Kommentar: Das Ende von „Mass Effect 3“

Zu den Ursachen der Aufregung
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Die gute Seite des Endes

Eigentlich muss sich ein Kommentar zu „Mass Effect 3“ dieser Tage fast zwingend mit dem Ende der Trilogie und der daran festgemachten, aufbrausenden Kritik von Seiten der Spielerschaft beschäftigen. Denn die Vorwürfe, die formuliert werden, sind nicht nur zahlreich, sondern auch reichlich fundamental: Zu viele Logikfehler, zu schnell abgehandelt, zu viele Fragen offen gelassen – so lässt sich der Tenor zusammenfassen.

Dabei wird in diesen Tagen zu einem gewissen Grad sogar Videospiel-Geschichte geschrieben, schließlich hat es so etwas bisher kaum gegeben: Ein nicht unerheblicher Teil der Spielerschaft meutert derart aktiv gegen das Ende eines Spiels, dass der Vorgang seinen Weg bis in die „normale“ Presse findet und von den Entwicklern aktiv aufgegriffen und verarbeitetet wird.

Vor diesem Hintergrund läge es nahe, in verschiedenen Variationen die unterschiedlichen Enden, die vorgebrachten Kritikpunkte und BioWares interessante Reaktion auf diesen noch immer heftig tobenden Sturm zu diskutieren. Ist das Ende wirklich in kürzester Zeit umgeschrieben worden? Werden wir alle hinters Licht geführt und das „echte Finale“ wird noch nachgereicht? Und das gar in Form eines kostenpflichtigen Download-Inhalts?

Shephards finale Schlacht fördert allerdings auch abseits dieser naheliegenden Fragen allerlei unerwartete Phänomene zutage, zu denen auch gehört, dass Spieler sich nicht nur in zig Forenthreads auslassen, sondern sich beispielsweise auch als kreative Cutter versuchen und Filmbelege zusammenschneiden, die unter anderem die Indoktrination des Serien-Helden und damit alternative Interpretationen des Endes belegen sollen. „Mass Effect“ bewegt also auch nach dem Veröffentlichungstermin weiterhin und in teils ungekannter Weise die Massen.

Video „Mass Effect 3 – Kampfsequenz

Doch auch wenn man noch weiter Abstand nimmt und die Diskussion um das Finale von Shephards Abenteuern weitgehend außen vorlässt, eröffnen sich einige interessante Perspektiven, die im gegenwärtigen Tohuwabohu um einzelne Inhalte fast untergehen, de facto aber einen wegweisenden Charakter haben.

Blickt man nämlich auf das, was hinter der Aufregung, der Wut, ja, der Trauer um das Ende der ME-Trilogie steht, wird offenbar, dass dieses Phänomen vor allem mit der Konzeption und der Güte von „Mass Effect“ zu tun hat. Denn die Entrüstung über das Ende ist nicht nur ein Zeichen für die zumindest diskussionswürdige Qualität von eben diesem, sondern vor allem der Beweis dafür, dass BioWare mit „Mass Effect“ dorthin vorgedrungen ist, wo Videospiele es bisher kaum hingeschafft haben: Ins tiefste Herz einer ausgesprochen heterogenen Spielerschaft.

Aus diesem Grund geht es in der Diskussion nicht nur um Qualitätsaspekte, sondern um Emotionen, Bindung und echte Enttäuschung, was erklärt, weshalb viele Reaktionen so eindeutig von einer ernsthaften Wut und Trauer geprägt sind: Nicht wenige Spieler fühlen sich um ein gebührendes Ende ihrer Serie, ihres Shephards, ihrer Mitstreiter/innen, ihrer Galaxie betrogen.

Dieser Effekt ist weitaus tiefgreifender als die übliche Form des Betrogenfühlens, wenn ein Spiel beispielsweise einfach nicht das hält, was es verspricht. Denn hier geht es viel stärker ans Eingemachte, was die Frage nach dem Warum aufwirft. Warum also berührt uns „Mass Effect“ so sehr?

Die Antwort ist natürlich in der Konzeption zu finden: Wenn Menschen sich über die Zeit mit einem Universum und den dort gebotenen Geschichten und Charakteren identifizieren, wächst etwas zusammen, was weitaus stärker ist als die Bindung an einen 0815-Shooter, -Strategiespiel oder -Simulation.

Um einen solchen Effekt zu erreichen, bedarf es der Anwendung hoher Künste, wie man sie bis vor einigen Jahren eigentlich nur in der Literatur und im Film kannte. Umgebungen wollen aufgebaut, Geschichten und Schicksale geschickt versponnen und glaubwürdige Charaktere erschaffen und miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Weltweit gibt es derzeit kein Studio, das diese hohe Kunst im Videospielbereich – trotz aller berechtigten Kritik – derart herausragend beherrschen würde wie BioWare. Was die Entwickler mit „Dragon Age“, vor allem aber mit „Mass Effect“ erschaffen haben, ist mehr als Konvention, ist ein wahrlich interaktiver Film, der dem Spieler ein knackiges SciFi-Drama liefert – und das nicht in 90 Minuten der Tatenlosigkeit, sondern über drei Teile, zig Spielstunden und mehrere Jahre verteilt, wobei man immer wieder weitreichende Entscheidungen treffen muss und zahlreiche Freundschaften aufbaut, was das ideale Rezept für eine emotionale Bindung zwischen Spieler und Inhalt darstellt.

In dieser längst nicht perfekten, aber wegweisenden konzeptionellen Vorgehensweise ist die wahre Qualität von „Mass Effect“, aber zugleich auch der Ursprung für die aktuelle Debatte um das Ende zu finden: Für viele Spieler ist es schwer zu ertragen, dass das, was so gekonnt Stück für Stück aufgebaut wurde und über Jahre begleitet hat, vergleichsweise konventionell abgefrühstückt und dann ad acta gelegt wird. Der gegenwärtige Sturm ist also trotz mancher Auswüchse weniger ein Zeichen der Ab- als vielmehr ein Zeichen ausgesprochener Zuneigung, was eindrücklich belegt, wie umfassend die ME-Trilogie trotz aller berechtigten Diskussion doch überzeugt hat.

Will man dem derzeitigen Ende der Trilogie also etwas Positives abgewinnen, so dies, dass deutlich wurde, wie stark die Spielerschaft an einer stimmigen Spielwelt und guten Inhalten hängt – ein durch ein sicher ungewolltes Experiment offensichtlich gewordener Umstand, der umso stärker wiegen würde, wenn die Verantwortlichen nun tatsächlich einen kostenfreien Download-Inhalt nachschieben würden, um einige der dringlichsten Fragen nachträglich zu klären.

Zugleich erhalten wir hier aber auch einen Ausblick auf das, was die Spielebranche in den kommenden Jahren und Jahrzehnten immer stärker prägen wird: Videospiele werden immer weiter mit dem Medium „Film“ verschmelzen und diesen aufgrund der Interaktivität und der stärkeren Involvierung des Publikums in Teilen vielleicht sogar ablösen. „Mass Effect“ – und ironischerweise insbesondere die Aufregung um das Ende – ist dabei der erste eindeutige Beleg dafür, dass die dichte Erzählung einer epischen Geschichte durch die starke emotionale Bindung der Spielerschaft fabelhaft funktionieren kann, sodass sich trotz allem abschließend in der Summe für die ME-Trilogie festhalten lässt: Gut gemacht, BioWare!

Hinweis: Der Inhalt dieses Kommentars gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.

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