2/4 Rainbow Six Siege im Test : Hochspannende Ballerei mit Hirn und Mikrotransaktionen

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Taktischer Anspruch

Hinter Rainbow Six Siege steht der Versuch, Antiterror-Operationen zeitgemäß zu interpretieren und zugleich eine größere Anzahl taktischer Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen, als dies bislang im Genre der Fall ist. Spielwiese sind daher offene Areale mit einem Haus oder Flugzeug im Mittelpunkt, in dem sich an einem von mehreren möglichen Positionen eine Geisel oder Bombe befinden. Aufgeteilt ist eine Partie in vier Runden, bei denen Teams abwechselnd schützen oder erstürmen, was eine Gleichbehandlung nach Kräften sichert.

In den ersten 30 Sekunden einer Partie haben die Verteidiger zunächst Gelegenheit, sich mit zahlreichen Hilfsmitteln zu verschanzen: Sie können Stacheldraht legen, der Bewegungen verlangsamt, Fenster und Türen verbarrikadieren und Wandsegmente verstärken – was deren gezielte Zerstörung durch Angreifer fast unmöglich macht. Das Ziel dabei sollte sein, die Eindringlinge potentiell in leicht zu verteidigende Bereiche zu kanalisieren, um sich einen Vorteil zu verschaffen – ohne dass dies in den gut angelegten Karten jemals perfekt gelingen könnte.

Zu Beginn einer Runde wird die Verteidigung organisiert
Zu Beginn einer Runde wird die Verteidigung organisiert

Die Opposition nutzt diese Zeit eines Matches hingegen als erste Planungsphase und erkundet mit kleinen, ferngesteuerten Drohnen das Terrain, was geschickt Wartezeiten vermeidet. Noch wichtiger als günstige Angriffsvektoren auszumachen ist zunächst jedoch das Auffinden des eigentlichen Zieles. Ansonsten stochert das eigene Team zunächst in leeren Räumen und verschwendet kostbare Zeit der auf maximal drei Minuten terminierten Runden, denn das dringend ratsame, vorsichtige Vorgehen dauert quälend Lange, sodass es immer wieder nötig wird, allein aufgrund der unerbittlich herunter tickenden Uhr Risiken einzugehen.

Vorsicht lebt länger

Wer Vorsicht auf ungewissem Terrain nicht zur obersten Maxime macht, wird schnell von Kugeln durchsiebt, viele Treffer halten die Agenten nicht aus. Das Waffenhandling nimmt dennoch grundsätzlich Abstand von realistischen Anstrich. Wenig Rückstoß und vergleichsweise hohe Genauigkeit – beim Schießen aus der Hüfte bleibt auch ein Scheunentor unversehrt – schrauben den Simulationsaspekt etwas zurück, sorgen aber für das schnelle Ableben leichtsinniger Spieler. Dasselbe gilt für die eher niedrige Bewegungsgeschwindigkeit, die den taktischen Aspekt des Spiels betont – Ubisoft schafft so eine pseudorealistische, aber ansprechende Atmosphäre.

Bedächtiges Vorgehen erscheint schon alleine deshalb sinnvoll, weil eine Horde stürmender Elitesoldaten akustisch exzellent zu orten ist. Die Deckung der Geräuschlosigkeit fallen zu lassen zwingt in Rainbow Six schnell und überraschend zu handeln, um im Idealfall den Überraschungseffekt auszunutzen. Es ist dieser Umstand, der die Rolle der Verteidiger interessant hält: Obwohl eine Runde in dieser Rolle oft aus Warten besteht, hält der Geräuschteppich die Spannung am Leben. Stiefelgetrappel aus der Ferne präzise zu orten oder eine dumpfe Explosion zu vernehmen, die das Nahen der Antiterror-Einheit ankündigt, lässt den Adrenalinpegel unvermeidlich ansteigen. Es ist der Mix aus bedächtigem Vorgehen in einer Umgebung voller unbekannter Gefahren, der ständigen Bedrohung mit dem Tod und plötzlicher Action, die blitzschnelle Reaktionen erfordert, welcher den Reiz von Rainbow Six ausmacht.

Offenes Vorgehen

Wo mit einem Eindringen gerechnet werden muss, lässt Rainbow Six prinzipiell völlig offen. Die Level sind zwar nicht vollständig zerstörbar, erlauben aber das Einreißen der meisten Wände, spezieller Stellen am Fußboden sowie den ohnehin zum Betreten vorgesehen Öffnungen von Gebäuden sowie beim Abseilen. Auch Außenwände sind damit in gewisser Weise „begehbar“, ein Fenster kein Schutz vor plötzlich auftauchenden Polizisten. Für Mauern gilt ähnliches: Sie sind ein primär visueller Schutz und werden von Kugeln abhängig vom Material leicht durchschlagen.

Daraus entstehen mitunter neue Sichtlinien in den Karten, die sofort berücksichtigt werden wollen. Aufklärung und Gegenaufklärung ist unabhängig solcher situativen Begebenheiten ein zentrales Element des Spiels. Durch den Einsatz von Drohnen oder Hilfestellung gefallenen Teamkameraden, die das Geschehen über Kameras beobachten können, lassen sich deutliche Vorteile gewinnen. Das erfolgreiche Einrichten oder Erstürmen einer vernünftigen Verteidigungsposition ist daher beileibe kein Selbstläufer.

Wissen ist Macht

Tatsächlich kommt der Gruppe so auf mehreren Ebenen eine wichtige Bedeutung zu: Ubisoft hat eine Umgebung geschaffen, die nicht nur situatives Planen einer Strategie anhand der zahlreichen, stets variierenden Möglichkeiten und Fähigkeiten des Teams sondern auch taktisches und möglichst geschlossenes Vorgehen belohnt. Vor allem in der offensiven Rolle sind aufgrund der eigenen Verwundbarkeit passende Strategien nötig; einfach nur ballern führt gegen einen als Gruppe agierenden Gegner fast nie zum Erfolg, der richtige Einsatz des richtigen Gadgets hingegen schon. Den ersten Feindkontakt überlebt aber kaum ein Plan, was situative Dynamik und hektische Reaktionen provoziert.

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