Radeon RX 5600 XT im Test: Preis-Leistungs-Verhältnis und BIOS-Anpassung

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Wolfgang Andermahr 647 Kommentare

Preis-Performance-Verhältnis

AMD setzt für die Radeon RX 5600 XT eine unverbindliche Preisempfehlung von 299 Euro an. Zu diesem Preis sollen erste Modelle ab sofort beziehungsweise in Kürze erhältlich sein. Die Sapphire Radeon RX 5600 XT Pulse wird 299 Euro kosten. Es wird aber auch „Premium-Modelle“ geben, bis zu 350 Euro sind möglich.

Preisliste (Stand 21.01.2020)
Einheit: Euro
    • Nvidia RTX 2070 Super FE
      499
    • Nvidia RTX 2060 Super FE
      389
    • AMD Radeon RX 5700 XT
      379
    • AMD Radeon RX 5700
      315
    • AMD Radeon RX 5600 XT
      299
      UVP
    • Sapphire 5600 XT Pulse (BIOS #1)
      299
      UVP
    • Nvidia GeForce RTX 2060 FE
      299
    • Nvidia GeForce GTX 1660 Super
      225
    • AMD Radeon RX 5500 XT
      209
    • Nvidia GeForce GTX 1650 Super
      159

Wie das Preis-Leistungs-Diagramm zeigt, liefern sich die Radeon RX 5600 XT und die GeForce RTX 2060 ein Kopf-an-Kopf-Rennen, was das Preis-Leistungs-Verhältnis (bezogen auf FPS) betrifft. Beide Grafikkarten kosten aktuell 299 Euro, sodass die Radeon RX 5600 XT nach AMDs Referenzangaben minimal weniger FPS pro Euro liefert. Die Sapphire Radeon RX 5600 XT Pulse bietet mit den neuen BIOS-Versionen dagegen minimal mehr FPS pro Euro als das Konkurrenzmodell und liegt mit der Radeon RX 5700 gleichauf.

Damit könnte der Fortbestand der Radeon RX 5700 stark gefährdet sein. 30 Euro Preisunterschied sind zu wenig, um die 5600 XT mit 6 GB neben der 5700 mit 8 GB existieren zu lassen. Laut AMD soll die Radeon RX 5700 trotzdem im Handel verbleiben, manch AIB hat dies gegenüber ComputerBase aber zumindest über einen längeren Zeitraum angezweifelt.

Mehr Takt per neuem BIOS in letzter Minute

Als AMD die Radeon RX 5600 XT am 6. Januar zur CES vorstellte, waren die Reaktionen einhellig: Zum genannten UVP von 279 US-Dollar (vor Steuern) ist die Grafikkarte für die gebotene Leistung zu teuer. Und dann ging auch noch Nvidia in die Offensive und senkte den Preis der GeForce RTX 2060 Founders Edition, während erste Custom-Modelle seit einigen Wochen ab 300 Euro lieferbar sind. Eine Reaktion von AMD gab es nicht. Noch nicht.

Die Benchmarks der Radeon RX 5600 XT waren am Donnerstag, den 16. Januar und damit fünf Tage vor Fall des NDAs schon weit fortgeschritten, als plötzlich ein erster Hinweis von Sapphire und dann ein deutlicher Hinweis von AMD ins elektronische Postfach der Redaktion flatterten: Es werde ein neues BIOS mit größeren Änderungen geben, sodass es ratsam sei, das Testen sofort einzustellen.

Dann herrschte einige Stunden bei Redakteuren und auch den Partnern eine ziemliche Verwirrung, bis zum Ende des Tages in der Tat neue BIOS-Versionen für die Radeon RX 5600 XT Pulse, das von AMD gestellte Muster, eintrafen. Die waren erst ziemlich genau zwölf Stunden vor Auslieferung an die Redaktionen kompiliert worden. Asus, Gigabyte oder auch PowerColor hatte zu diesem Zeitpunkt noch nichts in der Hand.

Für Irritationen sorgte die Änderung nicht nur bei den betroffenen Board-Partnern, sondern auch beim Konkurrenten Nvidia, der wiederholt bei etlichen Redaktionen anrief und nach dem Stand der Dinge fragte. Nicht ohne Grund: War sich Nvidia noch am Tag zuvor sicher, dass die GeForce RTX 2060 nach der Preissenkung einen einfachen Sieg einfahren würde, stand diese Weltsicht urplötzlich auf der Kippe. Und wie der Test gezeigt hat: sie ist gekippt.

Die Entscheidung muss sehr kurzfristig gefallen sein

AMD muss die Entscheidung entweder lange nur intern geheim gehalten oder sehr kurzfristig getroffen haben. Denn nicht nur hatte zuerst lediglich Sapphire ein BIOS parat, Partner wussten auch nicht, wo die „neue“ Radeon RX 5600 XT denn genau landen würde. Vielmehr sollte ComputerBase wiederholt die Frage beantworten, ob es tatsächlich für die Regionen einer GeForce RTX 2060 reicht.

Die ersten AMD Radeon RX 5600 XT im Handel benötigen ein Update

Auch die Tatsache, dass alle zuvor verschickten Dokumente der AIBs mit den angegebenen Taktraten falsch beziehungsweise überholt waren, zeigt, dass zumindest dieser Kreis wirklich nicht vorab informiert gewesen ist. Und zum Marktstart, der kein „Paperlaunch“ ist, bringt das ein Problem mit sich.

Im Handel stehen zuerst Modelle mit altem BIOS

Mehrere AIBs bestätigten ComputerBase gegenüber, dass die erste Charge der produzierten Grafikkarten auf Basis der alten Vorgaben und BIOS-Versionen bereits in Verteiler-Hubs angekommen sind, um die Verfügbarkeit zum Start gewährleisten zu können. Damit können die Karten aber auch nicht mehr so ohne Weiteres und ohne größere Verzögerungen mit dem angepassten BIOS ausgestattet werden.

Als Notlösung sollen die modifizierten BIOS-Versionen zum Download bereitgestellt werden, müssen dementsprechend aber vom Endkunden selber heruntergeladen und aufgespielt werden. Dabei wollen die AIBs so hilfreich wie möglich sein und zum Beispiel Anleitungen und teils Videos bereitstellen. Wer eine Radeon RX 5600 XT von Sapphire kauft und sich das Aufspielen überhaupt nicht zutraut, kann die Grafikkarte notfalls auch zu Sapphire Deutschland schicken, die das Aktualisieren des BIOS dann selber vornehmen. Egal wie aktualisiert wird, die Garantie bleibt in jedem Fall erhalten.

Das alles wird trotzdem nicht verhindern können, dass die meisten Käufer von dem BIOS-Dilemma nie etwas mitbekommen werden und schlussendlich eine „zu langsame“ Karte nutzen. Wann es erste Modelle mit nach den neuen Vorgaben angepassten BIOS-Versionen im Handel geben wird, kann derzeit kein Hersteller sagen. Wenig hilfreich ist dabei, dass in Asien das „Chinese New Year“ bevorsteht und dann mehrere Tage die Produktionswerke komplett stillstehen. Es dürfte sicherlich einige Wochen dauern, bis es angepasste Modelle der Radeon RX 5600 XT im Handel geben wird.

Altes vs. neues BIOS

Doch was hat sich überhaupt genau geändert? In AMDs eigener Welt erst einmal gar nichts, die offiziellen Spezifikationen der Radeon RX 5600 XT sind unverändert geblieben. Das ist wenig verwunderlich, denn Dr. Lisa Su hat die Spezifikationen der Grafikkarte höchstselbst bekanntgegeben, eine Anpassung an dieser Stelle ist quasi ausgeschlossen. Die vorgestellte Referenz bleibt so am Ende auch weiterhin die Referenz für die Serie.

Die Anpassungen fanden quasi hinter den Kulissen statt. Zunächst gab es enge Restriktionen für die Board-Partner, was Taktraten und GPU-Power betrifft, sodass die Radeon RX 5600 XT der Radeon RX 5700 nicht zu nahe kommt. Diese Limitierungen hat AMD auf der Zielgeraden deutlich gelockert.

Die Partnerkarten der Radeon RX 5600 XT dürfen den GPU-Takt jetzt viel höher anheben und auch die GPU selbst darf sich etwas mehr Energie genehmigen. Sogar der Speichertakt, bisher einer der Hauptunterschiede zur Radeon RX 5700, kann angehoben werden und die Sapphire Radeon RX 5600 XT Pulse zeigt, dass dies offenbar sehr freizügig erlaubt ist. Während – nach aktuellem Kenntnisstand – alle AIBs auf den höheren GPU-Takt und die höhere GPU-Power anspringen werden, muss sich allerdings erst noch zeigen, inwieweit sich ein höherer Speichertakt bei den übrigen Herstellern durchsetzen wird. Einer gab für ein Modell gegenüber ComputerBase bereits zu verstehen, dass er bei 6.000 MHz bleiben wird.

Radeon RX 5600 XT
(laut AMD am 6. Januar)
Sapphire RX 5600 XT Pulse
mit altem BIOS
Sapphire RX 5600 XT Pulse
mit neuem BIOS
Game-Takt 1.375 MHz 1.560 MHz 1.615 MHz
Boost-Takt 1.560 MHz bis zu 1.620 MHz bis zu 1.750 MHz
Speichertakt 6.000 MHz 6.000 MHz 7.000 MHz
Board-Power 150 Watt ? ?
GPU-Power ? 150 Watt 160 Watt

Die Änderung lässt die Vermutung naheliegen, dass die Tage der Radeon RX 5700 nach einem halben Jahr bereits gezählt sein werden. Zwar ist sie immer noch leicht schneller und bietet zusätzliche 2 GB, beide Modelle liegen aber schlussendlich zu nahe beieinander, als dass sie im Portfolio parallel existieren können.

Aber wie groß waren die Auswirkungen auf die Leistung der Radeon RX 5600 XT jetzt genau? ComputerBase hat es konkret anhand der Radeon RX 5600 XT Pulse von Sapphire nachgemessen.

So schnell war die „alte“ Radeon RX 5600 XT

Bereits das neue alternative (und langsamere) BIOS ist 4 Prozent schneller als das ursprüngliche Boost-BIOS, obwohl die beiden eigentlich vergleichbar schnell sein sollten. Das zeigt einmal mehr, dass offizielle Taktangaben bei Navi kaum noch von Bedeutung sind. In der Praxis lassen sich mit dem neuen BIOS durchaus rund 100 MHz mehr Takt sehen.

Der Unterschied wird nochmal ein gutes Stück größer, wenn das alte schnelle BIOS mit dem neuen schnellen BIOS der Radeon RX 5600 XT Pulse verglichen wird. Denn dann liegt der Leistungsunterschied von der ursprünglich geplanten zur nun finalen Grafikkarte bei mal eben 10 Prozent, was die endgültige Beurteilung des Produktes gänzlich verändert. Mit den jetzt überholten Einstellungen wäre die Radeon RX 5600 XT für 299 Euro schlicht zu teuer gewesen.

Abseits der Performance hätte das alte BIOS nur geringe Auswirkungen auf die Radeon RX 5600 XT Pulse gehabt. So läge die Leistungsaufnahme nur 2 Watt geringer als mit dem neuen sekundären BIOS. Die Lüfterdrehzahl wäre mit 775 Umdrehungen in der Minute minimal niedriger, was aber keinen relevanten akustischen Unterschied ausgemacht hätte.

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