Asus ZenFone 6 im Test: Zwei Fotos mit einer Klappe

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Mahir Kulalic 92 Kommentare

Die Hardware der Kamera entspricht zum Teil der anderer Flaggschiffe. Als Sensor für die Hauptkamera dient der Sony IMX586, der derzeit zum meistgenutzten Bauteil in Smartphone-Kameras gehört. Er steckt unter anderem im Motorola One Vision (Test), OnePlus 7 Pro (Test) und Xiaomi Mi 9. Die Auflösung beträgt 48 Megapixel, die Offenblende f/1.8. Fer Sensor ist mit 1/2“ vergleichsweise groß für ein Smartphone, die Pixelgröße hingegen mit 0,8 µm relativ klein. Der primäre Einsatzzweck des Sensors ist aber nicht in voller Auflösung, sondern in Form von Pixel-Binning, das auf Basis der Quad-Bayer-Matrix vier Pixel zu einem verrechnet, sodass die Fotos standardmäßig in 12 Megapixeln aufgezeichnet werden. Aufgrund des Pixel-Binnings sprechen Sony und die den Sensor nutzenden OEMs von einer effektiven Pixelgröße von 1,6 µm.

Optional sind Aufnahmen mit 48 Megapixeln möglich, wenngleich diese nicht primär vorgesehen sind. Die zweite Kamera des ZenFone 6 ist ein Ultraweitwinkel-Objektiv mit 13-Megapixel-Auflösung, f/2.4-Blende und einem Sichtfeld von 125 Grad. Die zum Kleinbild äquivalente Brennweite der Hauptkamera beträgt 26 mm, die Ultraweitwinkelkamera kommt auf 11 mm. Was dem ZenFone 6 im Vergleich zu anderen Modellen der Oberklasse fehlt, ist ein dediziertes Teleobjektiv. Zur Verfügung steht nur ein Digitalzoom.

Scharfe Bilder am Tag mit HDR+

Standardmäßig eingerichtet ist der Modus „HDR+“, der im Vergleich zu Fotos ohne entsprechende Nachbearbeitung deutlich kontrastreichere, kräftigere und dem Namen gemäß dynamischere Aufnahmen erzeugt. Fotos mit gänzlich deaktiviertem HDR+ sind in Szenen, in denen der Modus automatisch zugeschaltet werden würde, deutlich matter, dunkler und weniger dynamisch, sodass es sich empfiehlt, HDR+ immer aktiviert zu haben. Eine noch höhere HDR-Stufe gibt es mit „HDR+ verbessert“. Dabei handelt es sich um einen Modus, der zusätzlich Helligkeit in die Aufnahmen bringt und vereinzelt noch mehr Dynamik herausholen kann. „HDR+ verbessert“ bedarf aber einiger Zeit und ist nicht für mehrere schnelle Aufnahmen hintereinander nutzbar. Dies liegt daran, dass beide Modi mit dem Zusammenrechnen mehrerer Aufnahmen mit geringer Belichtung arbeiten, aus denen das abschließende Foto entsteht. Der erweiterte HDR+-Modus geht an dieser Stelle weiter als die Standardeinstellung und benötigt daher mehr Zeit. Gelegentlich fallen die Bilder dadurch einen Tick zu stark aufgehellt aus, sodass bestimmte Bereiche zu grell wirken und die Komposition stören.

Bilder bei Tageslicht und mit HDR+ sind sehr scharf, was sich vor allem an Schriften zeigt, die auch nicht unmittelbar im Bild lesbar sind. Generell verteilt sich die Schärfe sehr gleichmäßig über das gesamte Foto. Der Dynamikumfang schafft es auch, in dunklen Bereichen Details herauszuholen, ohne dass die Aufnahme dabei in zu starkes Rauschen verfällt. Zudem schafft es das Smartphone, auch gleichmäßige sowie ähnliche oder gleichfarbige Strukturen fein voneinander zu trennen, beispielsweise bei Bäumen, Sträuchern, Fassaden oder Kleidung. Dadurch sind die Bilder des ZenFone 6 sehr detailiert. Farben werden satt und oftmals natürlich aufgezeichnet, gelegentlich sorgt die HDR-Nachbearbeitung aber für zu helle Töne.

Bei Tageslicht hält sich das Bildrauschen zurück, das Pixel-Binning funktioniert effektiv. In der 100-Prozent-Ansicht kann die Bildqualität, besonders im Hinblick auf die Schärfe, aber nicht mit den Topmodellen von Huawei oder Google mithalten. Trotzdem schafft es das ZenFone 6, selbst viele feinere Strukturen beizubehalten und einzufangen. Vereinzelt zeigen sich die Ergebnisse aber auch an Kanten und linearen Flächen ausgefranst. Je nach Motiv hat der Modus „HDR+ verbessert“ hier aushelfen können, stört dann aber zum Teil die restliche Darstellung aufgrund zu heller Farbtöne. In der Totalen fällt dies zudem nicht auf, sehr wohl aber in Originalauflösung. Die technischen Fähigkeiten sowie die meisten Modi der Hauptkamera stehen im ZenFone 6 auch für Selbstporträts bereit. Es fehlen der Nachtmodus sowie das Motion-Tracking über das Rotationsmodul. Damit bietet das Modell die derzeit vielleicht beste Selfie-Kamera auf dem Markt – auch DxOMark sieht das so und vergibt dem Einsatz als Frontkamera eine Wertung von 98 Punkten, wodurch das Smartphone knapp vor dem Galaxy S10 5G (97 Punkte) und dem Galaxy S10+ (96 Punkte) liegt.

Ohne Teleobjektiv nur ein mäßiger Zoom

Nicht gänzlich überzeugen kann hingegen der digitale Zweifach-Zoom. Anders als die meisten Hersteller mit Ausnahme von Google setzt Asus nicht auf ein zusätzliches Teleobjektiv, das durch die veränderte Brennweite eine Vergrößerung ermöglicht, ohne einen Qualitätsunterschied (bei guten Bedingungen) in Kauf zu nehmen. Zwar sind die technischen Eckdaten der Teleobjektive nicht mit denen der Hauptkameras vergleichbar, doch gerade bei Tageslicht reichen diese zusammen mit der Nachbearbeitung für sehr imposante Aufnahmen. In der Kamera-App des ZenFone 6 findet sich trotzdem ein 2x-Knopf, der stufenlos arbeitet und wie eine reguläre Aufnahme ein 12-Megapixel-Foto schießt. Dies löst Asus aller Wahrscheinlichkeit nach über einen Crop des Bildausschnitts auf Basis der vollen 48-Megapixel-Auflösung des Sensors, der im Umkehrschluss wie Standardaufnahmen auf 12 Megapixel gerechnet wird.

In der Totalen sehen die Bilder mit dem Digitalzoom noch ansehnlich aus, solange die Lichtverhältnisse stimmen. In Originalgröße zeigen sich aber Unschärfe sowie verwaschene Details und Flächen als Folge der rein digitalen Berechnung. Für Bilder, die primär auf dem Smartphone betrachtet oder in sozialen Medien genutzt werden, reicht der Zoom bei Tageslicht. Trotzdem kann das ZenFone 6 bei der verwendeten Hardware auch mit computergestützter Fotografie nicht mit einem physischen Teleobjektiv mit veränderter Brennweite mithalten.

Bilder mit 125-Grad-Sichtfeld auch für Selfies

Müssen Käufer also auf ein solches Objektiv verzichten, steht wiederum eine Ultraweitwinkelkamera bereit, die Fotos mit 125 Grad Sichtfeld aufzeichnet. Gleichzeitig integriert Asus eine automatische Korrektur der Verzerrungen, sodass Bilder nicht so stark nach Aufnahmen mit Fischaugenobjektiv aussehen. Die Auflösung der ultraweiten Fotos beträgt 13 Megapixel, die Blendenöffnung liegt bei f/2.4. Auch die zweite Kamera bekommt HDR+ zur Seite gestellt, was wie bei der Hauptkamera in kontrastreicheren und helleren Aufnahmen resultiert. „HDR+ verbessert“ steht hingegen nicht als Modus bereit.

Obwohl die technischen Daten nicht dem Niveau des primären Sensors entsprechen, sehen die Aufnahmen des ZenFone 6 auch im Weitwinkel, solange Tageslicht vorhanden ist, sehr ansehnlich aus. In der 100-Prozent-Ansicht zeigen sich insbesondere ein niedrigerer Dynamikumfang, ein höheres Grundrauschen sowie eine geringere Schärfe. Doch die Bilder der Ultraweitwinkelkamera sind nicht primär für solch genaue Betrachtungen ausgelegt, sondern sollen weiträumige Szenerien übergreifend aufzeichnen, die die Hauptkamera so nicht einfangen kann. Dies gelingt dem ZenFone 6 auch dank der genutzten Korrektur gut. Zwar nicht komplett frei von Verzerrungen, insgesamt aber doch mit einem sehr geradlinigen Bild. Aufgrund der Klappkamera können auch Selfies mit mehreren Personen im ultraweiten Stil aufgezeichnet werden. Google setzt im Pixel 3 (XL) (Test) ebenso auf eine Ultraweitwinkelkamera auf der Front.

Für Panoramas nur noch stillstehen

Eine weitere Möglichkeit, weitläufige Landschaften einzufangen, sind Panorama-Aufnahmen. Dank der Klappkamera fallen diese beim ZenFone 6 sehr einfach aus. Als Nutzer muss das Smartphone nur stillgehalten werden, den Rest erledigt das Mobilgerät von alleine. Die Kamera bewegt sich einmal entlang ihres Bewegungsradius und zeichnet dabei das Panorama auf. Dies bedeutet für den vollen Umfang nicht immer das gewünschte Bild, der Prozess kann aber jederzeit an gewünschter Stelle unterbrochen werden. Moderne Smartphones können Panoramen immer besser aufzeichnen und auch leichte Wackler immer sauberer ausbügeln. Trotzdem ist die Lösung im ZenFone 6 sehr überzeugend und einfach.

Doch nicht nur solche Aufnahmen profitieren, der Schalter zum Wechsel zwischen Front und Rückseite lässt sich auch als Regler für den Winkel der „Flip Camera“ nutzen, sodass die Kamera in Zwei-Grad-Schritten innerhalb der Rotationsbewegung von 180 Grad justiert werden kann. So können bestimmte Perspektiven leichter und zum Teil mit weniger eigener Verrenkung durch den Fotografen eingenommen werden. Dies funktioniert nicht nur in der Kamera-App von Asus, sondern durch ein zusätzliches Overlay auch in Drittanbieter-Anwendungen.

Bei Nacht deutlicher hinter der Konkurrenz

Während die Tageslichtaufnahmen über weite Strecken überzeugten, schaffen es Fotos bei Nacht nicht ganz an das gute Niveau heran. Sehr empfehlenswert ist der Nachtmodus, der die wichtigsten Parameter noch etwas verbessert. Der Nachtmodus arbeitet anders als beispielsweise der von Huawei oder Google auch bei ruhiger Hand oder Ablage nicht mit längerer Belichtungszeit und paralleler Serienbildaufnahme, sondern setzt nur auf die Aufzeichnung von bis zu 16 Bildern im RAW-Format, die anschließend zusammengefasst und nachbearbeitet werden. Dabei genehmigt sich der Modus zwischen 3 und 5 Sekunden Zeit.

Aufnahmen ohne Nachtmodus verlieren sichtbar an Schärfe und Brillanz, zudem deuten die Ergebnisse durch ihre Neigung zu verwaschenen Bereichen auf die fehlende optische Bildstabilisierung hin. Möglicherweise hat Asus aufgrund der Bauhöhe innerhalb des Klappmoduls auf die Stabilisierung verzichtet. Insgesamt würde es dem ZenFone 6 trotzdem gut stehen, außerdem haben auch Modelle wie das Motorola One Vision für 300 Euro eine optische Bildstabilisierung beim gleichen Sensor. Mit aktiviertem Nachtmodus werden außerdem Probleme mit Gegenlicht angegangen, sodass die Bilder insgesamt ruhiger wirken und mehr Details und weniger Lichtstreuung aufweisen. Zudem kommen Farben und Kontraste besser zur Geltung. Der Nachtmodus des ZenFone 6 arbeitet aber nicht so effektiv wie die Gegenstücke von Huawei oder Google und hat mit sichtbarem Rauschen und Detailverlust zu kämpfen. Darüber hinaus kann er den Wegfall einer optischen Bildstabilisierung nicht alleine auffangen.

Insgesamt sind die Nachtaufnahmen nicht per se schlecht oder unbrauchbar, doch insgesamt kommen sie nicht an das Niveau der teureren Flaggschiffe heran. Das ZenFone 6 kostet zum Teil aber einige hundert Euro weniger als die Topmodelle anderer Hersteller, sodass die geringere Qualität vertretbar ist.

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