Nachrichten-Manipulation : Facebook wehrt sich mit Richtlinien-Veröffentlichung

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Nachrichten-Manipulation: Facebook wehrt sich mit Richtlinien-Veröffentlichung

Bereits vor zwei Tagen hatte der Leiter der Abteilung „Trending Topics“ Tom Stocky zu den Vorwürfen der Manipulation von Nachrichten auf Facebook Stellung bezogen, jetzt geht das Unternehmen in die Offensive: Die Veröffentlichung von Richtlinien sollen Zweifel beseitigen.

Auf Vorwürfe folgt erstes Dementi

Grund waren die vor einigen Tagen öffentlich gemachten Manipulationsvorwürfe mehrerer ehemaliger Facebook-Mitarbeiter und Nachrichtenkuratoren durch das IT-Portal Gizmodo. Darin beschuldigten diese das soziale Netzwerk, direkten Einfluss auf die Reihenfolge der Darstellung von Nachrichten zu nehmen. So sollen Meldungen mit eher konservativen Inhalten nicht oder weit unten in der Rangliste der meist diskutierten Nachrichten angezeigt worden sein, obwohl Nutzer an den Inhalten sehr interessiert waren und diese auch in hoher Anzahl geteilt und darüber geschrieben hatten. Daneben sollen Themen, über die nicht oder nur wenig diskutiert wurde, über die Kuratoren manuell der Trendliste hinzugefügt worden sein.

Bereichsleiter Tom Stocky sah in einer ersten Aussage keine Anhaltspunkte für eine Manipulation, welche seiner Meinung nach aufgrund der strengen Richtlinien – wenn überhaupt – nur schwer möglich wären. Zwar räumte er ein, dass die Mitarbeiter einen gewissen Einfluss auf die Meldungen nehmen können, dies diene jedoch ausschließlich dazu, die Meldungen auf ihre Popularität hin zu überprüfen und bei Bedarf Falschmeldungen, sich wiederholende Themen oder Beiträge ohne ausreichende Quellenangaben entfernen zu können.

Veröffentlichung von internen Richtlinien soll Gemüter beruhigen

Dennoch reichte das Statement anscheinend nicht aus, um die anhaltenden Kritiken verstummen zu lassen, was Facebook nun dazu veranlasste in die Offensive zu gehen und die bisher unter Verschluss gehaltenen Richtlinien (PDF-Download) für die Nachrichten-Trends zu veröffentlichen.

In einer Mitteilung im Unternehmensblog bestätigte Facebook-Manager Justin Osofsky die Aussage von Stocky, dass für die Ermittlung von populären Themen ausschließlich ein entsprechender Algorithmus verantwortlich sei. Anschließend würden Mitarbeiter die übrig gebliebenen Inhalte genauer betrachten und Themen entfernen, denen keine wirkliche Relevanz zugesprochen wird. Darunter befinden sich Inhalte, welche keinen Bezug zur realen Welt besitzen oder immer wieder vorkommende Begriffe wie „lunch“, welche jedoch keinen wirklichen Inhaltswert besitzen würden. Auch würde das Einsortieren in eine der 17 entsprechenden Kategorien und die Einstufung der Wichtigkeit zu deren Aufgabengebiet gehören. Damit soll gewährleistet werden, dass Nutzer vor allem für ihre Region wichtige Nachrichten angezeigt bekommen und für eine entsprechende Übersicht gesorgt wird.

Einflussnahme durch Vorauswahl und Einteilung der Wichtigkeit

Facebook behält sich auch die Gewichtung jeder Nachricht vor, welche in vier Stufen erfolgt: Unter „normal“ fällt laut der Richtlinien erst einmal jede Nachricht. Dahinter folgen mit „national story“ die vor allem für das jeweilige Nutzerland wichtigen Informationen, welche die Höchstanzahl von drei pro Tag nicht überschreiten sollten. Die Relevanz prüfen die Kuratoren dabei über die Web-Portale der zehn wichtigsten englischsprachigen Nachrichtendienste, darunter BBC News, CNN, Fox News und The Guardian. Eine Nachricht ist erst national relevant, wenn mindestens fünf dieser Dienste in größerer Form darüber berichten.

Die zweithöchste Einteilung bilden die „major-news“, welche nur Top-Meldungen innerhalb einer Region betreffen und deren Anzahl sieben Veröffentlichungen pro Woche nicht überschreiten sollten. Global wichtige Nachrichten wie zum Beispiel die Ereignisse rund um den 11. September 2001 oder die Ermordung eines wichtigen Staatsmannes können dazu mit „nuclear“ eine besondere Gewichtung zugeteilt werden. Von dieser Möglichkeit sollten die Verantwortlichen jedoch nur in Ausnahmefällen Gebrauch machen. Auch für die Ausstattung der Nachrichten mit Bildern gibt es enge Vorschriften darüber, welche Bilder wie benutzt werden dürfen.

Am Ende dieser Kette erhält jeder Nutzer auf Basis seines Verhaltensmuster vom Algorithmus die für ihn entsprechend relevanten Nachrichten angezeigt, welche sich von den Ergebnissen anderer Nutzern stark unterscheiden können.

Treffen mit politischen Vertretern und geschwärzte Richtlinien

In seinem Beitrag hebt Osofsky noch einmal hervor, dass die Richtlinien nicht erlauben würden, politische Inhalte zu diskriminieren. Dies war jedoch der Vorwurf der bisher anonymen Informanten an Facebook. Laut des Managers müsse sich jeder Mitarbeiter darüber hinaus an die Vorgaben halten, tue er das nicht, kann dies mit einer Kündigung geahndet werden. Facebook nehme die Anschuldigungen zum Anlass, das Prozedere erneut zu überprüfen, bisher gebe es laut Osofsky jedoch noch keine Hinweise auf einen Missbrauch.

Gleiches bestätigte Firmengründer Mark Zuckerberg in einem Facebook-Eintrag. Dieser kündigte zudem an, sich in den kommenden Wochen mit führenden US-Konservativen sowie weiteren Vertretern des politischen Spektrums zu einer Klärung des Problems treffen zu wollen. Des Weiteren versprach der Gründer des sozialen Netzwerkes eine vollständige Aufklärung des Sachverhaltes.

Die veröffentlichten Richtlinien zeigen dennoch, dass der Einfluss der Kuratoren doch größer zu sein scheint, als es Stocky in der ersten Stellungnahme glauben zu machen versuchte. Darüber hinaus wurden einige Passagen in den veröffentlichten Vorgaben geschwärzt, sodass über deren Anweisungen nur Vermutungen angestellt werden können. Somit dürfte die Debatte über den Einfluss von Facebook auf die Nachrichtenwelt noch für einige Zeit anhalten.