Windows Mixed Reality im Test: Schärfer, bequemer, einfacher und manchmal zitterig 3/3

Jan-Frederik Timm 63 Kommentare

Wenig Einstellungen, aber ein Videorekorder

Die Einstellungsmöglichkeiten im Mixed-Reality-Portal sind zum Start übersichtlich. Bis auf das Ein-und-aus-Schalten der virtuellen Grenzen gibt es für Anwender hier nichts zu tun. Die Grenzen sind damit auch weder in ihrem Design noch in ihrer Farbe anpassbar.

Überraschen kann hingegen das im Headset über die Windows-Taste auf den Controllern aufrufbare Menü mit einer Funktion zum Aufnehmen von Videos. Deren maximale Länge ist zwar auf fünf Minuten beschränkt, aber so einfach ließen sich bisher auf keiner Plattform zur Markteinführung Eindrücke aus der virtuellen Welt einfangen.

Rudimentäre Einstellungen im Mixed Reality Portal
Rudimentäre Einstellungen im Mixed Reality Portal

Interessant ist, dass Anwender Möglichkeiten zur Einstellung des Pupillenabstandes nicht im Portal, sondern in den Einstellungen von Windows 10 finden. Das macht es schwerer, ohne Kenntnis über den eigenen Abstand die beste Einstellung zu finden.

Warten auf SteamVR für Windows Mixed Reality

Das Angebot an Spielen zum Start ist noch überschaubar, längst nicht alle bekannten VR-Titel haben es in den Windows Store geschafft. Das müssen sie aber auch nicht, denn noch in diesem Jahr will Microsoft Windows Mixed Reality an SteamVR anbinden. Dann ließen sich – wie bereits heute mit Oculus Rift – auch alle auf Valves Plattform angebotenen Spiele mit den Headsets von Microsoft spielen. Eine Beta für Entwickler gibt es bereits, aber nur auf Einladung. Weder Microsoft noch Valve konnten ComputerBase auf Nachfrage den Zugang erteilen.

Erste Anwendungen für VR mit Windows Mixed Reality
Erste Anwendungen für VR mit Windows Mixed Reality

Jede UWP-Anwendung im Fenster darstellen

Microsoft wirbt mit „über 20.000 Anwendungen“ für Windows Mixed Reality zum Start, deutlich mehr als den 38 spezifisch für VR entwickelten Programmen. Hintergrund ist, dass jede UWP-Anwendung im Cliff House als Fenster/Bilderrahmen in 2D eingeblendet werden kann. Das entspricht dem, was auch Oculus mit Dash für Ende 2017 für alle Anwendungen angekündigt hat.

Die hohe Auflösung der Headsets lässt es in der Tat zu, in VR kurz einen Blick auf die neuesten Nachrichten im Browser zu werfen. In der Regel werden 2D-Anwendungen aber auch aktuell noch 2D-Anwendungen bleiben und ohne VR-Headset betrachtet werden.

Die Plattform ist noch nicht ausgereift

Microsofts Plattform zeigte sich im Test auch abseits der Probleme mit den definierten Spielfeldbegrenzungen noch nicht ganz ausgereift. An einem von vier zum Test verwendeten Systemen behauptete das Mixed-Reality-Portal zum Beispiel, eine neue Firmware für das Headset installieren zu wollen. Als nach über einer halben Stunde aber immer noch kein Erfolg vermeldet wurde, wurde der Vorgang trotz Warnung abgebrochen. An dem besagten PC schlug der Betrieb des Headsets mit Fehlercode daraufhin fehl, auf allen anderen gelang es weiterhin problemlos – ohne Hinweis auf eine neue Firmware. Es gibt offensichtlich keine.

Installation einer neuen Firmware, die es aber offensichtlich nicht gibt
Installation einer neuen Firmware, die es aber offensichtlich nicht gibt

Auch ein Absturz war zu verzeichnen. Als in Arizona Sunshine plötzlich die Darstellung hing und das sofort für Übelkeit sorgte, stellte sich nach dem Absetzen des HMDs heraus, dass die Plattform hing: Das Mixed-Reality-Portal forderte den Spieler auf, ein Headset an den PC anzuschließen. Nach einem Neustart der Anwendung war das Problem behoben.

Preise und Verfügbarkeit

Die Software-Plattform von Windows Mixed Reality ist seit dem 17. Oktober mit dem Fall Creators Update für Windows 10 (Download) verfügbar, seitdem stehen auch erste VR-Anwendungen im Windows Store bereit. Zum Start waren es 38 Titel. Alternativ können auch alle über 20.000 UWP-Applikationen im Cliff House als 2D-Wandfläche dargestellt werden.

Die ersten Headsets sind von den Herstellern Acer, Dell und Lenovo lieferbar, die Preise liegen inklusive Controller bei 449 Euro für die Systeme von Acer und Lenovo sowie 505 Euro für das Paket von Dell. Die Lösungen von Asus und HP lassen hingegen noch auf sich warten, ersterer wird erst im Jahr 2018 liefern können. Samsung wiederum hat mitgeteilt, das einzige technisch abweichende Headset Samsung Odyssey nicht in Europa auf den Markt bringen zu wollen.

Modell Preis im Handel
(mit Controllern)
Marktstart
Asus Windows Mixed Reality 449 Euro 2018
Acer Windows Mixed Reality 449 Euro verfügbar
Dell Visor 505 Euro verfügbar
HP Windows Mixed Reality 449 USD 17. Oktober
Lenovo Explorer 449 Euro verfügbar
Samsung Odyssey 499 USD 6. November (nicht EU)

449 Euro beträgt aktuell auch der Preis für Oculus Rift mit Touch, HTC Vive kostet wiederum 699 Euro.

Fazit

Kabel verlegen? Kameras aufstellen? Lighthouse-Stationen an Betonwänden befestigen? Mit dem 6DoF-Inside-Out-Tracking der ersten VR-Headsets für Windows Mixed Reality sind diese umständlichen, abschreckenden Arbeitsschritte der ersten Generation der High-End-VR-Headsets passé.

Dass es so viel einfacher ist, Windows Mixed Reality einzurichten, führte während der Testphase wiederholt dazu, dass Notebook und VR-System abends in der Redaktion im Rucksack verstaut und in den privaten vier Wänden wieder eingerichtet wurden. Mit Oculus Rift und HTC Vive ist das bis heute nie passiert, zu aufwendig der Aufbau, zu umfangreich das System mit seinem externen (unterstützten) Tracking.

Das Headset von Acer mit den beiden Controllern im Einsatz
Das Headset von Acer mit den beiden Controllern im Einsatz

Gleichzeitig trägt sich das leichte Headset von Acer auch über längere Zeit angenehm, und die Bildqualität ist gegenüber Oculus Rift (Test) und HTC Vive (Test) sichtbar gestiegen, ohne dem Meilenstein „keine Pixel mehr sichtbar“ nahe zu sein. Das Sichtfeld ist zugleich geschrumpft, wenn auch nicht dramatisch. Selbst im direkten Wechsel auf die Vive fällt das nur schwer auf. In Summe hat die Darstellungsqualität einen deutlichen Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Faszinierendes Inside-out-Tracking nicht ohne Probleme

Also alles gut? Für Spieler ohne Bedarf für die Controller: ja. Für alle anderen hingegen nicht. Denn an die Qualität des externen (Rift) oder extern unterstützten (Vive) Trackings der Konkurrenten kommt die Lösung von Microsoft – wie zur IFA 2017 bereits absehbar – am Ende nicht heran. Der große Vorteil in Komplexität und Handhabung wird also mit einem Nachteil erkauft, der je nach Anwendung unterschiedlich schwer wiegt. Im Space Pirate Trainer lag der Spielspaß beispielsweise höher als mit der Vive, weil die Auflösung den entscheidenen Unterschied darstellt. In Arizona Sunshine nervte die wackelige Pistole im Anschlag hingegen sehr. Dass die Plattform immer wieder die definierten Spielfeldgrenzen im selben Raum nicht mehr findet, stößt ebenfalls negativ auf. Wer das HDM nur für Rennspiele nutzen will, den lässt beides hingegen gänzlich kalt.

Und das Software-Angebot? VR-Neueinsteiger finden für Windows Mixed Reality bereits zum Start eine Vielzahl bekannter VR-Titel, an das Angebot von Oculus (exklusiv) oder SteamVR (auch mit Oculus nutzbar) kommt das Portfolio aber noch nicht heran. Muss es aber auch nicht, denn mit der geplanten Integration von SteamVR bis Jahresende steht Inhabern der neuen Headsets bald der gesamte Steam-Katalog zur Verfügung, wie es heute schon für Besitzer der Rift der Fall ist.

Ohne Macken wäre es High-End-PC-VR 1.5

In Summe erweisen sich viele Aspekte der ersten VR-Headsets für Windows Mixed Reality als technologischer Schritt nach vorne. Das Sichtfeld ist zwar etwas kleiner, die Auflösung aber deutlich gestiegen und die Darstellung damit sichtbar klarer. Gerade bei Texten (in Spielen) und Objekten in der Detailansicht fällt das immer wieder auf. Einen komplett neuen Meilenstein setzt aber auch Microsoft nicht.

Den hätte der Hersteller wiederum beim Tracking für sich beanspruchen können, wenn es die im Test beschriebenen Probleme nicht geben würde. Zuckelnde Controller und deplazierte Gegenstände/Hände einmal ausgeblendet, zeigt das Headset von Acer mit der Technik von Microsoft nämlich, mit welchen Vorteilen im Alltag latenzfreies Tracking ohne externe Hilfsmittel möglich ist. Mit den Problemen bleibt es bei einem Tritt auf der Stelle: Vorzüge werden durch Nachteile erkauft, rein in Bezug auf das Tracking liegen Rift und Vive weiter vorne. Faszination hin oder her.

Eine Alternative, kein neuer Meilenstein

Eine Alternative zu den beiden bekannten Systemen ist das Headset von Acer für Windows Mixed Reality am Ende trotzdem. Interessenten müssen abwägen, was schwerer wiegt: Die Inflexibilität beim Aufbau und der Mobilität oder die im Test beschriebenen Probleme mit dem Tracking.

Doch egal, wie man sich entscheidet: VR steht nicht still, die nächste Generation wird nochmals besser sein. 450 Euro bleiben vor diesem Hintergrund viel Geld.

Dieser Artikel war interessant, hilfreich oder beides? Die Redaktion freut sich über jede Unterstützung in Form deaktivierter Werbeblocker oder eines Abonnements von ComputerBase Pro. Mehr zum Thema Anzeigen auf ComputerBase.