Forza Motorsport 7 im Test: Pole Position für Turn 10 2/2

Max Doll 199 Kommentare

Ein Benzinspielplatz

Diese Präsentation motiviert sich mit den vielfältigen Inhalten auseinanderzusetzen. Das die Zahl von 700 Fahrzeugen auch deshalb zustande kommt, weil unterschiedlich lackierte Formel-Renner separat gezählt werden – geschenkt, die Auswahl bleibt riesig. Forza bleibt in jedem einzelnen Fall aber ein Spiel, das den Weg der Simulation nur begrenzt geht: Weit genug, um unterschiedliche, nachvollziehbare und von der Abstimmung abhängige Fahreigenschaften auf den Bildschirm zu bringen, aber ohne die erschlagende Komplexität reinrassiger Simulationen.

Unterschiedliche Fahreigenschaften vermittelt Forza dennoch nachvollziehbar auf dem Bildschirm. Griplose, amerikanische V8-Monster, Formel-Wagen und GT-Autos mit jeder Menge Grip zwingen zu unterschiedlichen Fahrweisen. Gegengesteuert wird so wahlweise per Lenkrad, über die Abstimmung oder die zahlreichen Tuning-Optionen. Mit einem BMW M1 über Holperpisten zu fahren, langgezogene Kurven in sanftem Drift zu nehmen und sich erfolgreich mit dem menschelnden KI-Fahrern zu duellieren, das unterhält ein ums andere Mal. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob ein PS-Monster oder ein agiler Honda-Kleinwagen um die Piste zu kurvt; Unterhaltung ist keine Frage der Leistung.

Fahren im Regen wird dank unterschiedlicher nasser Oberflächen zum Highlight
Fahren im Regen wird dank unterschiedlicher nasser Oberflächen zum Highlight

Wie weit Simulation und Realismus gehen dürfen, kann mit Fahrhilfen und Schwierigkeitsgrad fein abgestimmt werden. Charakter und Dynamik des Fahrens transportiert das Spiel ungerührt sowohl mit Lenkrad und präzisem, aber kraftlosen Force-Feedback als auch mit Gamepad auf den Bildschirm; auch mit vollen Assistenzsystemen wirkt ein GT-Sportler der 1980er-Jahre giftig und aggressiv. Spaßig sind daher beide Pole des Spektrums, zumal mit größerer Anzahl Strecken - nun insgesamt 36 in verschiedenen Layouts –, Autos und wechselndem Wetter nun genug Parameter zur Verfügung stehen, um Veranstaltungen ausreichend stark zu variieren.

Diese Vielfalt zögert Ermüdungserscheinungen lange hinaus. Vor allem die Dynamik von Zeit und Wetter ist allein atmosphärisch ein Glücksgriff. In Teilregen oder in die Nacht hinein zu fahren, Linien abhängig vom Niederschlag anzupassen und Regenpfützen gekonnt zu umfahren, macht die Rennen erst recht spannend. All diese unzähligen Stellschrauben schaffen einen grandiosen Benzinspielplatz, der permanent den Entdeckertrieb stimuliert: Diese Änderung, dieses Fahrzeug, dieses Andere auszuprobieren wollen, fesselt an den Bildschirm.

KI ohne Verbesserungen

Bedarf an Verbesserungen hätte es aber auch bei der KI gegeben, die langsam zum größten Kritikpunkt an Forza Motorsport wird – wenngleich auf hohem Niveau. Die „Drivatare“ sind nach wie vor erschreckend menschlich und eigentlich gelungene Kontrahenten, weil sie sich nicht als Zugführer und die Strecke nicht als Gleis verstehen, schleppen aber alten Ballast mit sich herum.

Die KI kann viel, hält aber an alten Schwächen fest
Die KI kann viel, hält aber an alten Schwächen fest

Noch immer sind erste Kurven kritisch, führen zu Aufläufen und schnell zu Kollisionen, noch immer rempelt die KI gerne ins Heck und neigt zum Karambolieren. Ohne Rückspulfunktion zu starten, verbietet sich noch immer und gerade in Open-Wheeler-Kategorien, bei denen sich Fahrzeuge auch noch verhaken können. In schöner Regelmäßigkeit lässt der Computer auch noch die Maske fallen und entlarvt seine Fahrer als Cyborg-Staffage: Die Robo-Racer fahren nicht gleichmäßig genug, sie erhalten weiterhin auf höheren Schwierigkeitsstufen ab und an sichtbar plötzliche PS-Schübe oder ziehen in zwei Kurven um mehrere Sekunden davon.

Schwierig wird das Fahren auf höheren Niveaustufen durch die Startposition. Sich fest von Startplatz 12 aus durch das Feld wühlen zu müssen verhindert Siege, weil erst das Startgetümmel und dann das Bemühen der KI um Abstände im Feld blockiert. Das Fehlen einer Qualifikation macht sich hier bemerkbar. So schwankt die Schwierigkeit von Strecke zu Strecke und Rennen von zu Rennen. Im Gegenzug lassen sich ebenso regelmäßig harte Kämpfe Rad an Rad um Positionen durch mehrere Kurven austragen und, mit freigeschalteten harten Manövern, auch Wedeln und Blockieren erleben – das geht so in kaum einem anderen Rennspiel, das nicht Menschen hinter das Steuer klemmt.

Die besseren Mitspieler

Tatsächlich sind die KI-Fahrer die besseren Mitspieler. Online läuft Forza zwar gut, andere Fahrer bremsen aber stets im eigenen Heck und überholen durch Rammstöße. Freude kommt bei derartigem Demolition Derby nicht auf. Solches Verhalten zu sanktionieren wäre dringend geboten – aktuell steht der Online-Part aber nur in Grundzügen. Vorausgewählte Rennklassen lassen sich fahren, alles weitere, darunter die eSports-Komponente, fehlt zur Zeit ebenso wie ein Filter für Lobbys oder die Forzathon-Herausforderungen.

Fazit

Mit Forza 7 sichert sich Turn 10 erneut die Pole Position im Genre: Umfang, Präsentation, Fahrgefühl und Fahrspaß sind, wenn im Einzelfall nicht immer Spitze, dann doch in der Spitzengruppe. Es mag realistischere Rennspiele mit besserer Simulation geben, aber keine, die als Gesamtpaket ein ähnliches Qualitätslevel erreichen können.

Mit Belohnungsstrom, dem riesigen Fuhrpark und wechselhaften Wettberdingungen motiviert das Rennspiel ein ums andere Mal, „nur noch eine Runde“ zu drehen und noch „dieses eine Rennen“ zu fahren, bis die Uhr weit nach Mitternacht anzeigt. Technische Kritik muss sich Turn 10 allerdings für die alten Aussetzer in der KI und den teils schwankenden Schwierigkeitsgrad gefallen lassen.

Mit dreistem Blick auf Kisten

Darüber hinaus schießt sich das Spiel mit seinem anvisierten Geschäftsmodell ins Auge: Das Abschalten von Fahrhilfen nicht mehr zu belohnen und Geldbelohnungen sparsamer zu verteilen erscheint in höchstem Maße fragwürdig und eher vom dreisten Blick auf Kisten und Euros motiviert als vom Willen, ein Spiel besser zu machen; sie passen zum Zeitgeist, fördern die Qualität aber nicht. Im Gegenteil: Erstklassige Free-to-Play-Mechaniken, die Teile eines Spiels hinter Zahlanreizen verschwinden lassen, dürfen in mindestens 70 Euro teuren Spielen keinen Platz haben.

Forza 7 hat fast nur Schokoladenseiten
Forza 7 hat fast nur Schokoladenseiten

Das Rennspiel des Jahres. Aber.

Die Unterhaltung kann von diesem Punkten zunächst aber kaum getrübt werden. Forza macht zu viel Spaß, um sich während des Spielens auch nur einen Gedanken um den potentiellen Kauf irgendwelcher Kisten zu machen. Danach aber sollte man sich fragen, ob ein mindestens 70 Euro teures Spiel unbedingt die Grenzen des Verträglichen ausloten und sogar überschreiten muss – Spieloptionen in Grindsystemen zu verstecken, geht zu weit. Für sich genommen ist Forza 7 das Rennspiel des Jahres, das grundsätzlich jedem Fahrbegeisterten empfohlen werden will, aufgrund seiner Zweitmonetarisierung aber nicht (uneingeschränkt) empfohlen werden darf.

Kopier- und Jugendschutz: Forza Motorsport 7 funktioniert über den Windows- und Xbox-Store, sodass der Key über die Microsoft-Plattform aktiviert werden muss. Dazu ist einmalig eine Internetverbindung nötig; ein Wiederverkauf ist durch die Bindung an das Konto nicht möglich. Jugendschutz: Die USK hat den Titel ohne Altersbeschränkung freigegeben.

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