Lego Powered Up & Boost im Test: Legos digitales Offensivchen

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Michael Schäfer 107 Kommentare

Fazit

Lego macht es sich derzeit selbst schwer, das zeigen auch die mehr oder weniger digitalisierten Modelle im Test, die trotz aller positiven Eigenschaften ihre Defizite aufweisen. Und auch die Preise trüben bei so manchem Modell den sich grundsätzlich einstellenden Spielspaß.

Das Batmobile als teurer Teilelieferant

Das per App gesteuerte Batmobile (76112) kostet im Handel mit 70 Euro zwar schon 30 Euro weniger als die UVP es vorgibt, auch das ist aber noch relativ viel – insbesondere für die Interessenten, die gar nicht das Modell, sondern nur die neue Powered-Up-Plattformen zum Einsatz in anderen Projekten erwerben wollen. Das neue Bluetooth-Empfangsmodul sowie die zwei Motoren gibt es einzeln nämlich bisher noch nicht zu kaufen – Lego bietet nach wie vor lediglich die erste Generation der „Power Functions“ an. Eine offensive Umstellung von Infrarot auf Bluetooth sieht anders aus.

Das ferngesteuerte Batmobile 76112 von Lego
Das ferngesteuerte Batmobile 76112 von Lego

Boost-Ergänzungen überzeugen mit Abstrichen

Ein diffuses Bild hinterlassen der Arktis-Erkundungstruck (60194) und der Blitzdrache (70652) aus der Ninjago-Themenwelt. Für sich selbst gesehen sind beides schöne Modelle, auch wenn der UVP des Trucks ebenfalls sehr hoch angesetzt ist. Das Problem in der Arktis ist: Im beworbenen Zusammenspiel mit dem Boost-System wirkt der Arktis-Truck eher wie ein im Äußeren leicht angepasster M.T.R. 4, der aus dem Boost-Set bereits bekannt ist. Darüber hinaus ist das „B-Modell“ deutlich klobiger, womit es sich nur schwer in die eigentliche Themenwelt einbinden lässt.

Der mit Boost ergänzte Arktis-Erkundungstruck wirkt knubbelig und erinnert an den M.R.T. 4 aus dem Boost-Set
Der mit Boost ergänzte Arktis-Erkundungstruck wirkt knubbelig und erinnert an den M.R.T. 4 aus dem Boost-Set

Anders schaut es beim Blitzdrachen aus, der eine imposante Erscheinung und ein gelungenes Modell darstellt. Kleine Schwächen im Design an der Verbindung der Beine können den guten Eindruck nicht trüben, hier muss auch die begrenzte Teileanzahl berücksichtigt werden. Durch die neuen Programmblöcke sowie Klänge lässt sich das Modell im Gegensatz zum Arktis-Truck leicht in die dazugehörige Themenwelt einbinden.

Generell darf aber nicht vergessen werden, wofür Lego Boost eigentlich steht: Für das Experimentieren und die Freude daran Neues zu entdecken. Und das schafft das System trotz nach wie vor großer Schwächen in der Software. Aber die Plattform hat noch deutlich mehr Potential.

Der durch Boost ergänzte Ninjago Blitzdrache 70652 ist ein imposantes Modell mit vielen Funktionen
Der durch Boost ergänzte Ninjago Blitzdrache 70652 ist ein imposantes Modell mit vielen Funktionen

Neue Züge verschenken viel Potential

Definitiv gemischte Gefühle rufen die neuen Eisenbahn-Sets hervor, die weit hinter ihren Möglichkeiten bleiben. Dies liegt auch an der geringen Anzahl der zusätzlichen Modelle, mit denen die Spielewelt ergänzt werden kann. Hier muss Lego endlich in die Offensive gehen und deutlich mehr Modelle anbieten. Wenn junge Baumeister schon Probleme bekommen, an neue Waggons für ihre Züge zu kommen, läuft etwas ganz gewaltig falsch – das war in der Vergangenheit anders. In der Konsequenz darf sich der Hersteller nicht wundern, wenn die Sets hinter den Verkaufserwartungen zurückbleiben.

Der neue Personenzug 60197 von Lego samt neuen Power Functions
Der neue Personenzug 60197 von Lego samt neuen Power Functions
Der neue Güterzug 60198 bietet viel Spielspaß
Der neue Güterzug 60198 bietet viel Spielspaß

Dass vor allem die neue Generation der „Power Functions“ Potenzial besitzen, zeigt sich deutlich. Dies liegt vor allem an der Hinwendung zur Bluetooth-Technologie . Doch auch hier nutzt Lego nicht alle Möglichkeiten: Über die Fernbedienung lässt sich jeweils nur ein Zug steuern, obwohl mehrere miteinander gekoppelt werden könnten. Und fernsteuerbare Weichen oder Signale sind nach wie vor nicht in Sicht. So etwas gab es jedoch bereits vor fast 40 Jahren, wenn auch kabelgebunden. Warum nicht heute, wo die Technik doch deutlich fortgeschrittener ist? Auch aus der dazugehörigen App hätte mehr herausgeholt werden können, neben ein paar Klangeffekten bietet diese keinen nennenswerten Vorteil gegenüber der normalen Fernsteuerung.

Die Zugmodelle selbst hinterlassen einen guten Eindruck, auch wenn die Schienenanzahl deutlich zu gering ist. Der UVP ist von Lego mit 189,99 Euro für den Güterzug und 129,99 Euro für den Personenzug aber erneut zu hoch angelegt, die Straßenpreise von aktuell rund 140 Euro beziehungsweise rund 100 Euro gehen dagegen in Ordnung.

Vieles läuft am Stammkunden vorbei

In Summe vermittelt das digitale Offensivchen über alle drei Produktsegmente am Ende ein klares Bild: Lego scheint keine Lehren aus Mindstorms gezogen zu haben. Trotz des großen Potenzials dümpelt die Plattform seit Markteinführung der letzten Geneartion Mindstorms EV3 (Test) vor fünf Jahren vor sich hin. Einmal von dem exklusiv für Bildungseinrichtungen veröffentlichten Erweiterungs-Set 45560 abgesehen sind seitdem keine Erweiterungen erschienen, geschweige denn eine neue Version. Gleiches gilt für die Möglichkeiten der Programmierung – auch hier kommen eher Ablaufpläne zum Einsatz. Dabei zeigen aber engagierte Fans, was mit geöffneten Steuereinheiten und richtigen Programmiersprachen möglich ist. Dies hätte sich Lego zu Herzen nehmen sollen.

Boost droht nun das gleiche Schicksal, denn reine Ergänzungs-Sets mit zusätzlichen Komponenten wie Motoren oder Sensoren sind auch über ein Jahr nach Erscheinen nicht in Sicht. Die hier getesteten Sets gehen eher als das durch, was besonders ältere Lego-Fans unter der Bezeichnung „B-Modell“ kennen sollten. Das ist schade, denn auch diese Plattform besitzt das Potenzial, für Kinder zu einer Experimentierumgebung zu werden. Und auch die Inkompatibilitäten zwischen Mindstorms, Boost, WeDo 2.0 sowie den alten und neuen „Power Functions“ widersprechen eigentlich dem, wofür Lego steht: Alles miteinander kombinieren zu können, um daraus etwas komplett Neues zu erschaffen.

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