Breitbandausbau: Die Zukunft ist da, nur noch nicht für alle 2/4

Andreas Frischholz 262 Kommentare

Technologischer Ausblick

Einigkeit herrscht hingegen bei der Frage, ob die schnelleren Anbindungen auch benötigt werden. Die einfache Erkenntnis: Sowohl im Festnetz als auch im Mobilfunk wächst der Datenverkehr rasant. Anwendungen wie HD-Streaming treiben den Bedarf an Bandbreiten nach oben, in absehbarer Zeit folgen zudem noch Bereiche wie Virtual Reality, das Internet der Dinge, die vernetzte Mobilität und die Industrie 4.0.

Datenverbrauch
Datenverbrauch (Bild: Breko)

Und die hohen Bandbreiten werden auch nachgefragt, wenn die entsprechenden Tarife erst einmal verfügbar sind, wie etwa Unitymedia auf Anfrage von ComputerBase erklärte. Konkrete Zahlen nennt allerdings kein Provider.

Geschwindigkeitssprünge sind im nächsten Jahr – zumindest flächendeckend – aber nicht zu erwarten. Vielmehr steht 2017 im Zeichen des Umbaus, um die Infrastruktur für schnellere Technologien anzupassen. Das gilt sowohl für die Festnetz- als auch Kabelnetzbetreiber.

Kabelnetz: Ins Gigabit-Zeitalter mit DOCSIS 3.1

Bei den Kabelnetzbetreibern steht der Umstieg auf den Übertragungsstandard DOCSIS 3.1 auf der Agenda. Durch den Einsatz von Technologien wie dem Multicarrier-Modulationsverfahren OFDM, einer verbesserten Fehlerkorrektur mit LDPC sowie einem höheren Frequenzspektrum sind damit perspektivisch Geschwindigkeiten von 10 Gbit/s und mehr möglich. Der Umstieg erfolgt parallel, der neue Standard erweitert also die bestehende Netzinfrastruktur. Flexibler werden die Kabelnetzbetreiber auch bei der Aufteilung der Down- und Upload-Rate. Bis dato sind die niedrigen Upload-Geschwindigkeiten noch einer der Pferdefüße bei den Kabelnetzanschlüssen. 2017 wird allerdings ein Übergangsjahr.

Das gilt etwa für Unitymedia, wo DOCSIS 3.1 als Gigasphere vermarktet wird. Eine Demonstration erfolgte bereits in diesem Jahr, für 2017 sind dann zunächst Pilotprojekte geplant, um Praxiserfahrung zu sammeln. Danach sollen „Giga-Citys“ folgen. Wenn alles klappt, werden damit in den ersten deutschen Städten Gigabit-Anschlüsse flächendeckend freigeschaltet.

Wann genau die Gigabit-Anschlüsse kommen, kann Unitymedia allerdings noch nicht sagen. Ebenso unklar ist noch, ob ein direkter Sprung von 400 Mbit/s auf 1 Gbit/s erfolgt oder es noch Zwischenstufen gibt. Abhängig ist das von der Marktlage sowie den Fortschritten beim Umstieg auf DOCSIS 3.1, wie eine Sprecherin des Unternehmens auf Anfrage von ComputerBase erklärt.

Von neuen Spitzengeschwindigkeiten abgesehen arbeitet Unitymedia auch am Ausbau in der Breite. 2016 wurden rund 200.000 neue Haushalte an das HFC-Netz angeschlossen, in mehreren Gemeinden wurde zudem bereits die Vorvermarktungsschwelle erreicht, sodass dort auch bald der Ausbau beginnen kann.

Ähnliche Pläne verfolgen derweil auch weitere Kabelnetzbetreiber wie Vodafone. Auf Anfrage wollte das Unternehmen aber keine Details zum Zeitplan für den DOCSIS-3.1-Umstieg nennen.

Festnetz: Super-Vectoring für die letzte Meile

Im Festnetz kämpfen die Provider wie gehabt mit den Kupferleitungen, die auf der letzten Meile (TAL) immer noch der Flaschenhals sind, der den Gigabit-Ausbau ausbremst. Die entscheidende Frage ist daher: Wie lässt sich der Weg am effizientesten überbrücken?

Der Ausbau in der Breite ist derweil die Strategie, die die Deutsche Telekom verfolgt. Es ist das evolutionäre Ausbaukonzept, bei dem die Glasfaserkabel zunächst bis zu den Kabelverzweigern verlegt werden (FTTC). Im Vergleich zum FTTB/H-Ausbau sei das der schnellere Weg, um schnelle Internetanschlüsse auch flächendeckend anzubieten. Mit VDSL und Vectoring lassen sich auf diese Weise aktuell Geschwindigkeiten von 50 Mbit/s oder 100 Mbit/s realisieren.

Die 100 Mbit/s sind aber noch nicht das Ende bei den Kupferleitungen. Für die Zukunft hat Telekom-Chef Tim Höttges wiederholt die Super-Vectoring-Technologie angekündigt, um die Downloadrate auf bis zu 250 Mbit/s zu steigern. 2017 steht zunächst aber noch im Zeichen des Umbruchs. „Wir gehen davon aus, dass wir Super-Vectoring im Jahr 2018 einsetzen können. Vorher muss die Technik getestet und ausgerollt werden“, erklärt Telekom-Sprecher Blank.

In der Praxis heißt das: Zunächst müssen die Multifunktionsgehäuse bei den Kabelverzweigern bundesweit mit den entsprechenden Linecards aufgerüstet werden. Dann muss die Telekom noch die Produkte und IT-Systeme anpassen. Und Kunden benötigen zudem Router, die Super-Vectoring unterstützen.

Neben der Telekom planen noch weitere Provider den Einsatz von Super-Vectoring – zumindest geht das aus einem Blog-Beitrag von Huawei von Dezember hervor, der mittlerweile aber gelöscht wurde, wie Teltarif berichtet. Namen wurden nicht genannt, es hieß lediglich, dass einige Provider in Deutschland bereits mit der Super-Vectoring-Technologie von Huawei arbeiten, die Geschwindigkeiten von bis zu 300 Mbit/s ermöglicht. Offiziell bestätigt wurde davon aber nichts.

Nach Super-Vectoring steht zudem noch der G.Fast-Standard auf der Agenda. In der Theorie ermöglicht die Technologie nochmals höhere Geschwindigkeiten, mehr als 1 Gibt/s ist drin, wie erste Feldversuche bereits gezeigt haben. Der Knackpunkt ist allerdings die Reichweite, pro Meter verliert G.Fast deutlich an Geschwindigkeit, ab einem Bereich von 200 bis 300 Metern ist der Vorteil gegenüber Super-Vectoring aufgehoben, ab 500 Metern geht gar nichts mehr. Das reicht aber in der Regel nicht aus, um dem Weg vom Kabelverzweiger bis zu den Wohnungen zu überbrücken. Daher ist G.Fast auch eher ergänzend zum FTTB/H-Ausbau geplant, bei dem Glasfaserkabel bis zu Häusern verlegt werden.

Super-Vectoring und G.Fast im Vergleich. VPlus ist in diesem Fall die Super-Vectoring-Variante von Nokia Networks.
Super-Vectoring und G.Fast im Vergleich. VPlus ist in diesem Fall die Super-Vectoring-Variante von Nokia Networks. (Bild: Nokia Networks)

Einen Zeitplan für die G.Fast-Einführung existiert zumindest bei der Telekom noch. Dasselbe gilt für Alternativen wie die zweite Generation der WTTx-Technologie, die Huawei auf dem Mobile Broadband Forum in Tokio angekündigt hat. WTTx steht für „Wireless Fiber To The X“, was im Kern bedeutet: Der Datenverkehr wird auf der letzte Meile nicht mehr per Kupfer- oder Glasfaserleitung übertragen, sondern mittels Mobilfunk-Technologie wie LTE und LTE Advanced/Pro sowie später auch 5G. Angesprochen auf WTTx hält man sich bei der Telekom aber alle Karten offen, ohne allzu konkret zu werden. Demnach erweitern solche Technologien zwar die Möglichkeiten auf der letzten Meile und könnten auch verwendet werden, doch ein „großflächiger Einsatz ist derzeit nicht geplant.“, so Telekom-Sprecher Blank.

FTTH: Das Zugpferd der alternativen Provider

Während die Telekom also vor allem auf die Vectoring-Technologie setzt, sind es insbesondere die alternativen Festnetz-Anbieter, die den Ausbau von direkten Glasfaseranschlüssen (FTTB/H) vorantreiben wollen. Denn auf diese Weise lassen sich Downloadraten realisieren, die deutlich über Super-Vectoring hinausgehen und mit den Plänen der Kabelnetzbetreiber konkurrieren können. In den letzten Jahren gab es Fortschritte, mittlerweile sollen es knapp 2,7 Millionen FTTB/H-Anschlüsse in Deutschland geben. Angesichts eines Gesamtmarkts mit über 40 Millionen Haushalten spielt der direkte Glasfaserzugang aber nur eine untergeordnete Rolle. Und sowohl im internationalen als auch europäischen Vergleich des FTTH Council Euorpe für das Jahr 2015 liegt Deutschland auf einem der hinteren Plätze (PDF).

Im 2015er Ranking liegt Deutschland bei der Anzahl der FTTH-Anschlüsse auf dem vorletzten Platz der erfassten Staaten.
Im 2015er Ranking liegt Deutschland bei der Anzahl der FTTH-Anschlüsse auf dem vorletzten Platz der erfassten Staaten. (Bild: FTTH Council Europe (PDF))

Es ist aber eine Situation, die insbesondere die Telekom-Konkurrenten ändern wollen. Ohnehin schalten diese schon mehr als 80 Prozent der FTTB/H-Anschlüsse, für das kommende Jahr sind zudem diverse weitere Projekte geplant, wie etwa Golem berichtet. Nach wie vor existieren einige Probleme, die die Verbreitung erschweren. Dazu zählen:

  • Der direkte FTTB/H-Ausbau ist wesentlich teurer als der Vectoring-Ausbau.
  • Nur rund ein Drittel der knapp 2,7 Millionen FTTB/H-Haushalte buchen auch einen entsprechenden Anschluss.
  • Die theoretischen Bandbreiten von 1 Gbit/s und mehr kommen zumindest bei den Privatkunden noch nicht an. Entsprechende Angebote wie die von 1&1 existieren zwar, richten sich aber in erster Linie an Unternehmen.

Dennoch sind die alternativen Provider zuversichtlich, dass sich die Strategie langfristig auszahlt. „Auch hier wird die langsam, aber stetig wachsende Nachfrage wieder zu einer Verschiebung zu Gunsten der leistungsfähigsten Technologie und damit zu Gunsten der Wettbewerber führen“, so VATM-Geschäftsführer Grützner auf Anfrage von ComputerBase.

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