialogsystem. Dieses bietet zwar die Möglichkeit, Fragen zu stellen und sarkastisch oder boshaft zu antworten, hat im Kern aber zu wenige Auswirkungen auf die Inhalte. Besser ist da schon, dass wenigstens über die Charismas-Eigenschaft in den Gesprächen häufiger effektiv Einfluss genommen werden kann: Will die gutbürgerliche Freundin eines Bostoner Mafiosi wirklich an der Seite ihres zwielichtigen Freundes sterben? Mit dem richtigen Charisma-Level lässt sie sich vom Gegenteil überzeugen, was eine handfeste Auseinandersetzung vermeidet. So machen die Dialoge schon mehr Spaß.

Fallout 4 im Test
Fallout 4 im Test

Um bei der Charakterentwicklung zu bleiben: In Missionen und Kämpfen gewonnene Punkte können in sieben gängige Kategorien (Stärke, Ausdauer, Intelligenz etc.) investiert werden. Diese halten wiederum je zehn Spezialisierungen bereit, sodass unser Held etwa besonders gut schleichen (Geschicklichkeit) oder zu einer echten Kampfmaschine entwickelt werden kann. „Verskillen“ lässt sich der Protagonist dabei zwar kaum, allerdings bietet das System zahlreiche Möglichkeiten, den Spielstil den eigenen Vorlieben anzupassen.

VATS, Siedlungsbau und eine dicke Rüstung

Insgesamt ähnelt das Gameplay von Fallout 4 natürlich dem Genre-Standard. Wir verfolgen Haupt- und Nebenquests, erkunden Ruinen, und sammeln, was das Zeug hält. Zwischendurch lösen wir immer mal wieder kleine, einfache Rätsel, die meistens mit dem aus den Vorgängern bestens bekannten Terminals zusammenhängen. Und natürlich spielt auch die Action eine große Rolle: Immer wieder kommt es zu Gefechten, die aus der First- und der Third-Person-Perspektive und auch aus einer mächtigen Powerrüstung heraus bestritten werden können. Eine weitere Option im Kampf ist der VATS-Modus, bei dem die Spielgeschwindigkeit auf Zeitlupe reduziert wird und man gleich mehrere Gegner an verletzlichen Punkten anvisieren und automatisch angreifen kann.

Fallout 4 – Combat Gameplay Compilation

Beim obligatorischen Sammeln hätte Fallout 4 allerdings gerne etwas strenger sein können. An jeder, wirklich jeder Ecke gibt es etwas abzustauben – ein Umstand, der nicht so recht zum ansonsten glaubwürdig erzählten postnuklearen Setting passen will. Von der einfachen Kaffeetasse bis hin zur hochwertigen Waffe lässt sich nahezu alles einstecken. Immerhin: Wirklich gute Gegenstände sind rar, was Sammler erst recht dazu antreibt, Katakomben und abseitige Gehöfte zu durchsuchen. Trotzdem: Etwas mehr Survival-Atmosphäre wäre gut gewesen. Ein Stück weit erreicht man dieses Gefühl, wenn man den wirklich knackig schweren höchsten von sechs Schwierigkeitsgraden wählt.

Positiv ist wiederum, dass die vielen einfachen Gegenstände nicht nur zum simplen Verkauf beim Händler genutzt werden können. Bei Bedarf können sie auch verwertet werden, wobei die so gewonnenen Grundkomponenten wie Stahl, Keramik und Leder für den Aufbau eigener Siedlungen verwendet werden können. Auf diesem Weg wird aus einem heruntergekommenen Gehöft im Verlauf der Stunden im Idealfall ein Kleinod mit Wohnhäusern, Feldern, Verteidigungsanlagen, einer Strom- und Wasserversorgung und natürlich mit einer eigenen kleinen Bevölkerung. Dabei gilt: Schon für den perfekten Ausbau der Hauptsiedlung kann man gut und gerne ein Dutzend Stunden einplanen.

Fallout 4 im Test
Fallout 4 im Test

Echte Heimwerker werden sich schließlich auch über die vielfältigen Crafting-Möglichkeiten freuen. Bei Bedarf können Waffen und Rüstungen verbessert und Medizin gebraut werden. Das regt ebenfalls dazu an, nach den richtigen Bestandteilen und Zutaten zu fahnden. Zwingend notwendig ist all das aber nicht: Das Waffenarsenal ist immens, sodass Action-Liebhaber schon mit dem Standard-Repertoire auf ihre Kosten kommen.

Technisch nicht mehr taufrisch

Bei der Technik setzen die Entwickler auf eine aufgebohrte Variante der Creation Engine und bleiben damit dem schon in Skyrim verwendeten Grundgerüst treu. Aus diesem Grund sieht der Titel mit schicken Lichtverhältnissen und einem schönen Tag-Nacht-Wechsel zwar gut aus, berauschend ist das Gebotene aber nicht: Wer größten Wert auf die Grafik legt, wird sich häufiger über grobe Texturen, aufpoppende Inhalte und vom Himmel fallende Strukturen (Autos!) ärgern.

Hinzu kommen leider auch bei diesem Betheda-Spiel wieder handwerkliche Schnitzer. Immer wieder stolpert man über Clippingfehler und kleinere Hänger in den Missionen. Auch Dialoge kommen ab und an kurz mal nicht voran, wobei es auch vorkommen kann, dass die Charaktere zwar zu hören sind, aber nicht ihre Münder bewegen.

Grundsätzlich problematisch ist auch die KI. Zwar stellen sich die Gegner nicht so dusselig an, wie in Call of Duty: Black Ops III. Mit Ruhm bekleckern sie sich aber auch nicht. Teilweise richtig nervig ist die Intelligenz der Begleiter: Nicht selten machen sie ohne unser Zutun Gegner auf uns aufmerksam und stehen im Weg, wobei letzteres gerade in engen Gängen über Leben und Tod entscheiden kann. Auch ist es nicht ungewöhnlich, wenn unser Sidekick über Minuten einfach verschwindet und dann plötzlich wieder auftaucht.

Dafür stimmt auf dem PC die Performance. Auf unserem Testsystem läuft Fallout 4 absturzfrei auf sehr hohen Details und mit einer Auflösung von 1.920 × 1.080 bei überwiegend stabilen 60 Bildern pro Sekunde. Allerdings ist es auch hier so, dass die Rate in fordernderen Umgebungen, etwa im bunten Diamond City, schon mal auf 40 FPS einbrechen kann. Dabei bleibt der Titel aber gut spielbar, was für einen Open-World-Titel zum Start eine ordentliche Leistung ist. Näheren Aufschluss zur Performance auf unterschiedlichen Konfigurationen liefert wie immer unser separater Technikcheck.

Empfehlungen für Ultra-Preset mit TAA und God-Rays-Qualität „Sehr Hoch“
gut spielbar (ab ~ 60 FPS) annehmbar spielbar (ab ~ 40 FPS)
1.920 × 1.080
AMD ab Radeon R9 390
ab Radeon R9 290
ab Radeon R9 380
ab Radeon R9 280
Radeon HD 7950 Boost
Nvidia ab GeForce GTX 970
ab GeForce GTX 780
ab GeForce GTX 950
ab GeForce GTX 760
2.560 × 1.440
AMD Radeon R9 Fury X ab Radeon R9 390
ab Radeon R9 290
Nvidia ab GeForce GTX 980 ab GeForce GTX 970
ab GeForce GTX 780
3.840 × 2.160
AMD nicht möglich nicht möglich
Nvidia nicht möglich GeForce GTX 980 Ti

Ein Graus ist allerdings die Steuerung, bei der für PC-Spieler gilt, dass sie einmal mehr Opfer der Multi-Plattform-Entwicklung werden. Bei kaum einem anderen Spiel in diesem Jahr merkt man derart genau, wie sehr die Bedienung über Maus und Tastatur leidet, wenn sie für's Gamepad optimiert ist: Statt einer klaren und einfachen Oberfläche konfrontiert einen Fallout 4 mit verschachtelten, unübersichtlichen und kompliziert zu bedienenden Menüs und Dialogen. An dieser Stelle muss Bethesda dringend zügig nachbessern, sodass man wenigstens die Tastatur frei mit Schnellzugriffen belegen kann.

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