Apple iPad Pro (2018) im Test: Das beste Premium-Tablet bleibt genau das

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Nicolas La Rocco 319 Kommentare

Apple Pencil der zweiten Generation

Apples neuer Stylus, Pardon, Pencil ist in vielerlei Hinsicht gegenüber der ersten Generation verbessert worden. Nur eines sollten Käufer nicht vom neuen Apple Pencil erwarten: besseres Zeichnen. Denn an den grundsätzlichen Fähigkeiten wie der erhöhten Abtastrate, die die Latenz von ehemals 40 ms auf 20 ms reduziert, sowie der Erkennung von Druckintensität und Neigungswinkel hat sich nichts gegenüber der ersten Generation verändert. Nach wie vor legt Apple nicht offen, wie viele Druckstufen über den Pencil erkannt werden.

Was sich aber stark zum Positiven gewandelt hat, ist die Handhabung des Pencils. Zunächst einmal ist der neue Stift 1 cm kürzer und 2 g leichter, außerdem matt statt glänzend ausgeführt und mit einer angewinkelten Seite versehen worden. Letzteres soll den Stift nicht am Wegrollen hindern, sondern besser in der Hand liegen lassen. Schon der erste Apple Pencil konnte aufgrund eines Ungleichgewichts nicht wegrollen. Die neue Kante erinnert ein wenig an die Seitenflächen eines Fineliners, in der Tat liegt der Stylus damit etwas besser zwischen den Fingern.

Essenziell ist die abgeflachte Seite für den neuen Lademechanismus, der über magnetisches Andocken an der langen Seite des Tablets initiiert wird. So hätte es eigentlich beim ersten Apple Pencil gelöst sein müssen, denn von Anfang an war die zerbrechliche Konstruktion aus magnetisch gehaltener Kappe und bizarrem Andocken per Lightning-Stecker des ersten Apple Pencil zum Scheitern verurteilt. Selten hatte sich ein Vorgang so wenig „nach Apple angefühlt“ wie diese Umsetzung. Der neue Apple Pencil dockt nun magnetisch direkt am Gehäuse an, woraufhin ein kurzer Hinweis zum aktuellen Ladestatus erscheint.

Der neue Apple Pencil ist zudem schneller einsatzbereit. Sobald er vom Gerät abgezogen und mit der Spitze auf das ausgeschaltete Display getippt wird, schaltet sich der Bildschirm ein und parallel startet Apples Notizen-App. Bei Samsung und Android gibt es eine solche Funktion schon länger, bei Apple und iOS erst jetzt – aber besser spät als nie.

In Apples Notizen-App dürften die meisten Anwender das erste Mal mit der neuen Werkzeug-Funktion des Apple Pencil in Berührung kommen. Die vorderen Zentimeter des Stifts erkennen doppeltes Tippen und wechseln daraufhin das Werkzeug. In Apples Notizen-App ist das standardmäßig der Wechsel vom zuletzt verwendeten Stift zum Radiergummi. Grundsätzlich können App-Entwickler aber beinahe frei entscheiden, welche Funktion sie der Geste zuweisen. In Procreate gibt es zum Beispiel ein umfangreiches Einstellungsmenü für den Apple Pencil.

Die zweite Generation Apple Pencil ist wieder rein optional und liegt keiner Tablet-Variante kostenlos bei – selbst dem teuersten Modell mit 12,9 Zoll, 1 TB und LTE für 2.099 Euro nicht. Unverständlich ist der gegenüber der ersten Generation von 99 Euro auf 135 Euro angehobene Preis. Der Stift bietet zwar neue Funktionen, die jedoch einen Aufpreis um mehr als 36 Prozent nicht rechtfertigen und eigentlich Teil der normalen Evolution eines Produktes sein sollten – zumal Eigenschaften wie das Aufladen des Apple Pencil zuvor einfach schlecht umgesetzt waren.

Ärgerlich ist darüber hinaus, dass der neue Apple Pencil ausschließlich auf den neuen iPad Pro funktioniert. Ein Upgrade für Besitzer eines iPad Pro mit 12,9 Zoll der ersten und zweiten Generation sowie eines iPad Pro mit 9,7 Zoll und 10,5 Zoll ist damit nicht möglich. Auch das normale iPad akzeptiert lediglich den ersten Apple Pencil. Ebenfalls ärgerlich dürfte für viele Besitzer aber die Tatsache sein, dass sie durch einen Wechsel zu einer neuen iPad-Pro-Generation den Stylus neu erwerben müssen, denn umgekehrt kann der erste Apple Pencil nicht mehr auf den neuen Tablets verwendet werden.

A12X Bionic mit Leistungsreserven

Ein Grund zum Umsteigen auf eine neue iPad-Pro-Generation könnte zum Beispiel der neue A12X Bionic sein. Nach dem A12 Bionic für Smartphones wird nun auch der Tablet-Chip im neuen 7-nm-Verfahren produziert. Der A12X Bionic ist Apples erstes Octa-Core-SoC, nachdem bisher in Tablets und Smartphones maximal sechs Kerne zum Einsatz kamen. Apple hat die Anzahl der Performance-Kerne mit dem Namen „Vortex“ von zwei auf vier verdoppelt, deren Maximaltakt mit 2,49 GHz und die vier Efficiency-Kerne „Tempest“ jedoch beibehalten.

Neu ist die GPU, wenngleich es sich nach wie vor um die zweite Generation von Apples eigens entwickelter Grafikeinheit handelt, die nun allerdings mit sieben statt vier Kernen arbeitet. Gegenüber der von Imagination Technologies stammenden PowerVR GT7600 Plus des A10X Fusion soll sich die Leistung verdoppelt und das Niveau einer Xbox One S erreicht haben.

Veränderungen in Form einer Aufstockung bestehender Technologien erfährt der Chip beim Speicher-Interface, das nun mit zwei statt einem Kanal arbeitet. In Apples Smartphones kommt seit mehreren Jahren ein Single-Channel-Interface zum Einsatz, während den Tablet-SoCs eine breitere Anbindung spendiert wird. Der Speicherdurchsatz verdoppelt sich beim aktuellen Modell somit auf 68,2 GB/s. Die neuen iPad Pro nutzen LPDDR4X mit 2.133 MHz und sind im Regelfall mit 4 GB RAM bestückt. In den beiden Topmodellen mit 1 TB Speicher sind jedoch 6 GB RAM verbaut.

Der A12X Bionic bringt erstmals Apples „Neural Processing Unit“ für die Verarbeitung sämtlicher KI-relevanten Aufgaben in ein Tablet-SoC des Unternehmens. In Summe bringt es der Chip auf rund 10 Milliarden Transistoren, das sind 3,1 Milliarden mehr als beim A12 Bionic für Smartphones.

Dass es dem Chip wie von Apple beworben in keinster Weise an Leistung mangelt, untermauern die zunächst durchgeführten GPU-Benchmarks, die im Zuge des iPad-Pro-Tests um den GFXBench Aztec Ruins in den Varianten „High Tier 1440p“ und „Normal Tier 1080p“ jeweils unter Verwendung der Metal-API erweitert wurden. Selbst im derzeit anspruchsvollsten Benchmark bringt es der A12X Bionic auf durchschnittlich über 50 FPS. Zum Vergleich: Das iPad Pro des Vorjahres kommt auf 21 FPS, das normale iPad auf knapp 11 FPS. Je nach GFXBench-Version liegt der Leistungszuwachs zwischen 80 und 140 Prozent im Vergleich zum A10X Fusion. Im 3DMark betragen die Zuwächse zwischen 81 und 91 Prozent.

Die im Vergleich zum A10X Fusion von sechs auf acht Kerne gewachsene und mit höherem Takt versehene CPU liefert ebenfalls eine Leistung auf Spitzenniveau. Im Gegensatz zum A10X Fusion gibt es einen Performance- und einen Efficiency-Kern mehr, im Vergleich zum A12 Bionic sind es „nur“ zwei Performance-Kerne mehr. Die Multi-Core-Leistung klettert durch alle vorgenommenen Maßnahmen im Geekbench um rund 90 Prozent. Samsungs derzeit schnellstes Tablet mit Qualcomm-Chip kommt auf 36 Prozent der Multi-Core-Leistung, beim normalen iPad sind es noch 34 Prozent.

Die Single-Core Leistung ist vergleichbar mit der eines iPhone Xs oder Xr, fällt jedoch etwas höher aus, da das Tablet den Maximaltakt aufgrund der besseren Wärmeableitung länger halten kann. Den Vergleich mit einem Hurricane-Kern des A10X Fusion verlässt ein einzelner Vortex-Kern des A12X Bionic mit einem Plus von 26 Prozent. Der Maximaltakt ist hingegen nur um 5,5 Prozent von 2,36 GHz auf 2,49 GHz gestiegen. Das spricht für die Fortschritte der Architektur von Hurricane zu Vortex.

Dass die neuen iPad Pro wie von Apple behauptet schneller sind als die meisten Notebooks mit Windows, legen die imposanten Benchmarks zwar nahe. Wirklich vergleichbar sind beide Plattformen jedoch nicht, da die Betriebssysteme und die jeweils verfügbaren Anwendungen zu unterschiedlich sind. Sehr wohl ist der A12X Bionic Apples leistungsfähigster ARM-Chip, dem selbst anspruchsvolle Spiele, 4K-Videobearbeitung in iMovie oder das Zeichnen in Procreate auf mehreren hochauflösenden Ebenen keinerlei Probleme bereiten. Ganz im Gegenteil: Der Chip scheint Leistungsreserven für die kommenden Jahre zu haben. Was Apple hier an Performance in ein derart flaches Tablet steckt, ist durchaus beeindruckend.

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