ThinkPad X1 Carbon G6 im Test: Lenovos fast perfektes Business-Notebook 2/6

Nicolas La Rocco 133 Kommentare

Helles HDR-Display

Beim ersten Aufklappen fällt zunächst einmal auf, dass Lenovo beim Display-Scharnier einen sehr guten Mittelweg aus stabiler Haltung und leichtem Öffnen gefunden hat. Das bedeutet, dass sich das Notebook mit einer Hand ohne Festhalten der unteren Basis öffnen lässt, das Scharnier aber gleichzeitig genug Widerstand bietet, damit sich der Bildschirm beim Tragen oder Aufsetzen auf den Tisch nicht von selbst verstellt.

In der von ComputerBase getesteten Variante des ThinkPad X1 Carbon ist das neue HDR-Display mit Unterstützung von Dolby Vision verbaut. Lenovo bietet das Notebook mit insgesamt vier Bildschirmen an: Die Diagonale liegt immer bei 14 Zoll, Unterschiede gibt es bei der Auflösung, Touch und Non-Touch sowie der Helligkeit. Es gibt zwei entspiegelte Full-HD-IPS-Panele mit oder ohne Touch, die auf bis zu 300 cd/m² kommen, ein entspiegeltes WQHD-IPS-Panel ohne Touch mit ebenfalls bis zu 300 cd/m² sowie das glänzende WQHD-IPS-Panel ohne Touch mit HDR, Dolby Vision und bis zu 500 cd/m² aus dem Testgerät.

Verwirrende technische Angaben

Laut HWiNFO ist im neuen X1 Carbon mit HDR-Display als Panel ein AU Optronics B140QAN02.0 verbaut, das 8 Bit pro Grundfarbe ermöglicht. Per „Frame Rate Control“ (FRC) lassen sich mehr Farbabstufungen darstellen, allerdings kommt dies nicht einer nativen Farbtiefe von 10 oder gar 12 Bit gleich. Zwar wird das Display von Lenovo mit der Unterstützung von Dolby Vision angepriesen, ausgenutzt werden kann der Standard auf dem Laptop allerdings nur dahingehend, dass entsprechende Inhalte wiedergegeben werden können. Allerdings funktioniert das nicht in der derzeit maximal möglichen Pracht, wie es ein Fernseher aus dem High-End-Segment oder ein Dolby Cinema ermöglicht.

Im offiziellen Forum von Lenovo gibt es eine über vier Seiten lange Diskussion darüber, ob es sich aufgrund der 8-Bit-Thematik wirklich um ein für HDR10 oder Dolby Vision geeignetes Panel handelt. Nicht gerade hilfreich ist dabei die Tatsache, dass Tools wie das DirectX-Diagnoseprogramm angeben, dass HDR nicht vom Endgerät unterstützt werde. Dass Lenovo auf der deutschen Website dann auch noch zwischen angeblich zwei verschiedenen HDR-Displays unterscheidet, macht die Sache nicht einfacher. Dort heißt es: „Entscheiden Sie sich für [...] das HDR-Display ohne Touch-Funktion, mit WQHD-Auflösung, 500 cd/m² Leuchtdichte und 100 % Farbraum mit dünner, belastbarer und blendfreier Beschichtung. Oder Sie wählen die atemberaubende Dolby Vision HDR-Technologie, die über WQHD-Display, 500 cd/m² Leuchtdichte und 100 % Farbraum verfügt.“ Tatsächlich gibt es aber nur ein HDR-/Dolby-Vision-Display, das 500 cd/m² erreichen soll, und nicht eines mit HDR und eines mit Dolby Vision.

Edge ist der Streaming-Browser

Grundsätzlich ist die HDR-Wiedergabe aber mit dem neuen ThinkPad X1 Carbon möglich, wie zwei Tests mit YouTube und Netflix verdeutlichen. Sobald Netflix eine HDR-Kette erkennt, erscheint neben entsprechenden Inhalten ein Logo für HDR oder Dolby Vision. Unter Windows 10 ist diese Wiedergabe aktuell auf den Edge-Browser und die Windows-App von Netflix beschränkt. Mit Google Chrome ist noch nicht einmal die Netflix-Wiedergabe in einer höheren Auflösung als 720p möglich.

Im Vergleich zwischen Netflix und Chrome bei der Wiedergabe einer Folge „Stranger Things“ ist unter Edge mit HDR sofort der höhere Dynamikumfang erkennbar. Ausgewählte Lichtquellen etwa von Autoscheinwerfern oder Hochhäusern werden zudem strahlender in Szene gesetzt. Auch für YouTube ist Chrome nicht der Browser der Wahl, obwohl sowohl Videoplattform als auch Browser aus Googles Haus stammen. Erst unter Edge wird beim Abspielen eines HDR-Videos der erweiterte Farbraum der ITU-R-Empfehlung BT.2020 verwendet. Unter Chrome wird hingegen nur SDR mit BT.709 genutzt. Mit der HDR-Wiedergabe hat der erweiterte Farbraum zwar nichts zu tun, jedoch fällt bei YouTube im Edge-Browser der Dynamikumfang erneut besser als unter Chrome aus.

Sehr gute Messwerte

Dass das Panel tatsächlich so hell arbeitet wie von Lenovo beworben, beweist die Messung, die im Durchschnitt aus neun Messbereichen 501 cd/m² ausgibt. Von Lenovo werden 500 cd/m² versprochen. Mit einer Abweichung von im Durchschnitt nur 5 Prozent zur maximalen Helligkeit fällt auch die Homogenität des Displays sehr gut aus, obwohl lediglich auf eine Hintergrundbeleuchtung durch Edge-LED gesetzt wird. Der Kontrast liegt mit 1.377:1 ebenfalls auf sehr gutem Niveau, wird aber vom Surface Book 2 übertroffen. Der Schwarzwert des X1 Carbon beläuft sich im Durchschnitt auf 0,364 cd/m².

Wellenartiger Hochglanz

Das durch die Bank sehr gute Abschneiden des Displays wird einzig durch die glänzende Beschichtung getrübt. Obwohl der Bildschirm ohne Touch-Funktionalität auskommt, hat sich Lenovo zugunsten der brillanteren Darstellung bei Filmen und Fotos gegen ein mattes Panel entschieden. Je nach Ausrichtung des Bildschirms, der Lichtquellen im Raum oder von Fenstern im Hintergrund kommt es deshalb zu teils störenden Reflexionen. Dank der hohen Bildschirmhelligkeit lassen sich diese zwar teils ausgleichen, doch erhöht das den Energieverbrauch und ein mattes Display hätte diese Probleme gar nicht erst. Bei genauer Betrachtung fällt zudem auf, dass die glänzende Oberfläche ein leichtes Wellenmuster aufweist. Schade, dass Lenovo Käufern des besten von vier Displays nicht die Wahl zwischen matt und glänzend lässt.

Nur eingeschränkt nachvollziehbar ist zudem, warum unter Windows 10 (Pro) die Skalierung der Auflösung respektive der Darstellung ab Werk auf 200 Prozent eingestellt ist. Damit ergibt sich auf 14 Zoll lediglich die Arbeitsfläche eines Displays mit 1.280 × 720 Bildpunkten – viel zu wenig, um damit arbeiten zu können. Die Darstellung ist zu groß und bietet kaum Platz für mehrere Fenster. Vermutlich wollte Lenovo mit dieser Skalierung einen geraden Teiler von 4 bei der Zuweisung der Pixel erreichen, um eine etwas schärfere Darstellung zu ermöglichen. Das ist bei Geräten mit 13 oder 14 Zoll aber erst bei der 200-Prozent-Skalierung von Ultra HD sinnvoll. Im Test wurde das X1 Carbon stattdessen mit 150-Prozent-Skalierung genutzt.

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