Gigaset GS185: Was Smartphone „Made in Germany“ bedeutet

 2/2
Mahir Kulalic 140 Kommentare

Fragen zu Kosten und Effizienz

Die offensichtlichste Frage rund um das GS185 ist, warum Bocholt statt Shenzhen als Standort gewählt wurde. Aus Kostengründen weichen alle Smartphone-Hersteller fast exklusiv auf die asiatische Fertigung aus. Zu den Kosten gehören nicht nur die reinen Herstellungskosten, sondern auch die Aufwendungen für Mitarbeiter, Maschinen, Räumlichkeiten, das entsprechende Know-how und die Eingespieltheit der Produktion.

Alles an einem Ort

Gigaset produziere in Bocholt aufgrund von Synergien, lautet die Antwort. Die Entwicklung, der Zusammenbau, die Logistik, die Reparatur, die Verpackung, der Lagerbestand: Alles hat seinen Platz auf der rund 95.000 m² großen Anlage. Auch würden weniger Fehler passieren, weil die Mitarbeiter nicht so unter Zeitdruck stünden. Auch die großen Fabriken in Asien, denen eine hohe Belastung der Arbeiter nachgesagt wird, finden in diesem Punkt allerdings einen optimalen Betriebszustand.

Konzept der Smartphone-Produktion
Konzept der Smartphone-Produktion

Kosten seien so hoch wie in Asien

Die Kosten, der wohl wichtigste Punkt, seien dabei nicht höher als bei Produktion in Asien. Dies liege primär an der hohen Automatisierung, die man in Zukunft weiter ausbauen möchte. Derzeit übernehmen die Roboter etwa 70 Prozent der Arbeit – der vor Ort auf relativ günstigen Anlagen ausgeführten Arbeiten, gilt es zu ergänzen. Und der Verweis auf die zukünftige Entwicklung der Stückzahl macht deutlich: Es kommt auf den Absatz an, ob sich der aktuelle Ansatz rechnet.

Aktuell würde Gigaset mit jedem 179 Euro teuren Smartphone Gewinn machen, heißt es. Eine Subventionierung finde nicht statt. Auf die Frage nach den effektiven Kosten pro hergestelltem GS185 gab es aber erwartungsgemäß keine Antwort.

Verpackung des GS185
Verpackung des GS185

Ausblick

Der Blick in die Produktion eines Smartphones „Made in Germany“ bei Gigaset in Bocholt vermittelt einen Eindruck davon, wie wohl überlegt die lokale Fertigung eines Smartphones in Deutschland aufgestellt werden muss. Für Gigaset rechnet sich zu diesem Zeitpunkt nur die Umsetzung eines Teils der produktionsbezogenen Wertschöpfungskette, darunter insbesondere die Endmontage. Ein Alleinstellungsmerkmal ist dieser Teil nach dem Aus von Nokia im Bochum im Jahr 2008 trotzdem.

Wie sich der Ansatz weiter entwickeln wird, bleibt indes abzuwarten. Zumindest das nächste Produkt soll ebenfalls „Made in Germany“ sein und je nachdem wie der Markt sich entwickelt, ließen sich weitere Produktionslinien öffnen oder die Fertigungstiefe erhöhen. Zu großen Enthusiasmus ließ CFO Stephan Mathys im Gespräch mit ComputerBase aber trotzdem nicht aufkommen.

Entwicklung bis Ende 2019 abwarten

Bis 2019 will der Hersteller die Entwicklung beobachten und dann entscheiden, ob und wie es weitergeht. Der Hersteller wolle vorsichtig vorgehen, auch wenn das Risiko überschaubar sei: Die eingesetzten Roboter ließen sich auch für andere Zwecke nutzen und die Mitarbeiter können an anderen Stellen der Produktion arbeiten. Die Smartphone-Herstellung und -Entwicklung seien weniger intensiv als etwa die von Smart-Home-Produkten.

Gigaset-Werk in Bocholt
Gigaset-Werk in Bocholt

„Made in Germany“ ist Unternehmenskultur und Markenbotschaft

Vieles wird davon abhängen, ob Kunden in Zukunft bewusst auf die Markenbotschaft „Made in Germany“ anspringen werden. Denn nur dann wird Gigaset aus der lokalen Fertigung, die Teil der Unternehmenskultur sei, auch zusätzlichen Profit schlagen können. Vorerst keine Bedenken habe die deutsche Unternehmensführung in Bezug auf den Großaktionär, Pan Sutong aus Hongkong mit seiner Firma Goldin Fund Pte Ltd. mit Sitz in Singapur. 73,5 Prozent hält Sutongs Unternehmen an Gigaset.

Nicht vergleichbar mit dem Nokia-Werk in Bochum

Auf die Frage zum Vergleich mit Nokia, die bis 2008 in Bochum Mobiltelefone produzierten, äußerte Mathys wenig Sorge über (negative) Überschneidung. Bei Gigaset erfolge alles aus den eigenen Reihen heraus und nicht auf Basis von Subventionen. Zwar beschäftige man auch Leiharbeiter, doch aufgrund der Skalierbarkeit und der anderweitigen Produktion von DECT-Telefonen stehe es auch um die Arbeitsplätze nicht so kritisch. Trotzdem erinnert der Manager an die turbulenten letzten Jahre bei Gigaset, die viele Umstrukturierungsmaßnahmen beinhalteten. In Bocholt sind derzeit 550 Mitarbeiter beschäftigt.

Gigaset hatte zahlreiche deutsche Medien, darunter auch ComputerBase, für den 5. Juli in das Werk in Bocholt geladen. Die Kosten für die Anreise hat die Redaktion selbst getragen. Eine Einflussnahme auf die Berichterstattung fand nicht statt. Eine Verpflichtung zur Berichterstattung bestand nicht.

Dieser Artikel war interessant, hilfreich oder beides? Die Redaktion freut sich über jede Unterstützung in Form deaktivierter Werbeblocker oder eines Abonnements von ComputerBase Pro. Mehr zum Thema Anzeigen auf ComputerBase.