Pixel 4 XL im Test: Google setzt erstmals auf Dual-Kamera

 3/5
Nicolas La Rocco 180 Kommentare

Ein neues Pixel-Smartphone hegt stets Erwartungen an eine verbesserte Kamera. Google hat sich über die letzten Jahre einen guten Ruf im Bereich der Smartphone-Fotografie verdient. Das Pixel 4 ist das erste Smartphone von Google, das nicht mit nur einer Linse ausgerüstet ist. Googles Vorgehensweise in diesem Punkt ist jedoch leicht verwirrend und scheint dem jeweils aktuell herrschenden Trend entgegen zu laufen. Hieß es zu Beginn der Pixel-Serie noch, einen optischen Bildstabilisator benötige man nicht, war dieser beim Pixel 2 und 3 dann doch verbaut. Und nachdem es im letzten Jahr noch hieß, eine zweite Linse werde nicht benötigt, ist diese jetzt beim Pixel 4 verbaut – aber anders als erwartet, denn Google hat sich für ein Teleobjektiv entschieden.

Gegen den Trend des Ultraweitwinkelobjektivs

Das ist insofern bemerkenswert, als dass die Branche sich derzeit in Richtung drei Kameras bewegt, selbst in der Mittelklasse, oder dass zumindest als zweite Kamera ein Ultraweitwinkelobjektiv verbaut ist. Google hat sich Ende 2019 hingegen für ein Teleobjektiv entschieden, während andere Hersteller dieses schon seit mindestens drei Jahren anbieten oder zwischenzeitlich zu anderen Lösungen gewechselt sind.

Hauptkamera mit 27 mm Kleinbild-Äquivalent

Googles Hauptkamera arbeitet erneut mit 12,2 Megapixeln, hat nun aber eine etwas lichtempfindlichere Blende von f/1.7 statt f/1.8. Den EXIF-Daten zufolge liegt die Brennweite bei 27 mm Kleinbild-Äquivalent. Die Kamera führt den Autofokus per Phasenerkennung über die Dual-Pixel-Technologie des Sensors durch. Mit an Bord ist eine optische und elektronische Bildstabilisierung für Fotos und Videos.

Teleobjektiv mit fließendem Übergang

Mit welcher Brennweite das Teleobjektiv arbeitet, gibt Google nicht an. Zwar war in früheren Gesprächen mit Google von einem dreifachen Zoom die Rede, in der US-amerikanischen Berichterstattung war aber stets von einem zweifachen Zoom die Rede. Korrekt ist wahrscheinlich keine dieser Angaben, sondern eher ein 1,8- bis 1,9-facher optischer Zoom, denn in der Kamera-App ist ein Linsenwechsel leicht oberhalb von 1,8x, aber noch unterhalb von 1,9x feststellbar. Ein kleiner Sprung und eine Veränderung der Farbwiedergabe signalisieren den Wechsel. Das Kleinbild-Äquivalent würde demnach bei knapp 50 mm liegen, in den EXIF-Daten werden aber lediglich 43 mm genannt.

Neue Dual-Kamera mit Teleobjektiv
Neue Dual-Kamera mit Teleobjektiv

In der Kamera-App gibt es keinen Umschalter von dem einen zum anderen Objektiv. Zwar lässt sich mit den Fingern im Sucher zoomen, woraufhin der Vergrößerungsfaktor angezeigt wird, Google betrachtet die Dual-Kamera aber als Ganzes, sodass der Eindruck eines fließenden Übergangs entstehen soll. Die zweite Linse ist für Google weniger ein dediziertes Teleobjektiv, sondern ein unterstützendes Werkzeug, das für eine bessere Qualität in allen Zoomstufen bis maximal achtfache Vergrößerung helfen soll.

Googles zweiter Sensor arbeitet mit 16 Megapixeln, f/2.4-Blende und bietet ebenfalls eine optische sowie elektronische Bildstabilisierung. Im Unterschied zur Hauptkamera ist jedes Pixel kleiner: Die Kantenlänge liegt bei 1,0 μm statt 1,4 μm. Außerdem werden ohne Dual-Pixel-Technologie weniger Pixel für den Autofokus per Phasenvergleich verwendet.

Bildvergleich mit Apple, Huawei und Samsung

Im folgenden Fotovergleich sind Aufnahmen mit dem Pixel 4 XL, Pixel 3, Apple iPhone 11 Pro Max, Huawei P30 Pro und Samsung Galaxy S10 zu sehen. Im Vergleich zum direkten Vorgänger schießt das Pixel 4 XL Fotos mit sichtbar wärmeren Farben, der leichte Blaustich des Pixel 3 ist nicht mehr vorhanden. Außerdem sind die Aufnahmen durchweg heller und damit näher am Original. Die Stärke des hohen Dynamikumfangs hat Google weiter verbessert, sodass nun mehr Details aus Schatten geholt werden, ohne diese künstlich auf unrealistisch hohes Niveau aufzuhellen. Auch hier ist das Pixel 4 näher am Original, so wie man die Szene vor Ort gesehen hat. Google punktet mit einer natürlichen Farbwiedergabe, die weit entfernt von Samsungs künstlichem Look ist. Bei Tageslicht schießt das Pixel 4 XL durchweg sehr ansehnliche Fotos auf Spitzenniveau.

Fotos mit zweifacher und achtfacher Vergrößerung liegen dank des Teleobjektivs auf sichtbar höherem Qualitätsniveau als beim Pixel 3. Das zeigen die Aufnahmen 25 bis 30, 41 bis 45, 46 bis 50 sowie 66 bis 70. Auch Apple wird in diesem Vergleich geschlagen, Samsung liegt etwa gleichauf. Unangefochtener Spitzenreiter ist das P30 Pro.

Google Pixel 4 XL im Test – Kamera

Highlights und Schatten unabhängig voneinander bearbeiten

Google hat seine HDR+-Automatik für das Pixel 4 dahingehend erweitert, dass Anwender über zwei Regler für Highlights und Schatten Einfluss auf die Bildgestaltung nehmen können. Antippen des Suchers setzt zunächst an gewünschter Stelle einen Referenzpunkt, anschließend können über zwei Schieberegler unabhängig voneinander Highlights und Schatten beeinflusst werden. So lassen sich zum Beispiel mehr Details aus Schatten holen, ohne das gesamte Bild aufzuhellen. In der nachfolgenden Galerie sind die Schatten vollständig und die Highlights etwas aufgehellt worden. Das Ergebnis entspricht zwar nicht mehr dem sichtbaren Original, verdeutlicht aber Googles Stärken im Bereich „Computational Photography und schafft neuen kreativen Spielraum.

Aufnahmen mit Nachtmodus

Im regulären Nachtmodus hat sich zwischen Pixel 4 XL und Pixel 3 kaum etwas verändert, viel mehr zeigen die Aufnahmen, dass Fotos bei Nacht nicht mehr die alleinige Stärke von Google sind. Genau genommen schießen Apple, Huawei und Samsung sogar die etwas realistischeren Nachtaufnahmen, ohne das extreme Leuchten von Google. Das sieht zum Beispiel bei Neonlampen und anderer Beleuchtung sehr schön aus, hat aber wenig mit dem Original zu tun. Dieser Effekt führt bei Google außerdem manchmal dazu, dass manche Bereiche weniger klar abgebildet werden, etwa auf der Weltzeituhr am Alexanderplatz oder die Uhr im Turm des Roten Rathauses. Das Huawei P30 Pro ist insofern ein Sonderfall, da es bei Nachtaufnahmen teils schwer zu beherrschen ist, wenn es automatisch eine sehr lange Belichtungszeit wählt. Den Spitzenplatz bei Nachtaufnahmen hält Google nicht mehr, die Fotos sind aber weiterhin schön anzusehen. Google glänzt dafür neuerdings an anderer Stelle.

Google Pixel 4 XL im Test – Kamera (Nachtaufnahmen)

Astrofotografie mit Hilfe des Pixel Neural Core

Abseits der auf der Rückseite des Smartphones sichtbaren Veränderungen hat Google einen neuen Chip für (unter anderem) die Bildverarbeitung entwickelt. Neben dem Titan-M-Sicherheitschip für das Speichern biometrischer Daten sind die Pixel 4 mit dem „Pixel Neural Core“ ausgestattet, der eine Weiterentwicklung des letztjährigen „Pixel Visual Core“ ist. Darüber wickelt Google die gesamte Bildanalyse in Echtzeit ab, um stets das Optimum aus den Sensorinformationen zu holen. Erstmals ist die Rechenleistung des Chips hoch genug, um bereits in der Kamera-App das finale Bild zu zeigen. Beim Pixel 3 kam es zu dem Phänomen, dass sich die Ansicht im Sucher von der in der Galerie unterschied, da die Bildverarbeitung erst nach dem Auslösen vorgenommen wurde.

Der Pixel Neural Core ist unter anderem im erweiterten Nachtmodus aktiv, der sich nun für die Astrofotografie eignet. Zwar ist Berlin ein denkbar schlechter Ort für solche Aufnahmen, im ersten Versuch lässt sich aber das Potenzial erahnen. Astrofotografie ist kein eigenständiger Modus, sondern lässt sich immer dann durchführen, wenn das Smartphone vollständig still gehalten wird, zum Beispiel mit Hilfe eines Stativs oder auf festem Untergrund abgelegt, so wie beim nachfolgenden Bild. Dort wurde das Smartphone falsch herum auf einem neben der Straße stehenden Verteilerkasten abgelegt und per Timer ausgelöst. Bei der Astrofotografie nimmt das Pixel 4 mit einer Belichtungszeit von zusammen gerechnet bis zu 4 Minuten Fotos auf. Das finale Bild besteht aus 15 Aufnahmen mit einer Belichtungszeit von jeweils 16 Sekunden. Der Pixel Neural Core hilft bei der Zusammensetzung der Fotos. Trotz innerstädtischer Lichtverschmutzung sind die Sterne klar zu erkennen, während die Wolken aufgrund ihrer Bewegung verschwommen erscheinen. Oben links sind zudem die Spuren der Positionslichter in den Flügelspitzen eines Flugzeugs zu erkennen.

Astrofotografie mit dem Pixel 4 XL
Astrofotografie mit dem Pixel 4 XL

Videoaufnahmen in bis zu 4K mit 30 FPS

In dem quadratischen Kameramodul sitzen außerdem ein Spektral- und Flickersensor, die zum Beispiel bei Videoaufnahmen hilfreich sein können, um das Flackern von Monitoren oder Lampen zu unterdrücken. Gerade bei den Videoaufnahmen hat Google allerdings keine Veränderungen gegenüber dem Pixel 3 vorgenommen, sodass 4K mit maximal 30 FPS und ein Zeitlupenmodus in 720p mit 240 FPS das Maximum darstellen. In diesem Bereich haben zuletzt Hersteller wie Apple und Samsung mit 4K bei 60 FPS neue Akzente gesetzt, bei Samsung sogar mit HDR10+, wenngleich nur das iPhone 11 (Pro) bei maximaler Auflösung und Bildwiederholrate alle anderen Eigenschaften wie eine gute Stabilisierung und einen erweiterten Dynamikumfang (kein HDR) bietet.

Videoaufnahmen mit dem Pixel 4 XL sehen dennoch gut aus und punkten mit einem ruhigen Bild, einem hohen Dynamikumfang und einer sauberen Stabilisierung. Wird in Videos gezoomt, ist beim Wechsel zur anderen Linse allerdings ein sichtbarer Qualitätsverlust festzustellen. Der zweiten Kamera mangelt es im Direktvergleich deutlich an Detailauflösung. 4K30-Aufnahmen werden mit knapp 48 Mbit/s (H.264) und Stereoton mit konstanter Bitrate von 192 kbit/s im MP4-Container aufgezeichnet.

Auf der nächsten Seite: Snapdragon 855 trifft auf 6 GB RAM