Huawei Mate 20 Pro im Test: Das Fast-rundum-sorglos-Smartphone

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Mahir Kulalic 255 Kommentare

Kirin 980 in 7 nm trifft Android 9 Pie

Nach Apples A12 Bionic setzt auch Huawei auf ein System on a Chip in 7-nm-Fertigung. Bei der Ankündigung zur IFA 2018 kam Huawei dem Konkurrenten aus Cupertino sogar zuvor, auf dem Markt war Apple allerdings zuerst. Der Kirin 980 ist das neue Topmodell der hauseigenen Chipschmiede HiSilicon und ersetzt den bisher in der Oberklasse verwendeten Kirin 970. Der Schwerpunkt des neuen Siliziums liegt allen voran auf einer höheren Leistungsfähigkeit der neuen Dual-NPU sowie einer insgesamt gesteigerten CPU- und GPU-Leistung bei gleichzeitig geringerem Stromverbrauch. Der Kirin 970 ist in Sachen Leistung auf dem Papier und bei der Grafik auch in der Praxis hinter den großen SoCs von Samsung und Qualcomm, der neue Chip soll die Lücke schließen. In einem Monat wird Qualcomm aller Voraussicht nach aber bereits sein neues Spitzen-SoC vorstellen und das Duell in eine neue Runde schicken.

Ein großes Cluster mit Cortex-A76 und Cortex-A55

Der Kirin 980 setzt nicht mehr so konkret wie die Vorgänger auf mehrere Cluster verschiedener Kerne nach ARMs big.LITTLE-Architektur. Stattdessen nutzt HiSilicon ein neues Design gemäß ARM DynamIQ, das mehrere Strukturen mit bis zu acht Kernen in einem Cluster vereint. Innerhalb dieses einen Clusters können auch die gleichen Kerne mit verschiedenen Leistungsspezifikationen betrieben werden. Vorteile verspricht sich ARM durch den gemeinsamen Speicher für alle Kerne in einem Cluster, sodass Zugriffe und Befehle schneller verarbeitet werden können. Auch bei der Wahl des Designs soll mehr Freiheit herrschen. Huawei nutzt beim Kirin 980 drei Domänen in einem 2+2+4-Aufbau, möglich sind aber zum Beispiel auch 1+7 oder 1+1+6.

Aufbau der GPU mit „20“ Recheneinheiten
Aufbau der GPU mit „20“ Recheneinheiten (Bild: Huawei)

Mehr Leistung für alles

Aufgeteilt sind die drei Gruppen aber ähnlich wie beim bisherigen Aufbau. Für die höchste Leistung sorgen zwei Cortex-A76-Kerne mit bis zu 2,6 GHz, darunter rangieren zwei weitere Kerne des gleichen Typs mit bis zu 1,92 GHz, ergänzt durch vier Cortex-A55-Kerne mit bis zu 1,80 GHz. Als GPU steht die Mali-G76 MP10 mit bis zu 720 MHz bereit. Diese bietet zwar zwei Recheneinheiten weniger als die Mali-G72 MP12 des Vorgängers, arbeiten soll sie allerdings wie mit 20 der alten. Eine Recheneinheit der Mali-G76 entspreche demnach zwei der Mali-G72. Ebenfalls neu ist die Dual-NPU, im Vorgänger war eine einzelne NPU im Einsatz. Diese soll 120 Prozent schneller arbeiten als vorher und dabei laut Huawei 4.500 Bilder pro Minute erkennen, dabei auch feine Details und nicht nur grobe Strukturen unterscheiden können. In Videos ist eine Bildverarbeitung per NPU nun ebenfalls möglich.

In Benchmarks auf Augenhöhe – nur bei der GPU nicht immer

Im Alltag ist die Leistung des neuen SoCs für sämtliche Anwendungsbereiche ausreichend, das Mate 20 Pro fühlt sich jederzeit reaktionsfreudig und schnell an. App-Starts als auch der Wechsel zwischen geöffneten Anwendungen gehen zügig von der Hand. Auch Modelle mit Kirin 970 fühlen sich flüssig und flott an, die Handlungsschnelligkeit des Mate 20 Pro ist dem aber spürbar überlegen. In Benchmarks kann das Mate 20 Pro hingegen nicht immer mit der Konkurrenz mithalten. Die Steigerung sowohl in Single- als auch in Multi-Core-Tests ist deutlich sichtbar und der Sprung vom Kirin 980 groß. In vielen Fällen ist die CPU-Leistung des Mate 20 Pro ungefähr auf einem Level mit der Konkurrenz, die auf Snapdragon 845 oder Exynos 9810 setzt. Bei der Grafik kann das Smartphone nicht ganz an die Mitbewerber anknüpfen, vor allem im 3DMark scheint die neue Architektur Probleme zu haben. Die Ergebnisse an dieser Stelle sind allesamt niedriger als beim Vorgänger und weit weg von aktuellen Mitbewerbern. Auch im GPU-Test des Geekbench lässt die GPU mit Blick auf den Wert federn.

EMUI 9 mit „nur“ 843 Einstellungen

Als Betriebssystem kommt wie von den letzten Mate-Modellen gewohnt die neueste Android-Version, in diesem Fall Android 9 Pie, zum Einsatz. Das OS ist seit circa zwei Monaten fertig, der prompte Einsatz in einem rund 1.000 Euro teuren Topmodell aber auch standesgemäß. Der Sicherheits-Patch-Stand ist vom 1. Oktober und somit aktuell. Ebenfalls an Bord ist Huaweis Oberfläche EMUI. Diese soll allen voran übersichtlicher sein, unter anderem die Einstellungen wurden um Optionen reduziert – nun gibt es „nur noch“ 843 statt 940. Auch die eigenen Apps wurden für eine kohärente Bedienung überarbeitet, die wichtigsten Schaltflächen sollen sich immer an den gleichen Stellen finden. Auch Apps sollen schneller starten – wodurch genau, bleibt aber unklar.

EMUI 9 auf dem Mate 20 Pro
EMUI 9 auf dem Mate 20 Pro

EMUI 9 ist Feintuning

Im Alltag sind die Unterschiede zwischen EMUI 9 und EMUI 8 in den Details zu finden. Das Design ist durchaus kohärenter, alles wirkt etwas runder und optimierter. Grundsätzlich bleiben Benutzung und Auftreten aber ähnlich. Die Oberfläche ist ab Werk bunt gehalten und der App-Drawer deaktiviert. Viel Wert legt Huawei weiterhin auf Personalisierung, anpassen lässt sich das Design durch Themes oder auch die virtuelle Tastenreihe. Letztere lässt sich optional gänzlich ausblenden und durch einen „NaviDot“ oder eine Gestensteuerung ersetzen. Diese entspricht aber nicht jener von Google, die weiterhin auf eine bei Bedarf eingeblendete Zurück-Taste sowie eine „Pille“ als Home-Taste setzt.

Gestensteuerung gut kopiert

Stattdessen kopiert Huawei wie Xiaomi seit dem Mi Mix 2s auch die Gestensteuerung von Apples iPhone X und Xs. Eine Wischgeste vom unteren Rand nach oben bedeutet „Zurück auf den Startbildschirm“, an den Rändern nach innen zurück (anders als beim iPhone auch von rechts) und von unten nach oben und halten zeigt offene Apps. Die Geste für Multitasking ist hingegen etwas zäh und bedarf etwas Geduld beim Halten des Fingers in der Mitte, an dieser Stelle ist eine Taste schneller. Für den Alltag zeigt sich die Gestensteuerung aber als willkommene Option, denn wie bereits im Xiaomi Mi Mix 2s wird die Bedienung erleichtert. Die Gesten folgen oft dem natürlichen Bewegungsablauf des Fingers in der Bedienung und sind zudem nicht fest auf einen bestimmten Bereich definiert wie die virtuellen Tasten. Gerade für die Zurück-Geste ist dies hilfreich, da diese zudem von beiden Seiten erreichbar ist. Einziges Manko: Ein seitlich ausziehbares Menü öffnen zu wollen, endet oft in einer Zurück-Geste.

Gestensteuerung auf dem Mate 20 Pro
Gestensteuerung auf dem Mate 20 Pro

Anders als bei Xiaomi werden Gesten aber auch in Vollbildanwendungen direkt angewendet. Bei Xiaomi kann optional eingestellt werden, dass Gesten etwa beim Videoschauen zweimal getätigt werden müssen, um nicht versehentlich aus der App zu springen. Die Gestensteuerung von Apple ist der von Google in Sachen Komfort voraus und wirkt durchdachter. Dies haben unter anderem Xiaomi und Huawei erkannt und mit „Zurück von der rechten Seite“ noch erweitert. „Besser gut kopieren als schlecht selber machen“ zeigt sich an dieser Stelle als richtige Entscheidung.

Modernste Biometrie, aber nicht immer perfekt

„Gut kopiert“ lässt sich scharfzüngig auch auf die Gesichtserkennung des Mate 20 Pro ummünzen. Diese erinnert durch die Nutzung von Infrarotkamera und Punktprojektor mit wie bei Apple 30.000 Punkten ebenfalls an das iPhone X(s)/Xr und dessen Face ID. Dazu gehören aber nicht nur die Funktionsweise, sondern auch das Symbol und die UI der Einrichtung. Während Huawei beim UX-Design durchaus Eigenständigkeit zugetraut werden darf, lässt die Gesichtserkennung in Sachen Komfort wenig Kritik zu.

Face-ID-Klon funktioniert zuverlässig

Wie bei der Gestensteuerung entpuppt sich die Anlehnung an Apple als Vorteil, denn die Lösung funktioniert im Alltag schnell und zuverlässig und ist sicherer als ein einfaches Entsperren per Frontkamera. So die Theorie – anderen Berichten zufolge lässt sich die Erkennung bei gewisser Ähnlichkeit bereits umgehen. Huawei untersucht den Fall, ein Software-Update wird möglicherweise Abhilfe schaffen. In den Optionen lässt sich einstellen, ob wie beim Fingerabdrucksensor nach erfolgreicher Authentifizierung automatisch auch das Display entsperrt werden soll.

Augenkontakt für mehr Sicherheit

Eine weitere Einstellung erhöht laut Huawei die Sicherheit zusätzlich: Augenkontakt. Ist dies aktiviert, was es ab Werk nicht ist, müssen die Augen auf das Smartphone gerichtet werden (aber nicht notwendigerweise in die Sensorik). Wer das Mate 20 Pro in Richtung Gesicht hält, aber wegschaut, wird nicht authentifiziert. Auch bei geschlossenen Augen mit theoretischem Blick aufs Smartphone wird es nicht entsperrt. Diese Aufmerksamkeitsprüfung bietet Apple auch als Option, in dem Fall muss der Anwender mit offenen Augen auf das Gerät schauen. Dies bedeutet beim Mate 20 Pro aber auch ein erschwertes Arbeiten bei Dunkelheit. Je nach Distanz zum Gesicht und der Umgebung gelingt das Entsperren mit dieser Einstellung, allerdings nicht so zuverlässig wie bei heller Umgebung. Ohne diese Einstellung funktioniert das Entsperren unabhängig von den Lichtverhältnissen gleich zuverlässig und gut.

Mehr Komfort gibt es ohne Augenkontakt

In Dunkelheit hakt die Augenkontakt-Erkennung oft und gelingt erst nach mehreren Anläufen und/oder verschiedenen Perspektiven. Deutlich erfolgreicher verlief es allerdings bei hoher Bildschirmhelligkeit. Durch das Aufhellen des Gesichtes durch den Bildschirm nimmt das Mate 20 Pro den Augenkontakt auch in Dunkelheit deutlich präziser und schneller wahr. Es erscheint aber möglich, dass das Smartphone hierfür zusätzlich auf die Frontkamera zurückgreift. Im Normalfall passiert das nicht. Apple nutzt die Frontkamera für Face-ID ebenfalls nicht, auch nicht bei aktivierter Aufmerksamkeitsprüfung. Für den größten Komfort sorgt die standardmäßige Einstellung ohne Augenkontakt, für noch mehr Sicherheit aber die Aktivierung der Option.

Bei den Einstellungen mitgedacht

Im Idealfall kriegt der Anwender den Sperrbildschirm in beiden Fällen praktisch nicht zu sehen, vereinzelt dauert es aber einen kurzen Moment, bis die Entsperrung vollzogen ist. Dass der Augenkontakt als Option in diesen Fällen der Grund ist, ist nicht unwahrscheinlich. Zuverlässig arbeitet die Erkennung aber nur aus gewisser Nähe. Ohne Augenkontakt-Einstellung sind dies komfortable rund 80 Zentimeter, mit hingegen unter 60 Zentimeter Distanz zum Gesicht. Da das Smartphone jedoch selten (mehr als) eine komplette Armlänge entfernt zum Entsperren angehoben wird, sind beide Distanzen absolut ausreichend für den Alltag. Die Art und Weise ist dabei flexibel: Auf Wunsch kann der Bildschirm direkt entsperrt werden, standardmäßig bleibt das Smartphone wie das iPhone auf dem Sperrbildschirm. So erhalten Nutzer eine Übersicht über Benachrichtigungen oder die Uhrzeit. Zusätzlich kann für diesen Fall auch aktiviert werden, dass sensible Benachrichtigungsinhalte, also etwa Nachrichten – sofern deaktiviert – nach erfolgreicher Gesichtsentsperrung offengelegt werden. Dann kann der Nutzer über die jeweilige Benachrichtigung direkt in die gewünschte App springen. An dieser Stelle hat Huawei sinnvoll mitgedacht und zwei komfortable Lösungen im Angebot, die je nach Nutzungsvorliebe eingestellt werden können.

Biometrie auf dem Mate 20 Pro
Biometrie auf dem Mate 20 Pro

Fingerabdruck im Display braucht Präzision

Fingerabdrucksensor im Display braucht Präzision

Verglichen mit P20 Pro und Mate 10 Pro ist aber nicht nur die Gesichtserkennung neu, sondern auch der Fingerabdrucksensor im Display. Diesen gab es bei Huawei zuerst im Mate RS zusammen mit Porsche-Design, in Großserie gibt es die Technik hingegen erstmals im Mate 20 Pro. Das reguläre Mate 20 setzt auf einen kapazitiven Sensor auf der Rückseite. Beim Pro-Modell ist dieser hingegen auf die untere Hälfe unterhalb des OLED-Displays gezogen. Dort wird er bei Bewegung des Smartphones auch mit einem Fingerabdruck-Symbol angedeutet, ein einfaches Auflegen reicht aber verglichen mit den Lösungen im Gehäuse nicht. Da der Sensor durch das OLED-Display hindurch optisch arbeitet, muss der Finger mit einem gewissen Druck auf dem Symbol positioniert werden. Im Anschluss wird das Smartphone entsperrt. Auch dies gelingt nicht so schnell und nicht immer so zuverlässig wie bei einem außen liegenden Sensor.

Nicht so komfortabel wie optische Lösungen

Der Komfort vieler heutiger Lösungen geht insofern verloren, dass der Finger relativ präzise und mit Druck auf der vorgesehenen Stelle platziert werden muss und zumindest für sehr kurze Zeit dort verharrt. Bei den meisten heutigen Sensoren reicht ein einfaches Auflegen im Stand-by, um das Smartphone zu entsperren. Zudem lässt sich der Fingerabdrucksensor nicht erfühlen, da er unter dem Display liegt, was ein Auflegen ohne Hinsehen erschwert. Denn die richtige Position zu finden, erfordert zumindest anfangs einen steten Blick aufs Display – zusammen mit der leicht längeren Dauer der Authentifizierung ist der Sensor technisch fortschrittlich, aber in Summe weniger komfortabel als ein außen liegendes Pendant.

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