Kommentar: Warum Gaming on Demand wie GeForce Now die Zukunft ist 2/3

Robert Kern 329 Kommentare

Der Gaming-PC aus der Cloud

Der Weg zum Streaming ist auch für Games vorgezeichnet. Physische Kopien sind kaum mehr zu finden, PC-Spieler nehmen mittlerweile mit 60-GB-Downloads vorlieb. Musik und Filme wurden bis vor kurzem ebenso heruntergeladen. Diese Perspektive für Games überfordert ein Land, in dem seit Jahren vom mangelnden Breitbandausbau als Standortnachteil die Rede ist, zusehends. Das bleibt ja nicht für immer so.

Nvidia GeForce Now
Nvidia GeForce Now (Bild: Nvidia)

Die versierten PC-Nutzer und Systembuilder der ComputerBase-Community verkennen als IT-affine Nutzergruppe die Attraktivität von One-Click-Gaming, weil die Nachteile der traditionellen Form nicht wahrgenommen werden. Große Downloads sind ein Nachteil, unzureichende Hardware und der lange Weg des Contents auf die Festplatte bis zum ersten Ladebildschirm auch. Aufgrund mangelnder Benutzerführung haben meine Eltern damals keine CDs gebrannt oder Videorekorder programmiert.

Dass die Jugend die Grundlagen technischer Entwicklungen nicht mehr nachvollziehen möchte, hört man von jeder Generation. „Wir hatten damals keinen Taschenrechner“, „Zu meiner Zeit mussten wir das alles noch selber konfigurieren“, „Früher war alles besser“. Ich persönlich beschäftige mich gern bis ins Detail mit PCs und anderer Technik und hab mit 13 schon die ersten 3D-Beschleuniger in PCs verbaut. Ich bin mit dem Konfigurieren und Problemlösen großgeworden, für mich ist wie für viele der 300.000 CB-Forenmitglieder die Technik der Inhalt. Aber ich sehe auch, dass für die folgende Generation und die Masse der Konsumenten der „Content“ einfach wieder „King“ ist. Sobald einer im Freundeskreis nicht mehr den Gamestop ansteuert oder einen Download anwirft, werden die anderen Kids umfallen und das auch so machen. Das ist mehr eine Frage der Verfügbarkeit als des Preises bei diesem Dienst.

Sony und Microsoft machen es nicht besser

Konsolenspieler kämpfen regelmäßig mit Day-One-Patches in Gigabyte-Größen nachdem sie 60 Euro für voraussichtlich 8 Stunden Spielspaß in die Hand genommen haben. Die PS4 Pro wird als „NextNextGen“ 2018 schon ein altes Eisen sein. Das muss erwähnt werden, denn viele der Kommentare unter der ComputerBase-Meldung drehen sich um den Preis von 25 US-Dollar für 20 Stunden (GeForce GTX 1060 in der Cloud) respektive 10 Stunden (GeForce GTX 1080 in der Cloud). Verglichen mit Apps auf dem Smartphone sind die Next-Gen-Konsolen ein sehr anstrengendes und teures Gaming-Erlebnis. Auch hier zahlt man mit seiner Zeit und wie das so ist mit Micropayments, steter Tropfen höhlt den Stein. Die Misere wird allgemein schöngerechnet. Ich bekomme von der besseren Hälfte regelmäßig auf den Deckel, weil mir 54 FPS zu sehr ruckeln oder ich noch 5 Minuten an Schwarzwerten feile – Wenn das Game/der Film eigentlich schon laufen sollten. Wirklich Plug'n'Play wie zu Zeiten der Cartridges sind auch die Konsolen nicht.

In einer Welt, in der ein Großteil digitaler Medien direkt, unabhängig von Zeit, Ort und Gerät verfügbar ist, werden es die komplizierten Services sehr schwer haben. Microsoft und Sony zeigen Ansätze in Form von Play Anywhere und PlayStation Now, Nvidias Schritt hin zu einem Netflix für Games werden beide konsequenter vollziehen wollen. Für Publisher ist die Plattform von einer Milliarde Geräten, nimmt man nur Jen-Hsuns ausgemachte Zielgruppe der Macs, Low-End-PCs und Notebooks, schon verlockend. Kommen Smart-TVs und mobile Geräte dazu, gewinnt dieses Konglomerat als Markt gegen jede traditionelle Konkurrenz an Konsolen oder Gaming-PCs. Wie bei Musik und Video auch, tritt das Endgerät in den Hintergrund.

Zur Keynote auf der GTC im Mai 2016 bezifferte Nvidia-CEO Jen-Hsun Huang den Videospielmarkt auf 100 Milliarden US-Dollar. Als Grafikspezialist führt er zudem die Anforderungen von Spielen an die Rechenkraft ins Feld, ein zunehmender Realismus für stationäres Gaming oder für VR und AR wird den Aufwand mit Sicherheit nicht reduzieren. Videospiele seien nicht nur spaßig, sondern fordern die intensivsten Berechnungen für die Kreation von virtueller Realität im Sinne von Immersion. Das High-Performance-Computing eines Grids ist skalierbar, eine PS4 nicht. Nvidia baut nicht mehr einfach nur Grafikchips, sondern stellt eine Dienstleistung zur Verfügung, die Videospiele ähnlich befreit wie iTunes Musik und Amazon Prime das Home Entertainment davor.

Von der Cloud ins Wohnzimmer mit Hilfe des TVs

Die Konsolen-Hersteller hatten die Vision einer Hoheit über das Wohnzimmer. Sie beherrschen neben Gaming auch Blu-ray, Netflix, Amazon und Spotify, aber es ist absehbar, dass Smart-TVs ihnen für diese Dienste den Rang ablaufen. Bis die Fernbedienungen Sondertasten für Sonys PlayStation Network, die XBox-App oder Steam bekommen, ist es nur noch eine Frage der Zeit. Eine Menge Unternehmen müssen sich nun zusammensetzen und ausklamüsern, wie man zu diesem Punkt kommt. Für mich als Redakteur erscheint die Entwicklung allerdings so deutlich und unabwendbar, weil sie auf den beschriebenen Prinzipien beruht. Dass die TVs damit auch auf die Shield-Verkäufe drücken, geschenkt.

Shield TV Box
Shield TV Box (Bild: Nvidia)
Shield TV Box
Shield TV Box (Bild: Nvidia)

Womöglich muss meine doch eher gerätegebundene Generation tatsächlich abgelöst werden, wir basteln auch im Rentenalter noch an unseren nostalgischen Konsolen und schmunzeln, wenn die Kindeskinder dem TV, immer noch Zentrale im Zuhause, zurufen „Call of Duty 21, bitte“. „Du weißt genau, dass du keine Altersfreigabe hast, wie wäre es mit Borderlands the pre pre pre sequel 3 Kids Edition?“, wird die Antwort sein. Wir müssen Nvidias Service mit „Gaming-PC aus der Cloud übersetzen“. Eigentlich muss es heißen, „bestmögliche Computergrafik für alle überall zu jederzeit“. Apropos: Der PlayStation-Now-Dienst läuft bereits auf einigen von Samsungs Smart-TVs, warum Sonys Android TV zwar einen Dualshock-Controller anbinden können, aber keinen Zugriff auf die 400 PS3-Spiele aus der Cloud bieten, kann man schwerlich erklären.

Kraftwerke für Computing

Der Grundstein wurde mit Nvidia Grid vor exakt drei Jahren gelegt. Wie Jen-Hsun Huangs Hervorhebungen von selbstfahrenden Autos oder Virtual Desktops handelt es sich hier aber nur um ein sehr eng gefasstes zu verkaufendes Produkt einer sehr viel größeren Ausrichtung von Nvidia.

Künstliche Intelligenz sieht der Nvidia-Chef als vierte industrielle Revolution. Software schreibt Software und Maschinen lernen. Das Unternehmen sei voll und ganz auf dieses GPU-Supercomputing für Künstliche Intelligenz ausgerichtet (YouTube) und Cloud-Gaming ist nur ein Nebenprodukt der Kraftwerke für Rechenkraft.

Der unaufhaltsame durchcomputerisierte Alltag, die Zukunft von Privatsphäre, Spracherkennung und Deep Learning bieten genug Stoff für eigene Artikel und erfordern noch viele gesellschaftliche Debatten. Wir haben nach drei Jahren ja noch nicht mal die Implikationen der Snowden-Leaks erfasst.

Für „Gaming as a service“ ist an dieser Stelle nur der Aspekt der Auslagerung von Rechenkraft wichtig, denn die technologische Entwicklung dahin wird meiner Meinung nach abgekoppelt vom gesellschaftlichen Ringen mit der Big-Data-Zukunft kommen.

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