Xiaomi Mi Mix 2S im Test: In 3. Generation fast kompromisslos gut 2/4

Mahir Kulalic 168 Kommentare

Rasanter Snapdragon 845 und MIUI 9.5 mit iPhone-X-Gesten

Wie von Xiaomi gewohnt, setzt der Hersteller bei seiner Android-Interpretation auf die eigene Oberfläche MIUI, beim Mi Mix 2S in der aktuellen Version 9.5. Die Veränderungen am Betriebssystem sind sehr tiefgreifend. Unter der Haube werkelt Android 8.0 Oreo. Ob ein Update auf 8.1 erscheinen wird, ist noch nicht abzusehen, da Xiaomi primär Sicherheits-Patches und MIUI pflegt, statt die Android-Version an sich. Ein Update auf Android P inklusive der dann aktuellen MIUI-Version ist aber wahrscheinlich, denn selbst ältere Smartphones versieht Xiaomi noch mit Aktualisierungen der Oberfläche. Zudem ist die Beta von Android P auch für das Mi Mix 2S erhältlich. Während des Testzeitraums erhielt das Mi Mix 2S mehrere Updates, darunter der Sicherheits-Patch vom 1. April. Ausgeliefert wurde es noch mit dem für März.

ROM noch ohne Google Play

Bei der zum Testzeitpunkt aktuellen MIUI-Version 9.5.15.0 (ODGCNFA) handelt es sich aber um das Original-ROM für den chinesischen Markt. Ein globales ROM inklusive Google Play steht derzeit noch nicht bereit. Die Google-Dienste für Play Store und Co. müssen somit eigenhändig installiert werden. Dies hat zur Folge, dass Deutsch als Systemsprache nicht verfügbar ist, zur Auswahl stehen nur Englisch sowie chinesische Sprachen. Obwohl das Betriebssystem weitgehend übersetzt wurde, ploppen vereinzelt noch Benachrichtigungen in chinesischer Sprache auf.

MIUI selbst zeichnet sich wie viele asiatische Oberflächen dadurch aus, auf einen App-Drawer zu verzichten. Wie bei iOS werden alle Apps auf Homescreens und Ordner verteilt. Zudem wirkt MIUI vergleichsweise bunt, kann aber durch Themes an den eigenen Geschmack angepasst werden. Grundsätzlich ist Personalisierung ein großes Thema für Xiaomi, die Oberfläche bietet viele Einstellungen zur eigenständigen Anpassung. Dazu gehören die Aufteilung der Statusleiste, Gesten für die Knöpfe und Tasten sowie eine systemweite Gestensteuerung. Letztere erinnert stark an das iPhone X und ist intuitiv und leistungsfähig umgesetzt. Gleichzeitig ermöglicht diese Art der Bedienung eine noch höhere Nutzbarkeit der Bildschirmfläche.

Gesten wie auf dem iPhone X

Xiaomi ist nicht der erste Anbieter von Android-Smartphones, die auf eine Gestensteuerung setzen, um durch den Wegfall von Software-Tasten mehr Raumgewinn auf dem Display zu erzielen. Auch Google hat in Android P eine optionale Gestensteuerung eingebaut. Und OnePlus sowie Huawei bieten solche Optionen ebenso an, beim P20 Pro sind diese aber weniger intuitiv und nicht so praktisch wie beim Mi Mix 2S.

Gestensteuerung auf dem Mi Mix 2S
Gestensteuerung auf dem Mi Mix 2S (Bild: Xiaomi)

Unter dem gesonderten Einstellungspunkt „Full Screen Display“ zeigt Xiaomi die Gestensteuerung und erklärt, welche Geste was bewirkt. Ein Wisch vom unteren Rand nach oben führt zurück auf den Homescreen, dieselbe Geste mit weniger Tempo zeigt die geöffneten Anwendungen. Wird vom linken Bildschirmrand nach rechts gewischt, bedeutet dies „Zurück“. So weit, so iPhone X. Doch Xiaomi hat noch etwas mehr in petto, denn auch ein Wisch vom rechten Bildschirmrand nach innen bedeutet „Zurück“. Darüber hinaus hat der Hersteller an die unterschiedlichen Bedienkonzepte von Android und iOS gedacht: Da viele Apps auf ein von links nach rechts ausziehbares Hamburger-Menü setzen, fiele diese Funktion weg, wenn von links nach rechts wischen immer „Zurück“ bedeuten würde. Daher teilt Xiaomi den linken Bildschirmrand in zwei Hälften auf: Am unteren Rand gewischt heißt „Zurück“, am oberen Bildschirmrand heißt die Geste „Menü“.

Im Alltag ermöglichen die Gesten eine ganz andere Interaktion mit dem Smartphone als Tasten. Im Bewegungsablauf des Fingers während der Bedienung können Gesten direkt im Fluss angewendet werden, der Finger muss nicht pausieren und nicht genau eine Taste berühren. Die Bewegung muss stimmen, den Rest setzt die Software zuverlässig um. Xiaomi hat sich zudem Gedanken über die potenzielle Fehlbedienung in Vollbildschirm-Anwendungen wie Videos oder Spielen gemacht. Eine optionale Einstellung erfordert in solchen Szenarien eine zweifache Anwendung der Geste, um sicherzustellen, dass kein Fehler vorliegt. Was aber in jedem Fall wegfällt: das schnelle Wechseln zwischen der aktuellen und der zuletzt geöffneten Anwendung per Doppeltipp auf die entsprechende Taste. Auch fehlt im Vergleich zum iPhone X die Geste zum schnellen Wechseln zwischen den Anwendungen.

Apple hat die Gestensteuerung nicht erfunden, diese haben sich bereits webOS, BlackBerry OS 10 und MeeGo zunutze gemacht. Doch seit dem iPhone X ist dies wieder ein Thema im Mainstream-Markt. Die Gesten übernimmt Xiaomi weitgehend unverblümt vom iPhone X, dazu gehören auch die Animationen. Doch der Hersteller hat mitgedacht und diese für Android optimiert. Im Alltag wurde die Gestensteuerung schnell die dauerhafte Methode zur Bedienung und ist zumindest als Option für jedermann ausgereift umgesetzt.

Snapdragon 845 nach Updates mit Höchstleistung

Für Rechenleistung sorgt mit dem Snapdragon 845 das aktuelle Topmodell aus dem Hause Qualcomm. Auch beim Arbeitsspeicher geizt Xiaomi nicht, wahlweise gibt es 6 oder 8 GB LPDDR4X. Im Alltag sorgt dies nicht überraschend für eine rasante Bedienung: Apps starten sehr schnell, Multitasking ist kein Problem. Das System ist zu jeder Zeit ansprechbar und flüssig. MIUI 9.5 legt zudem den Fokus auf eine flüssige Bedienung, die Optimierung gelingt: Das Mi Mix 2S zählt im Alltag zu den schnellsten Android-Smartphones.

Auch in synthetischen Messungen überzeugt das Smartphone und schiebt sich dank des schnellen SoCs in den meisten Fällen auf Spitzenpositionen. Dafür nötig waren aber Software-Updates, denn im Auslieferungszustand konnte das Smartphone die volle Leistung noch nicht abrufen. Nach zwei Aktualisierungen, die relativ unpräzise „Optimierungen“ und „Leistungsverbesserungen“ mitbringen sollten, hat das Mi Mix 2S tatsächlich einen Sprung gemacht. Ab Werk waren vor allem die Multi-Core- und die Grafikleistung in modernen APIs wie OpenGL ES 3.1 deutlich geringer als in anderen Modellen mit Snapdragon 845, etwa dem Sony Xperia XZ2 Compact (Test). Die Leistung bewegte sich eher auf Höhe der Vorgängergeneration. Spätestens seit dem Update auf die MIUI-Version 9.5.15.0 (ODGCNFA) ist das Smartphone bei voller Leistungsfähigkeit.

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