Moral, was ist das schon? Copyright, Datendiebstahl. Wörter, die kaum noch eine Bedeutung in einigen Ecken des Internets zu haben scheinen. Tauschbörsen sprießen aus dem Boden und Festplatten-Hersteller und DSL-Anbieter verdienen sich eine goldene Nase an den persönlichen Videotheken von Millionen von Privatpersonen.
Wir wollen uns an dieser Stelle nicht als Moralapostel aufspielen aber mit dem heutigen Ereignis eventuell ins Bewußtsein rufen, wie weit es schon gekommen zu sein scheint. Half Life 2, das wohl am meisten erwartete Spiel 2003 (auch wenn letzte Meldungen von einem Release 2004 ausgehen), steht seit wenigen Stunden erneut in den Schlagzeilen. Der Source Code, d.h. der unkompilierte Quelltext, ist allem Anschein nach aus den Valve-Studios entwendet worden. Zwar fehlen Maps und weitere Dateipakete, dennoch, mit einem Compiler soll es jedoch möglich sein, eine funktionierende EXE-Datei zu erstellen. Auch große Teile des Quelltextes von Team Fortress 2 sollen in den gestohlenen Dateien enthalten sein. Das offizielle Statement lautet wie folgt:
Sicher, aus dem Code kann weder das fertige Spiel, noch in Windeseile ein ebenso packendes Produkt erschaffen werden. Der Schaden dürfte dennoch enorm sein. Zum einen, weil somit das kostbarste Eigentum einer Softwarefirma, das Wissen und dessen Umsetzung, Jedermann und somit auch jedem Konkurrenten zugänglich gemacht wird. Wer lizensiert die HL2-Grafikengine, wenn er die Vorlage kostenlos studieren kann? Zum anderen, weil der Sourcecode Mod-Programmierern, die man eventuell mit kostenpflichtigem Support bedacht hätte und Hacker, die sich am fertigen Spiel zu schaffen machen werden, Haus und Hof öffnet. Nicht zu Unrecht dürfte der Windows-Quellcode eins der am meisten bewachten und abgesicherten Dateipakete der Welt sein. Auch der Algorithmus für die CD-Keys sowie der Sourcecode für "Steam" sollen betroffen sein.
Doch nüchtern betrachtet bleibt nur die Frage: "Wozu?" Half Life 2 kommt, auch wenn es sich verzögert. Es dürfte - so sieht es momentan aus - eines der besten Spiele der letzten Jahre werden. Der Quellcode läßt es auch nicht eher auf dem Markt erscheinen - er wird den Release nur noch weiter zurück werfen. Und die Spannung, welche Features das fertige Programm enthalten wird, dürfte sich in den kommenden Tagen in Luft auflösen. Den Programmierern, die dieses Spiel nicht in ihrer Freizeit programmieren sondern die Arbeit an dem Projekt ihren Job nennen gilt der Dank und die Aufmerksamkeit. Spiele wie Half Life 2 oder Doom III aber auch die Kleinode, die immer noch für langsam schrumpfende Interessengruppen geschrieben werden, können nur weiter existieren, wenn sie gekauft werden. Die Hatz einiger weniger, ihren Namen in "Insider-Kreisen" bekannt zu machen, führt über kurz oder lang in eine Sackgasse. Ein Gasse ohne Blockbuster. Ohne Spiele, die nicht nur Jahre in der Entwicklung gedauert haben. Auch ohne Spiele, an die man sich noch Jahre nach der Veröffentlichung erinnern wird.