Huawei P40 Pro im Test: Display, SoC und Android ohne Google-Dienste

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Nicolas La Rocco
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OLED-Display mit vierfacher Krümmung

Abseits der Kamera will das P40 Pro ein ganz normales Smartphone sein, und das fängt beim Display an, das aber gleich alles andere als normal ist. Das betrifft zunächst einmal das Design, das nicht nur links und rechts mit gekrümmten Randbereichen kommt, sondern auch oben und unten mit leichter Krümmung über den Rand läuft. Huawei will damit den Eindruck der Oberflächenspannung von Wasser vermitteln, wie es bei einem leicht überfüllten Glas auftritt. Rein optisch ist dem Hersteller das in jedem Fall gelungen.

Riesige Pille im Display

Weniger gut ins Bild passt die neuerdings inmitten des Displays untergebrachte Frontkamera. Während Samsung sich schon wieder von der „Pille“ im Bildschirm verabschiedet hat, setzt Huawei jetzt voll auf diese – und größer als je zuvor. Die beiden Linsen nehmen einen großen Bereich der oberen linken Ecke des Bildschirms ein und wirken dort vor allem bei hellem Hintergrundbild wie ein Fremdkörper, den man kaum ausblenden kann. Das gelingt erst dann, wenn das Smartphone bei Videos nach links gekippt wird und die Frontkamera zum Großteil hinter dem Daumen verschwindet. Alternativ lässt sich die Pille per Software kaschieren, dann fehlen aber zahlreiche Pixelzeilen im oberen Bereich, die schwarz bleiben. Dieses Ausblenden des gesamten oberen Bildschirmbereiches gelingt dank OLED-Panel mit perfektem Schwarz gut.

90 Hz bei 1.200 × 2.640 Pixeln

Das von Huawei gewählte OLED-Panel stammt von Samsung und bietet auf 6,58 Zoll eine Auflösung von 1.200 × 2.640 Pixeln, was einem Seitenverhältnis von 19,8:9 entspricht. Standardmäßig läuft das Smartphone mit der Auflösung „Smart“, die einen Wechsel runter zu 800 × 1.760 Pixeln erlaubt, um Energie zu sparen. Die Bildwiederholrate stellt Huawei hingegen ab Werk auf die neuen 90 Hz. Wer Energie sparen möchte, kann alternativ 60 Hz auswählen. Eine weitere Werkseinstellung betrifft den Farbmodus des Displays, der standardmäßig auf „Lebhaft“ gesetzt ist, was zwar für OLED-typisch knallige Farben sorgt, aber weit weniger ausgewogen und natürlicher wirkt als der Modus „Normal“, der eine sehr gute Abstimmung bei besserem Weißpunkt liefert. In beiden Modi können Nutzer den Weißpunkt über ein warmes und kaltes Profil sowie individuelle Einstellungen weiter in die gewünschte Richtung verschieben.

Helligkeit steigt nicht mit reduziertem APL

Die maximale Helligkeit steht mit beiden Voreinstellungen zur Verfügung und fällt mit durchschnittlich 516 cd/m² gut, aber nicht hervorragend aus. Die Werte wurden im Automatikmodus bei 100 Prozent APL („Average Picture Level“) ermittelt, also bei vollständig weißem Display. Im manuellen Modus können rund 100 cd/m² abgezogen werden. Hier fährt das Display einen Selbstschutz, um nicht dauerhaft maximal belastet zu werden. Interessanterweise hat Huawei keine APL-abhängige Steuerung integriert, sodass die maximale Helligkeit bei 20 und 10 Prozent APL nicht besser wird. In diesem Punkt hat Samsung zuletzt beim Galaxy S20 deutlich nachgelegt und die Helligkeit auf weit über 1.200 cd/m² angehoben. Doch auch bei 100 Prozent APL schneidet die Konkurrenz besser ab.

Kirin 990 mit integriertem 5G-Modem

Unter der Haube des P40 Pro, aber auch der des normalen P40 werkelt mit dem Kirin 990 5G das erstmals in der Mate-30-Serie verbaute SoC aus 7-nm-Fertigung von TSMC. ComputerBase konnte sich den Chip im Mate 30 Pro ansehen (Benchmarks), dort aber in der Variante ohne 5G, die in N7 statt N7+ und somit ohne EUV-Lithografie gefertigt wird. Außerdem fallen beim Kirin 990 5G die Taktraten marginal höher aus. Der Kirin 990 5G integriert das Balong-5000-Modem, das für alle Mobilfunkstandards von 2G bis 5G im Sub-6-GHz-Bereich zuständig ist. HiSilicon hat mit der Integration einen Vorteil gegenüber Qualcomm und Samsung, deren Snapdragon 865 und Exynos 990 auf externe Modems setzen. Im Gegenzug bieten beide SoCs jedoch mehr Leistung.

Aktuelle Systems on a Chip im Vergleich
HiSilicon
Kirin 990
HiSilicon
Kirin 990 5G
Qualcomm
Snapdragon 865
Samsung
Exynos 990
Prozess TSMC N7 TSMC N7+ TSMC N7P Samsung 7LPP
Core-Design 2 + 2 + 4 2 + 2 + 4 1 + 3 + 4 2 + 2 + 4
CPU 2 × Cortex-A76 @ 2,86 GHz
2 × Cortex-A76 @ 2,06 GHz
4 × Cortex-A55 @ 1,86 GHz
2 × Cortex-A76 @ 2,86 GHz
2 × Cortex-A76 @ 2,36 GHz
4 × Cortex-A55 @ 1,95 GHz
1 × Kryo 585 Gold
(Cortex-A77) @ 2,84 GHz
3 × Kryo 585 Gold
(Cortex-A77) @ 2,42 GHz
4 × Kryo 585 Silver
(Cortex-A55) @ 1,80 GHz
2 × Exynos M5 @ 2,73 GHz
2 × Cortex-A76 @ 2,60 GHz
4 × Cortex-A55 @ 2,00 GHz
Cache 4 MB L3 4 MB L3 1 × 512 KB L2
3 × 256 KB L2
4 × 128 KB L2
4 MB L3
?
GPU Mali-G76 MP16 @ 600 MHz Mali-G76 MP16 @ 600 MHz Adreno 650 @ 587 MHz Mali-G77 MP11
Speicher LPDDR4X @ 2.133 MHz LPDDR4X @ 2.133 MHz LPDDR5 @ 2.750 MHz
LPDDR4X @ 2.133 MHz
LPDDR5 @ 2.750 MHz
System-Cache 3 MB 3 MB 3 MB ?
ISP ? ? Spectra 480 ?
Modem Integriert Balong 765 (4G) Balong 5000 (5G) × ×
Extern × × Snapdragon X55 (5G) Exynos 5123 (5G)

Rein von der Leistung her gibt es mit dem Kirin 990 5G keine Überraschungen, da sich der Chip exakt an erwarteter Position einsortiert: gleichauf zum Kirin 990 in Single-Core-Test und minimal vor dem Kirin 990 in Multi-Core-Tests sowie Spiele-Benchmarks. Auch zu erwarten war, dass das SoC hinter Snapdragon 855 Plus, Snapdragon 865, Exynos 990 und Apple-Chips der aktuellen und letzten Generation landet. HiSilicon verwendet noch etwas ältere Cortex-A76-Kerne, während andere Chipschmieden wie Qualcomm zum Cortex-A77 gewechselt sind oder auf Custom-CPUs setzen.

HiSilicon verbessert die Grafikeinheit

Mit der ARM Mali-G76 MP16 verbaut HiSilicon die stärkste jemals in einem eigenen System on a Chip verbaute Grafikeinheit, landet letztlich aber erneut nur hinter der bekannten Konkurrenz. Die neuere ARM Mali-G77 MP11 im Exynos 990, Qualcomms eigene Adreno 640 und 650 sowie die Apple-GPUs sind durch die Bank schneller.

Huawei verbaut schnellen Speicher

Positiv hervor sticht die Leistung des internen Speichers, der beim Testgerät 256 GB beträgt. Vor allem beim sequenziellen Lesen sowie wahlfreien Lesen und Schreiben schneidet das P40 Pro sehr gut ab. Beim sequenziellen Schreiben wiederum reicht es nur für das Mittelfeld unter den aktuellen Flaggschiffen. Erweitern lässt sich der interne Speicher ausschließlich über eine proprietäre Speicherkarte von Huawei anstelle des microSD-Standards. Das „NM Card“ genannte Format wird nach vor nur von Huawei selbst angeboten und kostet rund 50 Euro mit 128 GB und 100 Euro mit 256 GB.

Android 10 mit Huawei Mobile Services

Bei der Software vertraut Huawei auf das Android Open Source Project basierend auf Android 10 und legt darüber sein eigenes EMUI 10.1 samt Huawei Mobile Services anstelle der Google Mobile Services. Die P40-Serie ist nach der Mate-30-Serie die zweite Flaggschiff-Baureihe des Herstellers, die ohne Google-Dienste auskommen muss, weil das Unternehmen nach wie vor auf der „Entity List“ der USA steht und Google damit ohne Ausnahmegenehmigung keine Geschäfte mehr mit Huawei machen darf. Diese Genehmigung ist bisher nicht erteilt worden, sodass Huawei im Rahmen einer anderen Ausnahmegenehmigung ausschließlich Google-Updates für bestehende Geräte ausliefern darf, die vor dem Inkrafttreten der „Entity List“ auf den Markt kamen.

Bei Huawei fehlen die meisten Apps

Mit den Huawei Mobile Services und der eigenen AppGallery als Alternative zum Google Play Store soll ein neues Ökosystem neben denen von Google und Apple geschaffen werden. Um zu untersuchen, wie gut es um die App-Auswahl zwischenzeitlich bestellt ist und welche anderen Wege der Beschaffung es für fehlende Apps gibt, gibt nachfolgende Tabelle eine Übersicht privat und geschäftlich genutzter Anwendungen. Die aufgezählten Apps sind nicht repräsentativ für jeden Nutzer, sondern zeigen an einem persönlichen Beispiel, mit welchen Einschnitten viele Anwender im Alltag rechnen müssen. Denn außergewöhnliche Exoten sind unter den gewählten Apps nicht zu finden.

App-Angebot im Vergleich
Google Play Store Huawei AppGallery Amazon Appstore APKMirror APKPure
Air France × ×
Airbnb × ×
Amazon Prime Video × ×
Amazon Shopping ×
Android Auto × × ✓*** ✓***
ARD Mediathek ×
Austrian × ×
Authy × ×
Bose Music × × ×
British Airways × ×
DB Navigator × ×
EasyJet × ×
Eurowings ×
Expedia × ×
F1 TV × ×
Facebook ×**
Facebook Messenger ×
Feedly × ×
Flightradar24 × ×
Free Now × × ×
Gboard × ×
Gmail × × ✓*** ✓***
Google × × ✓*** ✓***
Google Assistant × × ✓*** ✓***
Google Chrome × ×
Google Drive × × ✓*** ✓***
Google Fotos × × ✓*** ✓***
Google Kalender × × ✓*** ✓***
Google Maps × × ✓**** ✓****
Google Pay × × ✓*** ✓***
Hertz × × ×
Home Connect × × × ×
Ikea Home Smart × × ×
IMDb ×
Instagram ×
Jump × × ×
Kayak × × ×
LinedIn × × ×
Lufthansa
Lyft × ×
MeinMagenta ×
Momondo × ×
Netflix × ✓*** ✓*** ✓***
PayPal × ×
RMV ✓* ×
Share Now × ×
Sixt × × ×
Skype × ×
Slack × ×
Snapseed × ×
Sparkasse × × × ×
Spotify × ×
Swiss × ×
Tidal
Trade Republic × × × ×
Twitter ✓*
Uber ✓* ×
United Airlines ×
WeShare × × ×
WhatsApp ×** ×
Yelp × ×
YouTube × ×
ZDF Mediathek & Live TV ✓*
*Quick App / **APK-Link zu offizieller Website / ***Läuft nur mit Google-Play-Diensten / ****Kein Login möglich

Letzten offiziellen Zahlen zufolge sind in der AppGallery mehr als 55.000 Apps verfügbar, während die Huawei Mobile Services – zu denen neben der AppGallery Anwendungen wie Video, Musik, Reader, Assistant, Themes, Cloud, Browser, Wallet und das Member Center zählen – in über 170 Ländern verfügbar sind, von über 400 Millionen monatlichen aktiven Nutzern verwendet werden und über 1,3 Millionen Entwickler und Partner zählen.

5 von 63 Apps gibt es in der AppGallery

An Quantität mangelt es Huawei somit nicht, die Qualität hält mit diesen Zahlen allerdings nicht mit. Von 63 aus dem Google Play Store verwendeten Apps sind mit Stand Anfang April gerade einmal 5 Apps in der Huawei AppGallery verfügbar. Vier weitere sind als sogenannte Quick Apps am Start, die nur 20 Prozent des Codes einer nativen App benötigen und ohne Installation auskommen, aber lediglich die Grundfunktionen abdecken. Diese sind wie die nativen Apps aus der AppGallery heraus installierbar. Mit Facebook und WhatsApp listet Huawei äußerst beliebte Anwendungen zwar ebenfalls in der AppGallery auf, die Verknüpfung führt den Nutzer aber zur offiziellen Website und dort zum Download der APK-Datei für die manuelle Installation.

Drittanbieter erweitern das App-Angebot

Wer mit dem eingeschränkten App-Angebot von Huawei nicht auskommt, kann Alternativen wie den Amazon Appstore oder APKPure installieren, indem zuvor deren jeweilige APK-Datei über die Herstellerseite heruntergeladen und installiert wird. Alternativ lassen sich APK-Dateien über Seiten wie APKMirror beziehen, die im konkreten Fall von der Illogical Robot LLC geführt wird, die das Blog AndroidPolice betreibt. Ausschließlich für FOSS-Anwendungen gibt es mit F-Droid einen Store voller alternativer Apps. Bei Amazon sind deutlich mehr Apps verfügbar als bei Huawei, noch einmal viel mehr sind es bei APKMirror und vor allem APKPure. Bei den APK-Anbietern lassen sich zudem zahlreiche Google-Anwendungen herunterladen, die sich zwar installieren, dann aber nicht ohne Google Play Services nutzen lassen.

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Drei getestete Anwendungen funktionierten (teils stark eingeschränkt) ohne Google-Dienste. Das sind das Gboard, also die Tastatur von Google, Google Chrome und Google Maps. Die Karten-App erlaubt allerdings keinen Login, sodass die Routenberechnung und Navigation scheitern. Die App funktioniert demnach nur als reine Karte und erlaubt lediglich das Nachschlagen von Öffnungszeiten, Websites oder Telefonnummern von Geschäften. Auch Google Street View funktioniert.

Potenzielles Sicherheitsrisiko bei manueller APK-Installation

Wer unterm Strich also bereit ist, neben der mager besetzten Huawei AppGallery auf die App-Stores von Amazon und APKPure sowie den APK-Download von Websites auszuweichen, kann sich beim P40 Pro ein Stück weit das bekannte App-Angebot wiederherstellen. Dabei muss jedem Nutzer allerdings klar sein, dass mit jedem Gang zum Drittanbieter der Play-Protect-Schutz von Google umgangen wird. Insbesondere Apps aus dem Finanzsektor sowie solche, die mit wichtigen Konten im Internet verbunden sind, sollte man vielleicht besser nur aus gesicherten Stores beziehen.

K.-o.-Kriterium für das P40 Pro

Sofern man als Nutzer mit dem Flickwerk zurechtkommt und sich des Sicherheitsrisikos bei der Installation von APK-Dateien aus dem Netz bewusst ist, bleiben dennoch mehrere Apps übrig, die es schlichtweg nicht gibt und die ein K.-o.-Kriterium für den Kauf des P40 Pro sind. Zu nennen sind die meisten Google-Apps und im Speziellen Android Auto, Google Pay und YouTube. So sehr sich Huawei mit der AppGallery derzeit bemüht und so umfangreich die alternativen Stores und Websites ihr Angebot gestalten, so eindeutig negativ fällt das Fazit im Bereich Software für das P40 Pro aus.

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