Red Faction Guerilla: Abriss-Simulator erfolgreich re‑mars‑tered 3/3

Wolfgang Andermahr et al. 55 Kommentare

Zerstörbarkeit macht den Klassiker

Hinter einem Remaster steckt immer die Annahme, dass sich ein Klassiker weiterhin zu spielen lohnt. Beim Beweis der Unterhaltungsgüte außerhalb des wohligen Kreises einer eingeschworenen Fanbasis baut sich Red Faction Guerilla zunächst eine Hürde auf, die ihm zeitgenössisch in die Wiege gelegt wurde: Das Erste, was Spieler sehen, ist eine (rot-)braune Farbpalette, die der Matschepampe von Shootern des vergangenen Jahrzehnts fatal ähnelt.

Immerhin macht der Einstieg nicht nur klar, dass der Mars auch nach dem Terraforming braun bleibt, sondern auch schöne Seiten hat. Die bestehen im Zerlegen von Gebäuden mit Hammer und reichlich Sprengstoff – ein erstes Indiz für die noch bevorstehende Unterhaltung. Nun muss nur noch schnell der seit einer halben Minute bekannte Bruder – „Spoiler-Warnung“, Augenrollen – sterben und schon kann der Widerstandskampf gegen die Besatzertruppe Sektor für Sektor beginnen.

Wäh, schon wieder Open World?“ Das Spielkonzept mag sich als Mainstream etabliert haben, aber so wie in Red Faction ist es selten vorzufinden. Natürlich, die Welt wirkt weniger weitläufig denn beengt. Die gefühlt winzige Abbildung des Planeten nervt dafür aber auch nicht mit bedeutungslosen Sammelaufgaben, Füllern und langen Wegstrecken, schafft also eine hervorragende Grundlage für Spaß mit den Spielmechaniken.

Was man sieht, kann man zerlegen

Das ist vor allem eine: Was zu sehen ist, lässt sich fast immer niederkloppen, in die Luft jagen, über den Haufen fahren, in ziemlich große Brocken zerlegen und physikalisch glaubwürdig niederreißen. Sicher, die Darstellung geht, siehe Battlefield V, heute spektakulärer, aber nicht in diesem Umfang. Red Faction liegt schlicht eine andere Mentalität zugrunde. Dem Spieler einen Gartenzaun oder eine Betonmauer vor die Nase zu setzen, heißt nicht automatisch, ihm eine Grenze aufzuerlegen. Konfrontiert mit derartigen Hindernissen heißt die Lösung lediglich, den Hammer auszupacken und sich einen neuen Weg zu schaffen.

Beim Befreien von Geiseln, hemmungslosen Guerilla-Kampf oder Missionsdesign ergeben sich vielfältige Einsatzmöglichkeiten der Sprengwerkzeuge. Ein bemerkenswertes Testament der Einzigartigkeit dieses Ansatzes ist schlicht, wie lange es dauert, sich mit dem Gedanken beliebiger Zerstörbarkeit als Werkzeug tatsächlich anzufreunden und nicht „den Eingang“ zu suchen. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, den Eingang selbst zu bauen, fängt der Spaß erst richtig an: Allzu schnell eintönig wird das Herumtoben in dieser Art Spielwiese nicht – obwohl sich Gebäude häufiger gleichen. Dafür weckt Guerilla viel zu sehr die kindische Freude am sinnfreien Kaputtmachen.

Den Widerstandskampf macht die Red Faction zudem mit weiteren Tricks schmackhaft. Wer stirbt, darf sich etwa aussuchen, ob er mit einem Malus auf dem Widerstands-Meter weiterspielt oder einen Spielstand lädt. Der Widerstandswert bestimmt, wie viele und ob andere Kämpfer bei Gefechten mit Besatzern in einem Sektor zur Hilfe eilen, ist aber keine Einbahnstraße: Stirbt ein Kämpfer im Gefecht für den Spieler, sinkt der mühsam durch Guerilla-Aktionen erhöhte Wert wieder. Es gilt also, Momentum aufrechtzuerhalten und sich nicht auf lange Gefechte einzulassen.

Spaßiger Arcade-Abriss-Simulator

Dass Fahren und Schießen arg auf Arcade getrimmt wurden, stört das Vergnügen im Abriss-Simulator nicht. Anspruchsvoll bleibt Red Faction dennoch: Erstens sollte dem tapferen Kämpfer keine Decke auf den fragilen Schädel fallen, zweitens beachtet werden, dass „Guerilla“ nicht nur hart klingt. Die Erdarmee ist zwar hohl wie eine tote Ratte, aber in der Überzahl und aggressiv. Längere Auseinandersetzungen münden, erst recht ohne Hilfe, in schnellem Ableben. Nach einer Weile im Spiel wird der wohltuende Kontrast zu aktuellen Open-World-Spielen erst richtig deutlich: Red Faction geht die Ziellosigkeit ab, die sonst so häufig das bestimmende Charakteristikum dieser Art von Spiel sind – und hat nicht einmal Mikrotransaktionen, Beuteboxen oder eine der anderen Seuchen der Jetztzeit.

Fazit

Red Faction Guerilla Re-Mars-tered ist eine durchweg gelungene Remaster-Version. Nein, die Grafik macht nicht so einen großen Sprung wie in der Definitive Edition von Age of Empires (Test), aber legt einen guten Schritt zu. Vor allem die neuen Texturen machen einen doch ordentlichen Unterschied aus, wie ein neun Jahre alter Titel kommt das Spiel so nicht daher.

Auch abseits der Präsentation weiß die überarbeitete Fassung technisch zu gefallen. So ist die Performance gut, auch auf langsameren Grafikkarten sind maximale Details und teils auch höhere Auflösungen als 1.920 × 1.080 kein Fremdwort. Auf technische Probleme ist die Redaktion beim Testen nicht gestoßen. Das einzig Ärgerliche ist der neue Framelimiter, der bei 111 Bildern in der Sekunde dicht macht. In Anbetracht von Monitoren mit einer noch höheren Bildwiederholfrequenz ist das schade.

Red Faction Guerilla Re-Mars-tered macht immer noch Spaß

Positiv fällt das Fazit auch zum Spiel selber aus. Es macht einfach Spaß, wortwörtlich die gesamte Welt in die Luft zu sprengen, oder sich seinen Weg selbst per Hammer zu suchen. Damit spricht grundsätzlich nichts gegen den Kauf der PC-Version von Red Faction Guerilla Re-Mars-tered. Und wer bereits das Original auf Steam besitzt, kann es sogar kostenlos in der neuen Fassung spielen.

ComputerBase hat den Key zum Spiel auf Anfrage von THQ Nordic erhalten. Der Publisher hatte weder auf den Inhalt des Artikel Einfluss, noch war die Redaktion zur Veröffentlichung verpflichtet. Der Key wurde vor Marktstart unter NDA zu Verfügung gestellt. Die einzige Vorgabe war, vor dem 2. Juli um 19:00 Uhr keinen Test zu veröffentlichen.

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